Tagebucheintrag, 23. Mai
Die Jahre haben mich nicht gebrochen, sondern geformt. Mein Name ist Johannes Weber, und ich war fünf Jahre Witwer. Meine Tochter Caroline und mein Sohn Karl hatten längst eigene Familien in Hamburg und München. Mit sechzig verbrachte ich meine Tage in meiner charmant eingerichteten Zweizimmerwohnung am Stadtrand von Frankfurt. Einsamkeit war für mich nie ein Feind ich ging regelmäßig ins Schwimmbad, besuchte Kunstausstellungen und brachte mir das Backen von Apfelstrudel bei, den ich sonst nur aus Vitrinen edler Konditoreien kannte.
Trotzdem der Mensch braucht den Menschen. Ich sehnte mich nach jemandem, mit dem ich die Nachrichten diskutieren, übers Wetter schimpfen oder einfach schweigend gemeinsam einen Tatort ansehen konnte. Das Gefühl, jemand ist da.
Helga Schneider trat in mein Leben wie eine Heldin aus einem alten Film. Unsere Wege kreuzten sich beim Tanzen für die reifere Generation im Bürgerhaus. Sie lächelte, als ich sie zum Walzer aufforderte, und schlug mir dabei nicht einmal auf die Füße, was selten vorkommt. Den ganzen Abend machte ich ihr Komplimente und ich sah, wie ihre Wangen in dem warmen Licht rosig wurden. Solche Aufmerksamkeit war für sie spürbar ungewohnt.
Helga war 67, grauhaarig, aufrecht, stets gebügelt und gekonnt gekleidet. Sie erzählte, dass sie ihr ganzes Leben als Ingenieurin gearbeitet hatte, auch Witwe war, und mit ihrer Tochter sowie deren Familie zusammenwohnte.
Johannes, du bist ein besonderer Mann, sagte sie sanft beim Abschied am Hauseingang. So einen trifft man nicht alle Tage.
Eine leichte Romanze erwuchs daraus Spaziergänge im Park, gemeinsame Eisdielenbesuche, ausufernde Telefonate. Helga war aufmerksam, beklagte nie ihre Gesundheit und bat nie um Geld, was für mich ein Zeichen echten Respekts war.
Nach einem Monat geschah es dann: ich war aufgeregt wie ein Schüler vorm Abschlussball. Helga lud mich zu sich ein, damit ich endlich ihre Tochter kennenlernen konnte.
Meine Tochter Katharina ist neugierig auf dich, meinte Helga. Ich habe ihr so viel erzählt. Lass uns ganz ungezwungen zusammen essen.
Ich suchte mein bestes Hemd aus, bereitete einen selbstgemachten Zwetschgenkuchen vor und machte mich auf den Weg.
Helgas Wohnung war eine große Altbau-Dreizimmerwohnung mit Stuckdecke, dem Geruch nach alten Büchern und einem leisen Hauch von Spannung.
Die Tür öffnete Katharina. Mit ihren 30 Jahren wirkte sie älter, stämmig, der Blick kühl und prüfend, wie eine Buchprüferin beim Kassensturz.
Guten Abend, sagte sie trocken und ignorierte mein Lächeln. Kommen Sie doch herein. Mutter ist noch in der Küche, der Tisch ist fast fertig.
Ich reichte ihr meinen Kuchen. Sie nahm ihn, als hätte sie einen nassen Waschlappen in der Hand, und ließ mich allein ins Wohnzimmer weitergehen.
Der Tisch war opulent gedeckt: Kristall, feine Salate, Rinderbraten. Man sah, wie viel Mühe Helga sich gegeben hatte. Helga selbst kam strahlend aus der Küche und bot mir sofort einen Platz an.
Johannes, setz dich hierher. Katharina, reich unserem Gast doch bitte den Kartoffelsalat.
Das Abendessen begann höflich: Wetter, Einkaufspreise, Neuigkeiten. Katharina schwieg größtenteils, kaute bedächtig und taxierte mich dabei unentwegt wie ein Händler auf dem Wochenmarkt.
Langsam wurde mir unbehaglich ich fühlte mich wie ein Exponat bei Sothebys.
Nachdem wir das Hauptgericht beendet hatten und Helga Tee servierte, legte Katharina plötzlich das Besteck ab, tupfte sich den Mund und blickte mich direkt an:
Herr Weber, darf ich fragen: Wie wohnen Sie denn eigentlich?
Ich verschluckte mich beinahe am Tee. Die Frage war so unvermittelt und unpassend, dass sie mir peinlicher vorkam als eine Beichte in der Kirche.
Wie bitte? fragte ich irritiert zurück.
Die Wohnung, beharrte sie. Eigentum? Quadratmeter? In welchem Stadtteil? In welchem Stock?
Helga schien auf einmal zu schrumpfen, als hätte sich die Tischdecke plötzlich über ein großes Loch gelegt.
Ähm… eine Zweizimmerwohnung, stotterte ich. Im Nordend. Weshalb fragen Sie? Hat das mit dem Abendessen zu tun?
Katharina verschränkte die Arme:
Direkt sogar. Wir sind doch erwachsen, reden wir offen. Ich will wissen, unter welchen Bedingungen mein Vater ab jetzt leben wird.
Welche Bedingungen? fragte ich von der Tochter zu Helga blickend, aber Helga studierte nun sehr konzentriert das Muster ihrer Tasse.
Nun ja die Bedingungen eben, schnitt Katharina trocken ab. Ich gebe Mutter quasi in Ihre Obhut. Ich will sicherstellen, dass sie es bequem hat, der Stadtteil ruhig ist, die nächste Arztpraxis um die Ecke. Mutter braucht Erholung und ein wenig Schonkost.
Ich stellte meine Tasse auf die Untertasse, das klirrende Porzellan hallte unnatürlich laut im Raum.
Was meinen Sie mit geben in Obhut? fragte ich langsam und betont. Wer hat gesagt, dass ich sie überhaupt nehme?
Katharina sah überrascht aus, hob sogar eine Augenbraue:
Wie das? Sie sind doch zum Essen gekommen. Mutter erzählt ständig von Ihnen. Wenn Sie ein Paar sind, ist es doch logisch, zusammenzuziehen?
Vielleicht, sagte ich zögernd. Aber ein Monat ist doch viel zu kurz für ein gemeinsames Leben. Und warum denken Sie, dass Ihre Mutter zu mir ziehen sollte?
Wie denn sonst?, begann Katharina ihre Argumentation abzuzählen. Sicher, wir haben eine große Wohnung, aber ich wohne mit meinem Mann und zwei Teenagern zusammen. Meiner Mutter ist das zu laut. Sie braucht ihre Ruhe. Und Sie leben allein! Perfekte Lösung.
Sie redete weiter, als ginge es um die Pflege einer Topfpflanze.
Ich denke, Sie freuen sich: ein Mann im Haus, Hilfe bei Kleinigkeiten. Und ich hätte weniger zu tun: weniger Wäsche, weniger Kochen, weniger Nachhilfe.
Und dazu Mutters Stimmungsschwankungen. Übrigens, ihre Rente bleibt unangetastet. Sie ist anspruchslos also bleibt für Sie am Ende mehr übrig.
Verwundert schaute ich Helga an:
Helga, wieso sagst du dazu nichts? Findest du auch, man kann dich wie ein Paket weitergeben, nur damit Katharinas Alltag leichter wird?
Helga hob ihre Augen in ihnen lag Erschöpfung und stille Resignation, dass es mir im Herzen schmerzte.
Johannes, murmelte sie, Katharina meint es nur gut. Bei uns ist es eng, die Jungs sind laut, und bei dir ist es ruhig und angenehm.
Mir kochte es innerlich. Ich hatte einen aufblühenden Lebensabend erwartet, Aufmerksamkeit, Interesse. Doch das Ganze war ein Vorsprechen um die Rolle eines kostenlosen Pflegers inklusive Unterkunft.
Wissen Sie was?, sagte ich und stand entschlossen auf, vielen Dank für das Abendessen. Der Kartoffelsalat war wirklich hervorragend.
Wohin wollen Sie? mischte sich Katharina ein. Die Details sind noch nicht besprochen. Wann ziehen Sie um? Viel hat er ja nicht, aber der Fernsehsessel muss mit.
Ich betrachtete Katharina, diese durchsetzungsfähige und praktische Frau, die über das Leben ihrer Mutter verfügte wie über einen alten Stuhl:
Katharina, meine Stimme schnitt wie ein Messer, ich suche eine Gefährtin fürs Herz, nicht jemanden, um ihre häuslichen Probleme zu regeln. Ich bin kein Ersatz fürs Seniorenheim.
Ich wandte mich an Helga:
Und du, Helga, hast auch nichts zu sagen dazu? Ein Mann, der seiner Tochter so hörig ist, ist nicht der Richtige für mich.
Aber Johannes, versuchte Helga, aber Katharina drückte sie zurück auf ihren Platz.
Bleib, Mama!, fuhr sie sie an. Dann eben nicht. Mutter ist Spitze, ihre Rente ordentlich. Wenn Sie nicht wollen, findet sich eine andere. Der Markt an alleinstehenden Männern ist groß.
Mit zitternden Händen griff ich nach meinem Mantel. Die Knöpfe wollten sich partout nicht schließen. Aus dem Wohnzimmer drang Katharinas monotone Stimme:
ich habs doch gesagt, die wollen alle nur Geld und Unterhaltung. Keine Verantwortung. Wir fragen einfach Herrn Schneider aus dem dritten Stock, der schielt schon lange auf sie.
Mit schnellen Schritten ging ich Richtung U-Bahn. In meinem Kopf drehte sich ein Gedanke: Zum Glück kam all das heute, beim Abendessen, und nicht erst nach einem halben Jahr, wenn man jemanden schon ins Herz geschlossen hat.
Die Wohnungsfrage, wie ein bekannter Dichter schon sagte, verdirbt die Menschen. Kinder wollen für sich leben, die Eltern werden zur netten Hausgemeinschaft weggeschoben. Praktisch, bequem, skrupellos.
Traurig war nur, dass so viele zustimmen aus Angst vor dem Alleinsein. Egal wie, Hauptsache nicht allein, Hauptsache jemand gehört zu mir.
Heute habe ich begriffen, dass mein Herz mehr verdient hat als Bequemlichkeit und stille Selbstaufgabe. Verantwortung fängt immer bei sich selbst an.





