Rache

Rache

»Hör mal, Leni, ich hab einem Kollegen versprochen, beim Umzug zu helfen.«

»Heute?«, fragte Leni ihren Mann.

»Er hat eine neue Wohnung gekauft, eine Dreizimmerwohnung. Seine Frau steht kurz vor der Geburt.«

»Und letzten Samstag habt ihr ein neues Auto irgendeines anderen eingeweiht. Deine Kollegen sind alle so erfolgreich. Nur wir haben weder ein neues Auto noch eine große Wohnung. Warum eigentlich, Tom?«

»Nörgel nicht, Leni. Ich verspreche dir, nächstes Wochenende verbringen wir Zeit zusammen.« Tom umarmte seine Frau und sah ihr in die Augen.

»Das glaube ich kaum. Jedes Wochenende gibt es bei dir unvorhergesehene Umstände.« Leni wich zurück.

»Soll ich anrufen und sagen, dass ich nicht zum Umzug kommen kann?«, fragte Tom mürrisch.

»Nein, nein. Du hast es versprochen, also geh.«

Tom hellte sich sofort auf.

»Leni, du bist ein Schatz. Also, ich gehe dann?« Er wollte sie küssen, doch Leni stemmte ihre Hand gegen seine Brust und schob ihn sanft weg.

»Hauptsache, du vergisst es nicht bis zum nächsten Wochenende«, sagte sie.

***

Sie hatten alle drei zusammen an der Uni studiert. Wie so oft gefiel Leni Markus, doch sie mochte Tom. Sie saßen gemeinsam in Vorlesungen, gingen ins Kino, und die beiden brachten sie nach Hause. Eines Tages gestand Markus Leni seine Liebe.

»Es tut mir leid, aber ich mag Tom«, gestand sie ehrlich.

»Ich verstehe. Gegen das Herz hat man keine Chance«, seufzte Markus.

Danach setzte er sich nicht mehr mit ihnen in die Vorlesungen und brachte Leni auch nicht mehr nach Hause. Wenn sie doch mal ins Café gingen, verabschiedete er sich immer schnell.

Tom hatte eine kleine Wohnung, die er von seinem Opa geerbt hatte. Die ganze Gruppe hing oft bei ihm ab. Leni kam auch, blieb aber nie über Nacht, egal wie sehr Tom sie darum bat. Doch in der Silvesternacht blieb sie. Bald darauf zogen sie zusammen.

Markus kam selten vorbei. Es fiel ihm schwer, das Glück seines Rivalen und Freundes zu sehen.

»Wann heiratet ihr?«, fragte er, als sie alle ihren Abschluss feierten.

»Uns gehts doch gut so, oder, Leni?«, antwortete Tom für beide.

Leni senkte den Blick und schwieg.

»Das ist nicht fair. Jedes Mädchen träumt von einer Hochzeit und einem weißen Kleid. Leni, verlass ihn doch und heirate mich«, sagte Markus plötzlich.

Tom warf ihm einen dunklen Blick zu.

»Eigentlich wollte ich schon lange einen Antrag machen, ich wartete nur auf den richtigen Moment.« Tom zog einen Ring aus der Tasche und hielt ihn Leni hin. »Willst du mich heiraten?«, fragte er und durchbohrte sie mit seinem Blick.

Leni strahlte vor Freude.

»Natürlich«, sagte sie, ohne zu bemerken, wie Markus aufstand und ging.

Zwei Monate später war Markus Trauzeuge auf ihrer Hochzeit.

»Leni, wenn er dich jemals schlecht behandelt, sag es mir sofort«, sagte er am Hochzeitstisch.

»Und du? Hast du selbst Heiratspläne?«, fragte Leni.

»Er wartet darauf, dass wir uns scheiden lassen«, lachte Tom. »Wirst du nicht erleben.« Er warf Markus einen siegesgewissen Blick zu.

»Schluss jetzt«, beendete Leni den Streit. »Komm, lass uns tanzen.« Sie zog Tom vom Tisch.

Drei Monate nach der Hochzeit kam Markus zu Lenis Geburtstag mit einem riesigen Strauß roter Rosen. Als die Gäste gegangen waren, konnte sich Tom nicht beruhigen. Er warf Leni vor, sie habe zu begeistert auf die Blumen reagiert.

»Sei nicht eifersüchtig, ich liebe nur dich«, sagte Leni.

»Hoffentlich«, murmelte Tom vor sich hin.

Drei Jahre vergingen. Die beiden waren glücklich, doch es gab Streit und Missverständnisse. Der Hauptgrund war Toms Eifersucht. Er war eifersüchtig auf jeden, der Leni Aufmerksamkeit schenkte. Tom wollte, dass sie schnell ein Kind bekam und zu Hause blieb.

Doch Leni wollte erst Berufserfahrung sammeln. Plötzlich bemerkte sie, dass Tom sich seltsam verhielt. An den Wochenenden fand er Gründe, um das Haus zu verlassen. Wenn er daheim blieb, war er unzufrieden, gelangweilt und gereizt.

»Markus, weißt du, ob Tom jemanden hat?«, fragte Leni ihn eines Tages.

»Leni, was redest du da? Er liebt dich«, sagte Markus, doch er vermied ihren Blick.

»Du kannst nicht lügen«, grinste Leni.

***

Und wieder war Tom verschwunden. Leni seufzte und begann aufzuräumen. Als die Wohnung blitzte und die Wäsche auf dem Balkon trocknete, klingelte es. Leni dachte, Tom wäre zurück, doch der hatte seinen Schlüssel. Sie öffnete und sah Markus vor sich.

»Du? Wo ist Tom?«, fragte sie statt einer Begrüßung.

»Ist er nicht da?«, antwortete Markus mit einer Gegenfrage. »Darf ich rein? Also, wo ist Tom?«

»Komm rein, wenn du schon hier bist. Möchtest du Tee? Tom hilft jemandem beim Umzug.«

»Stimmt, das hatte ich ganz vergessen.« Markus schlug sich gegen die Stirn. Leni sah ihn misstrauisch an, sagte aber nichts.

Sie tranken schweigend Tee, die Stille wurde unangenehm.

»Leni, ich mag dich immer noch«, brach Markus das Schweigen.

»Markus, ich dachte, du hättest dich längst damit abgefunden.«

»Ich wollte es nur sagen, damit du es weißt.«

»Ich weiß es, Markus.«

»Es gibt noch etwas.« Er trank einen Schluck, ohne sie anzusehen.

»Das klingt dramatisch. Soll ich anfangen, mir Sorgen zu machen?«

»Tom glaubt, dass du ihn betrügst. Dass du jemand anderen hast«, platzte Markus heraus.

»Ich weiß. Hat er dich gebeten, herauszufinden, mit wem?« Leni lächelte bitter. »Da ist niemand. Du hast selbst gesagt, dass ich meinen Mann liebe.«

»Tom wollte, dass ich dir den Hof mache. Du verstehst schon…« Er errötete vor Verlegenheit.

»Nein, verstehe ich nicht.«

»Er bat mich, dich zu verführen«, sagte Markus mit gesenkter Stimme.

»Eine Prüfung?«, begriff Leni.

»So etwas in der Art. Denk nicht schlecht von mir, ich habe sofort abgelehnt. Aber du kennst ihn. Wenn er sich etwas in den Kopf setzt… Lieber ich als ein Fremder. Er wollte nicht, dass ich es dir sage.«

»Ernsthaft? Du wusstest, dass er nicht da ist, und bist trotzdem gekommen?«, empörte sich Leni.

»Leni, ich sagte zu, vorbeizukommen, aber nicht mehr. Deshalb bin ich ehrlich zu dir.« Markus schwitzte vor Aufregung.

»Das ist gemein! So etwas hätte ich von Tom, aber nicht von dir erwartet. Weißt du, wer einen anderen verdächtigt, ist oft selbst schuldig. Sag mir, warum Tom so denkt. Ich gab ihm keinen Grund. Hat er jemanden?«

»Ich weiß es nicht.« Markus stand auf, nahm ein Küchentuch und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Bevor er sich setzen konnte, stoppte Leni ihn kühl.

»Ich denke, du solltest gehen.«

»Ja.« Markus zögerte. »Leni, du kannst immer auf mich zählen.«

»Markus, geh!«

Leni konnte nicht glauben, dass Tom so tief gesunken war. Und ausgerechnet mit Markus? Wie dumm. Oder hatte Markus alles erfunden, um sie zu entzweien? Aber warum hätte er es dann gestanden? Ihr Kopf rauchte, doch Antworten fand sie nicht. Wut und Enttäuschung stiegen in ihr auf. Eigentlich hätte sie längst eifersüchtig sein müssen. Wo war er bloß jedes Wochenende?

Leni beschloss, nichts zu unternehmen. Sie musste sich beruhigen und einen Plan machen. Als Tom heimkam, deckte sie den Tisch zum Abendessen. Er sah nicht müde aus, eher erfrischt.

»Hast du deinen Kollegen umgezogen?«, fragte Leni ruhig.

»Mhm.«

»Und nicht mal angestoßen?«

»Seine Frau ist schwanger, sagte ich doch.«

»Sind sie in eine andere Stadt gezogen? In der Zeit hätte man zweimal hin- und zurückfahren können.«

»Die Möbel wurden direkt aufgebaut«, antwortete Tom, ohne von seinem Teller aufzusehen.

»Markus war heute hier. Warum hast du ihn nicht um Hilfe gebeten?«

»Er sagte, er sei beschäftigt. Und warum war er hier?« Tom sah sie an.

Leni zuckte mit den Schultern.

»Wir haben geplaudert, ich gab ihm Tee.« Sie beobachtete ihn aufmerksam.

»Ich bin müde, gehe duschen.« Tom stand auf.

Leni dachte einige Tage nach, dann beschloss sie, sich zu rächen. Wenn er sie prüfen wollte, würde sie dasselbe tun. Eine junge, attraktive Kollegin ohne strenge Moral arbeitete mit ihr zusammen. Leni lud sie ins Café ein und erklärte ihren Plan.

»Und du hast keine Angst?«, fragte Eva spöttisch.

»Dass du meinen Mann verführen könntest? Dafür kam ich ja zu dir. Aber nicht wirklich, verstehst du? Es reicht, wenn ich euch überrasche, zum Beispiel beim Küssen.«

Eva grinste.

»Ist der Mann wenigstens was wert?«

»Durchaus. Am Samstag versprach Tom, daheim zu sein. Ich denke mir etwas aus, etwa dass eine Freundin mich zum Babysitten braucht. Du kommst und sagst, du möchtest auf mich warten, der Rest ergibt sich.«

»Bereust du es nicht?«

Leni zögerte.

»Also, machst du mit?«

Die Zweifel nagten an ihr. Sie war wütend auf Tom. Wie konnte er ihr so etwas unterstellen? Und dann noch Markus schicken? Nun sollte er beweisen, ob er einer Schönheit widerstehen konnte.

Tom war empört, als Leni am Samstag ankündigte, für einige Stunden wegzugehen.

»Eine Kollegin bringt Unterlagen vorbei, wartest du bitte auf sie?«, bat sie, damit er nicht flüchtete.

Sie ging einkaufen, ihr Handy ausgeschaltet. Doch Unruhe erfüllte sie. Was passierte daheim? Nun gut, Tom hatte sie aus Eifersucht geprüft aber war sie besser? Rache war etwas für Schwache. War sie das? Markus hatte die Wahrheit gesagt, doch Eva… Was wusste sie über sie? Tom zu provozieren, war gemein. Sie hätte einfach reden können…

Sie musste es stoppen, bevor es zu spät war. Hastig lief sie nach Hause, atemlos und sich selbst verfluchend. Wie eine Furie stürmte sie in die Wohnung.

Das Paar auf dem Sofa fuhr auseinander, doch Leni hatte genug gesehen.

»Leni?!« Tom sprang auf, zerzaust und verwirrt.

»Wen hast du erwartet?«

Hinter ihm stand Eva auf, strich sich gelassen das Kleid glatt, fuhr sich durchs Haar und ging wortlos an Leni vorbei zur Tür. Beide zuckten zusammen, als die Tür zuschlug.

»Leni, das ist nicht, was du denkst…«

»Und was soll ich denken? Mit meiner Freundin auf unserem Sofa… Ich kam genau richtig.«

»Leni, sie… Aber ich bin auch nur ein Mann…«

»Und froh darüber. Was machen wir jetzt? Wir sind quitt. Ich weiß, dass man dir nicht vertrauen kann. Ich bekomme ein Kind, bin ans Haus gebunden, und du hilfst beim Umzug oder triffst Freunde? Hör auf zu lügen! Und dann noch Markus. Das ist gemein. Ich will dich nicht mehr sehen.«

»Er hat es dir also doch gesagt! Wusste ichs doch. Ein echter Lump.« Tom schüttelte den Kopf.

»Er ist nicht nur dein Freund, sondern auch meiner«, erwiderte Leni.

»Leni, das war doch nur ein Spiel… Ich gebe zu, ich war im Unrecht, aber du bist auch nicht besser…«

»Ein Spiel für dich? Und wenn ich später gekommen wäre? Hättest du mit ihr in unserer Wohnung geschlafen?«

»Leni, verzeih mir…«

»Genug. Wir führen keine sinnlose Fehde weiter. Wie soll es weitergehen? Misstrauen und so tun, als wäre alles gut? Keiner deiner Kollegen ist umgezogen, das weiß ich. Wir haben keine Kinder, die Scheidung geht schnell. Die Wohnung gehört dir, ich gehe von selbst.« Leni schwieg, um die Tränen zu unterdrücken.

»Zu Markus?«, fauchte Tom.

»Dummkopf!« Leni musterte ihn verächtlich.

Sie fuhr zu ihren Eltern und erzählte ihnen von der Scheidung.

»Ich bleibe so lange hier, bis ich eine Wohnung finde«, sagte sie müde.

»Du hast nicht auf uns gehört, bist zu früh mit ihm zusammengezogen. Erst heiraten…«, begann die Mutter.

»Du brauchst nichts zu mieten. Wir haben gespart. Für schlechte Zeiten, wollten im Alter reisen. Für eine Einzimmerwohnung reicht es«, brummte der Vater.

»Papa, das ist nicht nötig.«

»Hör uns wenigstens einmal zu«, erhob er die Stimme.
Leni gab nach.

Der regnerische Herbst verging, dann der Winter. Silvester wollte Leni allein verbringen. Doch eine Woche nach ihrer Trennung hatte Tom bereits eine andere Frau in der Wohnung ohne auf die Scheidung zu warten. Leni wusste nun, dass er sie schon lange betrogen hatte.

Sie war niedergeschlagen. Um Mitternacht wollte sie Sekt trinken und schlafen gehen. Als es klingelte, dachte sie, ihre Eltern kämen, um sie zu trösten. Doch Markus stand da, mit einem kleinen Weihnachtsbaum und bunten Kugeln.

»Darf ich? Ich wusste, du bist allein.«

»Wie hast du mich gefunden?« Leni war so erleichtert, dass sie ihm fast um den Hals fiel.

Den Baum stellten sie neben die Sektflasche. Leni holte ein weiteres Glas. Sie stießen um Mitternacht an.

»Lass mich raten, was du dir gewünscht hast«, sagte Leni.

»Dasselbe wie du«, lächelte Markus.

Sie lachten. Es war leicht und gut.

Ein Jahr später heirateten sie, neun Monate danach kamen Zwillinge zur Welt, zwei Mädchen. Wenn schon Glück, dann richtig.

Manchmal ist Rache nützlich sie setzt die Punkte auf die i.

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Homy
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