Systemabsturz – Wenn die Technik plötzlich versagt

Systemausfall

Annika, bist du zuhause?

Markus, ich bin immer sonntagmorgens zuhause. Das weißt du doch.

Dann mach bitte die Tür auf.

Annika stand einen Moment am Türspion. Ihr Bruder Markus wartete im Flur, die Jacke halb offen, zwei große Taschen zu seinen Füßen und ein Gesichtsausdruck, als hätte er gerade eine Wette verloren. Hinter ihm standen zwei kleine Gestalten eine größer, eine kleiner. Annika schloss kurz die Augen, dann wieder auf. Die zwei blieben.

Sie drehte den Schlüssel im Schloss.

Guten Morgen, sagte Markus, mit diesem typischen Lächeln, das Annika schon seit Kindertagen kannte. Dem Lächeln, das immer dann auftauchte, wenn er gleich um einen Gefallen bitten würde.

Nein, entgegnete Annika.

Ich habe noch gar nichts gesagt.

Du lächelst auf diese Weise. Deshalb: nein.

Philip, sechs Jahre alt mit einem Wirbel auf dem Hinterkopf und offenem Schnürsenkel, drängelte sich an seinem Vater vorbei und schaute die Tante von unten nach oben an. Neben ihm hielt Emilia, vier Jahre alt, ihr einohriges Stoffkaninchen fest und betrachtete Annika mit dem angstfreien, neugierigen Blick, den nur Kinder in dem Alter haben.

Annika sah auf den Eichenparkettboden. Heller Ton, Nordic-Finish, vor drei Monaten von einem Schreiner mühsam verlegt, auf den sie eineinhalb Monate gewartet hatte. Philips Schnürsenkel war in irgendeiner braunen Masse getaucht. Sie wollte gar nicht wissen, in welcher.

Kommt rein, seufzte sie. Schuhe bitte ausziehen.

Die Wohnung im achten Stock des neuen Wohnkomplexes Nordkrone war der Ort, den Annika als ihr eigentliches Lebenswerk betrachtete. Nicht die Position als leitende Vertriebsmanagerin bei Wohndesign Müller, nicht das Auto, nicht das Sparkonto nein, die Wohnung. 104 Quadratmeter, drei Meter hohe Decken, bodentiefe Fenster mit Blick auf den Stadtpark. Zwei Jahre hatte sie gebraucht, um alles einzurichten, Lampen gewechselt, Vorhänge in jedem erdenklichen Blauton getestet, bis sie das perfekte Rauchblau gefunden hatte. Das Sofa von Estella grau, breit, hohe Rückenlehne. Ein Massivholz-Couchtisch mit einem kleinen Riss, den der Verkäufer als Charakter des Holzes pries und den Annika erst hatte reklamieren wollen, dann aber lieben lernte. Keine überflüssigen Dinge. Kein Krimskrams auf den Fensterbänken. Die Kosmetik von Bellevue ordentlich nach Größe im Bad, einfarbige Handtücher, gleiche Holzbügel im Schrank.

Sie hatte sich ihr Leben bewusst genauso eingerichtet. Jede Sache an ihrem Platz. Wirkliche, städtische Ruhe im achten Stock nur das Summen der Levington-Geräte in der Küche und gelegentlich Regen an der Scheibe.

Markus stellte die Taschen in den Flur. Die Kinder zogen die Schuhe aus. Philip betatschte sofort die weiße Wand.

Philip, sagte Annika.

Was ist?

Die Hände, bitte.

Der Junge schaute erst auf seine Handfläche, dann auf die Wand, dann erneut zu Annika.

Was ist mit meinen Händen?

Annika nahm einen tiefen Atemzug genau so, wie man es ihr in ihrem Stresstraining beigebracht hatte. Drei Sekunden ein, drei Sekunden aus.

Markus, sprich bitte schnell.

Ihr Bruder ging in die Küche, setzte sich auf den Barhocker und verschränkte die Hände auf der Theke ein Zeichen von Kapitulation.

Wir fahren mit Kathrin in ein Wellnesshotel. Acht Tage. Wir müssen reden. Ohne Kinder geht das nicht.

Gibt es keine andere Möglichkeit?

Mama ist bis nächsten Freitag zur Kur, das weißt du. Kathrins Eltern sind im Dorf, da gibts gerade Quarantäne wegen irgendeines Virus, Kinder können da nicht hin. Annika, ich bitte dich. Acht Tage.

Acht Tage, wiederholte sie.

Oder neun. Wir sind Sonntag wieder da.

Aus dem Wohnzimmer hörte man ein leises, aber deutlich erkennbares Poltern. Etwas war auf dem Boden gelandet.

Emilia, bitte nichts anfassen! rief Markus ohne sich umzudrehen, ganz der gewohnte Vater.

Markus, Annika sprach ruhig, denn ein leiser Ton ist oft wirksamer ein weiteres Stresstraining-Ergebnis. Ich arbeite von zu Hause. Ich habe Mittwoch eine wichtige Online-Präsentation für Kunden aus drei Städten. Ich weiß nicht, wie man mit Kindern umgeht. Ich weiß nicht, was sie essen, wie man mit ihnen spricht, wie man sie ins Bett bringt.

Sie essen fast alles außer Zwiebeln. Philip mag keine Tomaten. Sagen kannst du alles, sie sind unkompliziert. Emilia schläft mit dem Kaninchen ein, Philip möchte eine Geschichte vorgelesen bekommen, das Buch ist in der Tasche.

Markus.

Annika. Er hob den Blick, und Annika sah in seinen Augen etwas, das ihr das Herz kurz eng werden ließ. Keine Mitleid. Etwas anderes eine Müdigkeit, die nicht verhandelt werden konnte. Wenn wir jetzt nicht fahren, weiß ich nicht, was aus unserer Familie wird. Ehrlich nicht.

Sie schwieg. Draußen schwebte eine Wolke gemächlich über den Park. Strahlend weiß, ganz ruhig.

Acht Tage, sagte sie schließlich.

Danke.

Bedank dich nicht zu früh. Ich verspreche nicht, dass ich dich nicht nach drei Stunden anrufe.

Ich bin erreichbar. Kathrin auch.

Markus ging schneller als nötig. Zu schnell, wie jemand, der fürchtet, noch gestoppt zu werden. Er küsste beide Kinder auf den Kopf, sagte etwas von Tante Annika, die die Beste ist, legte einen Zettel mit Anweisungen in großer, unordentlicher Handschrift auf die Theke und war eine Viertelstunde später weg.

Annika stand im Flur.

Philip und Emilia blickten sie an.

Sie sah zurück.

Also, sagte sie.

Also, erwiderte Philip.

Habt ihr Hunger?

Ich will Saft, sagte Emilia.

Welchen?

Orangenen.

Orangensaft?

Nein. Orangenen. Den orangenen eben.

Annika öffnete den Kühlschrank. Drinnen standen zwei Sorten Mineralwasser, eine Box mit vorgeschnittenem Gemüse, Bellevue-Joghurt natur und eine angefangene Flasche Weißwein. Kein Saft für Kinder. Hatte sie nie bedacht. Wozu auch?

Wir gehen gleich einkaufen, verkündete sie.

Juhu! rief Philip so laut, dass es unter der Zimmerdecke widerhallte. Dank Dreimeterhöhe eine beeindruckende Akustik.

Annika verzog das Gesicht.

Der Supermarkt lag im Nachbargebäude, fünf Minuten zu Fuß. In diesen fünf Minuten ließ Emilia ihr Kaninchen viermal fallen, drückte Philip im Aufzug alle Knöpfe, inklusive dem Notruf-Button, und erzählte Annika detailreich von einem Jungen aus dem Kindergarten, der durch die Zähne spucken konnte in zwei Meter Entfernung. Annika erfuhr mehr über ihn, als sie je wissen wollte.

Im Laden kaufte sie vier Sorten Saft, Milch, Brot, Erdbeerjoghurt, Nudeln, Hähnchenfrikadellen im Vakuumpack, Äpfel, Bananen und eine Packung quietschbunten Keksen, die Philip zu ihrer Überraschung in den Korb bugsierte. Sie unterließ es, sie zurückzulegen. Kapitulation in kleinen Dingen hätte sie eine Woche zuvor noch unmöglich gefunden.

Der erste Tag verlief relativ ruhig abgesehen davon, dass Emilia den Orangensaft über den Couchtisch verschüttete und Philip beim Rennen an der Türzarge hängen blieb und fünf Minuten heulte. Annika wusste nicht, wie sie Kinder trösten sollte. Sie reichte Wasser und meinte, das vergehe ihr üblicher Erwachsenenspruch, der hier zu funktionieren schien. Philip trank, schniefte und sah dann einen Trickfilm auf dem von Markus eingepackten Tablet.

Ins Bett wollten beide weder um neun noch um zehn noch um halb elf. Um halb elf las Annika Philip das Buch über den Bären, der Himbeeren suchte, zwei Mal vor. Emilia schlief da längst auf dem Sofa, das Kaninchen fest umklammert. Annika betrachtete sie zwanzig Sekunden, hob sie vorsichtig hoch und legte sie aufs ausgeklappte Gästebett. Das Mädchen war leicht und warm wie eine kleine Sonne. Sie wachte nicht auf.

Annika ging in die Küche, goss sich einen Kräutertee aus der Levington-Thermotasse ein und öffnete den Laptop. In drei Tagen war die Präsentation. Zwei Folien fehlten noch, sie musste den Einstieg proben.

Sie saß in der Stille ihrer Küche und trank Tee und konnte sich nicht konzentrieren.

Der Morgen des zweiten Tages begann um 6:37 Uhr. Das wusste Annika genau, weil sie in jenem Moment auf ihr Levington-Handy schaute, als es im Wohnzimmer polterte.

Philip war schon wach, baute eine Festung aus den Sofakissen und saß stolz in der Mitte, Kekse essend, die er auf mysteriöse Weise auf dem zweiten Küchenregal gefunden hatte. Die zerbröselten Kekse lagen ebenfalls auf dem Boden.

Guten Morgen, rief er putzmunter.

Guten Morgen, entgegnete Annika.

Kannst du Pancakes machen?

Pfannkuchen?

Die runden mit Ahornsirup.

Ich hab keinen Ahornsirup.

Schade.

Es gab Buchweizengrütze. Philip aß ohne Widerworte. Emilia wachte um acht Uhr auf, setzte sich mit Kaninchen verschlafen an den Tisch.

Ich will die gleiche Grütze wie Philip, verkündete sie.

Annika dachte: läuft doch.

Die Überschwemmung kam Dienstag, zwei Uhr nachmittags.

Sie saß am Schreibtisch, arbeitete an der Präsentation. Die Kinder spielten in der Badewanne alte Rechnungen hatte Philip aus dem Nachttisch gekramt und zu Booten gebastelt. Wirkte alles harmlos. Wasser in der Wanne, Kinder beschäftigt, ruhig.

Nach zwanzig Minuten endete die Ruhe.

Annika brauchte einen Moment, um zu merken, dass aus der Badezimmertür Wasser in den Flur lief.

Oh nein, murmelte sie, als es schon zu spät war.

Wasserhahn komplett auf, Kinder wechselseitig abgetaucht, und ein Flaggschiff hatte den Ablauf blockiert, sodass das Wasser überlief. Wohlschmeckende Überschwemmung seit zehn Minuten.

Sie drehte den Hahn ab, seufzte und fing an, Wasser aufzuwischen.

Es klingelte zwanzig Minuten später, gerade als sie mit ihrer Bellevue-Wollpantoffeln die schlimmste Nässe bekämpfte.

Wer ist da?

Nachbar von unten, siebter Stock.

Ein Mann Mitte vierzig, groß, etwas zerzaust, Jeans, dunkelblauer Pulli und ein ruhiges Gesicht hielt das Handy mit einem Foto ihrer tropfenden Wohnzimmerdecke hoch.

Ich bin Andreas. Wohnung 72.

Annika. 84. Sie seufzte. Ich weiß, was passiert ist. Kinder.

Verstehe. Er steckte sein Handy weg. Kann ich helfen?

Annika schaute ihn verwundert an. Normalerweise erklären Leute in dem Moment, wie inakzeptabel das sei, drohen mit Hausverwaltung und Schadenersatz. Sie war auf Diskussionen vorbereitet das war immerhin ihr Job.

Sie haben helfen gesagt? vergewisserte sich Annika.

Bei Ihnen steht wohl noch Wasser. Ich habe einen Baustellenföhn und einen guten Wischer. Einer mit Pressaufsatz.

Hinter ihr lugte Philip um die Ecke.

Bist du unser Unternachbar? fragte er interessiert. Ists bei dir jetzt nass?

Bei euch, bestätigte Andreas ruhig. Aber ohne Vorwurf. Haben die Schiffchen gut geschwommen?

Super! Ich hatte sogar einen Flugzeugträger!

Das ist was.

Kommen Sie rein, seufzte Annika. Es hatte keinen Sinn, ihn im Flur stehen zu lassen.

Die nächste Stunde ist ihr nur verschwommen im Gedächtnis. Andreas half tatsächlich, das Wasser mit dem Wischer aufzunehmen sachlich, ohne Kommentar. Ab und zu durfte Philip den Lappen drücken, was er als große Aufgabe auffasste. Emilia stand mit dem Kaninchen im Türrahmen und zeigte treffsicher auf nasse Stellen.

Ist ihre Decke kaputt? fragte Annika, als sie fertig waren.

Ein bisschen. Da war noch alte Kalkfarbe das Trocknetupfer, schon gut. Ich schicke Ihnen die Rechnung, falls es schlimm wird.

Ich bezahle den Schaden.

Wir sehen dann. Er zuckte die Schultern. Kein Vorwurf, einfach lebenspraktisch. Wie lang sind die Kinder schon da?

Zweiter Tag.

Ihre?

Neffen und Nichte. Ich nein. Habe keine eigenen.

Er nickte. Sein Blick glitt zu Philip, der schon wieder vergessen hatte, wie das Wasser entstanden war, und jetzt an den Knöpfen der Fernbedienung rumspielte.

Okay, meinte Andreas. Dann ein Tipp: Für die Badewanne gibts Abflussstopfen mit Kinderschutz. Und Wasserhahn immer nur minimal auf.

Ich werde dran denken.

Viel Glück. Wenn was ist ich bin im siebten. Einfach klingeln.

Wieso bleiben Sie so ruhig? fragte Annika unvermittelt.

Andreas überlegte.

Was sollte ich tun? Schreien? Davon trocknet die Decke auch nicht schneller.

Er ging. Annika schloss. Draußen sank die Sonne. Emilia stritt in der Küche, Philip widersprach. Annika teilte das Gebäck gerecht auf. Beide Kinder schauten sie respektvoll an.

Am Mittwoch bereitete Annika sich auf die Präsentation vor. Die Kinder sahen im Wohnzimmer Trickfilme, die Schalen mit Apfelscheiben und Crackern standen bereit alles unter Kontrolle.

Die Präsentation begann um elf. Annika saß im Arbeitszimmer, Laptop-Kamera, Blazer überm T-Shirt. Aus drei deutschen Städten waren sieben Leute zugeschaltet: der Filialleiter aus Hamburg, zwei Partner aus Frankfurt und der Außendienst von Essen.

Die erste Viertelstunde lief tadellos. Annika stellte die Estella-Kollektion vor, erläuterte Preise, beantwortete erste Rückfragen.

In der sechzehnten Minute öffnete sich die Tür.

Tante Anna! Emilia brüllte, als würde sie auf dem ganzen Stockwerk gehört. Philip hat mein Kaninchen!

Emilia, sagte Annika leiser und eindringlich , ich arbeite gerade.

Er sagt, das Kaninchen ist hässlich!

Ist es auch! schallte es vom Wohnzimmer.

Entschuldigung, eine Sekunde bitte, sagte Annika in die Kamera, beherrscht lächelnd.

Sie drückte auf Pause, ging ins Wohnzimmer. Philip und Emilia zerrten je an einem Kaninchenohr.

Lasst das Kaninchen los. Beide.

Sie ließen los. Emilia drückte das Kaninchen an sich.

Philip, kannst du ruhig einen Trickfilm gucken?

Ist zu Ende.

Dann schau einen anderen.

Da kommt Werbung.

Annika schaltete um, wählte einen Tiertrickfilm und verschwand wieder ins Arbeitszimmer.

Acht Minuten später klopfte es, Philip kam herein, stellte sich schweigend neben den Schreibtisch.

Annika versuchte weiterzureden.

Ich muss aufs Klo, erklärte er klar in die Kamera.

Der Hamburger Filialleiter lachte zuerst, alle anderen folgten. Annika wurde knallrot das war ihr seit fünfzehn Jahren nicht mehr passiert.

Philip, du weißt, wo das Bad ist.

Ja, wollte nur Bescheid sagen.

Als er ging, war klar die Ernsthaftigkeit der Präsentation war dahin; gleichzeitig war die Atmosphäre gelöst. Der Frankfurter Partner berichtete von seinen eigenen drei Kindern und meinte, das Angebot gefalle ihm. Ein neuer Termin wurde vereinbart.

Annika klappte den Laptop zu und saß einen Moment still.

Sie stellte fest: Sie war nicht wütend. Das war ungewohnt. Normalerweise hätte sie sich geärgert jetzt nicht.

In der Küche machte sie den Kindern Käsebrote. Philip meinte, es schmecke gut. Emilia aß die Hälfte beschäftigt mit dem Kaninchen.

Nachmittags klingelte es.

Hab den Stöpsel geholt, sagte Andreas und hielt einen kleinen Plastikbeutel mit Gummistopfen hoch.

Waren Sie extra im Laden?

Musste eh Brot kaufen.

Kommen Sie rein.

Annika wusste gar nicht, wie sie dazu kam, ihn einzuladen. Aber er kam rein, zog die Schuhe aus und Philip stürmte: Das ist der, der beim Wasser geholfen hat!

Genau der, lächelte Andreas.

Ist deine Decke jetzt trocken?

Fast. Dauert noch zwei Tage.

Dann ist ja gut.

Kannst du Jenga? Ich hab Jenga, Papa hat es eingepackt.

Kann ich.

Dann spiel mit!

So saßen sie um den Estella-Couchttisch. Emilia spielte kein Jenga, aber sie saß mit dem Kaninchen und feuerte an. Andreas nahm das Spiel ernst, gab Philip Tipps.

Annika tat so, als bereite sie das Abendessen vor dabei schaute sie zu.

Pass auf, Philip, die äußere links geht leicht raus, erklärte Andreas.

Woher weißt du das?

Jede Turm hat eine Schwachstelle, man muss sie nur finden.

Auch im Leben? fragte Philip unvermittelt ernst.

Andreas überlegte.

So ähnlich, antwortete er.

Sie aßen gemeinsam zu Abend, Andreas half mit den Frikadellen und schnitt das Brot. Annika musste eingestehen, sein Schnitt war ordentlicher.

Wie lange wohnen Sie schon hier? fragte sie.

Drei Jahre. Sie sind vor einem Jahr eingezogen ich hab den Umzug gesehen, war grad auf dem Weg zur Arbeit.

Wo arbeiten Sie denn?

Architekturbüro, Statik. Eher unspektakulär.

Niemand fragt, obs schön ist nur, obs hält?

Genau.

Das ist wichtiger.

Andreas stutzte, als hätte er diese Antwort nicht erwartet. Dann lächelte er.

Um neun schliefen beide Kinder ohne Murren. Andreas trank seinen Tee aus, half beim Abräumen.

Gute Nacht, sagte er im Flur.

Gute Nacht und danke auch fürs ruhig Bleiben am Dienstag.

Er schaute sie lange an.

Sie machen das gut für jemanden, ders zum ersten Mal erlebt.

Woher wissen Sie das?

Wären Sie es gewohnt, würden Sie nicht so schauen, als tragen Sie eine Kristallvase durchs Haus.

Annika lachte offen. Für sie selbst überraschend.

Er ging. Annika blieb stehen, betrachtete die aneinanderhängenden Jacken im Flur: ein blaues Kinderjäckchen, Philips Jacke, ihre eigene etwas abseits.

Donnerstag und Freitag verliefen anders als die ersten Tage. Annika zuckte nicht mehr bei jedem Lärm. Der morgendliche Grütze-Saft-Ritus wurde beinahe Routine. Emilia liebte es, neben Annika zu sitzen, während sie arbeitete, und malte leise Familiengeschichten von Hasen im Skizzenblock. Jeder Hase hatte einen Namen.

Das ist die Hasenmama. Und das der Hasenpapa. Und das der kleine Hase der heißt Knopf.

Warum?

Weil er klein und rund ist.

Logisch.

Freitagabend kam Andreas wieder, mit einem Weltstädte-Gesellschaftsspiel aus seiner Kindheit. Kannte niemand, war aber egal. Neugier und Enthusiasmus reichten.

Wo haben Sie das her?

Aus Kindertagen. Umzugskiste warum, weiß ich nicht.

Gut so.

Sie saßen auf dem kühlen Parkett. Emilia schlief an Annika gelehnt ein, und Annika bemerkte erst spät, dass sie den Arm um das schlafende Mädchen gelegt hatte.

Andreas sah es, schwieg aber dazu.

Am Samstag gingen sie in den Park Andreas Idee, Annika folgte. Philip fand eine Pfütze und lief natürlich durch, die Schuhe trug Annika zurück, Philip stapfte in Socken, denen das völlig egal war.

Bist du gar nicht sauer?

Worüber?

Die Schuhe sind doch nass.

Die trocknen.

Du bist wie Andreas, rutschte es Annika heraus.

Andreas ist super. Tante Anna, ist er dein Freund?

Mein Nachbar.

Ist das nicht dasselbe?

Nein.

Warum?

Sie hatte keine Antwort. Andreas trug Emilia auf den Schultern und erzählte von Bäumen im Park, Emilia hörte ganz konzentriert zu.

Am Sonntag rief Markus an. Seine Stimme war wärmer, ruhiger.

Wie gehts ihnen?

Sie leben. Philip ist durch die Pfütze, Emilia hat 47 Hasen gemalt.

Markus lachte laut.

Du schaffst es.

Die Aufregung lässt nach. Wie wars bei euch?

Kurze Pause.

Viel besser. Danke.

Annika schwieg. Hauptsache.

Die zweite Woche lief ruhiger. Annika wusste nun: Philip isst keine Tomaten, aber gern Tomatensuppe wenn man nichts verrät. Emilia braucht vorm Schlafengehen das Fenster einen Spalt offen. Vor halb acht werden beide quengelig, dann ist Sanftheit besser als Strenge all das wusste sie jetzt aus Erfahrung, ohne Anleitung.

Andreas kam jeden Abend. Manchmal brachte er etwas mit, meist blieb er einfach so. Sie redeten in der Küche über Arbeit, Bücher, Stadt. Andreas, der Statiker, war belesener als erwartet, Annika hatte schon lang nichts mehr außer Arbeitsunterlagen gelesen.

Was lesen Sie gerade? fragte er einmal.

Nichts, nur Arbeitsskripte.

Das zählt nicht.

Ich weiß.

Soll ich was mitbringen?

Gerne.

Er brachte einen Roman einer japanischen Autorin über eine Frau, die nach dem Tod der Mutter merkt, wie wenig sie sie kannte. Annika las jeden Tag nach dem Einschlafen der Kinder eine halbe Stunde. Das wurde ihr bestes Ritual.

Am zweiten Wochen-Donnerstag fragte Philip nach Annas Arbeitsplatz.

Wo du arbeitest, zeig mal.

Mein Büro ist hier, zeigt Annika, stellt Laptop, Kataloge, Mini-Kaktus am Fensterbrett vor.

Bist du glücklich?

Womit meinst du?

Mit Arbeit.

Ich glaube schon.

Papa meint, man soll so arbeiten, dass man glücklich ist. Sonst, wozu?

Das ist klug.

Tante Anna, warum wohnst du allein?

Hat sich so ergeben.

Wolltest du das?

Ich hab mich daran gewöhnt. Es ging mir gut.

Ging?

Annika schwieg.

Ging, wiederholte sie.

Der letzte Tag kam schneller als gedacht. Am Sonntag, pünktlich um eins, stand Markus mit Kathrin in der Tür; sie sah deutlich entspannter aus als beim Weggehen. Kathrin umarmte die Kinder lange, Emilia ließ nicht los.

Annika, ich weiß nicht, wie ich dir danken soll.

Nicht nötig.

Waren sie brav?

Sie waren Kinder, meinte Annika und lächelte.

Kathrin schaute kurz erstaunt.

Das Packen dauerte eine Stunde. Emilia weinte ein wenig zum Abschied, Annika versprach ein Wiedersehen. Philip verabschiedete sich mit einem ernsten Händedruck ernsthaft und rührend. Dann umarmte auch er Annika fest, kurz, verschwunden.

Tür zu.

Annika blieb im Flur stehen.

Emilias Jäckchen hing nicht mehr an der Garderobe. Ihr eigener Mantel alleine zurück.

Stille.

Im Wohnzimmer lag noch ein verbeulter Kissenbezug Philip hatte dort morgens auf dem Tablet gesessen. Vor dem Couchtisch lag ein Kinderbild, vergessen von Emilia: die Hasenfamilie Mama, Papa, Knopf, daneben eine blondhaarige Figur: Tante Anna in Kinderschrift.

Annika nahm das Bild und hielt es eine Weile.

Dann ging sie in die Küche, setzte Wasser aus der Levington-Karaffe auf, stellte eine Tasse raus. Alles war ordentlich, ruhig. So, wie sie es früher mochte.

Sie wartete auf das Gefühl der Erleichterung das, was sonst immer kam, nach Trubel, nach Feiern, nach Familienbesuchen. Das Gefühl, wieder zu Hause zu sein.

Aber es kam nicht.

Es blieb nur das Bild in der Hand und eine Pause, in der die Stille sich anders anfühlte wie eine Pause nach Musik. Wenn die Musik verklungen ist, aber noch unklar bleibt, ob das jetzt gut oder schlecht ist.

Annika saß in der Küche, trank Tee, sah auf den Park und dachte nach.

Über Philip, der fragte, ob sie glücklich war. Über Emilia, die am Freitagabend auf dem Parkett neben ihr einschlief, während Annika sie festhielt. Wie ihr Arbeitszimmer war, bevor Philip es sehen wollte und wie es danach war. Über Andreas wie er das Brot schnitt. Sein ruhiges Wesen, das nicht Gleichgültigkeit, sondern Stabilität war. Dass er jeden Abend kam, nie etwas forderte einfach da war.

Sie stellte fest, dass sie in den letzten neun Tagen nachts nicht mit Arbeitssorgen aufwachte. Seltsam. Arbeitssorgen waren jahrelang täglicher Begleiter gewesen.

Um sechs stand Annika auf, wusch sich, zog ihren dunkelblauen Lieblingspulli an, griff zum Telefon. Dann legte sie es wieder weg.

Sie klingelte nicht. Sie fuhr mit dem Aufzug in den siebten Stock und drückte auf die Klingel von Wohnung 72.

Andreas öffnete nach wenigen Sekunden, schaute sie aufmerksam und nicht überrascht an.

Sie sind weg, sagte Annika.

Habe ich gehört. War plötzlich ruhig.

Haben Sie Lust, auf einen Tee zu kommen? Ist zwar schon kalt, aber ich mache einfach neuen.

Er überlegte kurz.

Habe ich, sagte er.

Oben saßen sie wie früher in der Küche. Andreas nahm den Stuhl an der Bar, auf dem zu Beginn Markus gesessen hatte anderer Mensch, anderer Ton.

Wissen Sie, sagte Annika, heute habe ich zum ersten Mal seit neun Tagen keine Verpflichtungen. Und ich weiß nicht, was ich damit tun soll.

Gut oder schlecht?

Weiß nicht. Ungewohnt.

An neues Ungewohntsein kann man sich gewöhnen.

Was heißt das?

Erst wars ungewohnt, allein zu sein. Dann wars normal. Jetzt ist es wieder ungewohnt, aber anders.

Sie reden wie jemand, der das kennt.

Er hob den Blick.

Ich war sechs Jahre verheiratet. Jetzt drei Jahre Single.

Tut mir leid.

Muss nicht. Es war richtig. Wir waren gute Menschen, aber nicht füreinander. Was schwer war, war nicht das Auseinandergehen. Sondern die Stille danach. Man begreift dann, dass Stille mit und Stille ohne jemanden komplett unterschiedlich ist.

Annika blickte in ihre Tasse.

Ich hielt die Stille immer für Freiheit, sagte sie. Und Alleinsein für Entscheidung.

Vielleicht. Aber Entscheidungen kann man neu treffen.

Haben Sie das getan?

Bin noch dabei, lächelte Andreas. Zum Glück gibts Nachbarskinder, die Überschwemmungen organisieren.

Sie lachte. Richtig.

Andreas.

Ja?

Sie Sie zögerte, hätte abbiegen können, eine Floskel sagen wie so oft. Aber sie ließ es sein. Ich mag Sie. Das wollte ich, dass Sie wissen.

Er sah sie an.

Das ist gut, sagte er leise. Denn Sie gefallen mir auch. Das weiß ich seit dem Tag, an dem Sie fragten, warum ich so ruhig bin. Das hat mich neugierig gemacht.

Kuriose Begründung.

Ich bin eben kurios.

Sie redeten lange, bis elf. Über Arbeit, Wohnblick aus dem achten und siebten Stock, über Kinder und das Hasenbild mit der blonden Figur. Er blieb lange, ging dann beim Verabschieden hielt er ihre Hand kurz in seiner.

Gute Nacht, Annika.

Gute Nacht.

Annika lehnte nach dem Schließen der Tür an ihr diesmal war die Stille warm, nicht leer.

Sie ging ins Wohnzimmer, stellte Emilias Bild neben die Vase aufs Regal. Die Hasenfamilie schaute sie an und daneben die etwas schief gemalte Tante Anna.

Ein Jahr später.

Die Wohnung war verändert, ganz leicht, aber sichtbar. Im Regal standen jetzt Kinderbücher, von den letzten Besuchen der Neffen und Nichte. Auf dem Fenstersims hatten sich zu Annikas Kaktus drei weitere Blumentöpfe gesellt, einer davon schief, weil Emilia beim Gießen zu enthusiastisch war. In der Garderobe hingen zwei Mäntel: ihr dunkelblauer, einer in Grau Andreas.

Auf dem Couchtisch lag einer von Andreas Katalogen mit Baustatischen Zeichnungen. Daneben eine Tasse mit kaltem Kaffee, ein Roman mit Lesezeichen.

Annika stand am Fenster, schaute auf den verherbstlichen Park. Sie mochte den Park besonders im Herbst.

Ihr Bauch rundete sich sichtbar fünf Monate. Sie gewöhnte sich allmählich daran; es war erst unwirklich, dann absolut selbstverständlich und das Wichtigste zugleich geworden.

Die Tür ging auf.

Sie sind unterwegs, rief Andreas aus der Küche. Markus schrieb, sie sitzen schon im Auto.

In einer halben Stunde also hier.

Philip hat angerufen?

Dreimal. Er will wissen, ob er Trickfilme gucken darf, oder wir in den Park gehen.

Am besten beides.

Habe ich ihm auch gesagt.

Andreas stellte den Wasserkocher an, schaute zu Annika.

Wie fühlst du dich?

Gut. Die Beine etwas schwer, aber gut.

Setz dich.

Ich bleibe lieber stehen.

Annika.

Schon gut, ich setz mich, seufzte sie, ließ sich aufs Sofa fallen. Weißt du, woran ich heute denken musste? Vor genau einem Jahr sind sie abgereist. Und ich stand mit dem Teekessel in der Küche, in der Hoffnung, diese Stille würde sich endlich wieder gut anfühlen.

Und?

Tat sie nicht.

Ich weiß noch, du bist zu mir gekommen.

Hast du gewartet?

Er überlegte.

Nicht so richtig. Ich habe es gehofft.

Es klingelte laut wie es nur Kinder können. Philip war schneller als die Tür.

Tante Anna! Wir sind da! Gehen wir in den Park? Liegen schon Blätter? Ist dein Bauch gewachsen?

Philip, lass uns erstmal rein, ertönte Markus Stimme.

Ich bin schon drin.

Emilia trat wie immer leise ein, schaute sich um, entdeckte Annika und umarmte sie fest und ernst, fast erwachsen. Dann fragte sie:

Tante Anna, ist mein Kaninchen noch hier?

Liegt im Gästezimmer, auf deinem angestammten Platz.

Das dachte ich mir.

Im Flur wurde es laut. Markus umarmte Andreas mit einem Schulterklopfer, Kathrin redete mit Annika über die Autofahrt. Philip war längst wieder abgetaucht, tauchte dann mit dem Buch über den Himbeerbären auf.

Tante Anna! Du hast unser Buch nicht weggeschmissen!

Natürlich nicht.

Liest dus auch dem Kleinen vor?

Aber sicher.

Gut, befand Philip und musterte Annika prüfend und direkt wie immer. Tante Anna, bist du jetzt glücklich?

In der Wohnung füllte Lachen die Räume, Stimmen, Emilias Rufen nach ihrem Kaninchen, der Wasserkocher in der Küche, der Herbstwind draußen und das zarte Strampeln von jemand ganz Kleinem im Bauch jemand, den sie noch gar nicht richtig kannte.

Annika sah Philip an.

Ja, antwortete sie.

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Homy
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