– Komm herein, Mama, wir haben schon auf dich gewartet, – sagt Sohn Sebastian, während die Schwiegertochter deiner Mutter den Mantel abnimmt und ihr Hausschuhe reicht. Plötzlich weicht ihr Lächeln einer besorgten Miene.

Komm nur rein, Mama, wir haben schon auf dich gewartet, sagt der Sohn Johannes, während die Schwiegertochter ihm den Mantel abnimmt und der Schwiegermutter Hausschuhe reicht. Plötzlich weicht ihr Lächeln einer besorgten Miene.

Elisabeth tritt ins Wohnzimmer zu den anderen, während Anna mit dem Kopf auf den Fußboden deutet, und Johannes entdeckt es sofort feuchte Spuren auf dem Parkett. Beide schauen sich kurz an, sprechen es aber vorerst nicht an.

Johannes und Anna haben Grund zur Freude: Vor kurzem sind Zwillinge geboren, inzwischen sind die Kleinen etwas gewachsen und die junge Familie lädt heute ihre Liebsten ein, um dies gemeinsam zu feiern.

Elisabeth, seit einigen Jahren Rentnerin, bringt selbst gestrickte Sachen für die Babys mit. Etwas im Geschäft zu kaufen ist für sie nicht drin, denn der Rentenbetrag reicht kaum. Deshalb wollte sie eigentlich nicht kommen, meinte, sie käme ein andermal, doch Sohn und Schwiegertochter bestanden darauf an solch einem Tag muss die Mutter einfach dabei sein.

Die Jungen heißen Mathias und Lukas, worüber sich Elisabeth riesig freut. Ihr verstorbener Mann hieß Lukas, ihr Vater Mathias, somit hält Johannes mit der Namenswahl eine schöne Familientradition am Leben, worüber die Oma sehr stolz ist.

Wie hübsch sie sind, der Kleine sieht aus wie du, Anna. Und der andere wie du, Johannes. Ach nein, ich bin ganz durcheinander, die beiden gleichen sich wie ein Ei dem anderen Elisabeth rennt vergnügt um das Kinderbettchen und weiß gar nicht, wer wer ist, denn die Brüder sehen sich zum Verwechseln ähnlich.

Johannes und Anna lachen herzlich, denn die Mischung aus Omas Freude und ihrer Besorgnis zaubert allen ein Lächeln ins Gesicht.

Später, als sich die Gäste verabschieden, fängt auch Elisabeth an, ihre Sachen zu packen. Anna wirft einen Blick zu Johannes, und er schlägt seiner Mutter vor, zu bleiben:

Mama, bleib doch über Nacht. Es ist spät, vielleicht kommt kein Bus mehr. Und du könntest Anna mit den Kleinen helfen heute müssen sie gebadet und ins Bett gebracht werden.

Na gut, mein Junge, wenn du meinst, stimmt Elisabeth zu.

Sie hilft Anna noch beim Abräumen und Abwaschen in der Küche und verstaut zusammen alles ordentlich. Danach gehen alle gemeinsam, um die Babys zu baden. In Großmutters Augen blitzt die Freude. Anna legt eines der Babys in Elisabeths Arme, doch diese gesteht, dass sie sich kaum traut sie hat Angst, der Kleine könnte ihr aus den Händen rutschen.

Aber Mama, irgendwie hast du doch auch Johannes großgezogen, ohne dass dir je einer aus den Händen gefallen ist! lacht Schwiegertochter Anna.

Ach, das ist aber schon so lange her, ich weiß kaum noch, wie man ein Kind richtig hält, seufzt Elisabeth.

Anna drückt ihr den kleinen Mathias in den Arm. Kaum spürt das Baby die vertraute Nähe, schläft er sofort ein. Anna wiegt währenddessen Lukas in den Schlaf.

Elisabeth bekommt ein eigenes Zimmer, damit sie sich ausruhen kann, doch ans Schlafen ist kaum zu denken. Sie lauscht, ob Mathias oder Lukas nicht doch ein Geräusch machen. So viel Aufmerksamkeit kostete die alte Frau in dieser Nacht Kraft, erst gegen Morgen schläft sie endlich ein.

Als sie aufwacht, hat Anna schon das Frühstück vorbereitet und die Zwillinge schlafen noch.

Wo ist denn Johannes? wundert sich Elisabeth, als sie in der Küche nur Anna sieht.

Mach dir keine Sorgen, setz dich hin zum Frühstück. Johannes kommt gleich, beruhigt Anna freundlich.

Wenig später steht Johannes da, mit einer großen Schachtel in der Hand.

Mama, das ist für dich. Mach auf, lächelt er.

Elisabeth öffnet vorsichtig die Schachtel und entdeckt ein Paar neue Stiefel. Sie ist so überrascht, dass sie kaum Worte findet.

Kinder, die sind doch viel zu teuer, das kann ich doch nicht annehmen, stammelt Elisabeth beinahe unter Tränen.

Nicht teurer als du, Mama. Also los, probiere sie an und trage sie mit Freude, sagt Johannes und nimmt sie liebevoll in den Arm.

Elisabeth zieht die Stiefel an und ist erstaunt woher wussten die Kinder, dass sie neue Schuhe brauchte? Die alten hatten längst keinen Halt mehr und waren nicht einmal mehr zu reparieren. Für neue Schuhe hätte das Geld nie gereicht.

Da weint eines der Babys, und die Großmutter eilt sofort in ihren neuen Stiefeln ins Kinderzimmer.

Du bist toll, danke dir, sagt Johannes leise zu Anna. Ohne dich hätte ich das nie gemerkt.

Was gibts da zu merken? Deine Mutter kam gestern an, da waren ihre Füße völlig durchnässt. Ich habe die feuchten Abdrücke und die kaputten Stiefel gesehen da war alles klar. Für uns sind 150 Euro viel, aber für deine Mutter wäre das unerreichbar. Sie soll sie in Gesundheit tragen, sagt Anna und umarmt ihren Mann.

Elisabeth wird ganz warm ums Herz ob von den Stiefeln oder einfach, weil sie sich gebraucht und geliebt fühlt von ihren Kindern.

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Homy
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– Komm herein, Mama, wir haben schon auf dich gewartet, – sagt Sohn Sebastian, während die Schwiegertochter deiner Mutter den Mantel abnimmt und ihr Hausschuhe reicht. Plötzlich weicht ihr Lächeln einer besorgten Miene.
Vom Schicksal bestimmt Sie heiratete aus Mitleid. Heute sagt sie, sie würde es wieder tun. Jeden Morgen vor der Arbeit fuhr sie als Morgengymnastik ans Meer und schwamm während der gesamten Saison. An einem frühen Frühlingstag stieg sie gerade aus dem noch eisigen Wasser, als sie einen Mann mit Fahrrad auf dem Hügel bemerkte. Er beobachtete sie und kam schließlich zum Ufer hinunter. „Guten Morgen, gnädige Frau. Sind Sie etwa eine ‚Eisbaderin‘?“ „Man könnte es so nennen“, antwortete sie dem unerwarteten Besucher. „Störe ich?“ fragte er, da die Frau nicht sonderlich freundlich wirkte. „Eigentlich nicht.“ Gemeinsam gingen sie zum Wohnheim; bald stellte sich heraus, dass sie in der Nähe wohnten und arbeiteteten. Von da an begegnete sie ihm häufig. Er fand sie sympathisch – jung, schön, sportlich, gebildet, mit Humor. Aber sie empfand nichts dergleichen für ihn. Er hatte ihr Herz nicht einmal berührt. Doch sie wies ihn nicht ab und gewöhnte sich an die Gespräche. Ein interessanter Gesprächspartner ist eben selten. Eines Abends klopfte die Hausmeisterin an ihre Tür. Ein seltsam wirkender Mann wollte sie draußen sprechen – er, in Hausschuhen, Unterhemd und Jogginghose, aus der Faust rann Blut. „Mein Gott! Was ist passiert? Kommen Sie rein, ich versorge Sie!“ „Ein Mann zu später Stunde im Frauenwohnheim? Bist du verrückt? Ich verliere meinen Job!“ schimpfte die Hausmeisterin. „Warten Sie. Ich bin sofort da“, sagte sie. Fünf Minuten später eilte sie mit Verbandszeug und Desinfektionsmittel nach draußen. Sie erfuhr, dass er mit einer Alkoholikerin als Mutter lebt; deren Kumpel hatte ihn attackiert. Sie selbst war einmal vor ihrem Vater geflohen, verstand ihn also gut. „Kommst du zu mir auf einen Kaffee?“ – fragte er. „Und die Mutter?“ „Die ist mit einem Freund verschwunden.“ Sie nahm aus Mitleid an. Er lebte im Hinterhof eines alten Viertels, versteckt hinter Plattenbauten. Schwer, das Haus wirklich als solches zu bezeichnen: ein windschiefer Bau aus Feldstein und Lehm. Innen zwei kleine Zimmer. Die Mutter vegetierte auf der Küchencouch, er hatte ein eher sauberes Zimmer mit Büchern. Er kochte Kaffee, sie unterhielten sich stundenlang. Es war zu spät, um ins Wohnheim zurückzukehren, also bot er ihr sein Bett an und blieb selbst lesend bis zum Morgen. Sie ging früh und konnte ihn nicht vergessen – Mitleid ließ sie nicht los. Sie wollte ihm helfen. Nach Feierabend wartete er am Werkstor auf sie, schlug vor, morgens gemeinsam ans Meer zu fahren und danach bei ihm Kaffee zu trinken. Sie konnte nicht nein sagen. Ab da wurden die Ausflüge zur Routine. Sie überredete ihn sogar ins kalte Wasser zu steigen – für sie war es Freundschaft, für ihn längst Liebe. Er traute sich nicht, davon zu reden. Er konnte ihr außer sich selbst nichts bieten. Keine Frau käme freiwillig in sein Haus mit der ständig betrunkenen Mutter. Doch da sie selbst Schicksalsschläge kannte, wagte er den Antrag. Er rechnete nicht damit, dass sie zusagt. Auch sie überraschte sich selbst. Sie hatte Mitleid mit ihm. Andere Männer waren wohlhabend, aber langweilig und oberflächlich. Sie entschied, lieber ohne Liebe einen guten Menschen zu heiraten, der sie liebt. Ihr Familienleben war nicht leicht. Die Schwiegermutter wollte keine fremde Frau dulden. Ständige Streitereien, schlimme Beschimpfungen – dadurch verlor ihr erstes Kind. Im Krankenhaus weinte sie und dachte, sie habe ihr Leben und das eines anderen ruiniert. Acht Jahre lebten sie mit der Mutter, bis diese verstarb. In dieser Zeit kamen zwei Söhne zur Welt. Die Kinder gingen in den Kindergarten, sie arbeitete und studierte nebenbei. Im Studium half sie einem Kommilitonen bei den Hausarbeiten. Aus der Freundschaft wurde Liebe. Zum ersten Mal war sie wirklich verliebt. Doch fremdgehen konnte sie nicht. Sie wollte mehrmals fortgehen. Aber zuhause sah sie, wie ihr Mann mit den Kindern spielte, wie sehr sie ihn liebten, und blieb. Sie erkannte, dass sie für die Familie leben musste. Für einen Mann, der nie ein schlechtes Wort sagte. Sie versteckte ihre Liebe tief im Herzen und blieb. Der ältere Sohn schloss das Studium ab, heiratete und ging fort. Der jüngere folgte bald. Das Leben verging rasend schnell. Ihr Mann machte Karriere, alles verlief ruhig. Vor dem gesellschaftlichen Umbruch bekamen sie noch eine eigene Wohnung. Eines Abends kam sie von der Arbeit, kochte, doch der Mann kam nicht heim. Merkwürdig, denn er verspätete sich nie. Sie ließ das Essen stehen und legte sich hin. Im Schlafzimmer, das Licht anmachend, fand sie einen Zettel auf dem Bett: „Vergib mir, ich habe großen Fehler gemacht. Ich liebe eine andere. Ich kann nicht anders.“ Panik machte sich breit – Angst vor dem Alleinsein. Plötzlich begriff sie, dass das Leben ohne ihn keinen Sinn hatte. Sie weinte nicht. Legte sich angezogen aufs Bett und schlief ein. Am Morgen fuhr sie wie gewohnt ans Meer. Doch schwimmen wollte sie nicht. Nicht allein. Überhaupt wollte sie nicht mehr weiterleben. Den Kindern erzählte sie nichts. Sie arbeitete weiter, ließ sich aber auch nicht hängen. Nach vier Monaten, als sie frühmorgens wie üblich im Meer schwamm, war es kalt und windig. Sie schüttelte die nassen Haare aus dem Gesicht und sah einen Mann mit Fahrrad auf dem Hügel. Ihr Herz schlug wild. Er kam auf sie zu. „Guten Morgen, gnädige Frau, sind Sie noch immer Eisbaderin?“ – fragte die vertraute Stimme. „Kommen Sie mit nach Hause, sagen Sie nichts“, antwortete sie.