Tagebuchauszug, 14. März
Das Handy lag einsam auf dem Wohnzimmertisch, der Bildschirm leuchtete immer wieder kurz auf begleitet vom sanften Klang meines Lieblingsklingeltons. Trotzdem blieb die Wohnung in München vollkommen still, denn ich reagierte nicht.
In diesem Moment genoss ich meinen lang ersehnten Feierabend. Nach einem anstrengenden Tag im Büro war mein einziger Wunsch: entspannen. Ich ließ warmes Wasser in die Badewanne, träufelte meinen Lavendelschaum hinein, dämpfte das Licht und tauchte endlich ab in diese sanfte, wohlriechende Welt. Das Plätschern des Wassers, das gemütliche Dämmerlicht, die feine Lavendelnote so hat sich Ruhe angefühlt und genau das brauchte ich jetzt.
Das Handy klingelte weiter. Jedes Mal erschien in großen Buchstaben Gisela auf dem Display. Offensichtlich hatte meine Freundin das tiefe Bedürfnis, zu reden. Immer wieder und doch bekam ich davon nichts mit. Ich ließ den Kopf auf das Kissen sinken und spürte, wie die Anspannung langsam von mir abfiel.
Etwa eine Stunde verging. Als ich schließlich aus der Badewanne stieg, fest eingewickelt in meinen flauschigen roten Bademantel, fiel mein Blick sofort auf das leuchtende Handy. Ich stockte kurz über zwanzig verpasste Anrufe von Gisela. Noch bevor ich mich sammeln konnte, vibrierte es erneut: Gisela hatte scheinbar gespürt, dass ich jetzt wieder erreichbar war.
Doch anstatt sofort ranzugehen, öffnete ich zuerst ihre zahllosen Nachrichten: Franziska, wo steckst du? und gleich darauf: Meld dich, ich muss dir was erzählen! Es brennt! Die Nachrichten wurden immer unruhiger: Alles in Ordnung? Bitte ruf sofort an, es ist wichtig!
Was ist denn jetzt schon wieder?, murmelte ich und verzog das Gesicht. Mein Ton verriet die leise Unruhe ich ahnte schon, dass dieses Gespräch schwerlich Positives bringen würde. Fast war es immer so mit Gisela.
Ich kannte ihre Klagen zur Genüge: Stress im Klinikum, Liebeschaos, Ärger mit ihrer Nachbarin oder schlicht, wenn sie mal im Supermarkt unfreundlich bedient wurde schon rollte das Jammern. Aber ausgerechnet an diesem Abend da hatte ich keine Kraft, mich abermals in Giselas Kummer zu verlieren.
Zu oft war mein Leben zuletzt zur Tränenschulter geworden. Meistens drehte sich alles um ihre komplizierte Trennung. Natürlich hörte ich zu, bemühte mich, Verständnis zu zeigen aber irgendwann waren meine Nerven einfach erschöpft. Jedes Mal gab ich einen Teil von mir, aber bekam nur Leere zurück.
Gestern war doch noch alles entspannt, redete ich mir ein. Wir hatten zusammen gelacht, Quatsch erzählt, ich hätte schwören können, es sei alles im Lot. Was um Himmels willen konnte also über Nacht passiert sein?
Ich ließ mich auf den grauen Samtsofa nieder, schaute hinaus auf die Münchner Straßen. Das Handy legte ich zwar neben mich, drückte aber nicht auf Anrufen. Ich brauchte jetzt drei Dinge eine Serie, Ruhe, und die Zeit, nur mit mir selbst zu sein. Endlich mal für ein paar Stunden ohne emotionale To-Do-Listen und endlose Gespräche über das Leid anderer.
Ich schnappte mir ein großes Kissen, starrte noch einmal auf das handy neue Nachrichten: Gisela gab einfach nicht auf. Ich holte tief Luft, versuchte, meine Gedanken zu sortieren: Früher oder später würde ich mich melden müssen. Aber jetzt war mein kleiner Moment der Stille so kostbar
In den letzten sechs Monaten war mein Alltag anstrengend zunächst, weil Gisela mitten in der Trennung steckte und kurzentschlossen zu mir gezogen war. Anfangs hatte ich es für selbstverständlich gehalten: Freundin in Not, klar hilft man. Doch aus Tagen wurden Wochen, aus Wochen Monate. Plötzlich drehte sich meine ganze Welt nur noch um Gisela. Ich hatte fast vergessen, wie es war, ungestört abends spazieren zu gehen, spontan Freunde zu treffen oder einfach allein zu lesen. Meine Energie, meine Zeit alles wurde von ihr aufgesogen.
Jeden Abend wartete Gisela auf dem türkisblauen Sessel im Flur, wenn ich oft schon genervt nach Hause kam. Egal wie geschafft ich war, sie begann jedes Mal dasselbe Spiel: Sie fixierte mich mit großen, flehenden Augen: Ich konnte ja nicht mal alleine zum Rewe gehen!, beschwerte sie sich dramatisch. Er hat wirklich jeden meiner Schritte kontrolliert alles musste ich ihm berichten, wehe ich war zehn Minuten zu spät Katastrophe!
Ich goss mir wortlos Kamillentee ein, verbarg meine Erschöpfung so gut es ging. All diese Geschichten kannte ich schon in- und auswendig, wagte aber nie, sie zu unterbrechen. Sonst würde ich mindestens zwei Stunden anhören dürfen, dass eh keiner für sie da ist, dass niemand ihre Probleme ernst nimmt. Dann lieber die Endlosschleife höflich überstehen.
Ich habe alles für ihn getan! Geputzt, gekocht, zugehört. Und er? Hat mich einfach ersetzt! Sofort traten wieder Tränen in Giselas Augen. Wie soll man Männern nach sowas noch vertrauen?
Vorsichtig stellte ich die Tasse ab, versuchte Behutsamkeit: Vielleicht ist es aber trotzdem besser so. Jetzt hast du die Chance, jemanden zu treffen, der dich wirklich wertschätzt. Und der dich nie wieder zum Weinen bringt.
Aber es war, als ob meine Worte an ihr abprallten. Sie schien in ihrer Welt aus Verletzung und Enttäuschung gefangen jedes frühe Erlebnis schien sie noch schmerzhafter zu sehen.
Ich hab nie mit jemand anderem geredet. Alles nur für ihn! Jetzt presste sie das Taschentuch fest zusammen. Er hat mich sogar mal geschlagen, Franziska! Glaubst du das? Ich seufzte. Ihr Leid war offenkundig, und ich wollte wirklich helfen. Doch innerlich war ich längst leer jeden Tag die gleiche Routine, dieselben Tränen. Keine Sekunde mehr für eigene Träume oder mein Liebesleben, das ich fast ganz vergessen hatte.
Trotzdem legte ich immer wieder beruhigend meine Hand auf ihre: Du bist stark, Gisela, du schaffst das. Es wird wieder gut, das verspreche ich.
Sie bedankte sich mit diesen dankbaren, aber doch so traurigen Augen. Und ich dachte wieder: Wann war ich eigentlich das letzte Mal richtig ausgeruht?
Selbst als die Scheidung endlich durch war, als Gisela langsam in ihre alte Wohnung zurückkehrte, hörten die Besuche nicht auf. Es spielte keine Rolle, ob Dienstag oder Feiertag war. Sie kam, setzte sich, und wieder: Weißt du, was er letzte Woche wieder gemacht hat? Oder erinnerst du dich, wie schlimm es damals war? Ich hörte zu, sprach Mut zu. Aber tief in mir spürte ich immer häufiger diese bleierne Müdigkeit. Nicht Frust, sondern diese Erschöpfung, die einen erstickt, weil niemand fragt, wie es mir dabei geht.
Vor zwei Wochen zog Gisela endlich zurück in ihre Wohnung. Ich stand am Fenster, beobachtete, wie sie ihre letzten Kisten in ein Taxi lud und spürte, wie ein riesiger Stein von mir abfiel. Endlich mal keine Angst vorm Feierabend, mal keine Angst, was für ein Kummer-Gespräch mich erwartet.
Die ersten Tage nach ihrem Auszug waren ein Geschenk. Endlich hatte ich Zeit für mich: Ich ging ins Kino, traf Barbara auf ein Weissbier im Hofbräuhaus, lag einfach stundenlang im Sessel mit einem Roman. Oder schaute endlich die neue Staffel Babylon Berlin etwas, das ich immer aufschob, weil nie Zeit dafür war. Zum ersten Mal seit einem halben Jahr spürte ich, wie die Luft in meinen Lungen wieder leicht wurde.
Bis heute. Das Handy klingelte pausenlos Gisela hörte nicht auf, und ihre aufploppenden Nachrichten ließen keine Pause. Franziska, bitte ruf mich an! Es ist dringend! Ich halt es nicht mehr aus!
Ich starrte auf den Bildschirm und wusste nicht, was ich fühlen sollte. Einerseits Sorge was, wenn es diesmal wirklich wichtig ist? Andererseits Frust. Ich hatte mich gerade daran gewöhnt, dass mein Leben wieder meine Angelegenheiten umfasst. Dass ich Zeit für mich beanspruchen durfte.
Schon wieder, dachte ich resigniert. Ich wusste genau: Gisela war es eigentlich egal, was ich gerade tat oder geplant hatte. Für sie gab es nur ihr Jetzt-sofort-und-wichtig! Ob ich heute Überstunden gemacht hatte oder meinen einzigen freien Abend für mich haben wollte das zählte nicht.
Tief durchatmen Ich musste mir wieder einmal ins Gedächtnis rufen: Vielleicht braucht sie meine Hilfe wirklich. Doch jetzt, in dieser Minute, war es schwer auszublenden, wie selbstverständlich sie mein Leben wieder vereinnahmte.
Das Handy vibrierte wieder. Noch eine Nachricht. Ich seufzte, strich mir eine Strähne hinters Ohr. Ich würde morgen zurückrufen. So wichtig kann es doch nicht sein, dass es bis dahin nicht warten kann.
Das Gefühl von Müdigkeit überwog. Klar, sie würde enttäuscht sein, vielleicht sogar beleidigt. Aber ich brauche diesen Abend ohne Krisengespräche, ohne mich im Drama anderer zu verlieren, ohne sofort reagieren zu müssen.
Nach kurzem Zögern schaltete ich das Handy ganz aus. Fast abrupt ich hatte Angst, schwach zu werden. Dann, mit einem Anflug von schlechtem Gewissen, räumte ich es in die Schublade. Sollte sie halt denken, mein Akku sei leer. Wer ruft schon um diese Uhrzeit an?
Der Abend wurde tatsächlich ruhig unerwartet wohltuend. Ich kochte mir heiße Schokolade, kuschelte mich mit einem Wolldecke aufs Sofa und startete endlich meine Lieblingsserie. In all den Monaten hatte ich nicht mehr so entspannen können, wie jetzt, ohne Lauschen, ob im Flur schon wieder jemand ihre Schlüssel drehte. Einfach Ich sein. Zeit vertrödeln. Abschalten.
Die Nacht war so ruhig wie nie. Ich schlief sofort ein, tief und fest, ohne Sorgen, ob am nächsten Morgen ein weiterer Kummermarathon anstand. Ich erwachte erfrischt fast wie eine andere Person.
Als ich morgens das Handy einschaltete, blinkte es sofort auf: Benachrichtigung über Benachrichtigung. Unzählige SMS von Gisela, verpasste Anrufe, Sprachnachrichten.
Unwillkürlich zuckte ich zusammen: Franziska, wo bist du?, Ich kann dich nicht erreichen! Ist dir alles egal?, Es ist ganz, ganz wichtig!
Mit jeder Nachricht klang sie angespannter, fast schon verzweifelt. Die letzten klangen richtig gekränkt: Na gut. Wenn du nicht willst, erzähl ichs halt einer anderen.
Tiefer Seufzer. Es war offensichtlich: Gisela hatte noch immer ihre Themen. Und ich spürte, wie sich die Müdigkeit wieder in mir breitmachte einerseits Mitleid, andererseits die ständige Sorge, dass alles wieder von vorne anfing.
Ich legte das Handy weg und schloss kurz die Augen. Soll ich jetzt gleich antworten? Oder mir noch einen Moment gönnen?
Schließlich beschloss ich, jetzt gleich durchzuziehen. Lieber jetzt als später. Also tippte ich ihre Nummer ein die mir inzwischen so vertraut war, dass ich sie im Schlaf wählen konnte. Es klingelte kaum da war sie dran, mit leicht vorwurfsvollem Unterton, wie immer.
Du konntest nachts nicht schlafen, hm? Schon wieder diese Schlafstörungen?, begann ich vorsichtig, beinahe entschuldigend.
Aber Gisela platzte gleich heraus: Ich hab so eine Hammernachricht! Und du gehst nicht ran! Warum ignorierst du mich?
Ich hielt das Handy so fest, dass meine Finger knochig wurden. Im Ernst? Vielleicht war mein Akku auch einfach leer, Gisela. Ich hab gestern bis spät im Büro gesessen!
Ist klar, kams spitz zurück. Die Freundin ist dir wohl nicht mehr wichtig, was?
Ein fieser Stich in der Brust so viel Ungerechtigkeit! Darf ich kein eigenes Leben haben? Pass mal auf, wie du mit mir redest! Was ist denn jetzt schon wieder?
Stille. Gisela holte hörbar Luft, wurde gleich sanfter. Sorry ich hatte einfach das Bedürfnis, es dir sofort zu erzählen.
Ich atmete tief durch. Gut, dann eben wieder zuhören. Dann los. Was gibts?
Eigentlich wollte ich es ganz euphorisch rüberbringen, aber jetzt weiß ich nicht mehr, ob ich überhaupt noch Lust habe, klang sie fast enttäuscht, kleinlaut, als hätte ich etwas kaputtgemacht.
Ich merkte, dass mich meine Pläne für den Tag Friseurtermin, Café mit Johanna, endlich die Isar entlang spazieren jetzt in den Hintergrund rückten. Erzähl doch einfach, ich hab heute noch ein paar Sachen vor.
Wieder kam ein Zögern. Dann platzte sie heraus: Ich heirate!
Mir verschlug es tatsächlich die Sprache. Heiraten? Nach all den Tränen, Klagen, diesem ewigen Misstrauen gegenüber Männern? Und das nach nur wenigen Wochen, seit sie ausgezogen war?
Wen?, fragte ich endlich vorsichtiger als mir eigentlich recht war.
Wen wohl? Bernd! Wir haben uns letzten Monat immer mal wieder gesehen, neu angefangen diesmal wird alles anders. Freust du dich für uns?
Ich musste lachen, reflexartig, fast wie bei einem schlechten Scherz. Nach Monaten Drama, empörter Versprechen nie wieder und jetzt plötzlich ein Antrag? Ernsthaft?
Klar, sehr, versuchte ich mit einem Hauch Ironie. Redest du gerade wirklich ernsthaft?
Ja, natürlich! Ich liebe ihn, weißt du, Franziska? Ich will ihm alles verzeihen, ich kann nicht anders!
Da war es: Das dumpfe Gefühl, dass Gisela das wirklich ernst meinte dass sie überzeugt war, diesmal werde alles wunderbar. Als hätte es die schlimmen Erfahrungen nie gegeben.
Super. Wirklich klasse, erwiderte ich betont fröhlich, aber in meiner Stimme lag plötzlich ein harter Ton. Aber erwarte bitte nicht, dass du beim nächsten Streit wieder auf meinem Sofa sitzt. Und trotzdem: Herzlichen Glückwunsch.
Ich legte einfach auf, bevor sie weitersprechen konnte. Meine Hände zitterten leicht.
Viel bedeuteten die vergangenen Monate für Gisela anscheinend nicht. Ein Versprechen von Bernd und alles fing wieder von vorn an.
Vor meinem inneren Auge tauchte sie auf: Gisela mit verweinten Augen auf meinem Sofa, immer dieselben Geschichten. Und jetzt? Hochzeit, demnächst die nächste Krise? Die Endlosschleife.
Ich streifte durch mein Wohnzimmer, versuchte meine zunehmende Unruhe loszuwerden. Ich war nicht wütend auf sie, mehr auf die Situation: Dass all meine Mühe, meine Zeit, mein Zuhören scheinbar nichts als Staub war. Und dass ich genau wusste, sobald es schiefgeht, werde ich wieder gebraucht werden.
Aber diesmal war ich entschlossen: Sie soll machen, was sie will nur von mir wird sie das nächste Mal weniger Verständnis erwarten dürfen.
Ich trat vor den Spiegel und sah mir fest in die Augen. Müde, aber entschlossen. Zum ersten Mal in Jahren spürte ich, dass eine Grenze in mir gezogen ist.
Diese Trost-Schulter ist durchgescheuert. Wer ins Drama rennen will, bitte. Aber ohne mich.




