Lass ihn mir – und auch unsere Tochter, bitte lass sie bei mir.

Lass ihn mir und auch die Tochter.

An einem frühmorgendlichen, kühlen Frühlingstag stand vor einem alten, zweistöckigen Fachwerkhaus in einer Kleinstadt am Rande des Schwarzwalds eine Frau. Ihre dunklen Haare waren sorgfältig in einer altmodischen Flechtkrone festgesteckt, ein leichtes Tuch darüber geschlungen. Sie trug eine wattierte Jacke, die schmale Taille durch einen alten Bundeswehrgürtel betont, einen abgewetzten Rucksack auf dem Rücken. Sie blickte ängstlich zu den Fenstern im zweiten Stock.

Dann holte sie tief Luft, die Augen glänzten entschlossen sie trat durch die Tür. Ihre Beine fühlten sich an wie Gummi, als sie die knarrenden Stufen emporstieg und den Flur hinunter nach links abbog. Das Zimmer dort hatte ihr Mann einst vor dem Krieg zugeteilt bekommen. Dort kam auch Klein-Zenzi zur Welt.

Im Flur erschien eine schielende, aber hellwache Dame. Im Nachthemd, darüber ein altrosafarbenes Wolljäckchen, an den dünnen Beinen kalte Gänsehaut und abgenutzte Hausschuhe.

Wer ist denn da? Um Himmels Willen! Nicht etwa… Frieda?

Die Frau schaute genauer hin und erkannte die Nachbarin.

Doch, Tante Gundi. Ich bins

Ha! Hab ich dem Werner doch gesagt: Pass auf, Werner, deine Frau kommt irgendwann zurück! Und jetzt schau! Lebendig! Das ist gut

Frieda machte ein paar Schritte auf die Oma zu.

Und Sie, Tante, alles in Ordnung?

Ach mei, Leben Hauptsache nicht tot, das ist schon alles. Wir haben Hunger gehabt Viel Hunger, Fridel! Nur dein Werner, der hat Maßlosigkeit getrieben. Wurde aber trotzdem nicht verschont die Fabrik hat zugelangt

Wie?

Wusstest es nicht? Hat sich in der Fabrik die Hand eingeklemmt, keine Finger mehr an der Rechten. Aber immerhin die Hand hat er noch, musst du nehmen, wies kommt Die Karla hat ihn wieder hochgepäppelt. Ist nicht knauserig, bedient im Gasthof, also verhungern werden sie nicht Ach, was redet die Alte da, klopf lieber mal die schlafen bestimmt.

Die Oma schlurfte im Stechschritt zum Hof und murmelte weiter vor sich hin.

Frieda spürte wieder diese Angst aber schüttelte sie ab.

Was soll’s, sie war wieder daheim! Dass der Mann jetzt mit einer anderen zusammenlebte, hatte sie schon im Lager gehört und erst nicht glauben wollen. Selbst jetzt hielt sie es immer noch für einen Irrtum. Aber ihre Tochter war bei ihm geblieben, die sie vier Jahre nicht gesehen hatte. Und das hier war ihr ihr eigenes Zuhause, nicht das von irgend so einer zugelaufenen Karla!

Sie atmete tief durch, klopfte entschlossen an die Tür.

Die Sekunden zogen sich ins Unendliche. Nichts regte sich. Totenstill sowohl im Zimmer wie in Friedas Brust.

Also klopfte sie fester. Schließlich, hinter der Tür, eine verschlafene Stimme. Sie erkannte sie sofort Werner.

Wer zum Teufel stört? Lasst Leute doch sonntags schlafen!

Frieda schluckte, brachte keinen Ton heraus, stand wortlos da.

Stille.

Tante Gundi trampelte zurück.

Du wirst nicht reingelassen?

Frieda zuckte mit den Schultern, lehnte sich erschöpft an die Wand. Die Oma nahm die Sache in die Hand, klopfte kräftig, rief in den Spalt:

Werner, mach auf, deine Frau ist zurück.

Ein Quietschen vom Bett, Husten.

Ich geb dir gleich einen Spaß, Gundi!, brummte es, Schritte stapften, ein Riegel wurde zurückgeschoben. Da stand Werner, in Unterhemd und Boxershorts.

Frieda im Schatten erkannte er erst auf den zweiten Blick.

Spinnst du, lass mich doch schlafen, es ist Sonntag und du Doch da sah er sie richtig und winzig kleines Entsetzen glomm in seinem Blick. Frieda! Frieda!

Er wankte, öffnete die Tür ganz. Tante Gundi machte ein verschämtes Kreuzzeichen und verschwand, als wollte sie damit alles auf sich beruhen lassen.

Du bist also zurück Offenbar musste Werner sich das selbst einreden.

Er trat zur Seite, ließ Frieda eintreten. Sie schlich dicht an ihrem Ehemann vorbei roch seinen Körpergeruch, wie ein längst vergessener Duft aus einer ganz anderen Zeit.

Vier Jahre hatten sie sich nicht gesehen.

Frieda schaute sich um: dieselbe knorrige Eiche, handgezimmertes Tischlein unter schneeweißer Decke, Stühle mit gehäkelten Nackenrollen, die uralte Nähmaschine, und ein Kinderbett aus einem umgebauten Reisetruhenkasten, hübsch aufgedeckt.

Sauber ordentlich fast penibel.

Hinterm Vorhang an der Eisenbettstelle raschelte es. Wer stand da auf Zenzi? Oder doch Karla?

Frieda zog erst mal ihre groben Stiefel aus die Füße taten weh. Schon im Lager hatte sie sich geschworen: wenn ich heimkomme, nie mehr diese Stiefel!

Jetzt wollte sie die Bettgardine anreißen und endlich das Kind sehen, an sich drücken aber die Jahre hatten ihr Geduld beigebracht und ein Kinderlachen fehlte.

Das Kinderbett war ordentlich gemacht, leer.

Sie zog einen Stuhl vor und setzte sich, öffnete den Gürtel, legte Stück für Stück ab.

Werner tauchte hinter dem Vorhang auf, flüsterte mit jemandem, kam mit Hose und Hemd zurück, grinste Frieda entschuldigend an, kramte im Schrank, verschwand wieder hinterm Stoff.

Endlich setzte er sich ihr gegenüber.

Du bist also heimgekommen, wiederholte er.

Ja. Amnestie. Entlassen die mit Kindern. Wo ist Zenzi?

Werner richtete sich auf: Ihr gehts gut. Ist Sonntag, also bei Oma. Frische Milch vom Bauern trinkt sie da. Geht schon in die erste Klasse, wird gelobt! Siehst ja Er deutete hinter die Gardine und stoppte dann.

Bei welcher Oma denn? fragte Frieda.

Na, bei Tante Ute Mutter von äh Er schaute zu Boden, seufzte schwer, wies stumm zum Vorhang: Karlchens Mutter halt.

Sein Blick war nicht schuldbewusst einfach resigniert und müde.

Da wurde die Gardine schwungvoll beiseite gezogen. Heraus kam energisch eine Frau, die Bettdecke zurechtrückend, die Lippen angespannt, die Stirn stolz gereckt.

Ihre Augen, scharf wie ein Reibeisen, musterten Frieda: Grüß Gott!

Frieda erkannte sofort das rundliche, hübsche Gesicht, gestylte Augenbrauen, pechschwarze Haare alles zackig gebunden. Blaue Strickjacke, geblümter Rock, ein Schal. Karla, spürbar in Eile, riss das Tischtuch ab: Esst ihr mal. Ich muss zur Arbeit. Ich bring die Zenzi zum Mittag. Und räumt hier nicht alles um.

Sie stöckelte geschäftig herum, packte Sachen in ihren Leinenbeutel, ging ohne ein Wort des Abschieds.

Frieda sah ihr nach: vollblütig, frisch, jugendlich Karla.

Wie anders sie selber geworden war in diesen Lagerjahren! Sie war immer stolz auf ihre Größe gewesen jetzt fühlte sie sich nur noch wie ein Besenstiel: Schulterblätter wie Flügelknochen, kaum Brust, eckige Ellenbogen und Knie, die Haut grob und zäh.

Im Gesicht noch hübsch, nur dunkle Ränder unter den Augen die gingen selbst nach Schlaf nicht mehr weg.

Werner deckte den Tisch, holte ein Paket hinterm Fenster hervor, Gläser, einen Laib Brot. Einarmig, mit seiner vernarbten rechten, hantierte er geschickt mit links: schnitt Dörrfleisch, Gürkchen, Brot. Immer alles unterm Arm balancierend.

Frieda bekam Hunger. Zwei Tage war sie unterwegs gewesen, ordentlich gegessen nur am ersten Tag. Fleisch hatte sie seit Jahren nicht mehr gesehen.

Du bist hungrig? Hau rein!, forderte Werner im Ton eines schlechten Fernsehkochs.

Sie ging zum Waschbecken, spülte die Hände, setzte sich zum Tisch.

Werner sah sie mitleidig an.

Die letzten Briefe, Friedl, von dir kamen nicht mehr. Ich hab gedacht na, dass du vielleicht neu angefangen hast

Er strich über seine verunstaltete Hand und Frieda betrachtete sie das erste Mal aufmerksam.

Ich schrieb. Aber ich wusste nicht, dass Tante Alma gestorben ist. Und eine neue Familie? Ach was Ich wollte nach Hause. Dachte immer, ja, ich komm wieder, da ist meine Familie

und ich, der Lump.

Frieda schwieg, löffelte Tee, kaute Brot.

Werner starrte raus zum Fenster.

Wir haben hier gefressen wie die Kirchäulen, weißt du. Zenzi noch klein, ich musste in die Schicht, nahm sie sogar manchmal mit ins Werk allein daheim hat sie nur geheult, die Nachbarn selber nix zu fressen Und Karla fing irgendwann an, ihr im Gasthof was zu geben. Die Angst Du weißt ja, man holt einen schnell ab. Aber Zenzi wurde kräftig, hat wieder gespielt. Und dann dann eben das mit der Hand. Karla hat mich zusammengeflickt. Hab sie von da an nicht mehr losgelassen.

Und die Kleine? Wie ist sie?

Kämpferisch, die Zenzi. Kommandiert die Jungs im Hof rum, wird in der Schule gelobt sagt Karla.

Unsere Briefe die nahm mir immer der Postbote ab. Ich schrieb an Alma, damit sie vorliest… Hat sie aber keinen mehr gesehen

Alma war schon zwei Jahre tot. Ich hab gedacht, wahrscheinlich hast dus hinter dir oder dein Leben halt., rechtfertigte sich Werner.

Na klar, du hast gehofft, mich gibts nicht mehr, und jetzt steh ich da wie ein Keks vorm Bäckerladen, Frieda versuchte zu lächeln.

Werner sprang auf.

Nein, Frieda! Ich du weißt doch

Er kam zu ihr, hob sie am Arm und zog sie an sich, drückte ihr knochiges, hart gewordenes Ich an seine Brust als könnte sein Leben in sie zurückströmen.

Sie standen da, ganz still, fühlten nach, was sie mal waren.

Sie blickte zu ihm auf, Tränen verschleierten ihr Blickfeld.

Hol mir Zenzi, Werner. Hol sie bitte.

Wie machen wir das, Frieda?

Hol Zenzi.

Werner ließ sie los, suchte im Halbdunkel seine Schuhe, schlüpfte fast in ihre Stiefel, lachte kurz auf, zog seinen Anorak an und zögerte an der Tür als müsse er erst glauben, dass Frieda wirklich wieder da war.

Sie trat ans Fenster und sah ihm nach. Die gebeugte Gestalt, verschwand hinterm Torbogen. Auch für ihn war es nicht einfach.

Frieda setzte sich aufs Kinderbett, legte sich hin, atmete den Geruch ein, versuchte sich zu erinnern, sich einzureden, dass sie noch wusste, wie es sich anfühlt.

Als sie zu zehn Jahren verurteilt wurde, war Zenzi noch nicht vier. Jetzt war sie acht. Man fand einen halben Sack Mais bei Frieda unterm Bett geschenkt von einer Kollegin, die am Bahnhof immer mal wieder beim Strohklau half. Harte Zeiten!

Die anderen, sie auch. Sie wollte die Tochter satt machen oder gegen Brot tauschen. Dafür zehn Jahre. Sie war nicht die einzige in ihrer Stadt.

Im Waggon schaute sie immer nach Zenzi, winkte, aber das Kind sah sie nicht, klammerte sich an den Vater.

Werner konnte kaum schreiben, lesen fiel ihm schwer. Frieda schrieb an Alma, irgendwas erfuhr sie immer. Aber deren Tod das wusste sie nicht, ihre Briefe hatte niemand mehr gebracht.

Frieda stand auf, zog die Wolljacke aus, öffnete den Schrank.

Alles fremd und irgendwie doch ihr Zuhause. Sie war endlich da, wo sie hinwollte, wo Frieden warten sollte nach all den Jahren. Und sie war erst neunundzwanzig.

Sie zuhause und doch eine Fremde. Die andere Frau, die neue, hatte längst übernommen.

Dort am offenen Schrank traf sie Karla. Die war sofort mit dabei:

Untersuchst du alles, was?

Frieda zeigte ihren Pullover.

Wollte ihn nur reinlegen.

Karla kam flink, nahm das Wäschezeug vom mittleren Fach, legte es aufs Bett.

Legs rein

Schon gut, nicht nötig Frieda stopfte den Pulli ins Fach über die Garderobe.

Karla, immer noch im Mantel, setzte sich auf den Stuhl. Frieda blieb an der Tür.

Hier ist alles ordentlich bei mir. Werner und Zenzi gepflegt, kannst du glauben!

Ich sehe, alles sauber.

Ja, in der Gastwirtschaft sagen sie, ich sei wie die Putzfee.

Na dann

Plötzlich sprang Karla neben sie, schaute Frieda böse an.

Verschwinde, bitte! Hau ab, fahr irgendwohin! Mit mir ist ihm wohl, so wohl wie mit keiner anderen. Und Zenzi lass auch da, sie sagt zu mir Mama, eigene Kinder kann ich nicht bekommen. In der Schule weiß keiner, dass ichs nicht bin! Sie erinnert sich doch gar nicht mehr an dich! Geh!

Karlas Stimme vibrierte von Schmerz. Friedas Verwirrung war so groß, dass sie kaum verstand, worum Karla bat. Ihr Gesicht jetzt fast schon krank, einschüchternd.

Als sie es endlich begriff, atmete Frieda ruhig aus:

Ich gehe nicht. Ich bin zurück, für meine Tochter, meinen Mann mein Zuhause. Werner ist Zenzi holen.

Karla ließ die Schultern sinken, der Schal fiel.

Hat mir schon gesagt, dass du da bist. Meine Mutter ganz fertig, kann sie nicht verkraften. Ich geh nachher vorbei, damit sie nicht gleich tot umfällt vor Kummer Karla ließ sich aufs Bett fallen.

Wieso Kummer? Die Mutter ist zurück lebendig!

Karla war in sich gekehrt: Also, du gehst nicht?

Ich bleib, und Werner entscheidet, mit wem er leben will. Das ist seins. Aber Zenzi geb ich nicht her.

Karla winkte ab.

Ach so ist das also? Ja klar, dann wird er zu dir zurückkriechen Schlau bist du! Gabs da drüben niemanden für dich? Sagen doch, da waren genug Männer im Lager. Und du? So eine Heilige? Alle gleich, die Insassen!, spuckte sie.

Die Worte trafen Frieda hart. Wie oft hatte sie Schimpfwörter, Beschimpfungen die letzten Jahre gehört! An den Anfang schmerzte jede, später lernte sie von den Unbeugsamen, denen mit Charakter:

Solang Leben da ist, besteht die Chance, als Mensch zu leben!, hatte Frau Dr. Gertrud Stresemann, einst Lehrerin, gesagt.

Daran hielt Frieda sich fest. Sie sah Katja an. Sie werden es noch bereuen, Karla. Wozu das alles?

Karla, gewöhnt an Geschrei, sah Frieda irritiert an. Plötzlich sackte sie in sich zusammen, setzte sich aufs Bett und weinte los.

Ach, lass ihn mir! Nimm ihn mir nicht weg! Du hast doch auch ohne ihn gelebt. Ich kann ohne ich

Sie wankte vor Mitleid, schaukelte hin und her, wollte sich das eigene Glück erschleichen.

Frieda wollte am liebsten die Tasche packen, fliehen. Aber statt dessen verbarg sie Gesicht und blieb. Nein, sie geht nicht, bevor sie Zenzi gesehen hat. Und wohin sollte sie auch?

Endlich trocknete Karla die Augen, band sich den Schal, murmelte: Ich geh und verschwand.

Frieda irrte ziellos durch die Wohnung. Eifersucht verspürte sie keine. Die lange Trennung nahm ihr das Recht.

Und sie verstand Werner. Er hatte abgeschlossen und sein Leben irgendwie weitergelebt.

Was also tun? Zenzi nehmen und weggehen? Nach Freiburg? Ihre Freundin Gisela hatte ihr geschrieben, Adresse noch im Kopf. Vielleicht wäre das ein Plan.

Frieda legte ihre Sachen bereit, setzte sich wieder aufs Kinderbett und merkte, wie erschöpft sie war und schlief ein.

Sie wachte auf von leisem Getrappel im Flur. Ein langbeiniges Mädchen mit grünem Karo-Mantel, weißem Wollschal, trat ein. Hinter ihr Werner. Sie flüsterten, zogen sich leise aus.

Frieda setzte sich hin.

Hier, Zenzi. Deine Mama ist wieder da.

Das Mädchen war wie Frieda als Kind: die Haare zu zwei Zöpfen gebunden, der Blick scharf, die Lippen schmal.

Sie hatte das kleine Kind verlassen und nun stand sie dieser Großen gegenüber. Frieda brachte keinen Ton raus, nur die Hände hielt sie aus.

Zenzi blickte auf den Vater, fragend: Und Mama?

Sie kommt gleich sag hallo, schob Werner.

Guten Tag, sagte das Kind brav.

Zenzi! Mensch, du erkennst mich?, Frieda versuchte zu stehen.

Ich erinnere mich, das Mädchen schlug die Augen nieder.

Frieda verstand: nicht umarmen, nicht drängen. Die Kleine würde Angst bekommen.

Sie nahm ihre Hand, setzte sie auf einen Stuhl.

Ich erinnere mich, dass du noch klein warst. Was weißt du denn noch?

Hmm Die Karussells und dass du du mich auf dem Schlitten den Hang runtergeschoben hast, sagte sie und linste zum Vater, Kommt Mama jetzt?

Sie ist arbeiten. Weißt das ja, antwortete Werner, schaute zum Fenster.

Wer denn?, Zenzi lief ans Fenster, winkte jemandem.

Frieda gesellte sich, sah draussen eine alte Frau im Karakul-Pelz, die sofort zurückwich, als sie Frieda bemerkte.

Karlas Mutter, erklärte Werner, Ich rate ihr, nicht dauernd zu kommen, aber Zenzi und sie sind wie Pech und Schwefel. Das nimmt die ganz schön mit.

Zenzi blieb am Fenster, Frieda wurde klar, wie schwer es die Tochter hatte. Das Leben bricht auseinander plötzlich ist einer zu viel. Eine wildfremde, zurückgekehrte Mutter, ohne alles. Und da kommt sie, nach ihrer Amnestie, mittellos.

Da wurde ihr alles klar. Sie bat Werner hinaus, ging zu Zenzi.

Zenzi!

Das Mädchen drehte sich um, der Blick verlegen.

Zenzi, ich bin nur auf Besuch hier. Ich hab dich so vermisst, deshalb bin ich gekommen. Sags mir ehrlich: Gehts dir gut mit deiner Mama, mit Karla?

Zenzi nickte.

Liebt sie dich?

Sie nickte wieder.

Keiner tut dir weh?

Kopfschütteln.

Na, dann ist alles gut. So ist es schön. Lern fleißig. Ich komm dich besuchen, wenn du magst. Ich hab außer dir niemanden mehr. Liest du schon?

Zenzi schaute sie mit großen, nicht mehr ganz verängstigten Augen an.

Ja, ich lese!

Prima. Ich schreibe dir Briefe, und du antwortest, ja?

Ja

Frieda drückte Zenzi fest an sich. Mehr als vier Jahre hatte sie sich an der Erinnerung an dieses Kind festgehalten, ihr ganzes Hoffen

Es schnürte ihr die Kehle zu. Sie zwang sich los, zog Stiefel und Jacke an, nahm den Beutel.

Machs gut, Zenzi. Ihre Stimme kaum wiederzuerkennen.

Sie trat in den Flur, ging zu Werner.

Adieu, Werner. Pass auf sie auf! Lebt

Er bekam nicht mal mehr ein Wort heraus, die Zigarette klebte ihm an der Lippe.

Jetzt nur schnell raus, raus hier, das Leid ersticken, nach draußen stolpern, auf den Bahnhof da atmet sie wieder auf.

Wie eine Sprinterin überflog Frieda die Treppe, rannte in den Hof.

Sie sog den klaren Frühlingsmorgen ein, strebte zum Torbogen. Nicht umdrehen! Weitergehen! Später wird sich alles richten. Später

Da, wie der Klang einer Turmbläser-Melodie:

Mama! Mama, geh nicht! Mama!

Frieda sah zurück da hing Zenzi im offenen Fenster, rief nach ihr und dann, schwupps, war sie verschwunden.

Frieda raste zurück. Auf der Treppe trafen sie sich, Zenzi warf sich ihr um die Taille.

Mama! Mama! Ich erinnere mich wirklich. Ich hab gewartet, dass du wieder nach Hause kommst!

Zenzi, meine Tochter

Worte verschluckte das Weinen.

Später rauchte Werner hektisch, tapste durch die Stube, Frieda, immer noch angezogen, saß da Zenzi klammerte sich an sie.

Na, entscheide du, Werner, sagte Frieda.

Werner zuckte nicht mal:

Was soll ich entscheiden? Du bist meine Frau. Zieh dich aus, du wohnst wieder hier.

Und Karla?

Das regle ich Sie hat eh ihr Haus, das von ihrer Mutter.

Er packte selbst Friedas Jacke aus und begann, ihr beim Ausziehen zu helfen.

Am nächsten Abend kam Karla, verweint, mit dem Fuhrwerker auf dem Karren.

Mama!, rief Zenzi.

Karla strich ihr übers Haar, sprach kein Wort, packte ihre Sachen aus dem Schrank. Zenzi half.

Die Strümpfe hier, die sind noch zu groß, vergiss sie nicht. Und das blaue Kleid für den nächsten Feiertag, das weiße taugt für Silvester nicht mehr sags der Mutter, brauchst ein neues.

Zenzi schielte zu Frieda, ob sie böse wurde doch die bereitete Tee zu.

Karla packte nur ihre Sachen.

Vielleicht ist noch was von euch, nehmts mit, zeigte Frieda auf Kram in der Küche.

Karla winkte ab.

Sie war schon beim Gehen, als Frieda sie rief:

Trinken wir noch ein Tässchen zusammen, Karla?

Sie warten auf mich aber na gut, jetzt gleich

Erst tranken sie schweigend. Dann begann Karla:

Werner isst hauptsächlich Eintopf. Habs ihm fast täglich gekocht. Jetzt kann er auch wieder schlafen, jammert nicht mehr wegen der Hand. Und gib Zenzi nicht zu viel Süßes, Zähne sind empfindlich. Die Ohren auch gell, Zenzi, erzähl, wie du krank warst im Winter!

Danke!

Frieda half ihr, die Pakete runterzubringen, hievte sie mit dem Fuhrmann aufs Gefährt. Neugierige Nachbarn schauten, tuschelten: Dass die Ehefrau ihrer Konkurrentin beim Kofferpacken hilft so was!

Entweder hatten Krieg und Hunger die Leute weich gemacht, oder man hielts jetzt für normal.

Karla wendete sich noch einmal um, die Augen gesenkt.

Verzeih, falls ich dir Unrecht getan habe.

Vergessen. Und ich danke für Zenzi und für Werner. Kein leichter Gang, den Mann und das Kind durchzubringen.

Karla wurde rot. Frieda ich schwöre dir, Werner bleibt dir. Ich schau nie mehr nach ihm, auch wenn ich ihn noch liebe, den Halunken. Aber lass mich Zenzi ab und zu besuchen ich bin so an ihr und an Mutter hängt sie auch. Die sieht sie als eigene Dann weinte sie bitterlich.

Ich verspreche, Karla, sie darf kommen. Ihr seid ja eh fast Familie.

***

Im Sommer darauf saß Zenzi mit dem Kinderwagen im Hof, wippte den kleinen Michel. Frieda kam aus der Apotheke, hetzte, beruhigte sich sofort, als sie den schlafenden Michel sah.

Sie ließ sich neben Zenzi auf die Bank fallen.

Papa war schon da, wir haben zu Mittag gegessen nimm dir was, ich bleib bei Michel!

Passt schon, ich ess mit ihm.

Gut, dann geh ich rüber zu Oma Ute, Rhabarber ernten, bisschen im Garten helfen.

Pass auf beim Überqueren!

Zenzi flatterte Richtung Torbogen.

Und Zenzi rief Frieda, bestell der Tante Karla gleich meine Glückwünsche! Sag, Mama meint, sie soll endlich glücklich werden im standesamtlichen Hafen!

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Homy
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