– Aus Mitleid habe ich meine Frau geheiratet. – Ja, aber ich habe sie doch auch nur aus Mitleid geheiratet.

Ich habe meine Frau eigentlich aus Mitleid geheiratet.
Aus Mitleid? Ich ja auch.

Aus Mitleid mit wem?

Na, nicht mit mir selbst. Mit ihr halt. Glauben Sie nicht? Ich würde es selbst heutzutage nicht glauben.

Friedrich Heinrich nahm einen ehrfürchtigen, ersten Morgenschluck Kaffee, verzog jedoch das Gesicht unzufrieden.

Den Kaffee kochte seine Frau immer göttlich, besser als er es jemals schaffte. Auch hier, im Kurhaus, hatte er schon verschiedene Cafés ausprobiert kein einziger Kaffee kam an den seiner Frau heran.

Sein Gesprächspartner ein älterer Herr, ebenfalls allein angereist bewohnte das Nachbarzimmer. Sie hatten sich unmerklich angefreundet und machten morgens gemeinsam Spaziergänge an der Ostseepromenade.

Friedrichs Frau verschwand morgens stets zu den empfohlenen Anwendungen, und diese Zeit nutzte Friedrich für einen Plausch mit seinem Nachbarn Sebastian Schneider.

Nicht mit mir selbst. Mit ihr, ganz klar. Glauben Sie nicht? Würde ich es an Ihrer Stelle auch nicht.

Sie ist doch jünger als Sie, oder?

Ja, neun Jahre jünger. Anfangs habe ich sie gar nicht als Frau wahrgenommen. Eher als halbes Kind, eckiger Teenager. Später habe ich dann genauer hingesehen und staunte bloß.

Warum haben Sie dann geheiratet? Ganz ohne Liebe?

Schwer zu sagen. Am Anfang habe ich sie ja eigentlich gekauft wenn Sie es so nennen wollen.

Gekauft? Erzählen Sie! Ich war zweimal verheiratet, zweimal geschieden, lebe jetzt allein. Meine Geschichten sind anderes Kaliber. Aber Ihre würde mich interessieren. Ihre Frau so eine findet man nicht oft!

Wo ich sie fand? Ach, am liebsten möchte ich es vergessen. An der See, aber nicht an der Ostsee am Wattenmeer, in Wilhelmshaven war das. Dort, auf der Werft, wurde viel gebaut mein Vater war ein hohes Tier im Ingenieurwesen und schickte mich dorthin. “Da frierst du wenigstens nicht”, hat er gelacht. Ich war damals 28 und schon Abteilungsleiter.

Eines Tages schlenderten mein Kollege Viktor promovierter Ingenieur und ich über den Fischmarkt. Ich hätte nie gedacht, dass ich in so einem schäbigen, fischigen Viertel meine Ehefrau finde. Hätten Sie sie damals gesehen! Vollwaise, ihre Tante grantig wie eine Bulldogge, selbst arbeitsam.

Aber aufgefallen ist sie Ihnen doch?

Ach was! Uns beiden. Aber anders, als Sie denken, Sebastian. Ich war zum ersten Mal da, hielt mir die Nase zu: Es stank bestialisch! Becken mit lebenden Fischen, direkt vor Ort ausgenommen, man konnte gleich eine Portion Bratfisch bekommen. Das Gemetzel am Schlachttisch konnte ich kaum ansehen. Die Leute in Wachsschürzen, die Hände voll Blut. Igitt.

Frauen wie Männer schufteten da. Und dazwischen ein junges Mädchen, höchstens fünfzehn, sonnengebräunt, ganz schmal man hätte sie mit einer Hand um den Hals packen können. Das Messer, das sie hielt, größer als vom Koch.

Ich dachte, ich halt das kaum aus, und sie hackte ungerührt Fischköpfe ab, zog Därme raus.

Wir gingen weiter, wollten ja Fisch für die Feier kaufen. Plötzlich Geschrei hinter uns. Wir drehen uns um eine stämmige Frau packt das Mädel, taucht ihr Gesicht mitten ins Fischgemisch. Sie richtet sich auf, Fischblut im Gesicht, wischt es mit der Hand weg. Wieder wird sie hinuntergedrückt.

Alle drumherum motzen, manche trauen sich zu schimpfen, aber niemand greift ein.

Also bin ich los, Viktor hinterher. Habe die Frau am Arm gepackt und weggezogen. Die war bärenstark, hätte mich beinahe umgeworfen, aber sie ließ los, überrascht.

“Ich bring die Göre um! Sie hat den ganzen Fisch ruiniert, Miststück!” schrie sie, drehte sich auf dem Absatz um und verschwand im Getümmel.

Das Mädchen stand da, wischte sich Dreck und Schuppen aus dem Gesicht. Schürze blutverschmiert, schlanke Beine in Gummistiefeln. Und ich daneben, in meiner schicken hellen Hemd, weißen Brogues an den Füßen.

Ich kramte verzweifelt nach einem Taschentuch, fand keins. Suchte nach irgendwas, fand einen Lumpen unter dem Tisch, reichte ihn ihr, ihre Hände dreckig, wischte ihr dann selbst mit dem Lappen übers Gesicht. Nahm ihr ein paar Fischschuppen ab. Was für ein Wunderkind, dachte ich.

Ich fragte:
Deine Mutter?

Sie schüttelte den Kopf, kaum hörbar: “Tante.”

Warum schlägt sie dich?

Ich hab die Köpfe verwechselt.

Eine Frau neben uns sprach dazwischen.

Sie sollte nur die Köpfe abschneiden. Lotte hats vergessen, und die Tante brüllt sofort los.

Und dafür wird sie geschlagen? empörte sich Viktor.

Das Mädchen arbeitete weiter. Keine Träne, routiniert wurde geputzt. Wir verließen den Markt, stanken selbst nach Fisch, überall Spritzer am Hosenbein. Verärgert, haben wir geschimpft.

Das war sie also? Charlotte?

Friedrich nickte, nippte am Kaffee und verzog wieder das Gesicht. Lieber einen vernünftigen Kaffee!

Sie wars. Wer hätte das gedacht. Ich hatte damals eine feste Freundin in Berlin, studierte an der Humboldt-Uni, oft Streit, sie war anspruchsvoll, aber Mutter und Vater meinten, sie passt zu mir. War ja auch recht solide.

Und danach?

Naja, das Schicksal führte uns wieder zusammen. Ich fuhr beruflich nach Cuxhaven, unser Unternehmen hatte dort ein neues Lager. Und da sehe ich: wieder das gleiche Mädchen, erkennt sie sofort. Langer Rock, schleppt einen schweren Sack.

Wir hielten an, sie stieg ein. Sie war schüchtern, aber stieg zu. Fragten wohin, war auf unserem Weg.

“Wie gehts denn deiner Tante? Prügelt die immer noch?” fragte ich, ganz fröhlich.

Sie schaute mich so traurig an, dass ich mein Grinsen sofort bereute. Ich fing an, mein eigenes Leid aufzutischen: Opa habe mich auch immer verhauen Aber sie schaute nur aus dem Fenster.

Mein Fahrer, ein älterer Einheimischer, der längst spitz hatte, dass mich das beschäftigt, klärte auf:

“Die wohnen bei uns im Dorf. Die Tante, Martha, ist geizig und seit Jahrzehnten am Fischmarkt. Die kommen aus Bremen, sie ist seit ein paar Jahren hier, Waisenkind, Mutter tot, Vater auch. Was willst machen?”

Warum geht sie nicht zur Tante weg?

Das geht nicht, meinte er. Halb Fischer, halb Hamburgerin. Ihre Mutter war aus Leipzig, ihr Vater ist schon lange tot. Und die Tante braucht eine billige Arbeitskraft. Der Fahrer erklärte, das Mädchen wäre noch vor zwei Jahren viel freundlicher gewesen.

Ich fragte: “Wird die jetzt ewig als Dienstmagd schuften?”

Er meinte bloß: “Na, irgendwann wird sie schon verheiratet.”

Das Thema war erledigt. Wenig später, am Wochenende, führte uns unser Weg wieder zum Fischmarkt. Wer guten Matjes probieren will, kommt dort nicht vorbei!

Da stand sie erneut. Schüchtern nicht mehr, inzwischen sogar recht frech.

“Wie alt bist du?” fragte ich.
“Siebzehn”, sagte sie, “acht Klassen hab ich in Leipzig noch gemacht.” Währenddessen putzte sie weiter Fisch.

“Charlotte heißt du?”
“Ja. Und Sie?”
“Friedrich.”
“Friedrich”, flüsterte sie.

Als wir mit dem Fisch fertig waren, zupfte sie mich plötzlich am Arm.
“Friedrich, kommst du heute Abend zum Leuchtturm an die Promenade? Vielleicht kommst du ja ?” Ihr Blick war so bittend.

Wir hatten den Fisch für eine Feier gekauft das Richtfest für die neue Bohrinsel. Andere Pläne am Abend, dachte ich. Außerdem: Warum sollte ich mich mit ihr treffen? Mitleid ja. Aber Sympathie? Nicht wirklich.

Ich sagte ehrlich, dass ich nicht kommen könne. Bin auch nicht gegangen. Aber ich dachte später noch daran: Was, wenn sie wartet? Aber: Wer bin ich, wer ist sie?

Damals hatte ich diverse Verehrerinnen. Beruflich war ich vielversprechend, attraktiv, junger Berliner, schon mit Verantwortung. Auf der Baustelle schauten die Frauen zu mir auf und weg, wenn ich kam. Aber meist war Arbeit angesagt, nicht Flirten.

Montagabend ließ ich den Fahrer zum Leuchtturm fahren, bloß aus Neugier. Wer weiß! Ein bisschen Austreten, der Tag war anstrengend.

Da saß sie der graue Rock am Ufer. Ich rief sie, sie kam, zurückhaltend aber nicht abweisend.

“Hast du gestern gewartet?” fragte ich.
Sie nickte.
“Ich komm gleich zur Sache”, sagte sie und sah auf die Steine, “Du hältst mich vielleicht für schamlos, aber ich will dich um etwas bitten. Kannst du dich als mein Verlobter ausgeben und meiner Tante ein Brautgeld zahlen?”

Ich musste lachen. Sie bat tatsächlich um Geld für einen vorgetäuschten Brautpreis, versprach, alles bis zum letzten Cent zurückzuzahlen, sobald sie es verdient habe. Sie wollte nur von der Tante weg.

“Wie viel denn?” fragte ich.

Sie nannte einen Betrag, zwei Monatsgehälter von mir. Und ich verdiente damals gut.

Wie sie so sprach, langhalsig wie ein Schwan, mit spitzem Kinn und so etwas Vertrauen in den Augen sie war fest überzeugt, dass irgendwer ihr helfen würde und sie alles brav abstottern kann.

Mein Kollege Viktor meinte, das sei ein Trick. Abzocke, heute nennt man das Business. Nach einem Monat kehre sie zur Tante zurück, die nächste Melkkuh, bitte sehr.

Aber ich sah immer diesen ehrlichen Blick vor mir. Er ließ mich nicht los. Und, ehrlich gesagt, was war das schon für mich? Selbst wenn es ein Betrug war. Für sie vielleicht die Chance zum neuen Leben.

Ich ging zum Markt, flüsterte ihr zu, dass ich bereit wäre. Sie lächelte vorsichtig. Wir kamen überein.

Ein Vorarbeiter namens Weilert, schon lange dort ansässig, half uns und redete mit der Tante. Natürlich wollte die gleich das Doppelte. Weilert diskutierte, ich ließ es laufen das Geld hatte ich sowieso. Aber er riet, erstmal abzuwarten.

Besser wird sie nicht verkauft, meinte er. Sie ist keine Schönheit.

Ich stimmte zu. Große Schönheit war sie wirklich nicht. Groß und kantig, Schultern eckig, schwarze Hände vom Sommer, das Tuch bis über die Augen. Ihre schlanke Kehle hätte ich malen wollen. Traumberuf Künstler, aber Papa wollte mich am Zeichenbrett sehen.

Schließlich reduzierte die Tante tatsächlich das Brautgeld um etwas. Wir holten Charlotte noch am selben Tag aus der Fischbude.

Die ersten Nächte blieb sie in meinem Zimmer, ich selbst zog zu Viktor. Personalnot war dort auch Tradition viele verließen das Projekt schnell wegen mieser Wohnungssituation, harter Arbeit. Auch meine Assistentin, Frau Becker, ging bald fort.

Ich bat Frau Becker, Charlotte einzuarbeiten aber zweifelte, ob das gutgehen würde. Langer Rock, alte Bluse, Gummistiefel, halbtot vor Erschöpfung. Was für ein Start!

Was konnten Sie denn dafür? Sie haben schon geholfen.

Naja ich war immer verwöhnt. Aus gutem Berliner Elternhaus, Geld war da. Wohnung in Berlin, Auto hatte ich damals keines, wurde ja gefahren.

Und dann hole ich sie in mein Zimmer, als wollte ich sie “heiraten” aber frage mich nicht, ob sie etwas zu essen hat, ob sie irgendwas zum Anziehen braucht. Ich fühlte mich heldenhaft, hab ihr geholfen. Aber sie hatte nichts, saß einfach nur, wartete. Kein Geld, kein Hab und Gut und ich kapiere nichts.

Ich gab ihr und Frau Becker dann extra Geld, damit man Charlotte unter die Fittiche nahm. Charlotte bestand darauf, dass alles als Schulden vermerkt wurde. Ich winkte ab Blödsinn, kann sie eh nie zurückzahlen.

Sie kam bald ohne Gummistiefel, immerhin. Frau Becker war zufrieden: “Das Mädel ist pfiffig! Lernt schnell aber Klamotten muss man holen!” Eine Woche lang wirkte sie wie gerupftes Huhn.

Mir war das alles eigentlich egal. Sie war halt zugegen, konnte die Tante nicht beweisen, dass wir nicht verheiratet waren. Heiratsurkunde war egal, Hauptsache: gemeinsames Dach. Wir waren zusammen auf der Arbeit.

Niemand konnte Kaffee oder Tee so gut kochen wie Charlotte. Ihren Tee habe ich geliebt, sie selbst hab ich kaum beachtet.

Friedrich warf einen Blick auf die Uhr.

Charlottes Anwendungen sind gleich vorbei. Danach frühstücken wir. Kommen Sie mit?

Nein, ich habe schon gegessen. Aber bis zum Gebäude spaziere ich gern mit. Es ist spannend! Wie gehts weiter?

Der korpulente Friedrich stemmte sich mühsam hoch. Vielleicht kam Sebastian deshalb Friedrich viel älter als seine Frau vor. Charlote war schlank, elegant und wirkte unglaublich jung. Sie sah mit ihren fast siebzig eher nach fünfzig aus ihr ältester Sohn trug ja schon graue Schläfen! Unglaublich.

Was dann? Das Leben ging weiter, Frau Becker ging, Charlotte blieb. Wie ein Teil des Inventars sie war einfach da. Ihren Tee habe ich geliebt, sie war fleißig. Ich war stolz, dass sie beim Unternehmen war, nicht mehr beim Fischmarkt.

Nach ihrem ersten Gehalt gab sie mir plötzlich Geld.

Notieren Sie das als Teil der Schuld, sagte sie.

Welche Schuld denn?

Da wurde mir klar sie zahlte immer noch das Brautgeld ab. Ich versuchte, das Geld zurückzugeben, schob sie aus dem Büro, aber es lag immer wieder auf meinem Schreibtisch. Na gut, dachte ich, wenn sie unbedingt will.

Dazwischen gab es Prüfungen, Berliner Gäste kamen alles musste organisiert werden. Frauen für Tee, ein bisschen Schnaps wie das so lief in den Siebzigern, wenn eine Inspektion anstand. Strandparty, Sauna.

Einer der Ingenieure fragte unverhohlen nach der hübschen jungen Kollegin alle nickten zustimmend. Ich brauchte eine Weile, bis ich kapierte, wen sie meinten! Charlotte, klar.

Ist sie verheiratet? fragte einer.

Nein, Waise, antwortete ich. Dass ich ein Brautgeld an die Tante gezahlt hatte, verschwieg ich lieber, warf kein gutes Licht auf einen sozialistischen Personalchef.

Dann baggere ich sie an. Tolles Mädchen!

Ausgerechnet so ein Glatzkopf aus dem Hauptbüro, bekennender Schürzenjäger. Ich wurde ungehalten nicht aus Eifersucht, vielmehr weil ich schon bezahlt hatte!

Sie hat schon einen Verlobten! Das Brautgeld ist längst bezahlt! Und hier gelten strenge Gesetze, sei vorsichtig.

Und was für einer? Arbeiter? Der wird sich bestechen lassen, ich zahle auch extra!

Ich ließ es darauf beruhen, wollte Charlotte aber solange verstecken. Doch am nächsten Tag traf sie mich, gerade als ich einen schlechten Tag hatte. Sie hält mir wieder Geld hin. Ich bellte sie an:

Wenn du wieder mit Geld ankommst, verkaufe ich dich an den Meistbietenden! Man hat mir schon für dich geboten, wetterte ich.

Ihre Reaktion? Sie stand ruhig da, wich keinen Zentimeter zurück. Als ich schließlich verstummte, sagte sie leise: “Ich zahle zurück. Bitte verkaufen Sie mich nicht, deshalb zahle ich.” Sie ließ das Geld da liegen und ging.

Ich fauchte noch hinterher, sie solle zurückkommen aber sie war bereits raus.

Als ich zur Vernunft kam, begriff ich endlich: Sie dachte immer noch, sie sei mein Besitz, gekauft, gehörte mir, solange der “Kaufpreis” nicht abbezahlt sei. Sie hat mir später gestanden, dass sie, hätte ich sie “verkauft”, sich wohl ertränkt hätte.

Ich Idiot trumpfte mit meiner Eitelkeit auf nicht nach ihr geschaut, gebrüllt, Papier geworfen. Sie sammelte alles ein, brachte Tee schwieg.

Dann habe ich sie einmal kritisch angesehen und gestaunt: Wie hatte ich das übersehen? Schmale Knochen, langer Hals, Zopf nun, Sie kennen sie ja, Sebastian. Sogar heute noch bleibt sie besonders.

Ich schickte sie kurzerhand nach Cuxhaven, neue Aufgaben. Aber bei mir ging alles schief: Tee wie Abwaschwasser, Unterlagen verschwanden, dazu noch idiotische Vorgaben aus Berlin wir sollten Wilhelmshaven begrünen! Eine Wüste, und wir sollten Bäumchen pflanzen …!

Am Eingang zum Therapietrakt hielten sie an. Friedrich atmete durch.

Jetzt verstehe ich: Aus Mitleid wurde Liebe.

Lassen Sie uns dort setzen, sie sieht uns dann. Ja, kann man wohl sagen. Aber Charlotte witzelt manchmal: Eigentlich hat SIE aus Mitleid mich geheiratet.

Wie das?

Nach dem Besuch der Kommission passierte etwas. Ich war ziemlich nervlich fertig. Einer auf der Baustelle, ein Schläger namens Ehlers, war auf Krawall gebürstet. Er hasste mich, das Angebot, die Gegend, alles. Wir gerieten richtig aneinander.

Im Krankenhaus: Bein gebrochen, Kiefer geprellt. Anfangs kamen alle, aber bald war ich vergessen. Meiner Berliner Freundin rief ich später an sie war nett, aber desinteressiert. Sie erzählte von ihren Urlauben, fragte kaum nach mir.

Charlotte dagegen saß unaufgeregt am Bett, redete nicht viel. Ich wurde ihr mein ganzes Leben los; wie ich Maler werden wollte, mein Vater aber darauf bestand, Ingenieur zu werden.

Sie brachte mir Papier und Farben. Ich fing an, sie zu zeichnen. Schrecklich misslungen, aber ich habe in jeder Linie plötzlich ihre Besonderheit erkannt.

Ich lag lange in der Klinik. Sie brachte weiterhin regelmäßig ihr halbes Gehalt als Rückzahlung. Ich hörte, sie esse nur Nudeln das reichte vorne und hinten nicht.

Ich habe auch Klavier gelernt, wollte Pianistin werden, sagte sie plötzlich.

So viel Leid sah ich da in ihren Augen.

Du? fragte ich.

Ja, meinte sie. Wir lebten ja in Leipzig, bis Mama starb, dann musste ich zur Tante.

Später, als wir längst zusammen waren, besuchten wir Bekannte und Charlotte stand wie verzaubert vor dem Klavier, wollte aber nicht spielen: “Ich habs verlernt,” sagte sie. Zum Geburtstag schenkte ich ihr ein Piano. Sie fing wieder an, unser ältester Sohn wurde schließlich preisgekrönter Musiker.

Wann haben Sie ihr wirklich einen Antrag gemacht?

Da, im Krankenhaus das erste Mal. Fragte sie, will sie mit nach München kommen, als meine Frau.

Das erste Mal?

Ja. Sie lehnte ab. Ging aus dem Zimmer, schüttelte den Kopf. Ich hab die ganze Nacht nachgedacht, warum. Später verstand ich: Sie hielt alles für Dankbarkeit, nicht Liebe, hatte nie Liebe erlebt, also nahm sie an, ich meine es nicht ernst.

In München schließlich konnte ich sie überreden. Ohne sie konnte ich nicht mehr leben. Wir heirateten und rückblickend: ich würde mich immer wieder gleich entscheiden.

Meine Eltern waren erst reserviert, dann aber hingerissen. Drei Söhne hat mir Charlotte geboren.

Mensch, das ist doch keine Mitleidsgeschichte. Das ist Liebe!

Während sie sprachen, kam von hinten eine hochgewachsene, elegante Dame, die ihre schweren, in einen Knoten gewundenen Haare unter einem kleinen Hut trug, lächelnd auf die beiden zu.

Ich habe das Brautgeld damals aus Mitleid genommen, scherzte er.

Genau, sagte Charlotte lachend hinter ihnen, und seit fünfzig Jahren höre ich ihm das Brautgeld nach!

Charlottchen! Wir warten da vorne, rief Friedrich zärtlich und strich ihr eine Strähne aus dem Gesicht; Sebastian sah förmlich ordentlich geputzte Schuppen vor seinem geistigen Auge, Charlotte, der Kaffee im Café hier ist einfach grausig! Du ahnst es nicht.

Guten Morgen, Sebastian! Kommen Sie mit uns frühstücken? Gemeinsam schaffen wir es vielleicht, diesen Dickschädel zu vernünftigem Essen zu animieren.

Nein, Charlotte, danke. Ich gehe ins Zimmer, habe schon gegessen. Ihnen aber guten Appetit.

Sie winkten Sebastian zu und verschwanden in Richtung Frühstück. Sebastian blieb stehen und versuchte sich Charlotte im ollen Wachsschurz am Fischstand vorzustellen vergebens.

Er hatte das Paar schon im letzten Jahr im Kurhaus gesehen, bewundert, aber nichts weiter gedacht. Dieses Jahr, als Zimmernachbarn, erfuhr er die ganze Geschichte.

Im Bett liegend, dachte er nun mit milder Ironie an die Launen des Schicksals, an seine eigenen verunglückten Beziehungen. Wahrscheinlich, überlegte er schmunzelnd, hätte auch er einfach ein Brautgeld zahlen müssen…

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Homy
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– Aus Mitleid habe ich meine Frau geheiratet. – Ja, aber ich habe sie doch auch nur aus Mitleid geheiratet.
Mein Sohn und seine Frau beschließen, das Landhaus, das ich ihnen geschenkt hatte, zu verkaufen – das bricht mir das Herz.