Weißt du, ich muss dir unbedingt erzählen, was neulich passiert ist. Es ist so eine typische Geschichte aus der eigenen Heimat, aber diesmal war alles irgendwie anders Also, setz dich mal, das wird lang.
Draußen nieselte es, dieses monotone, graue Nieselwetter, das einen direkt in die Kindheit zurück beamt. Anna saß im Bus auf dem Rückweg in die Heimat, schaute durch das verregnete Fenster und dachte darüber nach, ob sie sich überhaupt noch wie zu Hause fühlt in diesem kleinen Städtchen. Nein, ihr Zuhause war mittlerweile München ihre coole Einzimmerwohnung im vierten Stock, mitten in Schwabing, der Großstadttrubel, das mochte sie. Aber Elternhaus? Das war eher ein Kapitel aus dem alten Leben: ihre Eltern, die Schule, Ferien im Schrebergarten, das alles hatte sie nach und nach hinter sich gelassen.
Mit siebenundzwanzig war Anna irgendwie stolz, was sie bis dahin erreicht hatte. Erst das Medizinstudium geschafft in Heidelberg noch dazu! und dann eine tolle Stelle in einem bekannten Beauty-Studio in München. Sie war ständig auf Fortbildungen, Seminaren, immer up to date, und eigentlich hätte sie gar keine Zeit gehabt, jetzt in die Heimat zu fahren. Aber in letzter Zeit benahmen sich ihre Eltern so komisch. Ihre Mutter nahm die Anrufe alleine entgegen, vom Vater hörte sie nur Ausflüchte, wenn sie ihn mal erreichte.
Und so kam es, dass Anna in diesen Flixbus stieg, von München bis nach Regensburg, und dann noch zwei Stunden mit der Regionalbahn Richtung Passau. Die letzten Kilomenter mit dem Taxi, Landstraße, kleine Dörfer, weite Felder. Irgendwie war alles wie früher, und doch völlig anders. Das Ortsschild stand noch am selben Platz, aber der alte Supermarkt war raus, an seiner Stelle jetzt so ein moderner Discounter. Die Birken vor dem Haus, die hatte ihr Vater einst selbst gepflanzt; und auf dem Rasen blühte noch immer die alte Schlehe aus Kindertagen.
Noch bevor das Taxi zum Stehen kam, stand Annas Mutter, Ingrid, schon am Fenster. Anna! Anna-Kind! Endlich wieder daheim! Tränen in den Augen, dabei lachte sie aber wie das eben so ist bei Müttern. Anna schob den Koffer zur Seite, warf die Jacke über den Sessel, kickte die Stiefeletten von den Füßen und legte, erschöpft von der Reise, erst einmal die Beine hoch.
So zwei Minuten saßen sie einfach beieinander, Mutter und Tochter, ohne viel zu reden. Aber irgendwann rückte Anna dann doch mit der Sprache raus: Sag mal, wo steckt eigentlich Papa? Die Mutter wich ein bisschen aus, wollte erst mal etwas Warmes auftischen, all die Sachen, die Anna schon als Kind geliebt hatte Frikadellen, Kartoffelsalat, handgemachte Käsespätzle.
Doch Anna ließ nicht locker. Die Stimmung wurde ernst. Ingrid zögerte, dann rückte sie raus mit der Sprache: Weißt du, das ist jetzt nicht so einfach aber dein Vater und ich, naja, wir haben uns getrennt.
Anna traute ihren Ohren kaum. Sie lief ins Schlafzimmer, riss den Schrank auf Papas Sachen weg. Ungläubig, enttäuscht, und dann diese Wut. Wie konnte das passieren? Ihr hattet doch immer alles im Griff?
Aber irgendwie schien alles schon länger im Argen zu liegen. Ihr Vater war jetzt im Haus von Annas Oma untergekommen, ein paar Straßen weiter. Aber das war nicht das Verrückteste er lebte dort jetzt mit einer anderen Frau zusammen. Anna war außer sich, stürmte nach draußen, atmete tief die kühle Landluft ein. Am liebsten hätte sie diese Irina so hieß die Neue, aus einem Nachbardorf aus dem Haus gejagt, wo Annas halbes Leben steckte.
Anna konnte ihre Wut anfangs kaum aushalten und suchte nach einem Weg, irgendwie Gerechtigkeit herzustellen. Ihr Vater, der sie doch immer verwöhnt hatte und für den sie so vieles bedeutete. Jetzt sollte sie mit dieser neuen Familie klar kommen? Kindheitserinnerungen und Unverständnis prallten aufeinander. Das alles war zu viel, irgendwas in ihr wollte sich einfach rächen.
Später am Nachmittag, die Wut noch nicht verraucht, ging Anna tatsächlich zum Omahaus. Durch den Garten, am Holzzaun vorbei und stand plötzlich in der Küche einer Frau, die da nicht hingehörte. Irina. Mit einem Jungen, Dimi, etwa zwölf Jahre alt, ganz blond, große blaue Augen. Anna war hart, sagte unverblümt, sie solle doch gefälligst packen und abhauen. Die Frau tat ihr aber irgendwie leid, so verloren wie sie in der fremden Familie wirkte.
Wieder zurück bei ihrer Mutter, waren die beiden bald im Streit, statt sich einfach zu freuen, dass Anna überhaupt da war. Ingrids Verlorenheit machte Anna fast noch wütender. Irene, meint sie, habe alles zerstört. Die Mutter winkte ab Ach, Anna, dein Vater war schon früher irgendwie immer weg. Ich hab ihn gehalten, weil ich dich hatte. Aber irgendwann wär ich lieber geliebt worden, und nicht immer nur Freundin gewesen.
Sie quatschten über alte Freunde: Mensch, erinnerst du dich an die Sabine Kastner? Die mit den zwei Zöpfen aus deiner Klasse? Anna musste grinsen, klar, Sabine! Jetzt hatte sie selbst Mann und Kind, der Vater hilft ab und zu bei Reparaturen aus… Da merkt man erst, wie das Leben für alle weitergeht.
Irgendwie tat Anna dann ihre Mutter leid, und plötzlich erschien das Verzeihen gar nicht mehr so ausgeschlossen. Zumindest der Mutter konnte sie es nicht nachtragen.
Nach ein paar Tagen tauchte endlich der Vater auf blasser, älter, irgendwie angeschlagen. Du redest nicht mit mir? Keine Umarmung? Nur ein eiskaltes Tschüss, Papa. Anna kämpfte schon wieder innerlich.
Am Tag vor ihrer Rückreise trat dann etwas ein, womit wohl keiner gerechnet hätte: In der Nähe vom Fluss passierte ein Unfall. Dimi, der Sohn von Irina, stürzte bei einer wilden Fahrradtour, verletzte sich am Bein. Anna, die zufällig vorbeikam, reagierte sofort erste Hilfe, Vater anrufen, zusammen ab ins Krankenhaus. Ausgerechnet sie war es, die Dimi das Leben leichter machte, während Irina und ihr Vater völlig fertig waren.
Und dann, am Tag des Abschieds, am Bahnhof das Grau des Himmels spiegelt Annas Stimmung. Plötzlich taucht Sabine auf, mit Kind und Vater. Es wird gelacht, umarmt, als hätten sie nie den Kontakt verloren. Sogar Irina kommt mit Dimi vorbei, der sich schon wieder tapfer auf den Beinen hält.
Es wird ein großes Verabschieden, alle liegen sich in den Armen, und auch Annas Vater steht da, murmelt: Bitte, komm uns wieder besuchen. Und verzeih mir. Anna nickt, wischt sich verstohlen die Tränen aus dem Gesicht. Ja, ich komme sicher wieder. Das verspreche ich.
Im Bus sitzt sie am Fenster, sieht noch wie alle winken, und spürt, dass sie trotz des ganzen Kuddelmuddels und neuer Familienstrukturen immer noch dazugehört. Ihre kleine, großartig-verrückte Familie. Und als sich die Sonne endlich durch den grauen Himmel kämpft, lächelt auch Anna.
Weißt du, im Leben kommt es manchmal anders als man denkt. Aber am Ende ist die Familie doch das, was zählt vielleicht ein bisschen anders, aber trotzdem da.





