Die unsichtbare Freundin

Tagebuch Meine unsichtbare Freundin

Seit drei Tagen wimmelte es um mich, Annalena, ständig von Mitschülern. Irgendwie hat sich in der ganzen Schule herumgesprochen, ich sei eine Wahrsagerin oder echte Seelenklempnerin. Jeder wollte aus meiner angeblichen Weisheit schöpfen. Sie fingen mich auf dem Flur ab, setzten sich in der Mensa zu mir, brachten mir Gummibärchen, Mathehefte voller Hausaufgaben und sogar noch andere kleine Geschenke, die ich meistens aber ablehnte.

Mir gefällt der Felix aus der 5b. Sag mal, meinst du, wir könnten mal eine Familie gründen?, schwärmte Mareike, meine Klassenkameradin, verträumt.

Würde ich dir nicht empfehlen. Der Felix wirkt zwar nett, aber er popelt ständig in der Nase und isst seine Popel. Hungern müsstest du mit ihm zwar nicht, aber mehr ist da nicht. Der wühlt sich so durchs ganze Leben, entgegnete ich, während ich einen Laugenkringel kaute und meinen Apfelsaft schlürfte.

Iih, wie gemein! Und was ist mit Steffen? Der ist Klassenbester und lernt Gitarre, träumte Mareike weiter.

Ach, der Steffen der quält doch Katzen. Er bindet ihnen leere Fischdosen an den Schwanz und jagt sie durch den Hof. Der wird mal richtig hart, viel zu grob, fängt vielleicht sogar mit dem Trinken an.

Warum glaubst du das?

Wo hast du denn schon mal einen nüchternen Gitarristen gesehen? Außerdem, denk nicht so viel darüber nach, leb erstmal für dich. Jungs laufen nicht weg. Bring lieber deine Mathe auf Vordermann und hör auf, an den Nägeln zu kauen davon bekommt man Würmer.

Später, in der Pause, drängte sich Paul aus der 4c neben mich. Ich habe keine Freunde. Alle sagen, ich bin zu dick und laden mich nie ein. Dabei stieß er Mareike so kräftig zur Seite, dass sie ans andere Ende der Bank rutschte.

Am Mittwoch beginnt die Anmeldung fürs Ringen, empfahl ich locker. Im Lehrerzimmer vom Sportlehrer kannst du dich anmelden. Abnehmen wirst du damit zwar nicht unbedingt, aber die anderen ärgern dich dann nicht mehr. Und schmeiß zukünftige Ehefrauen nicht einfach so rum.

Ich stand auf und hielt mein Tablett zur Rückgabe. Am Waschbecken fragte mich unsere Erdkundelehrerin ganz nebenbei: Annalena, meinst du, soll ich meinen Führerschein lieber dieses Jahr machen oder nächstes?

Frau Berger, um den Lappen zu machen, braucht man auch ein Auto, aber bei Ihnen steht nur Opas alter Golf vor der Tür. Sie merken den Unterschied?

Jaa vielleicht

Ich rollte mit den Augen, wusch mir die Hände und sagte: Verkaufen Sie den Oldtimer lieber, investieren Sie das Geld in ein gescheites Fahrrad und kurze Hosen. In zwei Monaten werden Sie eh zur Arbeit gefahren. Besser noch: Nehmen Sie einen Immobilienkredit auf die Zinsen sind derzeit spottbillig, und mit 35 bei den Eltern zu wohnen, wirkt, na ja, etwas komisch. Das sage ich Ihnen als jemand, der sich auskennt.

Mit erstaunten Blicken hinter mir stapfte ich Richtung Werkraum zum Bastelunterricht. Während die anderen Mädels gerade lernten, wie man eine Schneiderlinie abliest oder eine Nähnadel in die Maschine fädelt, hab ich meine mitgebrachten Hosen geflickt, einen Rock enger gemacht und dann noch ein Paar Socken gehäkelt. Die schenkte ich der Werklehrerin mit den Worten, dass Schwangere warme Füße brauchen. Sie meldete sich direkt ab und rannte in die Apotheke für einen Test. Am nächsten Tag gabs für die ganze Klasse den leckersten Schokokuchen als Dankeschön.

Zuhause benahm ich mich auch irgendwie anders. Ich schimpfte Mama wegen des gekauften Hackfleischs aus, stand selbst am Herd und hab Maultaschen gemacht. Statt YouTube zu schauen, griff ich abends zu Die drei Musketiere und tuschelte dabei immer mal wieder mit jemandem. Papa blickte skeptisch von seinem Laptop auf, bekam von mir direkt eine Rüge, dass er immer so krumm sitzt. Er solle lieber mal den Teppich ausklopfen gehen, anstatt dauernd auf fragwürdigen Internetseiten herumzuirren.

In der Schule brodelten mittlerweile die Gerüchte, die Lehrer waren besorgt und bestanden auf einer Sitzung mit der Schulpsychologin. Noch während der Unterrichtszeit wurde das gesamte Lehrerkollegium samt Schulleitung einberufen.

Annalena, mein Kind, wirst du in der Schule irgendwie geärgert?, begann der Psychologe mit seiner hippen Brille und Bart.

Mich ärgert eher, dass für die Schule zigtausende Euro locker gemacht werden, aber wir im Turnsaal trotzdem nur einen alten Bock und zwei Meter Kletterseil haben, entgegnete ich trocken.

Alle wandten sich zum Direktor um, der prompt durchs offene Fenster hinaus zu einer wichtigen Sitzung verschwand.

Hast du denn Freunde?

Freundschaft ist ein abstraktes Konstrukt, säuselte ich gelangweilt, während ich meine Zöpfe drehte. Heute jagt man auf dem Schulhof Fangen, morgen steht die ehemals beste Freundin in deiner Küche und spült das Geschirr, während du Steuererklärungen machst.

Moment mal welche Steuererklärung, welches Geschirr? Wer erzählt dir solche Sachen?

Meine Freundin.

Da haben wir das Problem! Kannst du sie vielleicht mal einladen?

Sie ist schon hier, erwiderte ich ganz ruhig, was alle im Lehrerzimmer ziemlich aus der Bahn warf.

Wir wir sehen sie aber nicht. Wie heißt sie denn?

Hildegard.

Na sowas und wie alt ist sie?

Siebzig.

Was erzählt sie dir sonst noch?

Dass man die Zähne immer vom Zahnfleisch wegputzen soll, dass der Hund im Hof nicht böse, sondern verängstigt und hungrig ist, und dass man Verwandte nicht vergessen darf. Sie meint auch, dass bei Ihnen die letzten fünf Jahre die Grundsteuer falsch berechnet wurde. Sie sollten mal beim Amt nachhaken und den Marktwert angeben lassen, weil immer nur der Einheitswert angesetzt wurde.

Der Psychologe schrieb alles mit, den letzten Punkt sogar doppelt unterstrichen.

Beim Klingeln wurde meine Familie sofort angerufen, beide Eltern waren natürlich noch auf der Arbeit.

Moment mal!, brüllte Papa aufgeregt durchs Telefon, so hieß doch meine Mutter! Aber die ist doch schon vor zehn Jahren gestorben!

Das Lehrerzimmer füllte sich mit Raunen und leisen Gebeten.

Genau, murmelte ich gekränkt. Zehn Jahre und niemand kommt mal vorbei. Überall wächst das Unkraut, der Zaun ist schief.

Ich wollte ja aber irgendwie kam immer was dazwischen, nuschelte Papa.

Das Gespräch war zu Ende.

Am nächsten Tag fuhren wir als Familie zum Friedhof. Ich kannte Oma Hildegard nur aus Papas spärlichen Geschichten. Wir fanden ihr Grab erst nach einigem Suchen das einstige Wäldchen ist inzwischen ein riesiger Steinacker. Ich stellte einen Strauß gelber Tulpen in eine abgeschnittene Wasserflasche auf das Grab. Papa richtete den Zaun, Mama jätete Gras.

Papa, sagte ich leise, Oma sagt, du bist ein guter Mensch, aber du würdest dich so in die Arbeit und das Internet vergraben, dass kaum Zeit für irgendwas bleibt nicht mal für mich.

Papa wurde rot vor Scham und nickte still.

Wir bessern uns, versprochen, sagte er und strich meine Haare und dann die verblichene Schrift am Grabstein.

Jetzt ist sie beruhigt und wird mich nicht mehr besuchen, aber ich werde sie vermissen, weil sie so freundlich, lustig und klug war.

Das war sie wirklich sie hat immer alles durchschaut, bestätigte Papa. Hat Oma dir sonst noch etwas gesagt?

Ja, grinste ich. Sie meint, deine Gurken-Diät sei völliger Quatsch wenn du abnehmen willst, geh endlich zum Sport. Und dass es Quatsch war, ein Fremdwährungskonto zu eröffnen so was muss man vorher ordentlich durchrechnen. Und zum Thema Beton, den du damals für das Fundament der Sauna bestellt hastPapa musste lachen, obwohl ihm ein Tränchen über die Wange kullerte. Mama zwinkerte mir zu und sagte: Dann holen wir uns heute Abend Pizza und du erklärst uns, wie das mit diesen Konten wirklich funktioniert, Annalena.

Ich trat einen Schritt zurück, blickte zu den gelben Tulpen und hatte das Gefühl, ganz leicht kitzelte etwas meine Schulter wie eine alte, warme Hand.

Auf dem Heimweg war alles anders. Wir unterhielten uns, sangen sogar im Auto. Später, beim Kerzenlicht und dem Duft nach Käse und Tomaten, erzählte ich von Hildegard, von ihren klugen Sprüchen und kleinen Späßen. Zum ersten Mal seit langem lachten wir einfach nur zusammen, ohne an Termine oder Sorgen zu denken.

Es gab niemanden mehr, der von mir als Wahrsagerin wissen wollte, was als Nächstes passiert. Aber ich wusste jetzt: Manchmal reicht es, zuzuhören, da zu sein und ein bisschen von Hildegards Weisheit weiterzugeben und vielleicht ist genau das die echte Zauberei.

Am nächsten Tag war alles wieder stiller in der Schule. Die Fragen wurden weniger, die Gerüchte versickerten. Aber Mareike winkte im Flur, Paul schob mir heimlich Süßigkeiten zu, und Frau Berger trug tatsächlich kurze Hosen und grinste verschmitzt.

Ich blinzelte ins Sonnenlicht und dachte: Unsichtbare Freundinnen kann man vielleicht loslassen aber ihre Geschichten bleiben. Und die besten davon schreibt das Leben selbst.

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Homy
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