Schwerer Mensch
Mein Gott, Martin! Du bist aber ein schwieriger Mensch! Mit dir ist es wirklich nicht einfach! Warum kannst du nicht einfach machen, was ich dich bitte, hm?
Die junge Frau, die gerade ihren Ehemann tadelte, war wunderschön. Nein, eigentlich: sie war atemberaubend! Lange Beine, dunkelblaue Augen und eine Figur, die so vollkommen war, dass sich die Männer nach ihr umdrehten, wenn sie im Schlosspark neben dem Hotel erschien.
Ihr Ehemann hingegen war alles andere als ein Schönling. Fast einen Kopf kleiner als sie, erinnerte er eher an ein kleines Fässchen. Lange Arme, etwas zu kurze Beine und ein beginnender Haarkranz auf dem Kopf. Doch in seinen Augen lag etwas ganz Besonderes, so viel Leben und Intelligenz, dass man das Gefühl hatte, er sehe den Menschen förmlich durch. Es schien fast absurd, dass diese beiden zusammengehörten: Eine kapriziöse Schönheit und der, der sie vollkommen durchschaute…
Sie wirkten wie Hephaistos und Aphrodite, nur dass Martin statt eines Schmiedehammers am liebsten sein Kind auf dem Arm trug.
Die kleine Tochter war ihm wie aus dem Gesicht geschnitten. Es hätte keinen Sinn gehabt, die Vaterschaft zu bezweifeln. Von ihrer Mutter hatte sie nur die Augenfarbe und die üppige, kupferrote Mähne geerbt. Die Locken waren so wild und dick, dass ihre Mutter längst aufgegeben hatte, dagegen anzukämfen. So surrte Leonie, fünf Jahre alt, wie ein roter Blitz durch das Hotel, gefolgt von ihrem außer Atem geratenen Vater.
Claudia, wenn du unbedingt an dieser Stadtführung teilnehmen willst, dann fahr doch. Ich finde, Leonie ist dafür noch zu klein. Es ist weit und außerdem heiß. Sie wird quengeln und weinen und dir den Tag verderben. Du weißt das doch!
Und was ist mit dir? Martin! Ich bin hier mit meinem Mann! Es reicht schon, dass ich im Hotel von allen Seiten angebaggert werde. Stört dich das überhaupt nicht? Ist das alles egal für dich?!
Claudias Stimme kippte fast ins Hysterische. Leonie klammerte sich fest an ihren Vater und vergrub das Gesicht an seinem Hals.
Quatsch, Liebling! Ich bin wahnsinnig eifersüchtig Martin schmunzelte und strich seiner Tochter durch die Haare. Wir überlegen uns etwas anderes. Willst du auf dem Rhein schippern oder tauchen gehen? Was würdest du am liebsten machen?
Ich will zu den Schlössern! schnitt Claudia zickig und drehte sich weg. Wenn ihr nicht wollt, dann eben nicht! Ich fahr allein!
Der Streit war gut einstudiert und Martin blieb nur ein Achselzucken, als seine Frau kurz darauf zum Schwimmbad entschwand, ohne sich um ihn oder das Kind zu scheren.
Eigentlich war er das Verhalten von Claudia längst gewohnt. Sie lebten wie so viele Paare in ihrem Kreis: Er wohlhabend, stets beschäftigt, und sie jung, schön, lässt sich bewundern.
Wie er dazu kam, zum “modernen” Ehemann zu werden, wusste Martin selbst nicht so genau. Mit Frauen hatte er selten Glück. Sein Aussehen spielte dabei eigentlich keine Rolle. Es lag eher daran, dass er mit Frauen nie wirklich ins Gespräch kam, solange sie nicht Kolleginnen oder Geschäftspartnerinnen waren. Dann war er charmant, höflich und hatte sogar Sinn für Humor. Aber verliebte er sich, wurde Martin unsicher, wusste nicht, was er sagen, wohin mit den Händen, wie er Interesse zeigen sollte. Es war für ihn Qual, und mit der Zeit hatte er jede Hoffnung auf ein normales Liebesleben aufgegeben. Seine Welt war die Arbeit, Treffen mit seiner Mutter am Stadtrand von Frankfurt, und irgendwann akzeptierte er, dass ihm wohl das Schicksal einen anderen Weg zugedacht hatte.
Die wenigen Affären aus Vernunftgründen, wie es Martins Mutter gern nannte, verschönerten seine Einsamkeit ein wenig.
Alles wäre wohl so geblieben, hätte seine Mutter, Ursula Paulsen, nicht entschieden, dass es höchste Zeit für Sohn und Enkel sei.
Martin! Ich habe dich nun genug bewundert. Von allein wirst du nie heiraten! Wir brauchen eine Heiratsvermittlerin!
Was?! Martin, der gerade auf der Veranda des großzügigen Hauses am Stadtrand mit Mamas Himbeermarmelade Tee trank, verschluckte sich und schenkte dem neuen Sakko eine großzügige Portion Tee ein.
Wieder was Gutes verdorben… murmelte Ursula ruhig und musterte ihren Sohn. Martin, du bist ein toller Mensch! Klug, gebildet, erfolgreich. Aber was bringts? Keinem außer mir! Das ist falsch. Du hast Dinge erreicht, von denen andere noch lange träumen, aber du bist nicht glücklich. Ich sehe das! Ich sehe, wie du die Kinder von Marion anschaust. Meine Nichte ist zwar unfassbar naiv, aber eine tolle Mutter, das muss ich zugeben. Und ich liebe ihre Kleinen wie meine eigenen Enkel, aber ich sehne mich nach eigenen Enkelkindern. Nein, noch mehr… Ich wünsche mir, dass du dein Kind auf den Arm nimmst. Dann verstehst du endlich, was Glück bedeutet! Das wusste auch dein Vater. Mehr Freude als dich hatten wir nicht. Und der Rest? Ursula ließ den Blick schweifen. Alles vergänglich. Ein Haus steht, dann fällt es. Das Leben aber ist ewig denn dort gibt es Verstand, Gefühl, Erinnerungen… das ist das Leben! Verstehst du mich, Martin?
Ja, Mama. Aber was hat das mit einer Heiratsvermittlerin zu tun?
Das hat alles damit zu tun! Du findest allein sowieso niemanden. Sei nicht beleidigt ich bin ehrlich. Ich habe da wohl einen Fehler gemacht, weil ich dich nie mit den Feinheiten im Umgang mit Frauen vertraut gemacht habe. Das hole ich jetzt nach und da ich selbst keine Ahnung habe, überlassen wir das Profis! So. Nimm einen Stift und schreib.
Was denn?
Alles, was du willst! Schreib auf, wie sie sein soll, deine Zukünftige.
Mama, bitte, das ist albern…
Überhaupt nicht! Los, gib her! Ich mach das! Also: Welche Augenfarbe soll sie haben? Nur mal als Beispiel.
Sie saßen bis in die Nacht hinein. Martin wusste, dass seine Mutter nicht lockerlassen würde und antwortete mit halbem Ohr, während er innerlich dachte, sie hätte Kommissar werden sollen. Ursula holte aus ihm auch das, was er sich selbst niemals zuzugeben getraut hatte verborgene Wünsche und Ängste, sorgfältig zu Papier gebracht. Martin las über das Endergebnis und staunte.
So jemanden gibt es doch nicht.
Wir werden sehen! schnitt Ursula ab, nahm ihm den Zettel aus der Hand.
Sie fand ihm seine Braut. Claudia war genau so, wie Martin sie sich gewünscht hatte. Äußerlich stimmte alles. Aber was hinter der Fassade wartete… darauf war er, wie so viele, nicht vorbereitet.
Martin erkannte schnell, dass ihre Ehe nicht mehr als ein Vertrag war. Tatsächlich war das in ihrem Umfeld durchaus üblich. Claudia hatte nie die Absicht, für ihn zu Hause Eintöpfe zu kochen. Sie war ganz mit sich selbst beschäftigt. Selbst in dem großzügigen Haus, das Martin nach der Hochzeit kaufte, bestanden sie auf getrennte Schlafzimmer Claudia sagte, unter seinem Schnarchen könne niemand schlafen. Ob er schnarchte, wusste Martin nicht. Und spielts eine Rolle? Für sie hätte er alles getan.
Von Kindern wollte Claudia lange nichts wissen, aber sie verstand, dass auch das zur Übereinkunft gehörte, und bat Martin, noch ein bis zwei Jahre zu warten.
Ich bin jung und habe noch nichts gesehen. Ich will die Welt entdecken. Hilfst du mir dabei, Liebling?
Martin stimmte zu. Sie reisten, besuchten Freunde, bauten ihr Leben und hatten sich irgendwie arrangiert.
Leonies Geburt brachte sie für eine Weile näher. Martin war glücklich, hetzte abends früher nach Hause, um mit seiner Tochter zu spielen. Nur eines machte ihn traurig: Claudia war keine besonders hingebungsvolle Mutter.
Stillen? Kommt gar nicht infrage! Nachher muss ich unters Messer, nur um meinen Busen wieder zu richten? Niemals! Such eine Amme oder wir füttern Fläschchen. Tausende Kinder sind so groß geworden und du bist doch auch mit Fläschchen aufgewachsen hat dir nicht geschadet! Also siehs locker.
Weder ihre Mutter noch Martin selbst konnten Claudia umstimmen. Leonie nuckelte zufrieden an ihrer Flasche und Martin suchte eine Tagesmutter.
Ich drehe bald durch! Tagelang in vier Wänden mit einem schreienden Baby das hält keiner aus! Du gehst zur Arbeit und hast Leute um dich, und ich bin allein! Das geht auf die Psyche! Willst du, dass ich in die Depression rutsche?! klagte Claudia.
Claudias Mutter, Anneliese, warf ein, dass sie selbst als Oma auf das Enkelkind aufpassen könne, und Martin war erleichtert. Es war das erste Mal, dass er mit Claudia ernsthaft stritt.
Warum soll meine Mutter hier einziehen?! Um mir Vorschriften zu machen? Willst du mich fertigmachen? Ich dachte, du willst mir helfen, aber stattdessen…
Doch, ich liebe dich! Aber ich liebe auch mein Kind! Du kümmerst dich nicht um sie! Wenigstens einen anderen Menschen soll sie haben, der sie liebt!
Und Martin hatte recht. Claudia kümmerte sich wenig um ihre Tochter. Die Hauptsache war, dass Leonie die schönsten Spielsachen und Kleider hatte, und das Kinderzimmer war im Haus die Sehenswürdigkeit für Besucherinnen. Aber es blieb Dekoration. Seit dem ersten Tag schlief Leonie im Zimmer ihres Vaters, ihr Bettchen, Kommode und eine Kiste mit Lieblingskuscheltieren standen dort.
Ich liebe mein Kind. So, wie ich es kann! Zum ersten Mal seit ihrer Hochzeit weinte Claudia bitterlich, aber Martin ließ sich nicht erweichen.
Deine Mutter bleibt hier. Sie kümmert sich um Leonie, solange ich auf Arbeit bin. Wenn du irgendwann meinst, dich mehr einbringen zu wollen, besprechen wir es neu. Bis dahin bleibt es so.
Claudia erkannte, dass ein Kompromiss besser war als ständige Streiterei, und ihre Mutter zog bei ihnen ein. Für Leonie wurde sie, neben dem Vater, das Zentrum der Welt. Natürlich kannte sie auch die Mutter und verbrachte die obligatorischen Zehn-Minuten, wenn sie sich Besuch zeigen ließ, aber sobald sie frei war, war sie bei Vater oder Oma, weil sie wusste, dort würde sie geliebt.
So lebten sie vor sich hin. Leonie wurde größer, Besuch in der Ballettschule, später privater Kindergarten, wohin Oma Anneliese sie morgens brachte. Das Mädchen kannte Hotels und Flüge, doch am wichtigsten: Immer war jemand bei ihr, den sie liebte und der sie liebte.
Auch diese Reise war zunächst ganz gewöhnlich, bis Leonie plötzlich Fieber bekam und über Kopfschmerzen klagte.
Klasse. Urlaub im Eimer! Claudia lief unruhig durch das Zimmer, während Martin den Arzt rief.
Wie kannst du so was sagen, Claudia? Das Kind ist krank!
Eine ganz normale Erkältung! Wärst du nicht immer so nachgiebig, hätte sie auch ihr Eis nicht bekommen! O Vater des Jahres! Und was nun?
Warten wir den Arzt ab.
Martins Tonfall war so ruhig und entschieden, dass Claudia verstummte.
Mach dich nicht gleich so verrückt.
Der Arzt gab Entwarnung: Übermüdung. Ruhig schlafen und alles wird gut.
Martin nickte und kaum war der Doktor aus der Tür, packte er die Koffer.
Wir reisen ab.
Was?! Warum? Der Arzt hat doch gesagt…
Seine Meinung ist kein Dogma. Es gefällt mir nicht, wie es Leonie geht. Ein fünfjähriges Kind hat keine Kopfschmerzen ohne Grund. Wir reisen ab. Los, pack ein.
Die Untersuchung in der Frankfurter Kinderklinik bestätigte seine Sorge und für einen Moment schien die Welt zu stehen.
Eine Klinik, die nächste, dann noch eine. Leonie ging es nicht besser, aber immerhin schlimmer wurde es auch nicht. Martin übergab seine Firma den Angestellten und verbrachte Tag und Nacht bei seiner Tochter. Nur selten fuhr er nach Hause, um zu duschen, bevor er zurückeilte. Auch Claudia blieb meist beim Kind, aber Ärzte merkten bald: Diese hübsche, lächelnde Frau war nur Dekoration. Sie wusste nichts über ihr Kind und wischte sich regelmäßig Tränen aus dem Gesicht. Außenstehende dachten, Claudia sorge sich so sehr, dass sie Rücksicht nahmen und stattdessen Martin fragten.
Doch die Wahrheit war unangenehmer.
Claudia war nicht wirklich um ihre Tochter besorgt. Sie sah, dass die Ärzte alles taten, was sie konnten, und fühlte sich ohnmächtig. Sie vermisste nur ihre Freiheit und konnte den strengen Klinikgeruch nicht ausstehen, wenngleich Leonie in den besten Kliniken lag, die Martin ermöglichen konnte.
Geduld am Ende, als sie erfuhr, dass ihr Mann das Haus verkaufen wollte.
Wieso das, Martin? Fehlt dir etwa Geld?
Ja.
So einfach und klar, dass Claudia nicht wusste, was sie sagen soll.
Aber warum? Du hattest doch…
…viel? Klar, deshalb hast du mich so lange ausgehalten, oder? Ja, ich hatte viel. Jetzt nicht mehr. Denn, meine Liebe, Leonies Behandlung kostet ein Vermögen. Sie braucht eine OP, das weißt du. Hier traut sich kein Arzt ran. Also muss sie in eine Auslandsklinik. Das kostet. Viel. Also werde ich alles verkaufen. Haus, Firma, was immer nötig ist. Ich mache alles, damit mein Kind gesund wird.
Und ich? Wo bleibe ich? Claudia weinte bereits leise, ahnte, was als Nächstes kam. Sie war launisch, anstrengend, schwierig aber gewiss nicht dumm.
Du? Du leidest doch die ganze Zeit. Deswegen: Ich gebe dir deine Freiheit zurück. Du bekommst genug Geld, die Wohnung, das Auto. Lebe, wie es dir gefällt. Mit einer Bedingung: Du kommst wenigstens ein-, zweimal die Woche zu Leonie, und wenn wir zur OP fahren, kommst du mit. Du bist ihre Mutter. Sie braucht dich, auch wenn ich manchmal glaube. Mach wenigstens den Anschein, dass sie dir nicht egal ist.
Zum ersten Mal haute Martin auf den Tisch, schonungslos. Er hatte Angst. Eine tierische, lähmende Angst. Alles, was ihm je wichtig war, lag jetzt in jenen Krankenzimmern, während sie draußen stritten. Seine Welt lag zusammengerollt, die Infusion in der Hand, den Teddy im Arm. Nur das Kind verband ihn noch mit dieser Frau. Mehr nicht.
Jetzt reichts! Wasch dir das Gesicht und erschreck Leonie nicht! Sie muss stark bleiben, verstanden? Du bekommst, was du brauchst hier arbeitest du dirs aber ab! Klar? Dann los, Claudia! Lass mich das nicht wiederholen.
Was hatte sich verändert an diesem kleinen, etwas komisch aussehenden Mann, auf den Claudia bislang herabblickte? Hätte sie jemand gefragt, sie hätte nicht antworten können. Für einen Moment wirkte es, als sei Martin gewachsen, stärker, so sehr, dass nichts ihn umwerfen könnte. Wer hinter ihm stand, brauchte jedenfalls keine Angst zu haben.
Schweigend drehte Claudia sich um, verschwand Richtung Bad, während Martin das Zimmer betrat. Die kleine, rotgelockte Leonie regte sich.
Papa…
Anneliese, die neben dem Bett saß, stand auf, strich das Kleid glatt und senkte den Blick.
Martin, wenn ich bleiben darf…
Warum fragen Sie mich, Anneliese? Sie sind Familie. Martin drückte seine Schwiegermutter an sich. Ich weiß nicht, wie ich das alles ohne Sie gepackt hätte.
Ich schäme mich so, Martin… Dass meine Claudia… ich hab versagt. Sie war so ein kluges, artiges Mädchen, wusste immer, wie sie sich verhalten musste. Und jetzt erkenne ich sie kaum wieder. Oder war ich blind? Wann hab ich sie verloren?
Hätte mans gewusst, hätte man sich vorbereitet. Ich hätte auch manches eher merken müssen… Aber, sagen Sie, liebt sie Leonie wirklich nicht? Sie hatten ihr doch alles gezeigt wie man eine Mutter ist. Wie vermeide ich diesen Fehler bei Leonie?
Indem du es besser machst, Martin. Anneliese wischte ihre Tränen fort und ordnete die Haare. Jetzt reiß dich zusammen! Leonie spürt sofort, wenn was nicht stimmt und das können wir uns nicht leisten. Ich bring sie ins Bett. Magst du noch in den Laden gehen und Eis holen? Sie hat schlecht gegessen heute, aber auf Eis freut sie sich immer. Und, Martin: Mach Claudia keinen Druck. Gib ihr Zeit. Vielleicht wird alles anders. Ich will es glauben…
Leonie wurde ein paar Monate später operiert. Ursula gab für eine Weile ihren Lehrauftrag auf und reiste mit Martin und Leonie ins Ausland.
Ein halbes Jahr später kamen Martin, Leonie und die Omas nach Hause. Claudia blieb in Europa.
Zwei Jahre Reha… Hoffnung, die mal lichterloh brannte und mal nur glimmte, aber sie erlosch nie, bis der Arzt irgendwann die Brille abnahm, sich die Nasenwurzel rieb und Martin anlächelte:
Sie haben es geschafft…
Das Leben hielt inne, trat zur Seite und ging einen neuen Weg.
Claudia tauchte erst am Tag von Leonies fünfzehntem Geburtstag wieder auf. Noch immer makellos, küsste Anneliese auf die Wange, nickte Martin zu und bahnte sich ihren Weg durch die Gäste zu ihrer Tochter.
Leonie…
Die blauen Augen, so wie ihre eigenen, musterten das Gesicht der Mutter.
Mama…
Claudia setzte zu einer Erklärung an, doch Leonie stoppte sie sanft.
Nicht jetzt. Lass uns später reden.
Aber ich wollte…
Ich weiß. Es hat Zeit. Bitte, heute nicht.
Leonie, bitte…
Gut. Komm mit.
Leonie winkte den Gästen und führte ihre Mutter ins Arbeitszimmer des Vaters. Sie zog den Vorhang zur Seite, kletterte aufs Fensterbrett und zuckte die Schultern:
Ich höre.
Mein Gott, du bist wirklich wie dein Vater…
Was, Mama? Auch so schwer?
Nein, das meinte ich nicht…
Ich aber. Tja, so bin ich. Weißt du, was ich dir sagen kann? Der Mensch, den du nicht gut genug fandst, den du verletzt und verlassen hast, hat in all der Zeit nie ein schlechtes Wort über dich verloren, nie! Er hat nie eine andere Frau ins Haus gebracht, weil er mich nicht verletzen wollte. Er hat sich nicht mal scheiden lassen. Für ihn war immer klar, dass ich eine Mutter habe. Aber eigentlich warst du nie da. Und weißt du, was ich dir noch sagen will, Mama?
Was denn? Claudia blickte flüsternd zu dem jungen Mädchen vor ihr. Es war kein Kind mehr. Ihre Stimme war fest, wie die des Vaters, wenn er an seine Grenzen stieß, und Claudia begriff: Würde sie jetzt widersprechen, wäre Leonie für sie verloren.
Dieser ‘schwere’ Mensch hat mir beigebracht, zu vergeben. Er sagte, man soll das Schlechte nicht im Herzen behalten. Ich weiß noch nicht, wie gut ich das kann, aber ich bin Papas Tochter. Alles was ich anfange, führe ich zu Ende. Ich bin mir aber nicht sicher, ob ich es diesmal schaffe. Ich erinnere mich kaum noch an dich und habe kein großes Bedürfnis nach dir. Ich brauche dich nicht, weißt du? Ich habe Papa und meine Omas. Alles, was ich lernen wollte, haben sie mir beigebracht. Trotzdem, Papa zuliebe versuche ich es. Ich gebe dir eine Chance, ein Mensch zu werden für mich.
Und vorher? Was war ich da?
Was immer du willst. Eine Puppe, eine schöne Hülle, vielleicht ein gefühlloser Schatten. Zu hart? Was hast du erwartet? Ich erinnere mich genau, wie ich im Krankenhaus unter Omas Wiegenliedern einschlief, an Papas Hand. Ich erinnere mich, wie ich rasiert wurde und Oma Anneliese weinte, während Oma Ursula mir eine schrecklich rosa Mütze brachte. Wir haben gelacht, bis ich es fast nicht aufs Klo schaffte. Dich gabs nicht. Und ich weiß noch, wie ich in die Schule kam ein Jahr später als alle. Oma machte Hausaufgaben mit mir, Papa konnte erst spät abends kommen. Wie Oma Anneliese mir ein Ballettkleid nähte, auch wenn klar war, ich würde nie wieder auftreten können. Ich tanzte zu Hause, und nie gabs mehr Applaus als von Omas und Papa. Oder wie Oma Ursula mir eine Riesenkiste Farben schenkte, und wir malten bis spät in die Nacht. Das da siehst du ist mein Bild. Ich habe es Papa geschenkt. Es erhielt einen Preis. Aber du warst nie da…
Aber jetzt bin ich doch hier…
Und wozu? Warum bist du eigentlich da?
Um bei dir zu sein…
Und warum glaube ich dir nicht? Leonie malte nachdenklich Muster auf das Glas. Aus dem Fenster sah ihr Vater hoch. Sie winkte kurz, drehte sich zur Mutter. Weiß nicht, wieso ich dir nicht glaube. Aber heute denke ich nicht drüber nach. Versuch es, Mama! Lass mich sehen, ob ich eine Mutter noch brauche. Wenn ja, überlege ich, ob es sich lohnt, dir zu vergeben. Bis dahin… Willkommen. Torte gibts in einer Stunde. Ich muss zurück zu meinen Gästen. Tschüss.
Sie sprang vom Fensterbrett, glättete den Vorhang und drehte sich im Türrahmen noch einmal um.
Na, Mama, bin ich schwer?
Claudia schaute ihr sprachlos nach, wagte kaum zu hoffen.
Gut so. Heißt, ich bin wirklich wie Papa. Und das ist toll. Danke. Besseres Kompliment gibt es nicht. Vielleicht, vielleicht denke ich auch noch nach. Bis dann!
Ein Kupferblitz verschwand hinter der Tür, und Claudia lehnte die Hand ans Glas, genau auf die Stelle mit den Abdrücken von Leonies Fingern.





