Ein Kreuz fürs Leben
“Also wenn du solche Fragen stellst, dann lass es lieber bleiben. Und hör auf keinen. Ich hab damals auch auf andere gehört…” seufzte die Mutter. “All diese Ratgeber verkriechen sich später in ihre Löcher, und du bleibst mit dem Kreuz sitzen.”
Ein vernünftiger Rat, doch in Ines gefror alles im Inneren. Ein Kloß stieg ihr in die Kehle, die Augen brannten. Sie begriff: Wenn sie das Gespräch nicht sofort beendete, würde sie in die Sprechmuschel heulen. Und das Schlimmste? Ihre Mutter würde es wahrscheinlich gar nicht verstehen.
“Verstanden. Danke, Mama. Ich muss noch überlegen… Wir sprechen später.” Ines beendete das Gespräch, drückte das Kissen an sich und krümmte sich zusammen. Das war kein simpler Rat. Es war ein unbedachtes Eingeständnis. Fast körperlich spürte sie, wie sich eine Tür zu ihrer Vergangenheit öffnete und alles plötzlich Sinn ergab.
…Ihre Mutter Helga war gewissenhaft und pünktlich zumindest was Pflichten anging. Sie achtete auf Ines’ Ernährung, gab ihr stets das Beste, selbst wenn sie selbst hungern musste. Ines hatte Spielzeug, Kleidung, besuchte die Musikschule und Ballett. Kurzum: Sie hatte alles. Außer Liebe.
Helga sagte nie “Ich hab dich lieb”. Sie umarmte nicht, sprach nicht über Gefühle, lobte nicht. Sie schimpfte nicht einmal. Es war, als wäre ihre Tochter ihr völlig gleichgültig.
Ines erinnerte sich, wie sie und ihre Banknachbarin Lotte einmal eine Fünf in Mathe bekamen. Lotte war am Boden zerstört.
“Du Glückliche. Dich schimpft daheim keiner aus. Aber ich krieg die Krise… Wenn ich mich heute Abend nicht melde, haben sie mir Handy und PC weggenommen.”
“Du hast Glück. Dich schimpft wenigstens jemand aus…”, murmelte Ines.
Lotte starrte sie verdutzt an. Wer wollte schon freiwillig Gebrüll und Moralpredigten ertragen?
“Hast du einen Sonnenstich? Wenn du magst, kannst du meine Standpauke gerne übernehmen!”, lachte Lotte.
Ines wandte sich ab. Sie hätte es geliebt doch Helga kontrollierte nie ihr Schulheft. Wozu auch? Ines war eine Einserschülerin. Zumindest eine Zeit lang.
Zuerst dachte sie: Wenn sie nur “gut genug” wäre, würde Helga sie bemerken. Für die Musikschule, die Einsen, die Ballettauftritte loben. Doch nein. Ihre Mutter reagierte gelassen, als wäre das selbstverständlich.
Dann tat Ines so, als wäre sie krank. Bauchschmerzen, behauptete sie. Sie sehnte sich nach Sorge, Zuwendung. Nicht die feine Art, aber wie sonst Aufmerksamkeit erhaschen?
Teilweise klappte es. Helga widmete ihr mehr Zeit doch Ines bereute es schnell. Statt Zärtlichkeit gab es Arzttermine, bis ein leichter Gastritis diagnostiziert wurde. Medikamente nach Uhrzeit, strenge Diät. Kein Trost, kein Mitgefühl. Nur nüchterne Pflicht.
Also eskalierte Ines: Schule schwänzen, Sechsen kassieren, Ballett und Musikschule schmeißen, frech werden.
Nichts.
“Wenn du nicht lernen willst dein Problem”, sagte Helga eines Tages achselzuckend. “Bis 18 zahle ich deinen Unterhalt, dann sieh zu. Aber ohne Schulabschluss findet dich kein Arbeitgeber.”
Beim Thema Haushalt erklärte sie knapp: Kein Spielen, bevor der Boden nicht gewischt war. Ines blieb lange so liegen, das Kissen fest umklammert, als könnte es das Loch in ihrer Brust ausfüllen. Draußen wurde es dunkel, doch sie machte kein Licht. Irgendwann spürte sie keine Tränen mehr, nur eine tiefe Müdigkeit, die wie Asche auf allem lag.
Sie dachte an das Kreuz, von dem ihre Mutter gesprochen hatte nicht als Bild, sondern als Gewicht. Ein schwerer, unsichtbarer Balken, den sie längst trug, ohne zu wissen, warum.
Langsam richtete sie sich auf, ging zum Fenster und sah in die Nacht.
Morgen, dachte sie, werde ich nicht versuchen, es zu verstehen. Morgen werde ich nur atmen. Und das genügt.




