Die Täuschung
In der Musikhochschule arbeitend, interessierte sich Marlene für nichts außer Musik. Das war ihr Leben seit Kindertagen: ihre Mutter und die Musik. Mit achtundzwanzig Jahren war sie unverheiratet, hatte zwar kurz mit einem Kollegen etwas gehabt, doch es endete zu komplex, wenn beide talentiert und in ihrer eigenen Welt gefangen sind.
Seit drei Monaten traf sie sich nun mit Lukas, einem Anwalt. Kennengelernt hatten sie sich zufällig in einem Café in der Nähe der Hochschule. Nach Hause wollte sie damals nicht ihre Mutter war vor Kurzem gestorben, und die Wohnung war nur noch Stille und Einsamkeit.
Fräulein, guten Tag, warum so traurig?, hatte Lukas gefragt, während er seinen Kaffee schlürfte. Ich heiße Lukas, und Sie?
Sie war schön, aber irgendwie distanziert das hatte ihn gereizt.
Marlene, antwortete sie leise und lächelte zaghaft.
Seitdem waren sie ein Paar. Lukas übernachtete oft bei ihr und hatte sogar einen Heiratsantrag vorgetragen, doch sie zögerte noch.
Ich kann dir jetzt nicht zusagen, Lukas. Meine Mutter ist erst vor Kurzem gegangen.
Ihre Mutter hatte sie allein großgezogen. Den Vater hatte sie nie gesehen wer er war oder wohin er verschwunden war, hatte sie nie gefragt. Sie spürte, dass es ihrer Mutter unangenehm gewesen wäre. Also schwieg sie. Und dann war die Mutter plötzlich tot. Die Trauer und Einsamkeit lastete schwer auf ihr. Manchmal dachte sie daran, ob sie ihren Vater suchen könnte.
Ich weiß selbst keine Antwort darauf, sagte sie zu Lukas. Ich habe ihn nie gekannt. Und selbst wenn ich ihn finde würde er sich freuen?
Marlene hatte nie in die Haushaltsgeschäfte eingegriffen. Rechnungen bezahlen? Ihre Mutter hatte sich um alles gekümmert, während sie in der Musik versank. Dabei hatte ihre Mutter sie gewarnt:
Marlene, kümmere dich wenigstens ein wenig über unsere Angelegenheiten. Wenn ich nicht mehr bin wie wirst du dann klar kommen? Du lebst nicht in dieser Welt, Kind. Es wird schwer für dich.
Mama, du machst das doch perfekt, wozu soll ich mich damit beschäftigen?, hatte sie gelacht.
Doch das Leben war grausam und unberechenbar. Es nahm ihr die Mutter, plötzlich und gnadenlos. Eine Krankheit, schnell, unaufhaltsam. Die Ärzte zuckten mit den Schultern.
Zu spät erkannt.
Aber sie hat sich nie beschwert!, weinte die Tochter.
Vielleicht wollte sie dich schonen, dich nicht mit ihren Leiden belasten. Doch so etwas kommt nicht aus dem Nichts der Körper sendet immer Signale.
Lukas war ein junger, schlauer Mann. Als er zum ersten Mal mit Marlene in ihrer Wohnung war, war er überrascht. An den Wänden hingen teure Gemälde obwohl sie sich nie dafür interessiert hatte. Sie war mit ihnen aufgewachsen. Doch Lukas verstand etwas davon.
Abends spielte Marlene Klavier, übte für ihre Konzerte, während Lukas zuhörte oder so tat. Er hatte längst verstanden, dass sie etwas zu bieten hatte. Durchstöberte Dokumente, Briefe ihrer Mutter. Ihre einzige Verwandte war eine Tante, Inge, die in Bayern lebte. Deshalb drängte er auf eine schnelle Hochzeit sie war die einzige Erbin.
Doch sie zögerte. Sie kannte ihn nicht lange, spürte innere Zweifel, ob er der Richtige war. Doch Lukas gab nicht auf, wartete und drängte weiter. Er wusste, dass sie ihren Vater finden wollte.
Eines Tages sagte er plötzlich:
Heute haben wir Gäste. Wir kaufen noch etwas Sekt und Häppchen.
Welche Gäste?, fragte Marlene verwundert.
Ich habe deinen Vater gefunden.
Lukas, wirklich? Wo? Ich dachte immer, er lebt weit weg, vielleicht im Ausland.
Nein, er ist hier in der Stadt.
Eine halbe Stunde später, als sie zu Hause waren, klingelte es. Lukas öffnete. Ein großer, dunkelhaariger Mann stand da.
Meine Tochter, rief er und umarmte sie. Ich habe dich noch nie gesehen. Du bist so schön. Roman Petersen, mein Name.
Marlens zweiter Name war tatsächlich Romanowna. Es folgten lange Gespräche.
Deine Mutter und ich trennten uns, doch sie sagte mir nichts von einem Kind.
Lukas nutzte die Gelegenheit:
Herr Petersen, da sich alles so wunderbar fügt, erlauben Sie mir, um die Hand Ihrer Tochter zu bitten.
Marlene, noch überwältigt, war verwirrt.
Meine Tochter, wenn Lukas dich liebt, habe ich nichts dagegen, lächelte der Mann. Ich segne euch und warte auf die Einladung.
Seitdem war Roman Petersen oft bei ihnen. Doch über seine Beziehung zu ihrer Mutter erfuhr Marlene wenig. Er sagte nur, es sei eine kurze Affäre gewesen.
Sie lud ihre Tante Inge und deren Mann zur Hochzeit ein. Die beiden kamen früh Inge wollte ihrer Nichte helfen, wie es ihre verstorbene Schwester getan hätte.
Eines Abends klingelte es.
Endlich sind wir hier, sagte Tante Inge. Die Bahn war anstrengend.
Sie lernten Lukas kennen, doch der verabschiedete sich bald, um Marlene Zeit mit ihrer Familie zu geben.
Tante Inge, ich habe meinen Vater gefunden oder besser, Lukas hat ihn gefunden. Er kümmert sich um alles.
Und wie heißt er?
Roman Petersen mein zweiter Name ist ja Romanowna.
Inge wechselte einen seltsamen Blick mit ihrem Mann.
Ach du liebe Zeit, seufzte sie.
Was ist los?
Dein Vater heißt nicht Roman, sondern Sven Sven Müller. Im Geburtsregister steht ein Strich. Deine Mutter hat sich den Namen ausgedacht. Marlene, ich weiß alles deine Mutter wollte nicht, dass du es erfährst. Dein Vater ist Sven Müller, Rektor deiner Musikhochschule.
Sven Müller? Das kann nicht sein! Das ist mein Musikprofessor! Wer ist dann dieser Roman, den Lukas gefunden hat?
Das müssen wir klären. Und zwar mit Lukas. Warum dieser ganze Schwindel? Übrigens, das Erbe hast du noch nicht angetreten sechs Monate nach Veras Tod sind erst in einem Monat um.
Nein, ich muss noch zum Notar aber was ist schon das Erbe? Die Wohnung und so
Marlene, wie naiv du bist! Unsere Eltern waren wohlhabend. Deine Mutter hatte ein beträchtliches Konto, diese Gemälde sind wertvoll. Als sie starb, erbte ich die Hälfte, und du die andere. Du bist keine arme Waise. Du wirst es im Testament sehen. Und da wir keine Kinder haben, wirst du dein Erbe erhalten.
Marlene war erschüttert. Sie hatte nie danach gefragt. Nun verstand sie, warum Lukas so drängte.
Tante Inge, weiß mein Vater von mir?
Nein. Seine Mutter ist schuld. Sie suchte eine bessere Partie für ihn und trennte deine Eltern. Als Vera und Sven sich stritten, hatte sie noch nicht gewusst, dass sie schwanger war. Marlene schwieg, die Welt um sie herum schien stillzustehen. Am nächsten Tag suchte sie ihren Professor auf, zögernd, mit klopfendem Herzen. Herr Müller ich muss Sie etwas fragen. Über meine Mutter. Über Sie. Er blickte auf, erschrak fast unmerklich, dann senkte er den Blick. Ich dachte immer, sie hätte es dir gesagt. Tränen stiegen ihm in die Augen. Ich wusste nichts von dir. Nicht ein Wort.
Sie verließ sein Büro, ging durch die vertrauten Gänge der Hochschule, hörte aus einem Zimmer eine Melodie ihre Melodie, ein Stück, das ihre Mutter oft gespielt hatte. Plötzlich wusste sie, woher sie es kannte.
Zu Hause wartete Lukas. Roman war nicht gekommen. Stattdessen fand sie einen Zettel: *Ich habe dich nie betrogen. Ich wollte dich beschützen vor der Wahrheit, vor dem Schmerz. Aber ich bin nicht dein Vater. Und er ist es. Ich wusste, wer er ist. Ich habe nur gewartet, bis du bereit bist.*
Sie las die Zeilen, wieder und wieder. Dann löschte sie das Licht, setzte sich ans Klavier und spielte lange, bis die Nacht ganz still war.





