Weißt du noch, als wir letztes Jahr aufs Land gefahren sind? Wir hatten doch unseren Kater Moritz aus Berlin mitgenommen. In dem kleinen Dorf lebt Moritz’ Bruder, der Kater Gustav. Gustav hat so richtig große, hervorstehende Augen. Daher nennen ihn dort alle Glubschi. Weißt ja, auf dem Land nehmen dies mit Spitznamen nicht so genau.
Für Moritz war das am Anfang echt ein Kulturschock. Trotz seiner schlanken Statur hat Gustav direkt das Sagen übernommen, hat seinen Bruder nicht mal an die Vorräte gelassen und dabei so gefaucht, als wäre er n Überraschungsgast bei Markus Lanz. Richtige Dorf-Hierarchie eben.
Irgendwann hat Gustav den typischen Fehler gemacht: Er hielt sich plötzlich für unbesiegbar und ist direkt auf Moritz losgegangen. Moritz hat erst ganz genervt mit der Pfote so getan, als wärs ihm zu blöd wie so ein richtig verzogener Graf aus nem alten Roman. Aber dann hat er im Reflex so nen rechten Haken verteilt, dass Gustav erstmal im Mülleimer gelandet ist. Mussten ihn da echt rausfischen! Und damit, total ungeplant und etwas unbeholfen, stand Moritz ganz plötzlich oben auf der Katzenleiter.
Dort draußen sehen die Leute Katzen ganz praktisch: Sie sollen Mäuse fangen, das wars. Moritz hats da echt nur gerettet, dass Winter war und die Feldarbeit ruhte.
Mit Futter wars da eher so: Was übrig ist, wird geteilt. Nicht so wie in Berlin, wo Moritz regelmäßig aus seinem Napf gefressen hat pünktlich! Am liebsten aus schickem Keramikgeschirr, und Essen gabs natürlich vom Butler, also mir.
Vom Stress ist dann ganz schnell der Überlebensmodus bei Moritz zurückgekommen. Ich hab ihn mehrfach nachts auf dem Herd erwischt, wie er mit der Schnauze im Topf hing. Gustav, immer auf der Lauer bei der Küchenbank, hat wild gefaucht und Moritz damit vor mir gewarnt. Moritz hat sich dann ganz lässig zu mir umgedreht und Gustav gemaunzt: Keine Panik, der gehört zu uns! Du solltest mal sehen, wie er nachts im Dunkeln zum Kühlschrank tapst
Einmal dachten wir, Moritz ist jetzt bereit, und setzten ihn raus in den Schnee. Er hat sich umgedreht, und sein ganzes Gesicht war weiß mit so einem Blick voller Weltschmerz, genau wie Al Pacino in Der Pate im letzten Drittel. Danach durfte er nicht mehr raus.
An einem Abend kamen dann Leons Dorfkumpels zu Besuch. Wir habens uns im Wohnzimmer gemütlich gemacht, ich hab den Kindern Die kleine Hexe vorgelesen, und gerade bei der Stelle mit der schwarzen Katze, die nachts auf den Dielen herumtrampelt, geht mit einem lauten Quietschen die Tür auf: Gustav marschiert stolz herein!
Tja, Moritz hatte seinem Bruder leider beigebracht, jede Tür mit der Pfote zu öffnen egal wie kompliziert! Das Wohnzimmer winzig, wir alle kreuz und quer, einer der Jungs hat sich aus lauter Panik in die Fensterluke gesetzt. Die Oma hat ihn gerade noch festgehalten, sonst wär er vermutlich rausgeflogen wahrscheinlich auch, weil er wusste, dass Oma ihn immer mit leckerer Pastete verwöhnt.
Ach ja, muss ich überhaupt erwähnen? Gustav ist natürlich pechschwarz. Komplett. So schnell wird ein Klassiker noch selten so lebendig für Kinder wie in diesem Moment, oder?




