Immer wenn Florian bei Johanna zu Besuch kam, wurde sie förmlich ein bisschen kindisch vor Freude. Das passierte einfach vor Glück. Sie begann zu wuseln, rückte sich den Rock zurecht, versteckte das wild verstreute Zeug Kleider, Tücher, Schuhe, die sie noch schnell vor seinem Besuch anprobiert hatte rasch unter das Sofa oder hinter die Kissen und nestelte eilig die Lockenwickler aus ihren Haaren. Dann verschwand sie im Bad, kämmte sich sorgfältig, trug roten Lippenstift auf und trat schließlich, in voller Pracht, zu Florian ins Wohnzimmer.
Wie sollte sie auch nicht glücklich sein? Überlegen Sie doch mal.
Johanna war alleinerziehende Mutter. Verheiratet war sie nie wirklich. Mit ihrem Torsten war sie vielleicht zwei Monate zusammen, dann packte er seine Sachen und zog zurück in seine Heimat, irgendwo weit weg Johanna hatte nie wirklich verstanden, wohin. Vielleicht kam er aus Rumänien, vielleicht aus Polen. Immerhin hatte er in München auf dem Viktualienmarkt gearbeitet. Was genau er dort gemacht hatte, wusste Johanna bis heute nicht.
So verließ er sie, der Torsten, ihre große Liebe und hinterließ ihr ein kleines Andenken: Sie war nämlich zu dem Zeitpunkt bereits in der dritten Woche schwanger, hatte es aber noch nicht gewusst. Als Torsten dann ganz ausblieb und über einen Monat nicht mehr zu ihr kam, dämmerte ihr langsam, dass sie nicht mehr allein war.
Pünktlich zur rechten Zeit brachte sie einen Sohn zur Welt. Und der war wirklich wunderschön! Kein Wunder Johanna war eine Erscheinung, und Torsten sah auch aus wie aus einem alten Märchenbuch. Der Kleine war einfach niedlich geworden Söhnchen Paul.
Mit Paul hatte sie wirklich Glück. Er war ein ruhiges Baby, schlief die meiste Zeit friedlich. Und wenn er wach war, saugte er mit großer Sorgfalt an ihrer Brust. Milch hatte Johanna wie eine prächtige Milchkuh sie hätte locker noch ein zweites Kind satt bekommen.
Auch die klassischen Kinderkrankheiten ließen Paul weitgehend in Ruhe.
Seinen Namen hatte sie nach dem Schauspieler Paul Hubschmid ausgesucht während ihrer Schwangerschaft hatte sie zufällig einen alten Film im Fernsehen gesehen, Die Zürcher Verlobung, und der Hauptdarsteller erinnerte sie irgendwie an ihren Torsten. Eine andere Wahl gab es für Johanna nicht. Also wurde es: Paul Torsten Richter. Den Namen sprach sie oft leise für sich aus, er klang wie Musik.
Klein Paul war ein Sonnenkind. Wenn Johanna Mittagessen kochte oder die Wohnung putzte, legte sie ihm eine Decke auf den Wohnzimmerboden, stellte Stühle als Begrenzung drumherum und setzte Paul in die Mitte. Sie gab ihm eine ihrer alten Handtaschen, ein paar Lockenwickler und Stoffreste zum Spielen. Still und zufrieden, ohne zu meckern, spielte Paul friedlich vor sich hin. Selbst als Johanna mal rasch in die Küche entschwand und zurückkam und Paul sich versehentlich mit dem Kopf zwischen zwei Stühlen verkeilt hatte er versuchte nur stumm und beharrlich, die Stühle beiseitezuschieben.
Als Paul größer wurde, kamen neue Sorgen nicht hinzu. Johanna ließ ihn ohne Bedenken draußen auf dem Hof spielen. Sie bat ihn nur immer, alle zehn Minuten ans Fenster zu kommen ihre Wohnung lag im Erdgeschoss , um zu rufen: Mama, ich bin hier!
Da er aber keine Uhr besaß, kam Paul alle drei Minuten ans Fenster und rief, bis Johanna schließlich hinausblickte und zurückrief: Alles gut, mein Schatz! Trotzdem blieb er manchmal stehen und ging nicht fort. Dann fragte sie: Was ist denn noch? Und Paul sagte: Du hast mir noch nicht gelächelt! Also schenkte sie ihm ein echtes, warmes Lächeln nicht, weil er es forderte, sondern weil es aus ihrem Herzen kam. Und dann rannte Paul wieder lachend zu den anderen Kindern auf den Spielplatz.
Einmal rief Paul von draußen sein Mama, ich bin hier!, und als Johanna am Fenster schaute, hielt er ein kleines Kätzchen im Arm:
Mama, das hat mir eine Nachbarin gegeben. Sie meinte, er heißt Fritz und wir sollen gut auf ihn aufpassen, da würdest du dich sicher freuen.
So ehrlich stand Paul da, dass Johanna nur lächeln konnte. Dann sagte sie:
Fritz hat bestimmt Hunger. Kommt beide rein, ich geb ihm einen Napf mit Milch.
Und Paul rannte mit dem Kätzchen glücklich die Treppe hoch. Paul war nun überglücklich, aber Fritz schien noch ein wenig schüchtern.
So lebten sie zu dritt, bis Johanna Florian kennenlernte.
Florian war in ihrem Alter, hatte nie zuvor geheiratet. Ein solider Mann, noch nicht alt, mit beiden Beinen im Leben. Er arbeitete in einer Schreinerei und verdiente nicht schlecht. Bald begann er, am Samstagabend bei Johanna zu übernachten. Er sprach wenig, aß dafür umso mehr und trank nicht allzu viel. Vor seinem Besuch stellte Johanna immer eine Flasche Korn kalt und legte eine kleine Kristallstamperle für ihn bereit. Die mochte Florian besonders.
Dieser Samstag war wieder wie üblich: Florian kam, gab Paul im Flur die Hand, setzte sich auf das Sofa und wartete, bis Johanna ihren kleinen Begrüßungsreigen beendet hatte. Dann machten sie es sich zu viert auch Fritz durfte auf Pauls Schoß Platz nehmen mit einer Fernsehsendung gemütlich und gingen danach gemeinsam essen.
Nach dem Essen legten sie sich wie immer alle etwas hin, um zum Abendspaziergang Energie zu tanken.
Als Johanna die Tür zu Pauls Zimmer schloss und sich an Florian schmiegte, den Kopf auf seinen Arm gelegt, begann er plötzlich über die Zukunft zu sprechen:
Ich denke, wir wohnen erstmal bei dir. Später suchen wir was Größeres. Oder ich vermiete meine Wohnung und wir verdienen was dazu. Aber weißt du, Johanna… Katzen mag ich überhaupt nicht. Fritz müssten wir weggeben…
Fritz, verbesserte Johanna ihn angespannt.
Ja, eben, Fritz…
Dann schwieg er einen Moment und erklärte dann mit ernster Miene, als sei alles ganz klar:
Und den Paul bringen wir übers Wochenende zu meiner Mutter aufs Land. Da ist frische Luft, eine gute Schule gibts auch. Wir sind doch noch jung, da können wir noch viele eigene Kinder bekommen.
Johannas Kopf blieb regungslos auf seiner Schulter. Lange lagen sie schweigend ohne ein Wort. Dann stand sie leise auf, als schämte sie sich, raffte schnell ihren Bademantel um sich, trat zum Sessel, wo Florians Sachen lagen, nahm seine Hose auf und reichte sie ihm.
Na dann… Deine unfrische Hose zieh sie an und mach dich auf den Weg.
Wohin denn?
Zu deiner Mutter aufs Land, an die frische Luft. Uns dreien hier reicht die frische Luft im Englischen Garten völlig.
Das Leben zeigte ihr: Wahres Glück findet man nicht durch Kompromisse, sondern wenn man zu sich selbst und seinen Lieben steht. In kleinen Familien sind es oft die einfachen, treuen Bande, die das Leben hell machen und zeigen, was wirklich zählt.



