Du bist mein Sohn.
Gibt es hier ein Hotel?
Nein ein Hotel haben wir hier keines, bekam er am Bahnhof zur Antwort, Gehen Sie einfach geradeaus über den Marktplatz, dort sehen Sie das Gasthaus für Reisende.
Die ersten Eindrücke von dem Städtchen waren eher durchwachsen. Es duckte sich zwischen Wäldern und Mooren, verbunden mit der Kreishauptstadt durch eine eingleisige Bahn. Nach deutschem Muster: eine Nebenlinie der Deutschen Bahn, fast schon folkloristisch.
Hierhin hatte man Alexander Herrmann auf journalistischer Mission geschickt. Im Umland florierten Torfstecherbetriebe, Felder wurden nach Entwässerung wieder fruchtbar. Der staatliche Landwirtschaftsbetrieb hatte eine hervorragende Kohlernte eingefahren.
Doch Alexander, Redakteur aus Berlin, interessierten nicht nur Erträge und Hektarzahlen. Wo auch immer er ankam, forschte er stets nach versteckten Geschichten; auch diesmal wollte er herausfinden, was hinter dem bescheidenen Sedelbeck steckte. Ursprünglich stammte er aus der Nähe, nicht aus Sedelbeck, aber aus dem Nachbarlandkreis. Daher hatte er diese Reise gern übernommen.
Im Gasthaus für Reisende empfing ihn eine freundliche, rundliche Frau mit herzlichem Lächeln ein Wohnzimmer auf Zeit.
Zimmer? Aber ja, wir haben genug Platz. Nur während der Jagdsaison ist hier alles voll, jetzt finden Sie Übernachtungen wie Sand am Meer.
Sie brachte ihn in ein schmales Einzelzimmer, kochte Wasser auf. Routiniert packte er sein immergleiches Reiseproviant aus und aß.
Draußen war es nass, Regen tropfte. Flache Holzhäuser duckten sich eng aneinander, wie gesträubte Spatzen im Regen. Nach rechts schoben sich graue, zweistöckige Blöcke mit abblätternder Fassade. Die Straße welliger, uralter, nie gepflegter Asphalt; statt Gehwegen hier und da ein Brett. Die Buden und Läden wirkten verlassen, überall Schuppen und windschiefe Bretterverschläge.
Puh Hier wollte er nicht leben. In so einem Kaff war er groß geworden, damals aber nach dem Studium gleich in Berlin geblieben. Nein nichts zog ihn in solche Orte zurück.
In der Hauptstadt hatte er mittlerweile eine ansehnliche Wohnung geschmackvoll eingerichtet und unbedingt individuell. Dafür hatte er sogar Möbel aus dem Allgäu mitgebracht: Birkenregale, eine rustikale Kommode, geschnitzte Regalbretter. Sein Heim war, so fand er, bäuerlich-stilvoll inszeniert.
Über die Jahre hatte er in München bei einem Kunsthändler Aquarelle und kleine Reliefs gekauft. Sogar eine Putzhilfe beschäftigte er, die jede Woche kam. Mehr brauchte Alexander nicht; ständig unterwegs, war er selten zuhause.
Er war geschieden, hatte eine zwölfjährige Tochter. Das Verhältnis war durch die Mutter belastet, so sahen sie sich kaum. Doch Alexander ließ sich dadurch nicht aus der Bahn werfen. So war das eben. Ein neues Leben, ein neues Glück das lag ihm fern. Er war zufrieden, so wie es war.
Er lebte weder langweilig noch schlecht. Trank ab und zu in geselliger, gebildeter Runde, reiste viel, ließ sich auf kurze Affären ein. Ein gutaussehender Mann hochgewachsen, schlank, mit spitzem Bart, erinnerte er an einen deutschen Intellektuellen vergangener Jahrzehnte. Die Frauen betrachteten ihn aufmerksam. Daheim wartete ein bequemes Sofa, das FAZ-Feuilleton oder ein Literaturmagazin.
Irgendwann hatte er gelesen, dass Glück ein Zustand sei, in dem einem nichts weh tut weder seelisch noch körperlich. Dieses Gleichgewicht bemühte er sich zu halten, ohne in Hochgefühle zu verfallen oder sich von Rückschlägen entmutigen zu lassen. Das klappte eigentlich ganz gut.
Am Tag nach seiner Ankunft besuchte Alexander das Rathaus. Der Vorsitzende war noch recht jung und freute sich über den Besuch des Journalisten. Begeistert erzählte er von Rekord-Ernten, von Plänen, von engagierten Bürgern, von allem, was Sedelbeck nach vorn brachte.
Erfuhr Alexander, dass er sich für Geschichte interessierte, empfahl er:
Gehen Sie zu Herrn Probst, Johannes Probst. Unser Geschichtslehrer, Abgeordneter, voller Geschichten und Archivalien. Er wohnt gleich um die Ecke in der Lindenstraße, in dem schönen Haus mit den weißen, kunstvoll geschnitzten Fensterrahmen. Jeder kennt ihn hier.
Aus dem Rathaus ging Alexander noch in die Agrargenossenschaft. Der Vorsitzende schickte ihm einen Fahrer. Doch viel zu fotografieren gab es nicht Gemüse in Lagern, abgeerntete Felder, das reichte nicht für einen Bildbericht.
Mit den Arbeitern sprach er, doch die antworteten stockend; es war kaum Neues dabei. Was der Vorsitzende berichtet hatte und etwas Witz das reichte für einen Text.
Im Dorfcafé aßen sie überraschend gut und günstig ein Mittagessen hier kaum die Hälfte von Berlin, aber auch die Löhne entsprechend niedrig. Oder umgekehrt.
Er zog sich bald zurück, schlief ein, atmete das feuchte Land, in dem der Regen den Tag bestimmte. Am Abend suchte er das Haus des Lehrers.
Die Lindenstraße zwar nur ein Sandweg, aber sehr heimelig. Rechts raschelten rotgoldene Ahornblätter, links leuchteten gelbe Pappeln. Die Häuser standen tiefer als die Straße, jeder mit seinem Vorgarten.
Selbst im späten Herbst blühten noch Blumen, Hagebutten leuchteten rot. Über dem nahen Wald färbte sich der Himmel zartrosa. Und etwas Nebliges und Schönes aus Kindertagen, aus der Vergangenheit, regte sich in Alexanders Herzen.
Das Haus der Probsts fand er sofort. Die filigran geschnitzten Fensterrahmen waren unverkennbar. Überhaupt waren sie hier im Ort überraschend häufig. Alexander hatte schon einige davon fotografiert.
Im Garten wuchsen drei Apfelbäume, an denen noch gelbe Früchte hingen, und am Zaun hingen große dunkelblaue Beeren. Die Üppigkeit sprach von Beständigkeit und Geborgenheit.
Johannes Probst fand Alexander in seiner Werkstatt. Auch hier drehte sich alles um Holzkunst; gerade schnitzte er an einem Zaunelement.
Sie begrüßten sich. Alexander erklärte sein Anliegen, stellte sich nur mit Vor- und Nachnamen vor.
Sie interessieren sich für dieses Handwerk? Die Fensterrahmen sind reine Volkskunst?
Ach, das nicht, lächelte Probst, sonderliches Kunsthandwerk gibt es nicht wirklich, aber Wissen und Begeisterung haben sich verbreitet wohl auch, weil ich selbst damit angefangen habe. Willkommen! Kommen Sie doch herein.
Drinnen war niemand. Die Frau arbeite, die Söhne beim Sportverein. Im Flur gelangten sie direkt in die große Wohnküche mit zwei Fenstern. Gelbe Blumen in einer Vase auf dem großen Tisch, in den massiven Fensterbänken blühte feuerroter Geranien, an der Seitenwand ein Bücherregal bis unter die Decke: Bücher, Sammelalben, Ordner mit Aufklebern
An der Wand ein Bild mit Öl gemalt: drei weißstämmige Birken an einem Waldsee. Alexander meinte, das Bild von irgendwoher zu kennen. Details kamen ihm seltsam vertraut vor.
Der Gastgeber stellte Kekse und Kuchen auf den Tisch, Tassen neben die Teekanne. Die Atmosphäre im Haus war so gemütlich und warm, dass Alexander augenblicklich abschaltete. Die Bücherregale zogen ihn magisch an. Selbst ein belesener Großstädter fand hier noch Lesestoff.
Johannes Probst war von kräftiger Statur, aber klein und stämmig und hatte bereits ergrautes Haar. Typisch Land-Lehrer in Hauskleidung: ein altes Hemd, ausgebeulte Hosen und vor der Hose aufgezogene Wollsocken.
Verzeihen Sie, ich bin hier nicht schick gemacht. Vielleicht ein Gläschen Obstler?
Nicht nötig, und der Tee reicht.
Also die Geschichte unseres Städtchens? Offiziell gibt es kaum Quellen, aber ich vermute, das erste Dorf entstand im 14. oder 15. Jahrhundert. Grafen und Klöster hatten hier damals die Herrschaft, die Leibeigenen flüchteten teils in die Wälder daraus wurde dann unser Sedelbeck.
Aus dem Bücherregal holte Johannes einen dicken Band, den er Alexander aufschlug. Sedelbeck. Geschichte der Stadt. stand mit Lehrer-Handschrift vorne drin.
Alexander blätterte neugierig durch das Buch. Einige Einträge waren mit Amateurfotos illustriert. Eine Aufnahme eines schlanken, klaräugigen Jungen von etwa zehn Jahren zog sein Augenmerk auf sich. So hatte er selbst als Kind ausgesehen. Der Junge hielt eine selbstgebaute kleine Axt, tat, als wollte er hacken, seine Augen lachten.
Alexander stockte, atmete tief…
Wer ist der Junge? fragte er.
Wo? Ach, das ist mein Ältester, Lukas. Schon lange her
Johannes erzählte noch viel von Sedelbeck, der Geschichte, von Erfolgen und Krisen.
Probieren Sie das Johannisbeer-Gelee, meine Frau kocht ausgezeichnet! Und diesen Helm haben meine Schüler und mein Sohn bei einer Ausgrabung gefunden, jetzt im Kreisregister. Der Große gründet die lokale Suchertruppe
Das Buch war ein Schatz für jeden Journalisten. Mitnehmen konnte Alexander es natürlich nicht, also begann er, Seiten abzufotografieren bis der Film alle war. Zu viele Fotos von Fensterrahmen.
Schade. Mit Technik kenn ich mich leider nicht aus. Aber meine Jungs haben eine Kamera, vielleicht geht das damit?
Nicht nötig, hab Ersatzfilm im Gasthof. Ich komme morgen früh wieder. Sind Sie daheim?
So verblieb man. Am nächsten Abend sollte Alexander fahren. Sein Plan: morgens das Buch fotografieren, noch schnell in die neue Klinik schauen, in den neu angelegten Park und die Kunstausstellung im Kulturhaus besichtigen. Wenn schon, denn schon.
Eine Reportage über Sedelbeck ließ sich daraus spinnen. Das Buch von Probst war ein Glücksfall tiefgründige Reflexionen, Menschen und Krieg, Landschaften und Geschichte, genug Stoff für zwei Artikel, besser als der Agrarbericht.
Am Morgen brannte kein Regen mehr. Das erste, was Alexander sah, war ein zartrosa Lichtstreifen an der Wand. Gute Stimmung! Nach Tee im Gasthof lud er den Film und ging los zur Lindenstraße.
Wieder beeindruckte ihn die ruhige Straße, und das Probstsche Haus noch mehr. Er dachte daran, selbst den Spiegel daheim einmal so von Fensterrahmen einrahmen zu lassen.
Die Probsts arbeiteten schon als ganze Familie auf dem Feld hinterm Haus. Schaufeln, Harken. Vom Garten her winkte ihm eine Frau mit weißem Kopftuch, zwei Jungen folgten. Johannes bemerkte ihn und kam.
Guten Morgen! Sie stören nicht, keine Sorge. Muss nur noch das Beet umgraben, feuchte Erde. Aber zu zweit gehts schnell. Lukas und Sebastian helfen mit. Dachte, sie kommen erst später?
Johannes drehte den Außenwasserhahn auf, wusch die Hände.
Zauberhaft hier bei euch, Alexander blickte auf das geschnitzte Gartenhäuschen mit Ranksitzbänken.
Schon, aber jetzt wirds kalt. Kommen Sie rein.
Und die Familie?
Lukas macht noch fertig, es fehlt nicht mehr viel. Kommen Sie, frühstücken wir gemeinsam.
Die Familie war heute extra früh aufgestanden. Ihre Jungen fuhren heute mit dem Sportverein nach Berlin Turnier. Da wollte man noch gemeinsam etwas im Garten schaffen.
Alexander fotografierte rasch die Seiten. Im Nebenzimmer drang das Poltern der zurückkehrenden Frau und Kinder. Johannes bat ihn zu Tisch.
So, jetzt lernen wir uns richtig kennen, sagte er.
Auf dem Tisch: frische Quarkplinsen, Marmelade, Tee aus dem Samowar, Käse, Gebäck. Alexander lächelte. Er mochte dieses gastfreundliche Haus, die Bücher, diese Familie. Er wusch sich die Hände.
Darf ich vorstellen, das ist Karin, meine Frau. Alexander Herrmann, Journalist aus Berlin, sagte Johannes.
Alexander drehte sich um und nickte Das Wasser rann über seine Hände und plötzlich war alles durcheinander. Karin Ja
Das war sie. In seinem Kopf stürmten chaotische Erinnerungen, die sich langsam sortierten und ordneten. Vieles fiel ihm ein, aber tatsächlich waren es nur Sekunden.
Und die Bilder waren bitter. Es tat weh, an diese Zeit zu denken an sie, an seine Schuld, ans Leben, wie es hätte sein können. Damals auf dem Literaturstudium hatte er sie kennengelernt, ein Mädchen von seltener Schönheit, mit langen Wimpern, gebräunten Armen und einem selbstverständlichen Anmut.
Sie fuhren im Studentensommer ins Allgäu, lernten sich während der Fahrt kennen Lieder, Gelächter, Nähe.
Du bist mein Stern,
bringst mir das Licht,
Hoffnung und Glück,
weit und breit.
Er hatte alles getan, um sie für sich zu gewinnen. Er trug Gedichte vor, witzelte, unterhielt. Sie gehörte bald zu ihm. Als sich die Gelegenheit zur Annäherung ergab, hatte sie gezögert, er drängte, doch schließlich fanden sie zusammen.
Später Krankenhaus, sie sah elend aus, sprach: Ich bin schwanger, Alex.
Er verstand es erst, als er ging. Doch Verantwortung wollte er nicht. Er war Student und wollte Schriftsteller werden. Er besuchte sie nicht mehr, ließ sich vertrösten, wurde abweisend. Sie ging irgendwann.
Zuletzt war er einmal im Wohnheim. Sie deckte still den Tisch, während er von Seminaren und Manuskripten sprach. Dann meinte er nur:
Sieh mal, Karin, jetzt kann ich nicht heiraten. Und ein Kind geht nicht. Jeder ist seines Glückes Schmied.
Sie nickte.
Klar.
Was dann? fragte er kaum hörbar.
Nichts. Am liebsten, du wirst glücklich das ist alles.
Und du?
Ich Ich kaufe dein erstes Buch. Schreib, Alex. Mach weiter.
Das war ihr letztes Gespräch. Sie kam nie zurück, bekam den Jungen irgendwo auf dem Land. Er bemüht, allem aus dem Weg zu gehen, zu vergessen.
Ob das ihm geholfen hat? Vielleicht. Er wurde vorsichtig, hatte nie mehr ähnliche Probleme. Eine kurze Ehe, eine Tochter. Die Ehe zerbrach, er war wohl nicht der Typ für Familie. Kurze Affären, keine Verpflichtung.
All das raste in seinem Kopf vorbei.
Wenn sie ihn erkannte, zeigte sie es nicht. Jetzt in grauem Jogginganzug, etwas fülliger, doch alle Bewegungen elegant, wie damals.
Der Zopf war geblieben, nun unordentlich. Karin lächelte leicht, deckte den Tisch, sprach mit ihrem Mann einfach und herzlich.
Mama, ich hab die Schaufeln weggeräumt. Ah, guten Tag, kam ein hochgewachsener, schmaler Jungen herein sehr ähnlich der Mutter und
Guten Tag.
Das Frühstück blieb heiter, Johannes erzählte Ortsgeschichten. Sie sprachen über die Berlin-Reise der Jungen. Alexander schlug vor, was mitzunehmen sei.
Er bemerkte, wie Karin ihn mied, den Blick abwandte.
Ihre Frau ist sehr hübsch, sagte er schließlich zu Johannes unter vier Augen.
Ja. Ich habe Glück gehabt. Sie ist talentiert! Das Bild dort ihre Arbeit.
Alexander sah auf die Birken ja, das kannte er, sie hatte es in seiner Gegenwart gemalt.
In der Schule ist sie auch engagiert. Die Kinder lieben sie. Sie ist Konrektorin bei uns.
Wie haben Sie sich kennengelernt?
Fast gleichzeitig hierher gekommen. Ich ein Jahr nach ihr, bin aber fünf Jahre älter. War erst auf dem zweiten Bildungsweg, war beim Bund, drei Jahre im Werk, dann wurde mir klar: ohne Geschichte gehts nicht. Und so kam ich hierher: man brauchte einen Historiker. Glück gehabt.
Das kann man wohl sagen.
Alexander war sicher: Der älteste Sohn sein Sohn. Er war ganz der Vater, ganz anders als Johannes. Und den Namen Karin hatte ihn nach Alexander benannt. Sie hatte also nie geklagt.
Er hätte gehen sollen; alles war fotografiert, aber er zögerte. Er wollte Karins Blick noch einmal treffen, fragen hast du mich wiedererkannt? Doch sie verabschiedete die Jungen, kam nicht mehr. Schließlich stand er auf.
Sie begleiten die Kinder zum Bahnhof? fragte er.
Ja.
Dann sehen wir uns noch. Vielen Dank für alles. Bis dann, Johannes.
Er warf noch einen letzten Blick durch die Tür, vergeblich, Karin kam nicht zurück.
Entschuldigen Sie, sie sind in Eile, meinte Johannes.
Kein Problem. Wir sehen uns ja.
Die Lindenstraße zog vorbei. Alexander ging, als würde er aus der warmen Decke in eine eisige Winternacht steigen.
Und im Kopf spielte jene Melodie aus der Jugend:
So ist der Fluss,
Ein Wendepunkt,
Du kannst verwehen,
Dich ergeben,
Schulden begleichen,
Andere lieben,
Ganz gehen,
Und doch: leuchte!
War das vielleicht sein einziges echtes Gefühl? Wirklich er hatte einen Sohn?
Der Gedanke nahm ihn völlig ein. Weder Klinik noch Park er ging ins Gasthaus zurück und blieb bis zum Zug abwechselnd auf seinem Zimmer liegen, malte Bilder aus der Vergangenheit, dann plötzlich am Fenster, dann auf und ab.
Die Birken auf dem Gemälde, das sie bei ihm gemalt hatte, als sie zusammen am See waren War das alles vielleicht echt? Wenn sie mitkäme nach Berlin? Er wollte am liebsten alles rückgängig machen
Sein möbliertes, auf Landhaus getrimmtes Zuhause kam ihm plötzlich leer und aufgesetzt vor. Aber mit Karin könnte es lebendig werden ja, und den Jungen würde er mitnehmen.
Vielleicht hätte sein Leben dann erst Sinn. Wie das von diesem Johannes! Er beneidete ihn. Wäre dazu gekommen?!
Sedelbeck, das Haus mit den Fenstern, die Apfelbäume, die Beerensträucher, diese Familie, all das spukte in seinem Kopf herum. Genau so hatten seine Eltern gelebt. Und er? Dachte immer, er könne besser werden
War dem so?
Er ging früh zum Bahnhof, nahm ein Taxi. Noch einmal wollte er Karin sehen, mit ihr sprechen. Doch als der große Reisebus ankam und Gepäck, Jugendliche, Eltern verstand er: hier wirds kein Gespräch zu zweit geben.
Der Trainer sortierte die Kinder, alles war trubelig. Alexander ging zu Johannes.
Ah, Herr Herrmann? Auch Sie? Wir bringen die Jungen zum Zug.
Kann ich in Berlin helfen? Hab Kontakte im Sport oder an der Uni stotterte er.
Nein, alles organisiert. Sie sind mit dem Trainer im Hotel. Alles im Lot, Johannes fragte trotzdem:
Karin, brauchen die Jungs noch was in Berlin?
Sie drehte sich um, sah Alexander und lächelte höflich.
In Berlin? Die Jungs sollen gut spielen, das ist das Wichtigste. Mach dir keine Sorgen, alles gut.
Da merkte Alexander, wie Johannes nervös war. Er rieb die Hände, beobachtete die Kinder, wurde von jemandem gerufen Hilfe war gefragt. Alexander stand da mit Karin.
Karin, rief er.
Ja?
Hast du mich erkannt?
Natürlich, Alex, sie zog die Brauen hoch wir haben uns kaum verändert.
Also du bist jetzt hier?
Hier, ja, sie sah zu Mann und Söhnen, Glücklich, falls du das meinst? Ob es mich nach Berlin zieht?
Ja.
Es zieht mich, klar. Am liebsten jetzt in den Zug und mit. Aber die Jungs müssen lernen, auf eigenen Beinen zu stehen. Bald sind sie erwachsen Sie lächelte, sah Sorgenfalten an der Stirn. Sie sprachen aneinander vorbei.
Ich meine dich, ob du zurück nach Berlin wolltest. Arbeiten leben
Hm. Nein, eher nicht. Habe nie drüber nachgedacht. Wenn Johannes wollte würde ich überallhin gehen. Aber wir sind zufrieden. Bald ziehen die Jungen aus Manchmal seufzen wir.
Karin
Er wollte nach dem Sohn fragen, doch der Schaffner verkündete die Abfahrt. Plötzlich war alles schnell. Alexander war im zehnten Wagen, die Jungen ganz vorn.
Er merkte, dass er hier nur störte, ging zu seinem Abteil. Er war seltsam enttäuscht und ärgerte sich über sich selbst.
Er ein bekannter Journalist. Vielleicht kein ganz großer Name, aber doch ein Berliner Gast. Und jetzt wuseln alle um ein paar Buben, die nach Berlin fahren, als ginge es zum Sommermärchen. Sie werden verlieren Was kann man diesen Kindern lehren hier?
Doch es war noch nicht zu spät er würde im Zug mit dem Jungen sprechen. Ihm sagen, dass er sein Vater war, über Chancen reden.
Er plante den richtigen Moment. Spät abends, als Unruhe abklang, ging er nach vorn.
Lukas! Lukas Probst! Für dich.
Alexander winkte, und sie gingen in den Gang. Der Schnellzug raste durch die dunkle Landschaft, nur Lichtstreifen auf den Gleisen.
Lukas, verzeih die Direktheit. Aber ich musste einfach Mir liegt so manches auf dem Herzen.
Ich weiß: Sie sind mein Vater.
Was? Woher?
Mama hat es mir längst erzählt. Hab auch Ihr Buch gelesen und wieder gelesen.
Mein Buch? Tau?
Der Junge nickte.
Und, gefällts?
Geht so.
Ihr wisst also ich Also Aber ich bin euch zufällig begegnet. Wirklich.
Das hat Papa auch gesagt. Heute hat Mama es uns erklärt, du seist du. Bei uns gibts keine Geheimnisse. Außer vielleicht bisschen.
Alexander brachte kein Wort heraus. Eine schöne Familie habt ihr. Ich wusste nicht, dass du geboren wurdest
Niemand gibt Ihnen die Schuld. Auch Mama nie. Sie sagte immer: Sie sind talentiert. Und Papa den kenn ich ja seit meinem zweiten Jahr. Jeder ist seines Glückes Schmied.
Das war einst sein Wahlspruch.
Der Zug polterte auf eine Brücke, das Sprechen wurde schwer.
Klar, aber schau Du bist fünfzehn, bald Schule fertig. Ich leb in Berlin, hab viele Bekannte, ne Wohnung Ich bin allein ganz allein.
Danke, nein. Wir haben alles geplant mit meinen Eltern.
Man kann Pläne ändern. In Berlin würde dir vieles offenstehen
Nein, danke. Ich schaffe das selbst. Muss zurück, sonst sucht mich der Trainer.
Der Junge verschwand im Abteil. Die Tür klappte zu, Alexander blieb im dunklen Gang.
Nach dem Lärm war wieder Stille. Er stand noch eine Weile, benommen. Sollte er zurückgehen? Sohn! rufen? Es wäre wie in einem Fernseh-Drama.
Und es schmerzte fremder Junge?
Doch ja sein eigener Sohn war ihm fremd. So wollte er es einst: nicht wissen, nicht denken
Dieses Haus mit Schnitzfenstern, Kinder, Geranien das war von einem anderen Schmied geschaffen. Und das war Liebe, Sinn und Glück.
Alexander schlurfte zu seinem Abteil, fühlte sich wie betrunken. Zurück, das bedeutungslose Stadt-Landhaus Er fiel auf die Pritsche, lag lange mit offenen Augen.
Er hatte seinen Leitsatz gebrochen dass Glück sei, wenn nichts wehtut. Jetzt tat alles weh: das Herz, der Kopf, alles krampfte, am liebsten wäre er hinausgesprungen.
Ein Gedanke ließ ihn nicht los: Warum hat ihn das Leben hierher geführt, zu Karin, zu seinem Sohn? Gab es einen Sinn?
Vor seinem inneren Auge tauchte seine Tochter auf: blond, still, zurückgezogen. Hatte er sie auch schon verloren? Oder gabs noch Hoffnung?
Und in einem anderen Abteil lag Lukas am Fenster, sprach nicht mehr mit Freunden. Er dachte, dass sein Leben eines Tages genauso werden sollte wie bei seinen Eltern: ein gutes Zuhause, Beruf, geliebte Menschen.
Und er fühlte ein wenig Mitleid mit dem einsamen Schriftsteller.





