Der kleine Junge Paulchen ist verschwunden …

Der Junge Paul ist verloren gegangen…

Na, was soll ich dir fürs neue Jahr wünschen, meine Tochter? Natürlich Gesundheit. Und vielleicht schickt dir das neue Jahr endlich einen netten Mann!

Ach Mama, das wünschst du jedes Jahr, winkte Anja ab.

Sie hatten sich nicht mal umgezogen wozu? Zu zweit feiert man eh nicht groß.

Aber gekocht haben sie! Immer das Gleiche: man steht stundenlang in der Küche, und am Ende sitzt man zu zweit am Tisch und fragt sich für wen eigentlich? Die Antwort ist simpel: für sich selbst.

Die Kerzen brannten ruhig, bunte Lichterketten funkelten über dem Baum, draußen hörte man schon die ersten Raketen knallen, und eingepackte Geschenke warteten unter den Tannennadeln auf Mitternacht.

Mamas Essen genoss sie vorsichtig, während Anja sich richtig über die Salate hermachte. Mit ihrer Figur war sie nie so wirklich zufrieden, aber hey es war Silvester! Und die Salate waren wirklich gelungen: Traum, Kölsche Spezial, Caesar.

Das sechzehnstöckige Wohnhaus in Köln feierte Silvester in vielen Wohnungen blinkten Girlanden, man sah die Schatten der Bewohner dahinter, anderswo flimmerte nur das Licht vom Fernseher durchs Fenster. Und dunkle Wohnungen gabs auch vielleicht waren die Leute ausgegangen, vielleicht hatten sie einfach keine Lust auf Trubel.

Privatsache.

Es gab auch Wohnungen, die mit Herz feierten Balkontüren gingen auf, Musik klang, es wurde angestoßen, Kinder tobten herum, Sektperlen sprudelten, Kleider raschelten, alles roch nach Hoffnung, Tanne und Winter

Das Wichtigste: Die Menschen in diesem Haus waren sich alle fremd. Nachbarn, ja, aber eigentlich nur Bekannte. Wer wusste schon, was bei denen über oder unter einem passierte?

Das ganze Haus feierte ein Fest aber jede Wohnung war dabei für sich allein. Und alle jeder auf seine Art.

Bei Mama und Anja war es bescheiden.

Was soll ich dir fürs neue Jahr wünschen, mein Schatz? Natürlich Gesundheit. Und einen guten Ehemann!

Och Mama…

Mutterwünsche sind die zuverlässigsten. Es ist nur einfach noch nicht die Zeit, das kommt schon.

Anja stocherte im Salat Kölsche Spezial herum und schob sich ein paar Pilze rüber.

Eigentlich tat sie nur so, als wäre sie beschäftigt, eher um sich und Mama zu unterhalten. In Wahrheit überlegte sie gerade, was wohl stärker war: das heimliche Silvesterwunsch-Gedicht unterm Glockengeläut oder der ausgesprochene Mutterwunsch? Zehn Minuten vorher hatte sie sich nämlich genau dasselbe gewünscht, was Mama ausgesprochen hatte.

Schon hundertmal.

Alles Quatsch vermutlich. Wenn die Neujahrswünsche wirklich in Erfüllung gingen, wären alle längst glücklich. Die einen wollen bis April einen Audi, die anderen einen besseren Zinssatz, viele einfach nur Gesundheit. Einige wünschen sich zu heiraten, andere ein Baby, manche wollen einfach nur Frieden.

So viele Träume und Hoffnungen und nicht alles klappt.

Anja wünschte sich, ihn zu treffen. Endlich zu erkennen, wenn er der Eine ist. Im Idealfall: zu heiraten. Seit Jahren schon. Aber tja.

Eigentlich ist Silvester ein Fest der enttäuschten Erwartungen.

Es ist einfach noch nicht Zeit, hatte Mama gesagt.

Ha! Zeit, sie war bereits 27. Die Freundin aus der Schule hatte schon ein Schulkind! Außerdem es reicht langsam. Selbst das Feiern mit Mama, na ehrlich, das war doch kein Feiern.

Nicht mal umgezogen. Gekocht, gegessen, ins Fernsehen gestarrt. Die Trinksprüche sind auch immer dieselben und gleich nach der Bescherung verschwand Mama ins Bett weil sie müde ist, und Anja blieb mit dem Fernseher bis sie einschlief.

Wie man Silvester feiert, so läuft das Jahr, sagt man.

Komm, lass uns wenigstens das Feuerwerk anschauen, meinte Anja.

Zieh dich ordentlich an, ich schau von hier aus dem Fenster zu. So viel Geld für nix!

Anja zog ihren Parka an und trat auf den Balkon im achten Stock. Unten versammelten sich die Jugendlichen, einer hatte sich als Nikolaus verkleidet, es war bunt und wuselig. Und am Ende des Hofes gingen die Raketen hoch. Über den Balkonen Stimmen, Musik.

Sie schaute dem Feuerwerk zu und verschwand wieder ins Warme.

Weißt du, früher, in unserer alten Straße, haben wir mit der ganzen Nachbarschaft gefeiert. Ach! Das war was Gemeinsam Musik aus dem Fenster, alle draußen. Das war Silvester! Und heute? Mama zeigte auf den stillen Hof.

Die Nacht zog ihren gewohnten Lauf. Mama ging in ihr Zimmer, Anja versprach, alles wegzuräumen und blieb mit Mandarinen und TV zurück, scrollte bisweilen durch die WhatsApp-Stories Freunde, große Familiendinner, Reisen

Irgendwie verging die Zeit diesmal ganz schnell. Gegen drei war sie gerade dabei, das Buffet von Wohnzimmer in die Küche zu tragen. Abwaschen wollte sie nicht mehr das würde Mama eh am Morgen machen.

Sie war gerade mit einem Tablett im Flur, als es vorsichtig an der Tür klopfte.

Sie schaute durch den Spion ein Mann in weißem Hemd.

Ja, bitte?

Ich Paul. Er schaute unsicher, sie beobachtete genau.

Paul, welcher Paul?

Er beugte sich näher zur Tür, sie konnte ihn kaum sehen.

Sag mal, hab ich hier gefeiert? Dürfte ich reinschauen..?

Nein. Falsche Tür, sie war bestimmt.

Sorry!

Er schien nicht richtig betrunken, klopfte jetzt halt an andere Türen. Nur einer öffnete ihm, schickte ihn aber gleich wieder raus.

Er blieb kurz im Treppenhaus stehen, die Arme um sich geschlungen, dann ging er langsam hoch.

Weniger trinken, schoss ihr der Spruch aus Dinner for One durch den Kopf.

Aber sie wurde neugierig. Beim Wegräumen schaute sie immer mal wieder durch den Spion war er jetzt weg? Wie konnte sowas passieren? Erinnerte er sich an nichts mehr? War er nur mal raus zum Rauchen und hatte dann den Überblick verloren?

Komisch.

Der Aufzug ein paar Mal gehört vielleicht war er weg. Oder auch nicht?

Am Ende siegte die Neugier. Sie zog ihre Hauspuschen an, schlich ins Treppenhaus und stieg leise die Stufen hoch.

Nach ein paar Etagen wollte sie schon wieder zurück, als sie ihn ziemlich oben im Hausflur sitzen sah. Einfach da, auf dem nackten Boden zwischen 12. und 13. Etage, das dünne Hemd, die Knie angezogen und kalt war es.

Suchen Sie noch immer?

Er zuckte, stand auf.

Ja. Ich findes einfach nicht.

Wen oder was suchen Sie?

Ehrlich, ich weiß es nicht mehr so ganz.

Wie bitte?

Er rieb sich die Unterarme, war durchgefroren.

Mein Kumpel hat mich eingeladen, äh, also gestern Seine Kollegen wohnen hier, ich hab nicht mal ihren Nachnamen. Dann ich habe für die Nikitins das Geschenk ins Auto getragen, dachte, ich bin gleich wieder oben. Aber alle stiegen ein und fuhren los…

Und Sie?

Ich sah mich um und keine Ahnung, welches Stockwerk, welche Tür. Vielleicht sogar der falsche Eingang. Seit mehr als zwei Stunden irre ich hier rum

Und anrufen? Sie haben doch sein Handy?

Ich hatte mein Handy nicht dabei. Liegt im Flur unter den Jacken, nicht mal geladen.

Wissen Sie die Nummer?

Nur die meiner Mutter, aber sie wohnt weit weg, in Hannover.

Der erste Schritt fällt schwer, aber jemanden bei der Kälte sitzen lassen? Auf Verbrecher sah er jedenfalls nicht aus groß, sportlich, freundlich und ehrlich, fast ein bisschen hilflos. Schmale Nase, helle Augen, ein Grübchen am Kinn.

Kommen Sie erstmal mit zu uns, sich aufwärmen.

Ihre Familie hat nix dagegen?

Die schlafen schon, sie betonte extra das die, damit er ja nicht auf dumme Gedanken kommt.

Er zog die Schuhe ab, kam rein. Die Küche stand voller Essensreste.

Ich räume noch. Möchten Sie was?

Wenns nicht stört

Noch ganz durchgefroren sie kochte Tee. Da trat ihr eine Idee.

Sie kennen wenigstens Ihre eigene Nummer?

Klar!

Sie rief an, aber kein Klingeln.

Natürlich mein Akku ist leer. Tag war so chaotisch, keine Zeit zum Laden.

Essen Sie erstmal. Keine Scheu.

Paul hatte richtig Hunger, räumte Salat Traum rein, sie wärmte ein Stück Ente auf.

Wie viele Zimmer hatte die Wohnung? neue Idee von Anja.

Hm, drei, glaube ich ja, genau.

Perfekt, das grenzt die Suche ein! Drei-Zimmer-Wohnungen gibts hier nur jeweils links im Haus und in diesem und den anderen drei Häusern auch nicht mehr als je sechzehn.

Tut mir echt leid, dass ich jetzt störe. Ich hab ein bisschen was getrunken aber glaub mir, der Kater war sofort verflogen. Ich weiß nicht mal mehr, wo das Auto stand hab zu sehr auf Fedi den Sohn der Familie aufgepasst.

Bleibt Ihnen noch eine Idee?

Nicht wirklich. Ich habs schon alles probiert. Sonst wenn jemand Geld hätte oder ein Taxi rufen könnte wohne weit draußen, aber meine Schlüssel sind ja ebenfalls in der Jacke. Und ohne Handy Am 1. Januar bekommst du keinen Schlüsseldienst. Er sah ganz verloren aus.

Nun wurde Anja nachdenklich. Nur noch eine Möglichkeit: Die richtige Wohnung finden.

Moment wir haben einen Haus-Chat! Nur auf Mamas Handy

Du wohnst mit deiner Mama?

Ja.

Ich dachte erst, Mann, Kinder, die schauen gleich um die Ecke.

Ich bin nicht verheiratet. Und Sie keine Sorge, Mama schläft.

Ich hab auch keine Familie. Getrennt seit vier Jahren. Und jetzt wohne ich eigentlich woanders.

Bleiben Sie kurz hier. Ich hol das Handy.

Sie schlich auf Zehenspitzen ins Schlafzimmer aber Mama wachte trotzdem auf:

Anja, was machst du denn? Ist was?

Geh ruhig schlafen, Mama, ich schau nochmal nach dem Essen, murmelte sie und schnappte sich das Handy.

Als sie in die Küche zurückkam, stand Paul am Spülbecken, wollte helfen. Sie wuchtete rasch alles in den Kühlschrank, dann setzten sie sich mit Tee vor den Fernseher.

Sie öffnete den Chat nichts los, auch jetzt gratuliert sich im Haus kaum einer öffentlich.

Was schreibt man denn da? Hm…

Paul entdeckte ein Kinderfoto von Anja in der Wohnwand, guckte hin.

Schönes Bild… Na dann

Und so übertrafen sie sich gegenseitig mit absurderen Textvorschlägen: Ein Mann hat das Haus verlassen und findet nicht mehr zurück Nein, besser: Vermisst wird ein 29-jähriger Junge namens Paul Paul, bitte melde dich in Wohnung

Nein, nicht unsere Wohnung! Mama versteht doch keinen Spaß!

Bist du sicher?

Absolut.

So ging das eine Weile, sie kicherten schon wie Teenies über ihre Sprüche.

Und plötzlich während sie noch im Spaß tippt, schickt Anja den Text raus ohne groß zu überlegen:

Frohes neues Jahr! Achtung!
Im Haus wird ein 29-jähriger Junge namens Paul vermisst. Er sucht die Wohnung, in der er gefeiert hat. Er weiß die Nummer nicht mehr. Kennt auch keine Handynummern. Helft ihm bitte!

Oh Gott, ich habs wirklich rausgeschickt! Warte, gib her

Doch sofort knallte eine Antwort rein:

Paulchen? Das ist die 87! Zweiter Eingang, sechster Stock. Hau rein bei uns wir machen Mädelsabend! Ein Paul ist immer willkommen!

Leite das gleich in die Hausgruppe weiter. Paul, wir helfen dir!

Und schon war der Haus-Chat im Ausnahmezustand.

Paul, bring wenigstens Schnaps mit! Sonst bist du kein richtiger Paul! 121, los!

Ich sitze hier traurig und hätte nichts gegen Gesellschaft. Paul, bist du auch einsam?

Im Haus ist Chaos! Kann schon seit Stunden nicht schlafen Wenn ihr wenigstens im Aufzug feiern würdet, dann ladet mich ein!

Paulchen, komm in die Vierte. Bist herzlich eingeladen! Deine Oma Karla.

Frohes neues Jahr, Hausgemeinschaft! Auf Paul! Wir treffen uns vorm Haus, helfen dir!

Und so weiter tatsächlich: Die halbe Siedlung wollte Paul helfen. Es regnete Einladungen, Leute schrieen von den Balkonen, warteten vorm Haus.

Da unten sammeln sich schon welche, Anja schaute raus.

Paul, rauskommen! rief jemand.

Dann müssen wir wohl gehen Paul lächelte sie an.

Auf keinen Fall ohne Jacke, du ziehst meinen Ersatzparka an. Auf gehts.

Jetzt dutzten sie sich schon. In Windeseile angezogen, im Aufzug ein kurzer Blickkontakt da war was im Blick. Paul griff nach ihrer Hand, drückte einmal fest.

Doch dann ging die Tür auf.

Und ihr helft jetzt auch Paul? fragte eine lachende Dame mit Goldkrönchen.

Ich bin Paul.

Hättest besser gleich zur 87en gehen sollen!

Jetzt war draußen richtig Stimmung: Leute liefen herum, boten Getränke an, aus einer Wohnung wurde Musik rausgeschleppt, Sekt floss, es wurde getanzt, Kinder, Weihnachtsmann und Christkind waren auch schon da.

Paul wurde herumgereicht, jeder wollte ihm helfen, irgendwo wurde gelacht und mit ihm angestoßen. Tatsächlich er hatte den Eingang verwechselt, die Silvesterparty war im Nachbarhaus!

Die Frauen von der 87 schmeichelten, die Kinder umarmten ihn, und Anja stand ein bisschen abseits, schaute zu und lächelte.

Wer hätte das vor einer Stunde gedacht dass aus einer stillen Nacht so ein Fest wird? Der Hof wimmelte, man tanzte im Kreis, Anja wurde mitgezogen, Lachen überall.

Paul! Hier bin ich! durchbrach jemand die Menge.

Vitus! Endlich!

Gefunden, gefunden! rief die Menge.

Anja sah, wie Paul Mamas Jacke zurückgab, seine eigene Jacke anzog, Hände wurden geschüttelt, alle lachten und feierten. Ein Freund mit Gitarre stimmte ein Lied an.

Sie glaubte, Paul schaute nochmals durch die Menge, vielleicht nach ihr aber mit dem Trubel

Sie schlich sich nach Hause, Mama schlief, und Anja räumte auf, löschte dann sicherheitshalber die Chatnachrichten auf dem Handy ihrer Mutter.

Später auf dem Balkon hörte sie das Lachen im Hof. Vielleicht suchte Paul sie wirklich oder auch nicht, er hatte jetzt genug Leute um sich.

Die Balkontür ging auf: Mama, in Decke gewickelt, kam raus.

Du bist noch wach?

Die Tür klapperte, bist du raus? Mama lugte hinunter. Ohje, was für eine Party! Wie früher! Wer hat denn das organisiert?

Anja zuckte die Schultern.

Keine Ahnung.

Vielleicht brauchten die Leute einfach manchmal sowas einen kleinen Anstoß, um zusammenzukommen.

Und trotzdem blieb ein kleines bisschen Wehmut

**

Am Neujahrsmorgen wachte Anja gegen elf auf, erinnerte sich an das Ganze und fand, dass dieser Jahreswechsel doch irgendwie besser gewesen war als die letzten.

Mama machte sich auf zum Käffchen mit ihrer alten Freundin, das war Tradition bei ihnen jeden ersten Januar. Anja half noch bei der Outfitwahl, weil Mama vor den Freundinnen wieder schick aussehen wollte.

Am zweiten schlich sich Anja zu Viktoria raus ihre Studienfreundin, die inzwischen mit der Familie in Bergisch Gladbach im halbgebauten Haus lebte.

Dort entdeckte Anja zufällig einen Weihnachtsmann im Papierkorb.

Warum habt ihr den Opa Weihnachten denn weggeworfen?

Wo denn? Viktoria kramte den kleinen Weihnachtsmann heraus, Der stand doch unterm Baum!

Das war Milena, meldete sich der achtjährige Egon.

Denn Milena war zum ersten Mal mit zu einer richtigen Kinder-Weihnachtsfeier gewesen und hatte schreckliche Angst vorm echten Weihnachtsmann bekommen. Daheim verstaute sie dann das Plastik-Pendant genervt im Müll beleidigt.

Von dort fuhr Anja wie immer müde, aber voller Herz und mit etwas Neid auf Viktorias heile Familie zurück nach Hause.

Daheim erzählte sie Mama von der Story, zeigte Bilder, dann fielen sie aufs Sofa schöner Film gerade.

Mamas Handy summte pausenlos.

Was ist denn heute los?! Zwei Tage und die Gruppe dreht durch

Noch Glückwünsche? gähnte Anja.

Nee, irgendwas anderes. Wir beide haben feine Silvesterruhe gehabt, aber im Haus sucht jemand ein Mädchen. Paul sucht sie und kannte keine Nummer

Anja schaltete halb zu: Ach, lass, gleich ist Film weiter.

Doch Mama wurde misstrauisch und scrollte durch die Gruppen. Also irgendein Mädchen hat Silvesternacht jemandem geholfen der Paul ist ganz verrückt auf sie! Sie wohnt bei uns, dreizimmerwohnung, dunkle Haare, hübsch und jetzt suchen sie sie!

Zuerst hat Anja sich kaum getraut, zu reagieren. Doch dann war ihr klar: Das bin ja ich

Mama, ich glaub, das Mädchen das bin ich!

Wer sucht dich denn?

Wer weiß Sie konnte kaum den Blick vom Handy wenden.

Was ist los, Anja?

Ich glaub, das bin wirklich ich. Paul sucht mich. Diese ganze Silvester-Rettungsaktion Es steht alles im Chat.

Sie nahm ihr Handy, scrollte hoch zu den Anrufen. Die Nummer von Paul sollte ja unter entgangene Anrufe stehen.

Schnell rief sie zurück.

Hallo?

Hallo? Wer ist da?

Paul, ich bins Anja.

Erleichtertes Lachen.

Endlich! Da bist du ja! Ich wollte schon wieder von Tür zu Tür gehen. Wie heißt du eigentlich, schöne Unbekannte?

Anja.

Frohes neues, Anja! Und eins: Ich geh dir nicht mehr verloren. Ich komme sofort vorbei dann kann unser Haus endlich aufhören, dich zu suchen!

Anja lachte.

Ach, lass sie doch. Ich glaub, den Leuten hat das richtig Spaß gemacht, mal wieder jemanden zu finden.

Sie lachten beide. Die Menschen vermissten gemeinsames Miteinander die Hilfsbereitschaft war riesig.

Und Paul war unterwegs.

Film ist zu Ende, Anja, hast du wieder was verpasst Was war denn los?

Mama, ich hab das Gefühl, dein Neujahrswunsch für mich beginnt schneller wahr zu werden, als du denkst.

Wunsch? Herrje Wer weiß, was da in Erfüllung geht dein Mitternachtswunsch oder meiner. Oder einfach, weil es Zeit war. Vielleicht ist es auch einfach ein kleines Wunder. Silvester eben Wo alles möglich ist.

***Draußen überzog noch Frost die Tannenzweige vor dem Fenster, aber in Anja war auf einmal eine gespannte Wärme. Sie eilte ins Bad, warf einen prüfenden Blick in den Spiegel, kramte dann nach dem besten Pulli. So ein Herzklopfen hatte sie lange nicht gehabt und Mama saß belustigt auf dem Sofa, beobachtete jedes Detail.

Als es klopfte, öffnete sie diesmal ohne zu zögern.

Paul stand da, ein Strauß bunt zusammengeraffter Läden-Blumen in der Hand, sein Lächeln fast noch unsicher, aber diesmal voller Hoffnung.

Ich hatte echt Angst, dich nicht mehr zu finden, murmelte er.

Das sollte jetzt wohl kein Problem mehr sein, erwiderte Anja, und beide lachten. Und so, zwischen müden Neujahrsmorgen, Lachen im Hausflur und einer Mama, die augenzwinkernd im Hintergrund verschwand, fühlte es sich plötzlich leicht an.

Es war nichts Magisches geschehen kein Ball, kein Zauber, kein Blitz nur ein Haus voller seltsamer Nachrichten, ein bisschen Mut und viele freundliche Fremde. Aber vielleicht war genau das das kleine Silvesterwunder: dass sich Türen öffnen, wenn man einmal nicht aufgibt, zu suchen.

Draußen krachten Böllerreste, drinnen war es leise. Doch als Paul ihre Hand nahm, glaubte Anja, das neue Jahr könnte doch ganz gut beginnen. Ein Anfang war geschafft. Und im Haus würde noch lange die Geschichte vom verlorenen Paul und der Suchaktion für das Glück erzählt werden immer zu Silvester, wenn irgendwo im Flur schon der Sekt knallte und vielleicht, eines Tages, ein anderer Nachbar auf die Idee kam, jemanden im Haus-Chat zu finden.

Mitten im Gewöhnlichen, dachte Anja, beginnen manchmal die schönsten Abenteuer. Und manchmal reicht ein Silvesterwunsch oder einfach Mut, die Tür zu öffnen.

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Homy
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