Der perfekte Bräutigam

Der perfekte Bräutigam

Fränzchen! Der Arkadi ist wirklich ein angesehener und, was nicht unwichtig ist, erfolgreicher Mann! Vor allem er hat keine Geldprobleme. Du wirst schon sehen, meine Tochter: eine Drei-Zimmer-Wohnung mitten in München, ein nagelneues Auto, und dann ein wunderschöner Pelzmantel. Nerz! Der ganze Schrank wird voller Pelze sein! Das ist doch der perfekte Bräutigam, besser findest du eh keinen mehr. Und ich, ehrlich gesagt, versteh partout nicht, warum du seinen Antrag ablehnst!

Weiß nicht murmelte Franziska und sah verlegen zur Seite.

Sie wusste es wirklich nicht.

Nachdem Arkadi nach nun fast sechs Monaten intensiver Bemühungen plötzlich um ihre Hand angehalten hatte, war sie ganz unter uns ziemlich überfahren worden.

Vielleicht hatte sie sich einfach daran gewöhnt, dass die Männer um sie herum nie etwas zu Ende bringen.

Sie war eben ein “seltener Fang”, wie die Tanten immer auf Bayerns Familienfeiern raunten “Alles dran”, ein Geschenk von Mutter Natur mit Köpfchen obendrauf, und das hatte sich wohl längst rumgesprochen.

Wo Franziska ihren hübschen Kopf hindreht, in der Uni, im Büro, draußen auf dem Viktualienmarkt: Männliche Blicke, als wären sie mit Laserpointer bestückt, bohren sich in ihren Rücken, und was in deren Köpfen vorging, na, das ließ sich nur mutmaßen die Fantasie hat im Deutschen bekanntlich keine Grenzen.

Seit Kindergartentagen stand Franzi unter Dauerbeobachtung und Dauerbeschuss Grundschule, Abitur, sogar beim Sommerjob im Biergarten war sie stets im Zentrum der Aufmerksamkeit. Und jetzt im neuen Büro? Da waren die Kollegen kaum rein mit dem Willkommenskaffee, schon gab es Standing Ovations.

Kein Wunder, dass ihre Mutter, Karla-Maria, regelmäßig zur Predigt ansetzte:

Fränzchen, mein Schatz, wie lange willst du noch das Kätzchen geben? Du bist ja nicht mehr 19! Frauenblüte ist nicht ewig. Die hat wie jeder Joghurt im Kühlschrank ein Ablaufdatum. Wenn du weiter zögerst, dann verpasst du vielleicht sogar den letzten Zug. Dreißig bist du schon! Kein Ehemann, keine Kinder. Das ist nicht normal!

Das verstand Franziska natürlich alles. Und sie stimmte irgendwie zu. Aber was sollte sie machen, wenn… tja, wenn die Herren in ihrem Umfeld einfach kein Interesse hatten, es ernst zu meinen?

Sie fand nämlich ernsthafte Absichten, so selten wie ein Parkplatz in der Innenstadt. Der eine war zu verliebt in seine Freiheit, der andere hatte einen Ehering am Finger und eine Ehefrau im Reihenhaus, und so mancher wollte einfach nur sein Notizbuch auf dem Tinder-Ballungsraum um einen weiteren Eintrag bereichern.

Franzi gefiel allen, nur wollte eben keiner was Festes. Halt das Übliche: Händchenhalten durch Schwabing spazieren, auf Instagram posieren, Sushi essen, Kino am Stachus oder vielleicht mal ein paar Tage nach Mallorca das schon. Aber sobald es um die berühmte “Beschleunigung der Partnerschaft” ging, war das männliche Fußvolk im deutschen Wehrmarsch plötzlich wieder unauffindbar.

So kam es also, dass unsere schöne und clevere Franziska mit dreißig immer noch solo war und ihre Mama damit in einen kleinen Existenzkrise stürzte.

Also, Fränzchen insistierte Karla-Maria, jetzt mit bayerischer Bestimmtheit pass auf, lass nicht noch mehr Zeit verstreichen. Der Arkadi, das ist einer, der weiß, was er will! Das ist kein Hallodri. Solide, großzügig, und der macht Ernst. Der hat Position, der kann dich versorgen, so wies früher eben war.

Franzi, ja, sie verstand’s aber sie fühlte einfach nichts für Arkadi. Ehrlich. Schon nach zwei Latte macchiato und dem dritten Praliné stellte sie sich vor, wie diese Beziehung wohl ablaufen würde: Arkadi als freundlicher Onkel mit leichtem Bäuchlein (das er immer konsequent unter westdeutschem Maßanzug verbarg) und sie an seiner Seite auf Empfängen, im neuen Golf, beim Herbstfest auf dem Land.

Denn eines muss man ihm lassen: Er war wirklich, sagen wir, überdurchschnittlich ausstaffiert und hatte das Selbstbewusstsein eines Mannes, der den Unterschied zwischen Rheuma und Abwrackprämie kennt. Für die jungen Damen im Büro war er bestimmt ein Fang: Chef, charmant, spendabel mit dem Monatsbonus, Blumen für die Damen im Empfang, und Zuckerschnecken täglich, als wärs das normalste der Welt.

Erst vor kurzem hatte er lautstark verkündet, dass “man Beziehungen irgendwann mal auf die nächste Stufe heben müsse”, sprich: Er wollte von Franziska eingeladen werden zu ihr nach Hause. Sie, noch immer nicht ganz überzeugt, murmelte nur: “Ich wohn aber noch mit Mama zusammen. Stört Sie das etwa nicht?”

Doch Arkadi ließ sich nicht abschrecken, im Gegenteil, er erschien am Freitagabend wie ein Paradebeispiel deutscher Schwiegermuttersöhne: Kuchen in der einen, Strauß roter Rosen in der anderen Hand. Nach zehn Minuten Hausbesuch war Karla-Maria restlos begeistert. “Solche Männer sind selten!”, hauchte sie später.

Arkadi war nicht doof. Er nutzte die Gelegenheit, betonte in aufrichtigen Worten, was für ein Schatz Franziska sei, und dass es ja nicht mehr normal sei, dass ein gestandener Mann alles habe, aber keine Frau und keine Kinder, und sowieso frage er sich, wem er sein Vermögen vererben solle.

“Was für ein Jammer!” schnaubte Mama Karla und beäugte dabei Franziska, so als wollte sie ihr zurufen “Jetzt hast du ihn an der Angel!”

Arkadi war ab da Dauergast, und schließlich machte er einen Heiratsantrag. Franziska, überrascht, stotterte nur: “Ich ich überlegs mir.” Drei Wochen lang. Ohne Ergebnis.

Mittags, abends, und samstags am Küchentisch, immer wieder Predigten der Mutter, mittlerweile fast im Kanon mit Arkadi, dazu das Versprechen auf die berühmte Drei-Zimmer-City-Wohnung, ein BMW, und für die kalten Wintermonate einen Nerzmantel (die Tierfreunde mögen es ihr verzeihen).

Arkadi war tatsächlich kein schlechter Kerl: freundlich, zuvorkommend, freigiebig. Vor allem der Erste, der ihr überhaupt einen Antrag gemacht hatte. Also, heiraten? Na gut. Ring an den Finger, Hochzeitsdatum festgelegt: In 29 Tagen war es so weit.

Karla-Maria organisiert bereits die Sitzordnung für hundert Gäste, steckt in Hochzeitsstress, während Franziska als einzige nicht so recht ihren Frieden findet. Keine Schmetterlinge im Bauch, keine Begeisterungsstürme, nur Zweifel.

Ihre beste Freundin, Gabi, war da pragmatischer: “Jetzt mal ehrlich, Franzi! Fahr doch mal die rosarote Brille runter. Glücklich wird hier keiner mehr, das ist ne Illusion. Aber allein sein ist noch schlechter, und mit nem reichen, netten Mann im Eigenheim mit Fußbodenheizung da kann man doch leben. Und wenns nicht die Liebe des Lebens ist wenigstens musst du keine WG-Küche mehr teilen. Und der Ring! Der kostet mehr als mein Jahresgehalt!”

Die Hochzeit rückt näher. Der Tag ist da. Franziska sitzt im weißen Kleid im weißen Hochzeitsauto, auf dem Weg zum Standesamt. Arkadi ist bester Laune, Franziska glaubt, sie müsse sterben. Stattdessen betet sie zu den bayrischen Schutzheiligen, dass dem Fahrer die Zündung verreckt.

Auf einmal ein Stopp. Der Wagen bremst scharf, Arkadi landet unsanft auf den Knien, Fränzchen bleibt nur knapp verschont.

Was soll das? fragt Arkadi. Der Fahrer antwortet: “Da läuft ein kleines Kätzchen rum!” “Fahr doch drumrum!”, faucht Arkadi. “Es wuselt hin und her!

Wenns drunter kommt, tja blöd gelaufen, sagt Arkadi lapidar. Franziska fehlen die Worte.

Sie reißt die Wagentür auf und springt raus, hinterm Bräutigam herrscht Alarmstufe Rot. “Franziska! Komm zurück!” Doch interessiert sie nicht. In Brautkleid und Pumps hechtet sie auf die Straße und schnappt sich den kleinen grauen Kater.

Arkadi schimpft und zetert: “Denk mal an das Kleid! Das war teuer! Was sollen die Leute sagen?” Franzi schaut ihn nur an und merkt, dass sie die ganze Hochzeit gar nicht will. Der Kater schnurrt, Arkadi nörgelt und innerlich klickts bei Franziska: “Nein, das mach ich nicht.”

Sie zieht den Ring vom Finger, wirft ihn Arkadi vor die Füße und marschiert samt Kater Richtung Bürgersteig. Das Telefon bimmelt, Mama ruft an (vermutlich gleichzeitig mit Arkadi), aber Franzi lässt beide einfach klingeln.

Plötzlich hält ein blauer Kombi neben ihr an, am Steuer ein sympathischer junger Mann mit Bart.

Wenn du nicht willst, dass der Bajuware dich einholt, steig besser ein, ruft er.

Gesagt, getan! Franziska hüpft samt Kater auf den Beifahrersitz und schon sind sie unterwegs in Richtung neues Leben.

Der Fahrer stellt sich vor: “Ich heiße Ingo.” “Franziska. Und nein, ich heirate heute nicht. Hab gerade beschlossen, etwas klüger zu sein. Der Kater hat mir wahrscheinlich das Leben gerettet.”

Der sieht aber echt niedlich aus, sagt Ingo. Ich lebe aber gerade bei meiner Mutter. Tiere verboten, du kennst das. Vielleicht vorübergehend bei dir? Klar! Ich wohne alleine, viel Platz und Langeweile wird Zeit für einen Mitbewohner. Du wirfst ihn aber nicht raus? Niemals. Und vorbeikommen zum Kontrollieren kannst du auch, aber bitte erst abends, wegen Arbeit und so.

Franzi weiß gar nicht, warum, aber sie glaubt ihm vielleicht, weil er so normal wirkt. Nicht wie die anderen.

Fortan besucht sie Ingo abends, meistens mit Futter und Spielsachen für das Kätzchen, das sie bald Muckl tauft. Kater Muckl gefällt das neue Leben. Ingo auch, und Franziska sowieso. Sie reden viel, lachen mehr, und keiner schimpft, wenn die Vorhänge zerrissen werden.

Irgendwann sagt Ingo: “Willst du nicht ganz bei mir einziehen, Franziska?” Und sie sagt: “Doch, warum eigentlich nicht?” und schon sind sie eine kleine Patchworkfamilie: Sie, Ingo, Kater Muckl. Hochzeit gibt’s im kleinen Kreis, nur gute Freunde und natürlich Muckl mit Fliege.

Mama Karla-Maria bleibt beleidigt und ruft nie wieder an, aber das bringt Franziska nicht mehr aus der Ruhe.

Im Nachhinein ist sie sich sicher: Manchmal muss im Leben eben erst ein Kätzchen die Straße überqueren, bevor man auf dem richtigen Weg landet.

Ende.

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Homy
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Der perfekte Bräutigam
Hinter dem Rücken der Ehefrau