Alter Mann gegen den Rest der Welt
Papa, hörst du uns überhaupt zu? sagte Katharina und stellte ihre Tasse mit einem lauten Knall auf den Tisch, als wolle sie die Untertasse sprengen. Es geht so nicht mehr. Du bist allein, die Wohnung ist viel zu groß, du kümmerst dich nicht mehr richtig. Überall liegt schon Staub.
Karl Jakobsen sagte erstmal nichts. Sein Blick hing am Fenster, draußen bog sich der alte Apfelbaum im Wind. Den hatte damals noch Hannelore gepflanzt, vor vierzig Jahren, lachend, als sie jung war: Unsere Äpfel, nur für uns beide, Karlchen.
Staub also, sagte er schließlich, ohne sich umzudrehen.
Papa! Jetzt mischte sich Marcus, der Schwiegersohn, ein. Trat halb zur Seite, als wär er bei Fremden. Es gibt da einen freien Platz im Seniorenheim Leise Welle. Wir haben uns erkundigt, echt schön da. Betreuung, Arzt kommt regelmäßig. Wir haben alles nachgeschaut.
Ihr habt also nachgeschaut, wiederholte Karl Jakobsen.
Jetzt drehte er sich endlich um. Vierundsiebzig war er, nicht groß, sehnig, Hände, die ihr ganzes Leben gebaut, geschraubt und angepackt hatten. Die Haare schneeweiß, nur die Augen voll Leben, grau und wach.
Ihr habt euch also schon informiert.
Papa, schau mich nicht so an, meinte Katharina und rückte, ganz nervös, an ihrem Halstuch, das völlig ordentlich saß. Immer, wenn sie nervös war, machte sie das. Karl wusste das noch von früher, als sie klein war und immer an den Mantelknöpfen herumspielte, wenn sie etwas Unangenehmes sagen musste. Wir machen uns Sorgen um dich. Vierzig Tage ist es jetzt her, seit Mama nicht mehr da ist. Du bist ganz allein.
Vierzig Tage, sagte er leise. Ja, vierzig Tage.
Er wandte sich wieder dem Fenster zu. Der Oktober war dieses Jahr viel zu warm, fast unwirklich, und der Apfelbaum hielt noch immer stolz seine goldroten Blätter fest.
Marcus räusperte sich.
Naja, das Heim ist wirklich gut, wir haben Bilder gesehen. Da ist ein eigener Garten, Bänke Man kann draußen sitzen.
Marcus, sagte Karl ruhig, ich hab hier unten im Hof auch eine Bank. Die hab ich selbst gemacht, aus zwei Brettern und ein paar alten Klötzen. Da kann ich auch draußen sitzen.
Katharina griff wieder nach ihrem Halstuch.
Da wohnen Menschen in deinem Alter, Papa. Du wärst unter Leuten. Sonst sitzt du ja nur allein und schaust aus dem Fenster
Woher weißt du eigentlich, dass ich nur dagucke?
Sie schwieg. Marcus sah seine Frau an, sie sah zurück. Ein flüchtiger, stummer Blick, wie ein längst eingeübter Tanz miteinander. Karl las solche Blicke, lebte schließlich fünfzig Jahre mit einer Frau man lernt, was Stille bedeutet.
Gut, sagte er. Wollt ihr Tee?
***
Eine Stunde später waren sie weg, weitergekommen war niemand, aber aufgegeben hatte auch keiner. Katharina drückte Karls Hand zum Abschied und meinte, darüber müsse man noch mal nachdenken. Marcus nickte mit dem Mienenspiel eines Mannes, der längst weiß, was Sache ist, aber anderen die Chance geben will, selber drauf zu kommen.
Karl blieb noch einen Moment in der Diele stehen, hörte die Schritte im Treppenhaus und das Zuschlagen der schweren Haustür unten. Dann ging er in die Küche, füllte den Wasserkessel.
Die Küche war klein, aber Hannelore hatte es immer geschafft, ihr einen Zauber zu verleihen. Die Gardinen waren selbstgenäht, feiner Baumwollstoff mit winzigen Blumen, jetzt nach dem Sommer ein wenig ausgeblichen. Auf dem Fensterbrett standen drei Töpfe mit Geranien, die goss Karl jeden Tag weil Hannelore ihn darum gebeten hätte. Nicht mehr aussprechen konnte sie das am Ende, aber er spürte, dass sie es so wollte.
Das Wasser kochte. Er brühte Tee auf, losen, keinen Beuteltee der kam bei Hannelore nämlich nicht ins Haus: Das ist alles nur Staub, Betrug! Und er stimmte ihr zu, auch wenn er den Unterschied kaum schmeckte. Was Tradition ist, das bleibt eben.
Er setzte sich mit der Tasse an den Tisch. Hielt sie mit beiden Händen fest, als wäre es Winter, dabei war es warm. Vielleicht war das Gewohnheit, vielleicht brauchte er gerade einfach etwas Warmes.
Vom Küchenfenster konnte er in den Hof sehen. Drei Pappeln standen da, jahrzehntealte Riesen mit rissiger Rinde. Unter einer die selbstgebaute Bank. Vögel hüpften über den Asphalt, Spatzen auf Futtersuche.
Karl dachte, dass er morgen Brotkrumen rausbringen würde.
Dann fiel ihm ein, dass Hannelore das immer selbst gemacht hatte. Jeden Morgen, bei jedem Wetter. In Bademantel und Mantel griff sie sich eine Handvoll Brot und ging los. Karl beobachtete sie oft vom Fenster aus, fand sie ein wenig seltsam und liebenswert wie immer.
Er trank den Tee aus, spülte die Tasse, stellte sie weg.
Allein, hatte Katharina gesagt. Als wäre das etwas Neues, als würde die Einsamkeit ihn erst jetzt treffen, mit diesen vierzig Tagen. Dabei war er davor auch oft allein gewesen Dienstreisen, Nachtschichten. Aber da wartete immer jemand zu Hause, und allein diese Gewissheit wärmte mehr als jeder Tee.
Jetzt war nur noch das Haus da. Nicht mehr das Wissen.
Das war nicht dasselbe. Ganz und gar nicht.
***
Am nächsten Morgen war er wie immer um halb sieben wach. Der Körper kennt den Rhythmus besser als der Kopf. Gewaschen, rasiert, Tee aufgesetzt. Zwei Eier aus dem Kühlschrank früher eines für Hannelore, zwei für ihn. Er kochte immer noch zwei, aß sie beide oder warf eines weg. Unsinn, wusste er, aber die Gewohnheit war eben stärker als der Verstand.
Um acht klopfte es an der Tür.
Er hatte niemanden erwartet, war ein bisschen überrascht.
Vor der Tür stand Frau Antonia Bergmann von oben, kleine runde Frau Anfang siebzig, im ewigen Flanell-Kittel und Hausschuhen mit Bommel. Sie balancierte einen kleinen Topf.
Herr Jakobsen, störe ich? kam ihre aufgeweckte, etwas zwitschernde Stimme. Ich hab heute Eintopf gekocht, viel zu viel für mich. Vielleicht können Sie ja was brauchen.
Er blickte erst auf den Topf, dann auf sie.
Kommen Sie rein, Frau Bergmann.
Sie stellte den Topf auf den Herd, ließ den Blick durch die Küche schweifen mit dem wachen Blick, wie ihn nur Frauen haben: fiel ihr die ausgeblichene Gardine auf, die zweite leere Tasse am Tisch und noch irgendwas, das Karl gar nicht auffiel.
Die Geranien blühen ja schön, meinte sie.
Hannelore hat sie geliebt.
Ich weiß, antwortete Frau Bergmann ruhig. Ich schau nach ihnen, wenn Sie mal weg müssen.
Er brauchte einen Moment um zu begreifen, dass sie von den Blumen sprach, nicht von irgendetwas anderem.
Danke, sagte er. Möchten Sie einen Tee?
Sie tranken zusammen. Frau Bergmann sprach wenig, fragte nicht nach, erzählte nur, dass ihr Kater Felix wieder eine Maus gefangen hat und ganz stolz herumstolziert. Und dass es im Nachbarhaus Baustelle gibt und deshalb morgens Lärm ist. Karl hörte zu, nickte. Es tat ihm gut, einfach mit jemandem dazusitzen. Es war nicht wie mit Hannelore. Aber es war gut.
Als sie ging, roch die kleine Küche nach Eintopf. Echtem, selbstgemachtem Essen.
Karl setzte sich wieder und blieb noch lange so sitzen, in Gedanken an früher.
***
Kennengelernt hatten sie sich 1968, im August. Karl arbeitete damals als Meister in einer Fabrik, jung und überzeugt, er könne das Leben bezwingen. Hannelore kam gerade frisch von der Handelsschule in die Buchhaltung, zwanzig, ernste Blicke, ein straff geflochtener Zopf und ein Blick, der nicht kokett war, sondern offen, als würde sie ihn einfach durchschauen.
Er lud sie zum Tanzen im Werksclub ein. Sie meinte, sie könne nicht tanzen, aber ging mit.
Später fand er heraus, dass sie sehr wohl tanzen konnte. Warum hast du’s dann gesagt?, fragte er. Sie lachte: Damit du dich traust, mich trotzdem zu fragen.
So begann ihre Liebe. Kein großes Drama, keine langen Umwerbungen. Nach sechs Monaten Hochzeit, ohne Schnickschnack. Er brachte sie in sein kleines Zimmer in der Gemeinschaftswohnung, zu sechst drei Meter Küche, ein Klo, dünne Wände. Sie schaute sich alles an, dann ihn.
Wird schon, sagte sie nur. Wir kriegen das hin.
Und wie sie das hinbekamen. Nach sieben Jahren bekamen sie diese jetzige Wohnung, im fünften Stock, zwei Zimmer, das pure Glück. Hannelore weinte damals vor Freude, und Karl tat so, als müsste er sich die Augen reiben. Später sagte sie ihm, sie hätte es längst gesehen. Und dass es schön war.
1973 kam Katharina. Sie wuchs auf in dieser Wohnung, spielte in der Küche, machte hier Hausaufgaben. Später zog sie mit Marcus in eine große Wohnung im Grünen es war richtig so, aber die Wohnung wurde still.
Sie und Hannelore bereuten das nie. Sie hatten ihre Teestunden, Fernsehabende, gemeinsame Pilztouren in den Odenwald oder Marmelade einkochen. Gespräche bis tief in die Nacht, wo es nichts mehr zu sagen gibt und man trotzdem weiterreden möchte.
Treue für ein ganzes Leben. Für Karl war das nie Heldentat oder Tugend. Es war wie Atmen Hannelore war seine Person. Die Eine und sonst niemand.
Als sie vor drei Jahren krank wurde, glaubte Karl am Anfang den Ärzten nicht. Er dachte, das kann nicht sein, die irren sich doch. Dann akzeptierte er es, war einfach jeden Tag da. Nicht so oft wie möglich, sondern immer.
Katharina wollte eine Pflegekraft holen. Karl lehnte ab, ohne große Worte. Wie sollte er erklären, dass Hannelore einfach zu ihm gehörte? Dass das sein Recht und seine Pflicht war?
Er lernte Spritzen setzen, kochte salzarm, half ihr auf, wenn sie es nicht mehr allein schaffte. Redete mit ihr so, dass sie nie merkte, wie erschöpft er war und manchmal war er es sehr. Aber sie musste es nicht wissen.
Sie ging ganz still, an einem frühen Morgen im September. Karl hielt ihre Hand, sie war warm und trocken. Und er hielt sie noch eine Weile nach dem Ende. Einfach nur gehalten.
***
Antonia Bergmann kam jetzt alle zwei, drei Tage vorbei. Immer mit etwas Essbarem mal Brötchen, mal Suppe, mal Äpfel von ihrer Parzelle. Große Boskop, mit diesem typisch säuerlichen Geruch, der sofort an Schulanfang und den Stoffranzen von früher erinnert.
Karl nahm alles an und gab Tee zurück. Sie unterhielten sich.
Einmal brachte sie Fotos mit, alt, schwarzweiß.
Das ist mein Viktor, sagte sie nüchtern, reichte das Bild rüber. Zwanzig Jahre ist er schon weg. Herzinfarkt.
Karl betrachtete das Bild. Ein junger Mann, rundes Gesicht, lacht in die Kamera.
War er gut?
Sehr sagte sie. Wir haben wenig gestritten. Das ist selten. Die meisten streiten immer, wir nicht. Er meinte, das Leben sei zu schade für Streit.
Ein kluger Mann, sagte Karl.
Klug, bestätigte sie und steckte das Foto weg. Und mit Hannelore? Habt ihr oft gestritten?
Doch, manchmal sie konnte richtig wütend werden, Stimme wie Blech, aber sie war nie lange böse.
Und Sie?
Ich war nachtragender. Bin halt stur. Hannelore sagte immer: Karl, du bist wie der Esel aus dem Zeichentrickfilm. Bleibst einfach stehen.
Frau Bergmann lachte leise.
Sie schwiegen, draußen wirbelte der Wind die Blätter durch den Hof, sie raschelten über den Asphalt und klebten an die Bank.
Ihre Tochter war letzte Woche hier, sagte Frau Bergmann.
Haben Sie sie gesehen?
Vom Fenster aus. Sie stand lange vorm Haus, dann ist sie rein. Wenig später wieder raus, ganz bedrückt.
Wir haben gestritten meinte Karl.
Wegen dem Heim?
Er sah sie an.
Sie weiß es?
Hat sie mir erzählt. Ich war im Hof, sie hat mich angesprochen. Sie wollte wissen, ob ich so ein Auge auf Sie habe.
Und, was haben Sie geantwortet?
Ich hab gesagt: Ich schau schon. Ist doch klar. Ich seh, wenn Eintopf gebraucht wird, dann bring ich einen. Schadet doch keinem.
Im Gegenteil, sagte Karl leise.
Sie schwiegen, dann ging sie. Karl dachte lange noch an Katharina, wie sie traurig vor dem Haus gestanden hatte. Seine Kleine, die längst erwachsen war, mit einem Mann, den er kaum wirklich kannte.
Er war ihr nicht böse. Er verstand, dass sie Angst hatte. Vielleicht wollte sie das Heim eigentlich nur, damit sie weniger Angst haben musste. Damit einfach alles geregelt ist, er versorgt. Elternangst die kannte er selbst noch von früher.
Aber für-sich-sorgen kann vieles bedeuten.
***
Ende Oktober kam Rüdiger.
Rüdiger war Hannelores älterer Bruder, 78, lebte in Kassel. Karl hatte ihn schon drei Jahre nicht mehr gesehen, seit Hannelore krank wurde. Damals saß Rüdiger am Bett, hielt die Hand der Schwester. Er sprach wenig, weinte draußen im Flur.
Jetzt kam ein Anruf, er würde mit dem Bus kommen, man solle ihn nur nicht extra abholen.
Der Bus kam um drei, Rüdiger erschien mit Klein-Koffer, altem Mantel und einem Stock, den kannte Karl noch nicht.
Das Bein, erklärte Rüdiger, seit dem Frühling. Nicht schlimm, aber wackelig.
Setz dich, sagte Karl. Ich mach Tee.
Erst will ich dich umarmen.
Sie umarmten sich herzlich, unbeholfen, so, wie Männer es eben tun, die wissen, dass es dazugehört.
Wie gehts? fragte Rüdiger.
Ich lebe.
Richtig so.
Sie gingen in die Küche, Karl setzte Wasser auf, holte die Brötchen, die Frau Bergmann gestern vorbeigebracht hatte. Schnitt Wurst und Käse, stellte alles einfach, wie es sich gehört, hin.
Rüdiger setzte sich, betrachtete lange die Geranien.
Hannelores Blumen.
Ja.
Ich erinnere mich, wie sie als Kind schon ständig Geranientöpfe aufs Fensterbrett schleppte. Die Mutter fluchte immer darüber.
Karl schenkte Tee ein, setze sich dazu.
Erzähl von Kassel, bat er.
Rüdiger plauderte ausführlich über das Leben dort, die Nachbarn, die Enkel beide schon an der Uni. Es war einfach gut, mal wieder jemanden zu hören, der nichts klären wollte, sondern einfach so erzählt.
Dann wurde Rüdiger leiser, nahm die Tasse in beide Hände.
Hab vom Heim gehört, sagte er.
Katharina hats erzählt?
Sie hat angerufen, bat mich, mit dir zu reden.
Karl schwieg.
Ich werde das nicht tun, sagte Rüdiger. Du weißt selbst, was richtig ist. Du wusstest das immer.
Nicht immer, wandte Karl ein.
Doch, meistens. Rüdiger legte das Brötchen weg, blickte direkt rüber. Hannelore hat viel von dir erzählt. Besonders das letzte Jahr. Ich war mal bei ihr, ohne dich. Da sagte sie zu mir: Rüdi, mir gehts gut. Sehr gut, verstehst du? Wortwörtlich.
Karl spürte einen Kloß im Hals.
Sie hat nicht gehadert, sagte er.
Nein, sie war zufrieden. Das ist selten. Und das hast du ihr gegeben, Karl. Du.
Sie schwiegen sehr lange. Der Tee wurde kalt. Draußen kroch die Dämmerung heran, die Pappeln standen schwarz da.
Bleibst du über Nacht? fragte Karl.
Ja, morgen zurück.
Ich mach das Sofa fertig.
Mach das. Und Rüdiger lächelte. Karl, du musst noch was verstehen. Katharina meints nicht böse. Sie weiß halt nicht anders mit Angst umzugehen. Sie muss immer irgendwas organisieren, einrichten, regeln. So war Hannelore doch auch, erinnerst du dich?
Karl erinnerte sich. Wenn Hannelore nervös war, räumte sie alles auf, stellte Sachen um, statt zu sagen, wovor sie eigentlich Angst hatte.
Stimmt, sagte er.
Katharina ist auch so. Sei nicht böse.
Bin ich nicht.
***
Am nächsten Tag reiste Rüdiger mittags ab. Wieder eine Umarmung. Ein kräftiger Schlag auf den Rücken.
Komm im Winter mal nach Kassel! Wenigstens für eine Woche.
Überleg ich mir.
Überlegs! Platz hab ich genug. Und ruhig ist es.
Nachdem er gegangen war, stand Karl noch eine Weile herum. An der Garderobe hing Hannelores blauer Mantel, der herbstliche. Er hatte ihn nicht weggehängt. Vielleicht hätte er das schon tun müssen, aber noch nicht jetzt.
Er strich über den Stoff. War kühl und glatt.
Hast du gehört? flüsterte er. Rüdi meint, du hattest es schön am Ende. Das freut mich.
Der Mantel sagte nichts zurück aber Karl brauchte keine Antwort. Er wusste es auch so.
***
Anfang November kam Katharina wieder. Ohne Marcus. Vorher hatte sie angerufen und gefragt, ob sie kommen dürfte. Ungewöhnlich eigentlich.
Natürlich, immer, meinte Karl.
Sie brachte einen Apfelkuchen, selbstgebacken. Setzte sich, zog den Mantel aus, schaute sich um. Diesmal aber nicht kritisch, sondern anders.
Papa, ich wollte mit dir reden.
Dann red schon.
Sie faltete die Hände am Tisch. Karl fiel auf, dass ihre Hände genauso aussahen wie die von Hannelore. Dieselben Finger, dieselbe Pflege.
Ich lag falsch sagte sie. Wegen dem Heim. Ich habe es nicht so gemeint. Ich sorge mich wirklich, aber ich wollte dich nicht wegschicken. Ich wusste nur nicht, wie ich es anders sagen sollte.
Karl sah sie ruhig an. In ihrem Gesicht erkannte er Hannelore wieder, in den Wangenknochen, im Stolz der Kopfhaltung.
Gut, dass dus sagst, meinte er.
Ich weiß, dass du hier zu Hause bist. Dass hier alles für dich… Sie verstummte, fasste ans Halstuch. Mama ist ja hier.
Eben.
Ich will dir das echt nicht wegnehmen, Papa.
Er stand auf, setzte Wasser auf. Wartete, brühte Tee, stellte den Apfelkuchen in die Mitte und schnitt ihn auf.
Katharina, sagte er, während er sich umdrehte, ich weiß, dass du Angst hast. Ich hab auch Angst. Nur eben meine eigene.
Du hast Angst?
Klar. Meinst du, das ist leicht? Nur meine Angst ist eine andere. Ich hab Schiss, zu vergessen. Wie sie gelacht hat. Wie sie hier durch die Küche lief. Die Tassen immer links gestellt, ihr Leben lang. Ich hab Angst, wenn ich hier weg geh, ist das alles vorbei und ich vergesse das. Verstehst du?
Katharina schwieg. Dann nickte sie.
Ich verstehs, sagte sie leise.
Sie tranken Tee und aßen Apfelkuchen. Katharina erzählte vom Job, dass sie und Marcus überlegten, über Weihnachten ans Meer zu fahren, aber noch nicht wüssten, vielleicht feiern sie Silvester doch lieber wieder gemeinsam hier.
Klar, macht das, sagte Karl. Feiern wir zusammen.
Beim Weggehen umarmte sie ihn richtig fest, nicht nur so höflich. Er spürte ihre Schulter unter seinem Arm und erinnerte sich, wie er sie als Baby vom Krankenhaus heim getragen hatte. Wie er Angst hatte, sie fallenzulassen. Und doch wusste, er trägt die Verantwortung für dieses kleine Menschlein ein Leben lang.
Ruf mich an, Papa, sagte sie im Flur. Einfach mal so. Nicht immer erst, wenn was ist.
Mach ich.
Versprichs!
Versprochen.
***
Weisheit, dachte Karl später, heißt nicht, alle Antworten zu kennen. Sie heißt, nicht mehr zu verlangen, dass es welche gibt. Es reicht, mit den Fragen zu leben.
Der November kam mit Regen. Grau, nass, kein Schnee bisher, der der Stadt wenigstens ein bisschen Schönheit gegeben hätte. Karl zog seine alte Jacke an, ging zum Bäcker und zum Supermarkt, grüßte Nachbarn im Hof. Frau Ziegler aus dem Erdgeschoss hatte immer die neuesten Geschichten: Wer baut um, wer ist neu eingezogen, welcher Baum im Park gefällt wurde eine Schande!
Er hörte, nickte. Das war das Leben im Hof. Sein Alltag.
Frau Bergmann fragte ihn eines Tages, ob er samstags mit auf den Markt käme, sie wolle Wolle kaufen, allein sei ihr das zu schwer. Karl war überrascht, sie schien immer so unabhängig. Aber warum nicht?
Der Markt war überdacht, laut, es roch nach Fisch, Gewürzen und Holz. Sie suchte Wolle aus, fragte Karl nach Farben aus erst verteidigte er mutig: Das hier ist doch ein schöner, dunkler, oder das Orange, viel zu grell. Frau Bergmann lachte über seinen Geschmack, hörte aber zu.
Danach holten sie sich im kleinen Markt-Café einen Milchkaffee. Nicht gerade ein Traum, lauwarm und dünn, aber immerhin heiß. Am Nachbartisch eine junge Mutter mit Kinderwagen, das Baby schlief, sie sah erschöpft aus und knabberte an ihrem Stück Streuselkuchen.
Junge Leute haben es heute schwer, bemerkte Frau Bergmann.
Alle haben es schwer, entgegnete Karl.
Früher wars einfacher Nicht vom Geld her. Vom Klarsein. Jetzt wissen sie gar nicht mehr, wie man leben soll.
Karl dachte einen Moment.
Vielleicht dachten wir nur, wir wüssten es.
Sie sah ihn an.
Ein Philosoph, Herr Jakobsen.
Nur ein Schlosser, grinste er früher einmal.
Sie lachte, und Karl lachte mit. Zum ersten Mal seit vierzig Tagen.
***
Am Abend holte er eine Schachtel aus der Abstellkammer. Darin bewahrte Hannelore die alten Briefe auf. Früher, ohne Handys, hatten sie einander geschrieben, wenn Karl auf Montage war. Später hörte das auf, aber die Briefe blieben.
Er saß in der Küche am Licht und las.
Seine Schrift, jung, groß und ungeduldig: Hannelore, bin hier in Mainz, wahnsinnig heiß, Hotel mäßig, aber Arbeit klappt. Vermisse dich und deinen Eintopf, naja, dich aber doch mehr. Komme Freitag zurück, hol mich ab. Juli 1974, fast fünfzig Jahre her.
Hannelores Briefe ganz ordentlich, klein und klar: Karl, alles gut. Kathi ein bisschen erkältet, wird aber. Die Nachbarn bauen um, ist laut, aber wir schaffen das. Hab dir ein Hemd gekauft, blaues, gefällt dir sicher. Freu mich auf dich.
So einfache Worte. Blauer Hemdstoff, Schnupfen, freu mich. Und darin lag das ganze Leben.
Er las lange, packte die Briefe dann wieder ordentlich ein und stellte die Schachtel diesmal ins Regal im Wohnzimmer. Nicht mehr in die Kammer. Sie soll sichtbar bleiben.
***
Ihr ganzes Leben steckte in diesen Zeilen, dem Duft der Geranien, den Stoffgardinen, der Bank im Hof. Nicht in großen Gesten, sondern in leisem, Alltäglichem und genau das ist das Wichtigste.
Er legte sich schlafen, ließ den Fernseher aus. Draußen trommelte der Regen ans Fensterbrett. Er lag einfach da und hörte zu.
Und dachte: Morgen muss ich mal Katharina anrufen. Einfach so.
Und Rüdiger mal schreiben Vielleicht fahr ich echt hin, eine Winterwoche. Dort ist es still, es liegt Schnee.
Im Frühjahr muss der Apfelbaum gekalkt werden. Hannelore hat immer darauf geachtet, jetzt muss er selbst.
Das ist sein Leben. Nicht mehr und nicht weniger. Seins.
***
Mitte November rief dann Marcus selbst an, ganz ohne Vorwarnung nachmittags. Karl sah den Namen, war etwas erstaunt, der Schwiegersohn hatte noch nie einfach so angerufen.
Hallo? Marcus klang entschlossen, wie einer, der das Gespräch vorher geübt hatte. Herr Jakobsen, äh, Karl? Marcus hier.
Na, Marcus, ich höre dich.
Ich wollte äh das letzte Mal, wegen dem Heim, da war ich wohl zu forsch. Katharina hat recht. Wollte Sie nicht kränken.
Karl überlegte kurz.
Hast du nicht, sagte er dann.
Äh, okay. Können wir Sonntag zu dritt vorbeikommen? Einfach so.
Kommt vorbei. Ich koche Eintopf.
Sie können das?
Habs gelernt.
Marcus räusperte sich. Scheinbar hatte er nicht damit gerechnet.
Dann bis Sonntag. Wir freuen uns.
Sie kamen tatsächlich am Sonntag. Katharina brachte Brot und Torte, Marcus einen Beutel Äpfel. Schuhe aus, ab in die Küche.
Der Eintopf war gelungen. Frau Bergmann hatte ihm haarklein erklärt, wie man richtig kocht Gemüse wann zugeben, was wie vorbereiten. Karl hatte sich alles aufgeschrieben und brav gehalten.
Lecker, staunte Katharina.
Hättest du nicht gedacht?
Ehrlich gesagt: nein.
Marcus wollte Nachschlag. Versöhnung ohne Worte.
Sie saßen lange am Tisch, das Gespräch floss unangestrengt. Katharina berichtete von der Arbeit, Marcus schimpfte aufs Auto schon die zweite Woche geht das Fahrertürschloss nicht, er steigt immer von Beifahrerseite ein. Sie fanden es alle witzig.
Nachher räumte Katharina ab, Marcus blieb mit Karl sitzen. Pause.
Wissen Sie, ich liebe Katharina, sagte Marcus plötzlich, einfach so.
Karl sah ihn an.
Ich weiß, sagte er ruhig.
Man will immer alles richtig machen, und dann klappts trotzdem nicht so.
Geht allen so, Marcus.
Marcus nickte, wartete vielleicht auf Tipps. Aber Karl sagte nichts weiter. Nicht jede Schleife braucht ein Ende. Jeder muss seinen Weg finden.
***
Sie gingen wieder gegen fünf. Dunkel war es schon lange, im November kommt die Nacht immer zu früh.
Karl spülte, wischte den Herd, goss die Geranien, obwohl sie morgens schon Wasser hatten.
Dann zog er die Jacke an, ging in den Hof.
Es war kalt, aber trocken. Der Geruch der nassen, verfaulenden Blätter und dieser Hauch von Winter wie ein Versprechen. Er setzte sich auf die Bank. Der Hof war leer, in der Bäckerei gegenüber brannte Licht, man konnte den Verkäufer sehen.
Ein Kater kam vorbei. Grau, neugierig, musterte Karl erst, dann setzte er sich einen Meter entfernt auf die Erde.
Hallo, sagte Karl.
Der Kater zwinkerte nur.
Bist du Felix? Frau Bergmanns Kater?
Der Kater antwortete nicht, blieb aber sitzen. So saßen sie, Mensch und Tier, jeder in seinen Gedanken, nebeneinander.
Lebensgeschichten, dachte Karl, sind nicht die, in denen irgendwer jemanden belehrt oder große Lektionen lernen muss. Sondern da, wo man einfach zusammensitzt und irgendetwas ahnt. Ganz ruhig, ohne Worte.
Es ging ihm jetzt gut. Nicht glücklich, nein. Aber gut. So, wie es ist, wenn man weiß, dass man zu Hause ist. Dass hinter dem Fenster in der fünften Etage zwei Lampen brennen, die Geranien stehen, die Kiste mit alten Briefen im Regal und Hannelores Mantel nicht weggeräumt ist.
Morgen macht er sich Tee. Bringt den Spatzen Brotkrumen raus.
Und das ist Leben. Echtes Leben, seins.
***
Der Schnee kam über Nacht, von Freitag auf Samstag. Der erste, noch im November. Karl sah ihn morgens vom Fenster aus, ging gleich runter.
Der Hof war weiß. Die Pappeln standen still im Schnee, schön und ruhig. Die Bank war zugedeckt, eine glatte, weiße Decke.
Er stand am Fenster, schaute lange. Dann griff er zum Telefon und wählte Katharinas Nummer.
Papa? Sie meldete sich gleich, als hätte sie gewartet. Alles okay?
Alles bestens, sagte er. Hast du gesehen? Es hat geschneit.
Bei uns auch. Pause. Papa, rufst du einfach so an?
Einfach so. Wolltest du doch so.
Stimmt, und ihre Stimme klang dabei plötzlich weich. Papa Sie stockte.
Ja?
Nichts. Es ist einfach schön, dass du angerufen hast.
Er schaute in den weißen Hof. Spuren führten vom Haus zur Straße, schmal und gerade.
Katharina, sagte er.
Ja, Papa?
Ich wollte dir nur sagen: Als Mama gegangen ist … sie war ganz ruhig. Keine Angst. Ich war bei ihr, ich habs gesehen.
Lange sagte sie nichts.
Ich weiß, sagte sie am Ende leise. Sie hats mir erzählt. Dass sie keine Angst hat, weil du da bist.
Er schwieg, schaute auf den Schnee.
Papa?
Ja. Ich höre dich.
Bist du Sonntag zu Hause?
Bin ich.
Wir kommen. Ich backe dann Kuchen. Diesmal mit Johannisbeeren statt Apfel.
Macht das.
Er legte auf, stand noch lange am Fenster. Dann zog er sich an, schnitt Brot klein, streute es aufs Fensterbrett. Die Spatzen kamen sofort, als hätten sie gewartet.
Da klingelte es an der Tür. Er machte auf Frau Bergmann stand da, lächelte und hatte einen Topf dabei.
Es schneit, sagte sie.
Stimmt, sagte er.
Ich hab Hühnersuppe mitgebracht. Mögen Sie Hühnersuppe?
Sehr gern, sagte er. Kommen Sie rein.
Sie gingen in die Küche, Karl setzte Wasser auf. Draußen tanzten Schneeflocken, leise, einfach nur schön.
Ihr Felix war gestern Abend bei mir, sagte er.
Der läuft, wo er mag. Eigenwillig.
Ein guter Kater.
So ist es.
Sie schwiegen, während der Wasserkessel summte. Diese Stille war die gute Art Stille die, in der niemand reden muss.
Frau Bergmann, sagte Karl.
Ja?
Danke. Für alles. Den Eintopf. Und das hier.
Sie blickte ihn an. Wartete.
Und ich danke Ihnen für die Gesellschaft.
Das Wasser kochte.
Karl schenkte zwei Gläser ein. Stellte eines für sie hin, das andere nahm er selbst. Beide Hände darum, wie im Winter.
Draußen schneite es weiter, still, langsam wie alles Echte.




