Äpfel im goldenen Oktober

Äpfel im Oktober

Anna, du musst bitte verstehen. Die Wohnung ist nun mal eine, und wir sind zu zweit. Ich bin der Ältere, laut Gesetz steht mir einfach mehr zu. Das weißt du doch selbst.

Anna Schuster stand am Fenster und blickte in den Innenhof, wo die nackten Zweige der Eberesche im Wind schwankten. Sie weinte nicht. Sie beobachtete nur, wie sich die Äste bewegten, und dachte daran, dass die Eberesche dieses Jahr besonders viele, rote Beeren trug und die Vögel fast alles schon weggepickt hatten.

Ich verstehe gar nichts, Markus, sagte sie leise, ohne sich umzudrehen.

Wie, du verstehst nichts? Die Wohnung hat drei Zimmer, mitten in München. Ich bin hier gemeldet. Ich habe Familie, Kinder.

Ich bin auch hier gemeldet.

Das ist doch nur vorübergehend. Unsere Mutter hat dir erlaubt, hierzubleiben, als du dich hast scheiden lassen. Das bedeutet aber nicht, dass du Miteigentümerin bist.

Anna drehte sich schließlich um. Markus war siebenundfünfzig, sie vierundfünfzig. Sie waren in diesem Zuhause zusammen aufgewachsen, hatten sich ein Zimmer geteilt, einen Tisch, ein Bücherregal, eine Mutter. Jetzt stand er in der Tür zu ihrem Zimmer, in seinem teuren Mantel, das Handy in der Hand, und schaute an ihr vorbei.

Der Notar hat gesagt, laut Testament wird die Wohnung zu gleichen Teilen geteilt. Das entscheidest nicht du, Markus.

Ich weiß, was der Notar gesagt hat. Er sah ihr endlich in die Augen, aber sein Blick war nicht böse, nicht hart, sondern müde, wie der eines Menschen, der sich schon längst entschieden hat. Ich will dir die Hälfte ausbezahlen. Der halbe Marktwert ist eine ordentliche Summe, aber du verstehst sicher, dass ich keinen Kredit aufnehmen will. Ich kann dir das Geld auszahlen aber eben nicht auf einmal. Oder…

Oder?

Oder du nimmst das Häuschen auf dem Land, Mamas altes Haus in Lindenhain. Es ist alt, klar, aber das Grundstück ist gut. Sechshundert Quadratmeter, Haus, Schuppen. Auf dem Papier ist es so viel wert wie deine Hälfte. Na ja, fast.

Anna schwieg. Draußen schüttelte der Wind die Eberesche, und die letzten Beeren fielen herunter.

Du willst, dass ich aufs Land ziehe.

Ich möchte einfach, dass wir das menschlich regeln. Ohne Gericht.

Ich überlege es mir, sagte sie.

Markus ging, schlug aber nicht die Tür. Es wirkte fast verletzend. Sie hätte es als Zeichen empfunden, dass es ihm nicht egal ist.

Lindenhain lag hundertfünfundzwanzig Kilometer von München entfernt. Anna war als Kind oft dort gewesen, später noch mit ihrer Mutter. Das letzte Mal etwa acht Jahre zuvor, als ihre Mutter noch reisen konnte. Das Haus war damals schon alt, roch feucht, das Dach hing über der Veranda durch, aber ihre Mutter meinte immer, dort könnte man besser atmen. Die Luft sei anders.

Als Anna ihre Freundin Sabine anrief, meinte diese:

Wie bitte, bist du verrückt? Akzeptier das bloß nicht. Zieh vor Gericht, such dir einen guten Anwalt!

Sabine, ich hab kein Geld für einen Anwalt. Und auch keine Kraft mehr für Gerichte.

Und für ein Dorf hast du Kraft?

Ich weiß nicht. Anna schwieg. Ich muss erst mal hinfahren. Nachsehen.

Du wirst gleich alles sehen. Da gibts doch nichts.

Meine Mutter hat immer gesagt, die Luft dort ist anders.

Sabine schwieg, seufzte schließlich:

Anna, du willst einfach nur raus aus all dem. Das versteh ich. Aber das Dorf ist keine Lösung. Das ist eine Flucht.

Vielleicht ist eine Flucht genau das, was ich brauche.

Sie fuhr an einem Samstag mit der Regionalbahn. Der Oktober war kalt, die Bäume an den Gleisen fast kahl. Anna blickte aus dem Fenster, dachte bewusst an nichts, sah nur, wie Felder, kleine Waldstücke und Schrebergärten mit schwarzen Zäunen vorbeizogen. Nachdenken tat weh, also ließ sie es.

Lindenhain war ein kleiner Ort. Ein paar Straßen, ein Laden an der Ecke, eine Kirche ohne Turm. Das Haus stand am Ende der zweiten Straße hinter alten Apfelbäumen und sah so aus, wie Häuser aussehen, wenn lange niemand darin wohnt: Die Farbe der Fensterläden war ab, das Tor hing schief, Moos auf der Veranda. Aber die Wände waren stabil, der Schornstein intakt.

Anna schloss auf, trat ein. Es roch abgestanden, nach unbewohnt, nicht nach Moder. Sie ging durch die Zimmer: Küche mit Kachelofen, Stube, kleines Zimmer mit Sofa. Im Flur hing Mamas alter Mantel. Anna berührte den Stoff, und ihr Hals wurde eng, aber sie weinte nicht. Sie stand einfach da, hielt sich fest.

Der Garten war zugewachsen, doch die Apfelbäume lebten noch. An einigen hingen noch späte Äpfel, kleine, gelbe. Anna hob einen auf, wischte ihn am Ärmel ab, biss hinein. Süß, ein bisschen herb, nach Herbst smellend.

Zurück in München rief sie Markus an:

Ich willigen ein. Mach das Haus fertig.

Gut, sagte er nur. Mehr nicht.

Der Umzug dauerte zwei Wochen. Sie hatte wenig. Bücher in Kisten, Bettzeug, Geschirr, Kleidung. Sabine half beim Tragen, murmelte dauernd, wie dumm das alles sei, aber inzwischen ohne Überzeugung, eher aus Gewohnheit.

Du kommst wenigstens ab und zu mal zurück? fragte Sabine, als der Wagen beladen war.

Ich komm vorbei. Und du auch, du bist herzlich eingeladen.

Wohin soll ich fahren, aufs Dorf dort gibts doch nur Mücken.

Es ist Oktober. Keine Mücken.

Im nächsten Jahr aber!

Sie begann mit der Küche. So ist es richtig, fand Anna. Erst muss der Ofen stehen, es muss warm sein und eine Suppe kochen können. Der Ofen funktionierte, nur das Ofenrohr musste gereinigt werden. Am zweiten Tag schaute der Nachbar von gegenüber vorbei, Herr Friedrich Bauer, ein alter Rentner. Er tat so, als käme er zufällig, sagte:

Ich hörte, die Tochter von Frau Schuster ist da.

Die Jüngere. Anna.

Friedrich Bauer, stellte er sich vor, nahm die Mütze ab. Ich war mit Ihrer Mutter gut bekannt so nachbarschaftlich eben.

Kommen Sie ruhig rein.

Er sah sich um, prüfte den Ofen, warf einen Blick aufs Rohr und sagte:

Das muss gereinigt werden. Mach ich für Sie. Keine Sorge.

Ich kann das auch lernen.

Klar können Sie, grinste er. Aber erstmal mach ich das. Da gibts einen Trick.

Während er das Rohr säuberte, räumte Anna in der Stube auf. Sie unterhielten sich durchs offene Zimmer, ohne sich zu sehen das war überraschend angenehm.

Wohnen Sie schon immer hier? fragte Anna.

Schon mein ganzes Leben. Hier geboren.

Hats Sie nie in die Stadt gezogen?

Früher schon. Aber das ging vorbei.

Warum?

Er schwieg kurz, dann sagte er:

In der Stadt muss man immer, immer etwas tun. Hier entscheidet man selbst, was zu tun ist. Wissen Sie, was ich meine?

Anna dachte nach, sagte schließlich, dass sie es versteht.

Die ersten Tage lebte sie wie betäubt. Sie stand früh auf, weil es im Dorf schon bei Morgengrauen hell wird und die Vögel dann Krach machen. Tee am Fenster, Blick auf die Apfelbäume. Dann in den Laden, das Nötigste kaufen. Dann putzte sie, reparierte, las. Abends ging sie früh ins Bett.

Die Gedanken an Markus kamen nachts. Nicht böse, eher verwundert. Sie fragte sich immer wieder, wann genau das passiert war, wann der Bruder fremd geworden war. Oder ob er immer so gewesen war und sie es nie gemerkt hatte. Sie waren zusammen aufgewachsen und doch getrennt. Er war drei Jahre älter, und diese drei Jahre standen stets wie ein niedriger Zaun zwischen ihnen. Man sieht rüber, aber will nicht unbedingt drüberklettern.

Am Ende der ersten Woche fand sie eine Katze. Die hockte unter der Veranda, klein, grau, mit riesigen bernsteinfarbenen Augen. Anna brachte ihr ein Stück Brot mit Butter, die Katze roch dran, drehte sich aber weg.

Stolz bist du, sagte Anna laut.

Am nächsten Tag kam sie mit Milch. Die Katze trank die Hälfte und blieb.

Herr Bauer sieht sie und sagt:

Ach, das ist die Liesel. Streunt durchs ganze Dorf. Lassen Sie sich nicht täuschen, die gehört keinem, will auch nicht richtig zu jemandem.

Schauen wir mal, meinte Anna.

Eine Woche später schlief Liesel auf ihrem Sofa.

Es gab mehr als genug Arbeit im Haus, was gut war. Solange ihre Hände beschäftigt blieben, wurde im Kopf das Grübeln weniger. Anna reparierte das Gartentor, strich die Fensterläden, sortierte das Regal im Flur. Herr Bauer brachte Feuerholz und stapelte es ordentlich. Sie wollte das selbst tun, er winkte ab:

Sie sind doch Städterin. Holzstapel muss man fachgerecht aufstapeln, sonst wirds nass.

Ich wills lernen.

Lernen Sie es. Nächstes Jahr machen Sies selbst. Er sah sie etwas aufmerksamer an als sonst. Sie bleiben wohl langfristig?

Weiß ich noch nicht.

Auch über den Winter?

Wahrscheinlich.

Er nickte, sagte nichts mehr. Aber das Holz reichte allemal.

Im November wurde es kalt. Das Dorf wurde still, die Nachbarn blieben meist drin, aus den Schornsteinen stieg Rauch. Anna heizte den Ofen und merkte, wie beruhigend das war. Etwas Ehrliches lag darin. Klappe aufmachen, Hölzer reinlegen, zünden, warten bis es knistert. Dann Scheite nachlegen, Tür zu, den Klang des Feuers lauschen.

Sie rief Sabine an:

Du, ich heize jetzt selbst mit dem Ofen!

Und, wie ist das so?

Schön. Gefällt mir.

Anna, Sabine blieb kurz stumm. Wie geht’s dir denn überhaupt?

Besser als erwartet.

Na, Gott sei Dank. Ich hatte Angst, du hockst dort und versäufst dich vor Kummer.

Sabine…

Schon gut, schon gut. Soll ich mal vorbeikommen?

Komm im Frühling. Dann blühen die Apfelbäume.

Du redest, als wären Apfelbäume etwas Besonderes.

Sind sie. Meine Mutter hat die gepflanzt.

Sabine seufzte:

Also gut, im Frühling.

Ende November fing Anna mit dem Backen an. Es passierte spontan. Sie fand in der Küchenschublade das alte Rezeptbuch der Mutter. Sorgfältige, kleine Handschrift; jeder Kuchen vermerkt. Apfelkuchen mit Trockenhefe, Käsekuchen nach Tante Hilda, Einfacher Honigkuchen. Anna las und versuchte es mit dem Apfelkuchen. Äpfel hatte sie ja genug.

Der Kuchen war nicht perfekt. Etwas zu dunkel unten, die Kruste zu dick. Aber der Geruch war gut. Anna schnitt ein Stück ab und rief Herrn Bauer.

Er kam, setzte sich, probierte.

Guter Kuchen. Äpfel aus eurem Garten?

Ja.

Das ist der Boskoop. Ihre Mutter sagte immer, das sei die beste Sorte für Kuchen. Sie hat oft gebacken.

Das wusste ich gar nicht, murmelte Anna.

Sie hat den Garten vermisst, sagte Herr Bauer schlicht.

Ich weiß. Ich auch.

Liesel sprang auf die Fensterbank, schaute in den Hof.

Was haben Sie früher in der Stadt gemacht? fragte er.

Buchhalterin. Zwanzig Jahre eine Firma. Dann entlassen worden. Vor zwei Jahren.

Und jetzt?

Lebe von Erspartem. Nicht viel.

Er nickte verständig. Kein Mitleid, kein Angebot. Einfach akzeptierend.

Gibts hier überhaupt einen Markt, wo man was verkaufen kann? Apfelkuchen etwa? Irgendeine Möglichkeit?

Freitags. Im Nachbarort Rotdorf. Acht Kilometer. Da wird gehandelt. Hausgemachtes verkauft sich gut.

Acht Kilometer.

Ich fahre freitags hin, Lebensmittel holen. Kann Sie mitnehmen.

Ich überlegs mir.

Bedenkzeit genug.

Erster Freitag ging rum. Zweiter auch. Am dritten buk Anna vier Apfelkuchen, verpackte sie sauber und fuhr mit Herrn Bauer nach Rotdorf. Der Markt war klein, überdacht, ein paar Reihen. Marmelade, Kartoffeln, eingelegte Gurken, selbstgestrickte Socken. Anna fand einen Platz, legte ihre Kuchen aus.

Als Erste kaufte eine ältere Frau im grünen Steppmantel. Riecht dran, fragt:

Was ist drin?

Äpfel. Vom eigenen Baum.

Zimt?

Nein, leider nicht.

Schade. Aber ich nehm ihn trotzdem.

Bis Marktende war alles verkauft. Anna rechnete nach es war kein Vermögen, aber ehrlich verdientes Geld.

Auf der Heimfahrt fragte Herr Bauer:

Und wie wars?

Alles verkauft.

Hab ich gesehen. Backen Sie Lebkuchen. Die laufen noch besser. Besonders zu Weihnachten.

Meine Mutter hat keine Lebkuchen gebacken.

Sie nicht aber Sie könnens lernen. Sie machen das gut, keine Angst.

Den ganzen Dezember war Anna am Ausprobieren. Sie schrieb Rezepte auf, testete, notierte, was klappt und was nicht. Sie backte Lebkuchen einmal mit Ingwer und Honig, einmal mit Zitronenschale. Herr Bauer probierte, fand die ersten besser. Liesel schnupperte und ging weg, wie immer bei Essen, das nicht für sie bestimmt war.

Eines Abends fing Anna an, zu fotografieren. Einfach so. Einen Kuchen auf dem Holztisch. Die Katze am Fenster. Sonnenuntergang hinter Apfelbäumen. Der Ofen mit offener Klappe. Sie sah sich die Bilder an und stellte fest, dass sie schön waren. Irgendwie echt.

Sabine schrieb auf ein Foto zurück:

Das sieht so schön aus. Du bist doch im Dorf. Das gibts doch im Dorf gar nicht!

Gibt es schon, schrieb Anna. Du hast es halt noch nicht gesehen.

Stell die Bilder auf ‘Heimatblick’ rein, die Leute stehen gerade drauf.

Anna meldete sich bei Heimatblick an, nannte ihre Seite Äpfel im Oktober, lud einige Fotos hoch. Nach einer Woche hatte sie fünfzig Follower, nach zwei Wochen zweihundert.

Sie war überrascht. Sie verstand gar nicht, was die anderen daran mochten. Es war doch nur Küche, Kuchen, eine Katze am Fenster. Aber die Leute kommentierten: Wie bei Oma, Da möchte ich hin, Rezept bitte!

Sie drehte kleine Videos: wie sie Teig macht, den Ofen anheizt, ausrollt. Ihre Stimme war ruhig, unaufdringlich, sie erklärte einfach, was sie tat. Die Follower wurden mehr.

Sabine rief an:

Du bist mittlerweile ein Internet-Star, weißt du das?

Ach was für Star. Sind grad mal fünfhundert Leute.

Fünfhundert sind mehr als nichts. Schreiben die dir?

Ja. Fragt nach Rezepten. Eine Dame aus Bremen backt nach meinem Rezept und sagt, es klappt.

Siehst du! Sabine lachte. Ich dachte ja, du gehst ein da draußen. Aber du blühst auf.

Übertreib nicht, Sabine.

Nein, wirklich. Deine Stimme klingt anders.

Anna schwieg. Dann sagte sie leise:

Mir gehts gut hier. Ich hätte nicht gedacht, dass es mir so gut gehen würde.

Ich freu mich. Ehrlich.

Im Januar kam ein Schneesturm. Drei Tage fast ununterbrochen. Der Weg zum Laden war unpassierbar. Anna blieb im Haus, heizte, fütterte Liesel. Vorräte hatte sie genug. Herr Bauer brachte Kartoffeln und Marmelade, klopfte ans Fenster, um keinen Schnee ins Haus zu schleppen.

Alles in Ordnung? fragte er durchs Glas.

Alles okay! rief Anna zurück.

Er nickte und stapfte wieder durch den Schnee zurück. Anna sah ihm nach und merkte, dass sie kaum etwas über ihn wusste. Eine Vergangenheit, Familie oder allein sie hatte nie gefragt, er nie erzählt. Auch das fühlte sich richtig an.

In diesen Tagen fand sie das Geld.

Sie suchte über dem Ofen nach einem alten Topf, musste auf einen Hocker steigen. Neben dem Topf tastete sie eine Blechdose, schwer. Anna stieg herunter, öffnete sie. Drinnen war Geld, mit Gummiband zusammengebunden, und ein Zettel.

Auf dem Zettel stand in Mamas Schrift: Für Anna. Für ein gutes Leben.

Anna saß lange mit der Dose am Tisch. Sie zählte nicht nach. Sie schaute einfach auf den Zettel. Dann sprang Liesel auf den Tisch, stupste ihre Hand an.

Hast du das gewusst? fragte Anna die Katze.

Liesel schmiegte sich an ihre Finger.

Das Geld war anständig. Kein Vermögen, aber genug, um sorgenfrei den Winter zu überstehen, eine vernünftige Kochplatte für die Sommerküche zu kaufen, die Veranda zu richten und vielleicht einen neuen Ofen zu planen. Die Mutter hatte all die Jahre gespart. Heimlich, für Anna.

Anna rief Markus an. Einfach, um es zu sagen.

Markus, ich habe im Haus von Mama Erspartes gefunden. In einer Blechdose. Mit einem Zettel.

Pause.

Viel?

Es reicht.

Das ist … ja … das ist doch auch Erbe. Nach Gesetz muss geteilt werden.

Anna schwieg. Dann sagte sie ernst:

Auf dem Zettel steht Für Anna. In Mutters Handschrift.

Anna, das Gesetz bleibt das Gesetz.

Ich hab es gehört, Markus.

Sie legte auf. Saß einen Moment still. Dann stellte sie Wasser für Tee auf. Liesel beobachtete sie am Fenster. Anna nahm eine Tasse, füllte Tee ein, wartete aufs Wasser. Trank. Sie rief nicht zurück.

Der Februar war klar und ruhig. Schnee lag glatt, Bäume glitzerten im Reif. Anna ging morgens raus, fotografierte die Apfelbäume. Im Winter wirkten sie streng, und schön. Die Bilder wurden gut.

Auf Heimatblick waren es über dreitausend Follower. Eine Frau namens Martina schrieb, sie betreibe einen kleinen Laden für hausgemachtes Gebäck in Regensburg, ob Anna nicht Lebkuchen liefern wolle. Anna bat um Bedenkzeit, sagte dann zu. Martina orderte die erste Lieferung: hundert Stück zum 8. März.

Herr Bauer half beim Verpacken, brachte Kartons aus Rotdorf.

Das wird ernst mit der Sache, meinte er, als Anna die Lebkuchen einsortierte.

Vielleicht, vielleicht nicht. Mal sehen.

Wissen Sie, setzte er sich, ich wollte früher auch mal mein eigenes Ding machen. Hat nicht geklappt.

Warum?

Er zuckte die Schultern:

Es war eine andere Zeit. Ich war anders. Schüchtern.

Sie wirken nicht schüchtern.

Jetzt nicht. Er sah sie an, auf die Kartons. Sie warten nicht. Sie tun einfach.

Anna wollte sagen, dass sie genug gewartet hat. Wartete, dass das Leben sich regelt; wartete, bis der Mann entscheidet, der Chef sie sieht, der Bruder gerecht ist. Sagte aber nichts. Sie packte stattdessen weiter Lebkuchen ein.

Bis zum Frühling fand sie ihren Rhythmus. Schwer zu beschreiben, aber sie spürte es. Etwas, das im Innern gespannt und eng gewesen war, wurde langsam weich. Nicht schlagartig; an irgendeinem Morgen wachte sie auf und spürte nicht mehr das Gewicht, das seit dem Herbst in der Brust lag. Liesel lag neben ihr und schnurrte. Draußen quollen Knospen an den Apfelbäumen.

Sabine kam im April, wie versprochen. Sie sah sich das Haus an, die Apfelbäume, Liesel, Herrn Bauer der gerade half, eine verbeulte Latte an der Veranda zu ersetzen und schwieg lange. Dann sagte sie:

Ich dachte, du fliehst. Aber du lebst.

Das eine schließt das andere nicht aus.

Nein, wirklich. Sabine schaute in den Garten. Es ist schön hier. Das hätte ich nicht gedacht.

So habe ich im Oktober auch geredet.

Vielleicht. Sabine lachte. Zeig mir mal, wie man einen Ofen anheizt.

Komm.

Den halben Tag standen sie in der Küche. Sabine war unbeholfen mit Holz, die Späne flogen, sie lachte. Anna schaute ihr zu sie hatte ihre Freundin lange nicht so entspannt gesehen. In der Stadt war Sabine immer leicht gehetzt, angespannt. Jetzt saß sie einfach am Ofen und schaute ins Feuer.

Sag mal, meinte Sabine am Abend, der Herr Bauer, ist der … Witwer?

Ich hab nicht gefragt.

Anna.

Sabine.

Ich meins ja nur. Er schaut dich immer so … an.

Er ist einfach höflich.

Vielleicht, gab Sabine zurück, nicht ganz überzeugt.

Die Maifeiertage verbrachte Anna im Garten. Sie wollte nicht nur Blumen, sondern auch Nützliches pflanzen: Zucchini, Dill, Johannisbeeren. Herr Bauer brachte Tomatensetzlinge.

Aus eigenem Samen. Halten gut, sagte er.

Was kriegen Sie dafür?

Nichts. Nachbarschaftshilfe.

Sie helfen mir zu viel, Herr Bauer!

Er ließ die Kiste auf den Boden, sah sie an:

Stört es Sie?

Ein bisschen. Ich will nicht in der Schuld stehen.

Sie sind nicht in der Schuld. Ruhig, ohne Groll. Ihre Kuchen bringen Sie oft rüber, wir reden. Ich leb allein, schon lang. Das Gespräch brauche ich so sehr wie Sie die Setzlinge.

Anna betrachtete ihn und dachte, dass er einfach ein guter Mensch war. Ohne unnötige Worte, ohne Bedingungen. Solche Menschen sind selten.

Danke, sagte sie.

Gern, erwiderte er, begann die Setzlinge einzupflanzen.

Der Sommer kam, warm. Die Apfelbäume blühten so schön, dass Anna nicht genug davon bekam. Weiße Blüten an alten, knorrigen Zweigen, ein Duft, dass ihr schwindlig wurde. Sie drehte ein Video, stellte es auf Heimatblick: Apfelbäume blühen. Das Schönste, was ich dieses Jahr gesehen habe. Tausende schauten, schrieben, sie hätten geweint, wollten durch den Bildschirm hindurchriechen, hätten vergessen, wie Apfelblüte riecht.

Martina bestellte mehr Lebkuchen und schlug einen Vertrag vor. Anna sagte zu.

Im Juni meldete sich Markus am Telefon, sie zögerte kurz, nahm dann ab.

Hallo, sagte er.

Hallo.

Wie gehts dir?

Gut. Garten, Sommer halt.

Ja, ich hab gehört, du hast dich eingerichtet. Pause. Sabine hat mir erzählt.

Sabine erzählt gern.

Anna, ich … Er zögert, hustet. Mir gehts schlecht. Das Bauprojekt, in das ich investiert hab, ist geplatzt. Mein Partner war nicht ehrlich. Das Geld ist futsch.

Anna schwieg.

Ich will nichts von dir, fügte er eilig hinzu. Ich musste es nur sagen.

Warum?

Ich weiß nicht. Es war nötig. Seine Stimme wurde leiser. Wie gehts dem Haus?

Gut. Ich habe es in Schuss gebracht.

Dach auch?

Erst Ofen, Veranda, Tor.

Allein?

Mit Hilfe vom Nachbarn.

Verstehe. Lange Pause. Anna, bist du böse auf mich?

Worauf denn?

Na ja, auf das alles. Auf das Ergebnis.

Anna blickte hinaus. Liesel saß draußen auf der Fensterbank, schaute in den Garten.

Ich bin nicht böse, Markus. Ich lebe.

Er schwieg, sagte dann leise:

Du warst immer klüger als ich. Du hast es nur nie gesagt.

Nicht klüger. Anders.

Sie sprachen noch eine Weile, ohne Inhalt. Nach dem Gespräch blieb Anna am Fenster stehen, dann ging sie raus, goss die Tomaten. Sie wollte nicht denken. Sie dachte einfach nicht.

Der August brachte reiche Ernte. Die Äpfel waren größer als letztes Jahr. Anna sammelte jeden Morgen, lagerte sie ein. Ein Teil für Kuchen, ein Teil für Marmelade. Das Rezept fand sie im Notizbuch der Mutter. Die Marmelade wurde dunkel, dick, mit Zimt und Nelken. Herr Bauer sagte, das schmecke genauso wie bei Frau Schuster.

Erinnern Sie sich wirklich?

Natürlich. Sie hat mich oft eingeladen. Er lächelte weicher als sonst, mit etwas Wärme, etwas Fernem darin. Ihre Mutter war eine gute Frau.

Ich weiß.

Sie kommen nach ihr. Nicht im Gesicht. In den Händen.

Wie das?

Auch sie hat immer mit Ruhe und Sorgfalt gearbeitet. So, als wäre es wichtig. Sie auch.

Anna schwieg, rührte die Marmelade, hörte aufs Blubbern, und fand den Vergleich schön.

Auf Heimatblick meldeten sich Werbepartner. Kleine Läden, aber echte. Ein Online-Shop für Küchenutensilien schlug Kooperation vor. Anna machte ein Video, dann noch eins. Die Bezahlung war klein, aber es war ein schönes Gefühl. Sie erzählte Herrn Bauer davon.

Verdienen Sie jetzt mit dem Backen? fragte er ungläubig.

Auch fürs Erklären, wies geht. Verrückt, oder?

Gar nicht verrückt. Früher kauften die Leute Bücher dafür, heute schauen sie zu.

Würden Sie schauen?

Er überlegte:

Ihre Sachen wahrscheinlich schon.

Warum?

Weil es echt ist bei Ihnen. Er stand auf, wollte gehen. Die Leute merken den Unterschied. Zwischen echt und nur schön. Manchmal wollen sie bloß schön. Und wenn sie genug davon haben, suchen sie das Echte.

Haben Sie genug vom Schönen?

Er blieb an der Tür stehen:

Ich hab immer im Echten gelebt. Da gabs kein Zuviel.

Im September kam Markus einfach vorbei. Unangekündigt. Stand am Sonntagmorgen mit Reisetasche vor der Tür, als hätte er lange gebraucht, um sich zu entschließen.

Anna öffnete, musterte ihn. Er wirkte irgendwie geschrumpft im letzten Jahr, nicht an Größe, aber an etwas anderem.

Darf ich rein? fragte er.

Komm rein.

Sie setzte Wasser auf. Markus setzte sich an den Tisch, betrachtete die Küche, bemerkte Liesel, die ihn vom Fenster aus misstrauisch anglotzte.

Katze?

Liesel.

Du hattest doch nie was für Katzen übrig.

Sie hat sich mich ausgesucht. Ich hatte nichts dagegen.

Das Wasser kochte, Anna stellte Tee und Marmelade, Lebkuchen auf den Tisch. Markus griff nach einem, biss ab, kaute langsam.

Schmeckt gut.

Nach Mamas Rezept.

Schweigen. Dann sagte er:

Ich hab alles verloren, Anna. Fast alles. Die Wohnung ist als Sicherheit weg, Schulden noch offen. Jetzt wohnen Katrin und ich bei ihrer Schwester im Gästezimmer.

Und die Kinder?

Bei uns. Eng, aber immerhin zusammen.

Anna hörte zu, empfand nichts als ein stilles Verstehen. Kein Stolz, kein Mitleid. Nur das Gefühl, dass das Leben die Leute platzieren lässt, wo sie durch ihre Entscheidungen hinkommen.

Willst du etwas von mir? fragte sie offen.

Nein. Er sah sie an. Ich … wollte bloß sagen, dass ich damals falsch lag. Mit der Wohnung. Ich dachte, es sei vernünftig. Es war falsch.

Du hast an deine Familie gedacht.

Ich hab ans Geld gedacht. Das ist nicht dasselbe.

Liesel sprang vom Fensterbank, ging vorsichtig auf Markus zu, schnüffelte. Er hielt ihr die Finger hin, sie wandte sich ab, blieb aber in seiner Nähe.

Schön ist es hier, meinte Markus, sah sich um. Es ist besser als früher.

Ich hab gearbeitet.

Das sieht man. Sein Blick streifte Gardinen, Regale, Ofen. Wohnst du wirklich dauerhaft hier?

Ja.

Und du bist glücklich?

Anna nahm ihre Tasse, hielt sie zwischen den Händen.

Ich bin glücklich.

Markus blieb bis zum Abend. Sie gingen durch den Garten, Anna zeigte die Apfelbäume, erklärte Sorten. Markus hörte zu, fragte manches. Es war seltsam selbstverständlich, als könnten lange fremde Menschen plötzlich Seite an Seite stehen, ohne dass das Fremde für immer bleibt.

Herr Bauer ging am Zaun vorbei, sah sie, winkte. Anna winkte zurück.

Ist das der Nachbar?

Ja.

Netter Kerl?

Sehr.

Markus sah erst zu ihm, dann zu Anna:

Du bist nicht allein hier.

Nein, nicht allein.

Er fuhr im Dunkeln, irgendwie verlegen vor der Tür, dann:

Kann ich wiederkommen? Einfach so?

Kannst du.

Er nickte, fuhr los. Die Scheinwerfer verschwanden in der Nacht.

Anna blieb am Zaun, ging schließlich wieder rein. Liesel wartete schon vor der Tür. Anna hob sie hoch, drückte sie an sich, die Katze schnurrte sofort ohne Zögern.

Am nächsten Tag kam Herr Bauer mit Äpfeln aus seinem Garten vorbei. Eine andere Sorte, groß, gelbrot.

Probieren Sie mal: Gloster. Weicher als Boskoop.

Hübsche Äpfel, Anna nahm einen. Kommen Sie am Freitag wieder mit zum Markt?

Natürlich.

Sie fahren immer.

Sie fahren immer mit mir. Das ist schon Gewohnheit.

Anna biss in den Apfel. Weich, süß, etwas säuerlich. Der Oktober war wieder da, die Bäume begannen zu vergilben. Ein Jahr war vorbei. Sie hatte es ganz gelebt.

Herr Bauer, fragte sie, sind Sie eigentlich glücklich hier? In Lindenhain?

Er ließ sich Zeit. Schaute auf die Apfelbäume.

Ich habe das nie so formuliert. Aber ja, wohl schon.

Ich auch, sagte Anna. Kurz schwieg sie. Es wundert mich immer noch.

Was denn?

Dass man so einfach nochmal neu anfangen kann. Mit vierundfünfzig.

Er drehte sich zu ihr um:

Warum nicht?

Es fühlt sich zu spät an.

Für wen?

Anna antwortete nicht. Liesel streckte sich auf der Veranda, gähnte, rollte sich zusammen.

Früher dachte ich das. Jetzt weniger.

Gut so. Herr Bauer hob einen der Apfelkörbe, prüfte sein Gewicht. Freitag um acht?

Um acht.

Um acht, bekräftigte er und hob ab in Richtung Tor.

Anna blieb auf der Veranda stehen, sah ihm nach. Der Oktobermorgen war klar und frisch. Die Apfelbäume standen im Gelb, die letzten, spätesten Äpfel hingen noch. Irgendwo bellte ein Hund, das Echo reichte weit.

Das Handy piepte. Sabine schrieb:

Bist du da? Alles gut?

Anna schaute aufs Display. Dann auf die Apfelbäume. Dann schrieb sie:

Alles gut. Oktober hat angefangen.

Sabine antwortete sofort:

Und was heißt das?

Anna überlegte. Liesel schmiegte sich an ihr Bein.

Das heißt, bald gibts Apfelkuchen. Kommst du?

Sabine ließ sich Zeit mit der Antwort. Dann schrieb sie:

Lass mich überlegen.

Überleg ruhig, schrieb Anna zurück.

Legte das Handy weg, ging zur Apfelbaum. Hob einen Apfel auf, wischte ihn am Ärmel, biss hinein. Süß, ein wenig herb. Genau wie vor einem Jahr.

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Homy
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Was hat sie wirklich verschwiegen?