Belüg mich nicht, Mama.
Oma, darf ich den lieben Gott bitten, dass Mama zurückkommt?
Die alte Frau, die neben mir stand, bekreuzigte sich, und Oma Klara winkte ihrer kleinen Urenkelin zu.
Bitt ruhig, mein Schatz, bitt ruhig. Man kann Gott um alles bitten sagte sie sanft und schob Söhnchen zur Ikone in der Ecke.
Im kleinen Dorf bei Meiningen beteten die alte Frau und die kleine Urenkelin für dasselbe. Die eine aus Dunkelheit und Verzweiflung, die andere aus kindlicher Ahnungslosigkeit.
So sah es jedenfalls Rainer, Söhns Mutter. Sie wusste genau, dass ihre Mutter die Tochter mit in die Dorfkirche schleppte, sie zur Kommunion schickte, dem Pfarrer Fürbitten aufschrieb. Kurz gesagt: Sie verdirbt das Kind mit ihrem rückständigen Weltbild.
Natürlich würde sie ihre Tochter bald zu sich holen und alles zurechtrücken. Bald aber nicht jetzt…
Ach, ich hole dich, dann fahren wir ans Meer, mein Schatz! Was meinst du, wie die Sonnenuntergänge dort sind? Da leuchtet der Himmel rot, morgens ist alles wie Milch, abends ists ganz dunkel und wir treffen uns für immer…, deklamierte sie mit einer Umarmung für Söhnchen.
Sie saßen im Hof, eingezäunt von einem alten Holzzaun, und Hühner pickten zwischen den morschen Staketen. Das Haus, aus dicken Fichtenstämmen gezimmert, war schon längst in die Jahre gekommen. Die unteren Balken waren eingesunken, das Dach hing in der Mitte durch.
Daneben stand eine große blaue Regentonne, trübes gelbliches Wasser tropfte vom Dach in das Fass.
Das Wasser dort ist salzig, Söhnchen, und so klar! Nicht wie unser Wasser hier, meine Mutter tunkte die Finger ins Fass, schüttelte den Kopf und seufzte. Ich hole dich, aber gib mir noch ein bisschen Zeit.
Niemand war Söhnchen so nah, wichtig und schön wie ihre Mutter. Auch die Oma mochte sie, aber sie war alt, nicht besonders hübsch und einfach nicht wie die Mama.
Mama roch immer so besonders. Nach unbekannten Blumen, die Söhnchen sich beim Meer vorstellte und sie war sicher, dass genau dort, am Meer, Mama und sie bald hinfahren würden.
Oma, Mama nimmt mich bald ans Meer. Und dort ist das Wasser salzig und sauber, nicht so wie hier, prahlte Söhnchen, als die Mutter wieder fort war.
Natürlich fährt ihr. Aber iss erst mal die Kartoffeln auf, sonst hast du keine Kraft. Bis zum Meer ists noch weit, und die Mama hat ja so viel um die Ohren. Gib ihr noch ein bisschen Zeit…
Bis zum fünften Lebensjahr wusste Söhnchen nicht einmal, was eine Dichterin ist. So nannte die Oma ihre Mutter. Doch eines Tages brachte Rainer ein dünnes Büchlein mit. Sie meinte, es sei von ihr geschrieben. Söhnchen meinte das wörtlich. Nach der Abreise der Mutter wischte sie sich die schmutzigen Hände an die Hose, nahm das Buch vorsichtig in die Hand und bestaunte, wie schön und ordentlich man all diese Buchstaben schreiben konnte.
Sie nahm ein Heft und versuchte, genau wie die Mama, kleine, gerade Buchstaben zu malen die sie nicht mal kannte.
Was machst du denn da? fragte Oma am Abend, geschafft nach der Arbeit, während Söhnchen nicht schlafen wollte. Ach, du machst das aber schon richtig schön!
Mama kanns besser, schmollte Söhnchen.
Klar, sie ist schon erwachsen, Dichterin. Aber du wirst es auch lernen. Jetzt: Ab ins Bett.
Die Oma knipste das Licht aus, und Söhnchen kroch widerwillig in ihr Bett und malte im Kopf noch eine Weile verschnörkelte Buchstaben.
Sie war stolz auf ihre Mutter.
Bis zum sechsten Lebensjahr fragte sie sich nie, warum die anderen Mütter bei ihren Kindern sind, nur ihre so weit weg lebt. Oma Klara trug immer Secondhand-Kleidung immer mehrere Schichten: ein Pullover über dem anderen, ein Kittel, eine Schürze. Strümpfe umgeschlagen, Pumphosen, Gummistiefel. Im Haushalt reichte das.
Nur zur Kirche legte sie ihren grauen Wollrock an, eine blaue Bluse und ein buntes Kopftuch. Alles selbstgeschneidert auf der uralten Singer-Nähmaschine. Sie hatte Rainer einst mit der Näherei angesteckt, und darum lernte diese Schneiderin.
Nun nähte und strickte Oma für ihre Enkelin. Söhnchen war stets ordentlich gekleidet, vielleicht nicht nach der neuesten Mode, aber für das Dorf genau richtig: erprobte Stoffe, wärmende Wolle. Der rollende Konsum kam regelmäßig, und Oma suchte sorgfältig das Beste für Söhnchen aus: Schuhe, Strumpfhosen.
Einen Kindergarten gab es auf dem Dorf nicht. Unterhaltung: Im Rudel mit den Kindern durch die weiten Höfe und über die holperigen Wege tollen.
Rainer kam immer seltener. Irgendwas lief wohl schief. Einmal, als sie abreiste, nahm sie den mitgebrachten Gedichtband mit vom Tisch.
Ich nehme das wieder mit, ja? Ich hab schon fast alle verschenkt, und bei euch liegts eh nur rum, meinte sie.
Ach, und was ist mit Söhnchen? Die malt ihre Buchstaben daraus.
Gib ihr ein anderes Buch. Sags ihr einfach. Sie kann ja noch gar nicht lesen.
Also, als Söhnchen das Buch suchte, griff Oma einfach ins Regal und gab ihr ein anderes.
Hier, das ist auch von Mama. Hat sie extra für dich dagelassen, reichte sie Söhnchen ein grün eingebundenes Buch aus dem oberen Regalrand.
Söhnchen strich über den Umschlag, legte das dickere Buch auf den Tisch und bestaunte die goldene Schrift. Nun malte sie die Buchstaben ab.
Doch eines Sommers, etwa mit sechs Jahren, kam sie weinend von der Straße zurück, ihre neu gestrickte, mit Bändern versehene Jacke ohne Knöpfe.
Was ist passiert, Söhnchen? Oma geriet in Aufruhr.
Der… der Vicky aus dem Nachbarhaus… Söhnchen schluchzte und deutete auf die Straße.
Sie hatte sich mit Viktor von nebenan gestritten. Er behauptete, ihre Mutter hätte sie im Stich gelassen, Göre und Oma rackerten sich ab und Mama schickte nie Geld und kümmerte sich nicht.
Ich habe gesagt: meine Mama ist Dichterin! Sie schreibt selbst Bücher! Und er hat behauptet, es wären alles Lügen. Aber das ist keine Lüge, Oma, oder?! Söhnchen rannte ins Haus, schnappte das “grüne” Buch und stürmte wieder auf die Straße.
Oma Klara konnte sie nicht mehr einholen. Die anderen Kinder, älter und bereits Leseratten, schauten ins Buch.
Ach Söhnchen, du Träumerin. Da, steht doch: Rainer Maria Rilke, Gedichte. Nicht deine Mama!
Die Kinder lachten und warfen das Buch herum. Söhnchen versuchte es zu fassen. Sie gingen zu einem älteren Jungen, der bestätigte das. Oma kam schnaufend dazu.
Oma, sag ihnen! Sag ihnen, das ist Mamas Buch! Söhnchen klammerte sich an sie.
Klara streckte stumm die Hand zu den Kindern. Man gab ihr das Buch. Sie nahm Söhnchen an der Hand heim.
Ich hab’s wohl verwechselt. Tut mir leid, mein Söhnchen. Ich kann nicht mehr so gut lesen. Nächstes Mal bringt dir Mama ihr eigenes Buch, das verspreche ich.
Söhnchen sagte nichts, weinte auch nicht mehr.
Gib her, sie nahm das Buch, und warf es wütend in die Brennnesseln.
Söhnchen! Oma blieb stehen und schaute in die hohen Brennnesseln. Was kann denn das Buch dafür? Da hat sich doch einer Mühe gegeben.
Umsonst, meinte Söhnchen, ohne sich umzudrehen, und ging ins Haus.
Die Brennnesseln blieben unberührt, solange es ging. Oma folgte ihrer Urenkelin.
Kurze Zeit später kam ihre Freundin aus der Nachbarschaft, Hannelore. Sie war ein Jahr jünger als Söhnchen.
Ich glaube dir. Bestimmt hat deine Mama das Buch geschrieben. Die anderen sind blöd, Söhnchen.
Glaub nicht dran. Es war nicht von Mama. Ich hasse Gedichte und alle Dichter!
Und deine Mama? Hannelore staunte.
Söhnchen schwieg. Sie wusste selbst nicht, was sie fühlte.
***
Rainer hatte inzwischen das Brot der Dichterin kennengelernt es war hart. In acht Jahren hatte sie zwei dünne Bände veröffentlicht, wartete aufs dritte. Nebenbei trat sie mit ihren Gedichten in Kulturhäusern, bei Schulfesten und Feiern in ganz Thüringen auf.
Früher schrieb sie für die Schülerzeitung, in der Schneiderlehre die erste Ballade. Da gewann sie auch einen Wettbewerb. Seitdem veröffentlichte sie kleine Gedichte in der Lokalpresse.
Das mit dem Schneidern war nur wegen der Kleider. Nach der Ausbildung arbeitete sie im Verlag als Sekretärin. Dort traf sie den Journalisten Michael Brandt, der zur Berichterstattung über Waldbrände aus Dresden kam. Die Schwangerschaft war ihr Versuch, ihn von seiner Frau abzuwerben. Damit zog sie nach Meiningen.
Doch Brandt war bald wie vor dem Feuer geflüchtet und auch von Rainer. Dennoch half er ihr, in Meiningen im Kulturbereich einen Job zu finden.
Die Tochter ließ sie bei der Mutter, wie sie es selbst erlebt hatte. Ihre eigene Mutter war früh gestorben.
Später heiratete sie offiziell, ihren Mann aus der Kunstszene ein sensibler, schwacher Mensch mit Alkoholproblemen. Nach einer gescheiterten Ehe verließ er sie endgültig. Rainer blieb ein Zimmer in der Plattenbausiedlung, kein Traum, und Probleme mit Nachbarn gab es zuhauf.
Die letzten Jahre lebte sie mit einem Ingenieur aus der Schuhfabrik, ein wortkarger, langweiliger Typ, doch immerhin hatte er eine eigene Wohnung. Für beide war es so bequem. Rainer, attraktiv, teils nett und großzügig, wirkte auf ihn seltsam: zu gekünstelt, man wusste nie, wie sie wirklich war. Rainer spielte stets eine Rolle: die Naive, dann die Stolze, die Geschäftige.
Nicht nur der Ingenieur fand sie merkwürdig. Abends nähte sie extravagante Outfits weite Hosen, Stufenröcke, alles, was sie in Zeitschriften fand. Stoffe gab es, Talent sowieso die alte Nähmaschine hatte ihr einst die Garderobiere geschenkt. Sie sah immer besonders aus, anders als die spießige Masse.
Schließlich trennten sie sich. Rainer zog zurück in ihr WG-Zimmer.
Die Hoffnung auf Ruhm, ein schönes Leben, die große Liebe das hielt sie am Leben. Sie wollte ein Künstlerdasein.
Natürlich wusste sie, dass Oma Klara nicht ewig lebt und das Kind ihr viel abverlangt. Sie schrieb darüber Gedichte, und die gelangten traurig und laut klagend über den drohenden Verlust, über Tod und Heimweh nach der Tochter.
Anfangs hatte sie sich fest vorgenommen, die Tochter zur Einschulung zu holen. Aber im Sommer verliebte sie sich in einen Bildhauer, wurde sogar sein Modell, worauf sie stolz war. Im Herbst war die Sache vorbei, die Tochter blieb im Dorf.
Bei einem Besuch fand sie, Oma Klara habe das Mädchen verdorben. Sie war widerspenstig geworden, aber nach ein paar Minuten wurde sie wieder kindlich zärtlich. Rainer versprach, sie nächsten Sommer zu holen.
Du lügst doch nicht? fragte ihre Tochter leise unter dem Pony hervor.
Rainer stockte der Atem bei so einem Verdacht.
Sie zog sie fest an sich, hauchte ins Ohr.
Nein, nie! Ich liebe dich! Hörst du, ich liebe dich! Sie küsste und drückte sie.
Die Rolle der leidenden Mutter war Rainers Tragödie.
Und Söhnchen glaubte. Wie sollte sie daran zweifeln?
***
Und, wie gehts der Oma? fragte Frau Nina, die Verkäuferin im Dorfladen, als Söhnchen mit Nachbar Gregor im Winter vorbeikam.
Sie liegt. Ich koche Grießbrei. Das ist alles, was sie isst.
Allein gekocht?
Ja. Das ist leicht. Ich kann das.
Prima, Söhnchen. Mit so einer Enkelin kann man ruhig mal krank sein.
Im Dorf kannte jeder jeden. Oma Klara und Söhnchen wurden bemitleidet. Um die Hühner kümmerte sich ihre Freundin alte Frau Natalie, deren Enkelin zu Rainers Jugendfreundinnen zählte. Die Postbotin brachte Medikamente, Nachbarn fuhren Söhnchen zum Einkaufen, Onkel Gregor holte Holz und schaufelte den Schnee, und Landwirt Paul brachte extra Kohlen vorbei und räumte den Hof.
Heizen konnte Söhnchen, kochen auch. Erst halfen Natalie und Tante Oda, nach kurzer Zeit prüften sie nur noch selten; Söhnchen meisterte das.
Das sollten wir mit Hannelore auch trainieren, meinte Oda. Respekt, und deine Oma auch.
Alle Freundinnen von Söhnchen gingen inzwischen zur Schule. Sie rannte zu Hannelore und war neidisch auf die Hefte.
Guck mal, wir lesen schon. Das ist ein A, das ein U, zusammen au.
Au? Und das?
Das kennen wir noch nicht.
Uah, glaub ich. Da ist ein Baby gemalt, das weint.
Söhnchen mochte Hannis Schulbücher sehr. Aber sie war ganz sicher: Sie würde in Meiningen in die Schule gehen denn zum Sommer würde die Mutter sie holen. Sie hatte es versprochen.
Oma lag in der guten Stube auf dem uralten Sofa mit hoher Lehne. Abends kuschelte sich Söhnchen zu den Füßen.
Oma, was ist das für ein Buchstabe?
S. So beginnt dein Name. Dann Ö und H. S-Ö-H-N-chen. Hoffentlich gehts mir bald besser, dann hole ich dir ein Lesebuch aus der Schule
Aber nach Wochen im Bett musste Klara doch ins Krankenhaus. Natalie überredete sie.
Und Söhnchen? Sie bleibt bei mir. Wir kümmert uns ums Haus, keine Sorgen.
Aber auch im Krankenhaus ließ das Dorf sie nicht allein. Jeder kam vorbei, brachte Fresspakete, berichtete von der Enkelin.
Zu Natalie kam ihre Enkelin Liesel. Sie half im Haushalt. Bot mehrmals an, Natalie solle nach Meiningen oder nach Kassel zum Sohn ziehen doch Natalie wollte nicht.
Liesel kam gerade, als Söhnchen sich im Haus eingelebt hatte.
Tante Liesel, Oma Natalie sagt, die Pfanne muss in den Ofen zurück.
Ja? Na, dann bist du schon richtige Hausfrau. Danke, dass du meiner Oma hilfst. Erst du, dann ich, und im Frühjahr kommt meine Mama zurück. Wir überreden sie, aber sie bleibt lieber im Dorf.
Ich fahr ja auch bald. Mama holt mich dann geh ich bei ihr in die Schule.
Das ist doch schön. Hast du schon ein Gedicht auswendig gelernt?
Gedichte? Nein. Aber Gebete! Die hab ich mit Oma gelernt. Soll ich eins aufsagen? Vater unser…
Und kennst du Buchstaben? Liesel gefiel das stille, aber geschäftige Mädchen.
Sie erinnerte nur entfernt an die Mutter. Liesel verstand nicht, warum das Mädchen bei Klara war Mutter am Leben und scheinbar erfolgreich, zumindest äußerlich. In der Schultheater-Gala hatte sie Rainer gesehen bauschiger Tüllrock, Fransenpullover, auffälliger Ohrschmuck. Sie war nicht zu ihr gegangen.
Kennst du die Buchstaben?
Nicht alle…
Dann räumen wir auf und dann lern ich mit dir die fehlenden Buchstaben.
Echt? In den Augen war ein kurzer Funke, dann wurde sie traurig. Geht doch nicht ohne Lesebuch.
Liesel lächelte.
Ich bin Lehrerin. Das klappt auch ohne. Los komm…
Diese paar Tage waren für Söhnchen die schönsten.
Kommt bald Mama? Sie hat Oma ein Gedichtbuch zum Frauentag versprochen.
Wenn sies versprochen hat, bringt sies auch. Warte, Söhnchen.
Liesel biss sich auf die Lippe. So ein tapferes Kind.
Langsam wurde es mit Klara besser. Sie erholte sich der Anreiz: ihre Urenkelin.
***
Rainer hatte auf dem Betriebsfest zum Frauentag gerade ihre Gedichte vorgetragen, als jemand sie am bauschigen Ärmel zurückzog.
Liesel?
Sie waren zusammen zur Schule gegangen und im Nachbardorf aufgewachsen.
Rainer hielt einen Blumenstrauß, wollte zur Feier weiter.
Du, Liesel? Woher?
Ich wollte dich mal hören. Du liest wirklich schön.
Ach, danke…
Die Freude hielt sich in Grenzen. Von Oma wusste sie, dass Liesel mittlerweile Lehrerin ist und ihr Mann beim Werk arbeitet.
Als Rainer erfuhr, dass sie ebenfalls in Meiningen lebten, war sie nicht interessiert. Schließlich war sie auf dem Weg zur Kunst, nicht zum Kleinstadttratsch.
Und da war Liesel jetzt echt vor ihr. Vielleicht weil ihr Mann im Werk ist?
Kennt mich hier einer? Sie blickte nervös umher. Die besten Plätze, der Vorstand schon vergeben. Sie musste hinten sitzen.
Rainer nahm die Rolle der vergessenen Dichterin ein.
Nach kurzer Zeit rief ein männlicher Stimme vom Ehrenplatz:
Frau Liesel Becker! Nach hier.
Liesel stolzierte an ihr vorbei zum Ehrentisch, neben die Frau des Vizedirektors. Kurz darauf wurde auch Rainer nach vorn gebeten.
Ab da lebte die Freundschaft schnell wieder auf. Rainer wurde häufig eingeladen, lernte Georg, Liesels Mann, kennen.
Aber die Beckers hatten ihren Kummer: Liesel konnte kein Kind bekommen, nach mehreren Fehlgeburten war es nicht mehr möglich.
Georg war traurig, fügte sich aber. Liesel sah in ihren Schülern ihre Kinder, kümmerte sich und lebte damit.
Das Thema Söhnchen kam einmal auf, in einem einzigen Gespräch. Rainer weinte, rechtfertigte sich, klagte ihr Leid, versprach, ihre Tochter im Sommer zu holen.
Darauf sprach Liesel nie mehr darüber.
Im Sommer planten die Beckers eine Reise an die Ostsee im Zelt und Rainer durfte mit. Aber eine Woche vorher platzte Rainer in Tränen zu ihnen: Ihr Gedichtband war verrissen worden, der Verlag hatte abgelehnt. Liesel war nicht da, Georg tröstete sie heldenhaft. Sie heulte, warf sich an ihn, ließ ihre Schminke verlaufen.
In der Küche war sie dann dramatisch: Ich liebe dich, Georg, ich kann nicht mehr ohne dich! Er setzte sie beiseite. Geh bitte nach Hause, Rainer. Du brauchst Ruhe.
Er rief ihr ein Taxi und bugsierte sie hinaus.
Liesel sagte am Telefon: Unser Bekannter will leider niemand Fremdes mitnehmen.
Ach, ich hatte mich ohnehin umentschieden, sagte Rainer geheimnisvoll.
Und holst du deine Tochter jetzt? Sie liest schon gut.
Vielleicht… Wenn nichts dazwischen kommt, bestimmt.
Liesel ahnte nun endgültig: Sie wird Söhnchen nicht holen. Und Söhnchen fehlt nun das zweite Schuljahr.
Sie dachte traurig daran, wie sie für ihr Kind Hefte, Schultasche, Schulkleidung besorgen würde… Sie fehlte ihr.
Wir haben nicht mal deinen Gedichtband, sagte Liesel. Wo kann ich den kaufen?
Ach, hier, nimm. Wird wohl keine dritte Auflage mehr geben.
***
Söhnchen drückte den Gedichtband der Mutter fest an sich. Der war nun wirklich von Mama sie konnte das selbst lesen. Liesel war es, die das Buch gebracht hatte.
Gestern war die Lehrerin im Haus gewesen und hatte Söhnchen für die erste Klasse ins Nachbardorf angemeldet. Aber nichts war bereit, bald begann die Schule.
Mama kam immer noch nicht. Söhnchen wartete täglich am Fenster oder am Hoftor auf sie.
Lüg mich nicht an, Mama flüsterte sie zu den Heiligenbildern.
Sie hatte Mamas Buch mehrfach gelesen. Immer wieder las sie eine Zeile, versuchte, sie zu begreifen, verstand aber nicht alles.
Oma Klara war nach dem Krankenhaus schwach, konnte nicht mehr zum Laden, sorgte sich, wer Söhnchen für die Schule versorgte. Wo war die Mutter, wenn es um etwas ging?
Klara ärgerte sich schon nicht mehr dafür fehlte ihr die Kraft. Aber um Söhnchen war sie traurig. Das Kind wartete. Lieber hätte die Mutter keine Versprechen gemacht.
Aber Klara konnte sich nicht mehr ärgern.
Oma, gibt es ein Paradies der Liebe?
Was?
Das Paradies der Liebe? Du sagtest, dort kommen die Guten nach dem Tod hin. Ist das das Paradies der Liebe?
Mein Gott, woher soll ich das wissen. Wenn ich tot bin Vielleicht schon.
Mama hat geschrieben: O, Paradies der Liebe, betrüg mich nicht! Lügt man dort?
Nein, ganz sicher nicht.
Ich will ins Paradies platzte Söhnchen heraus.
Und warum das? Du bist doch noch viel zu jung.
Weil man dort nicht belogen wird
Oma Klara schaute ihre Enkelin an und wischte sich verstohlen eine Träne ab. Das Mädchen begriff schon alles auch wegen der Mutter…
Da begann der Hofhund zu bellen. Fremde kamen. Söhnchen rannte zur Tür: Tante Liesel!
Sie kam zusammen mit Natalie, die trotz schmerzendem Knie Gebäck mitbrachte. Es wurde Tee getrunken, erzählt und gelacht. Söhnchen wurde zum Spielen geschickt Erwachsene mussten reden. Sie ging zu Hannelore.
Du ziehst wirklich weg? fragte Hannelore traurig.
Ich? Nein. Mama hat wieder gelogen.
Aber Natalie sagt, du ziehst zu ihrer Enkelin?
Was?
Söhnchen rannte heim, die Tür knallte.
Im Haus stand sie und wusste nicht, wie sie fragen sollte. Die Frauen sahen sie an.
Liesel verstand und sagte: Möchtest du zu mir ziehen, Söhnchen?
Nach kurzem Zögern nickte sie stumm.
Deine Mama weiß Bescheid. Sie erlaubt es. Sie hat nur… andere Pläne.
Für Söhnchen war das in Ordnung. Sie mochte Tante Liesel. Mama war schön und roch nach Blumen, Tante Liesel dagegen nach Kuchen. Mama war ein ferner Stern, Liesel war da, zuverlässig.
Söhnchen schmiegte sich an Liesel.
Es wird gut, Söhnchen. Du wirst nicht allein sein. Mama kommt zu Besuch, und wir fahren oft zur Oma und Natalie.
Oma Klara und Natalie machten sich endlose Sorgen und packten Söhnchen. Natalie ließ sich nicht überreden, aus dem Dorf zu gehen Sterben werde ich hier mit Klara.
Bald stand Landwirt Paul mit dem Traktor vor der Tür, half beim Verladen.
Oma, flüsterte Söhnchen werde gesund! Und bitte in der Kirche nicht mehr beten, dass Mama zurückkommt. Leb ruhig für dich. Wenn ich groß bin, hole ich dich zu mir. Glaubst du mir?
Aber sicher, mein Schatz Schon strömten ihr Tränen übers Gesicht.
Der Traktor brummte und fuhr los. Söhnchen winkte, die Augen voll Tränen.
Stopp, Paul, bitte anhalten! rief sie plötzlich.
Was ist? fragte Liesel verwundert.
Paul hielt schon an. Söhnchen sprang über Liesels Beine, rannte zurück in den Brennnesselstrauch.
Söhnchen, du verbrennst dich! Was machst du?
Paul und Liesel kamen dazu.
Was suchst du? Wart, ich helf dir!
Da ist sie! rief Söhnchen und angelte die grüne, wellige Buch heraus.
Rilke zwischen den Nesseln. Hat nicht jeder, lachte Paul.
Was ist das? Liesel war überrascht.
Ein Dichter. Das Buch kann ja nichts dafür, sagte Söhnchen und putzte das Buch ab.
Vor einem Monat hatte Liesel von Rainer die Erlaubnis, Söhnchen mitzunehmen. Rainer war erleichtert: Sie war als Dichterin zur Tournee im Norden eingeladen. Sie unterschrieb alle Unterlagen ohne nachzudenken und schon war sie weg.
Auf der Fahrt lasen Liesel und Söhnchen zusammen Rilke.
Willkommen! Georg umarmte die beiden. Schau, wir freuen uns. Gleich mal die Koffer holen willkommen daheim!
Bald ging Söhnchen zur Schule. Auf sie wartete ein roter Ranzen, Schulsachen lagen bereit. Die Kleidung wurde kurzfristig besorgt.
Sie atmete kaum, als sie am ersten Schultag mit Blumen am Appell stand. Onkel Georg zwinkerte ihr zu. Alle hielten ihn für den Vater, und irgendwie gefiel ihm das.
Von der anderen Seite des Pausenhofes winkte Liesel in ihrem schlichten Kleid. Sie war gefasst, schaute jedoch immer wieder in die Menge wie auf der Suche nach jemandem.
Söhnchen wusste nicht, dass ihre Mutter versprochen hatte, zu kommen. Liesel erklärte ihr den Weg, aber Georg sagte: “Warte selbst nicht, und sag ihr auch nichts davon.”
Sie wartete trotzdem, suchte versteckt mit den Blicken. Doch sie kam nicht.
***
Im Laufe der zehn Jahre Schule wird ihre Mutter Söhnchen nur dreimal besuchen. Die Karriere als Dichterin gibt sie auf. Sie arbeitet dann in einer Änderungsschneiderei. Oma Klara und Natalie sterben kurz nacheinander. Rainer ist weit weg, kommt erst später zum Grab und weint lange. Das ganze Dorf glaubt an ihr Leid.
Nach dem Schulabschluss verspricht Rainer, ein atemberaubendes Abschlusskleid zu nähen.
Sie machts sowieso nicht, Mama. Ich glaube nicht daran. Wir kaufen einfach eins, sagt Söhnchen leise zu Liesel.
Wie du willst. Dann gehen wir morgen einkaufen. Ein Abschlusskleid ist wichtig. Wie du groß geworden bist, Söhnchen!
Ich bin erwachsen, aber bleibe immer bei euch. VersprochenAm Abend, als das neue Kleid in blauem Papier auf dem Stuhl lag und Liesel das Fenster in Söhnchens Zimmer einen Spalt öffnete, saßen sie schweigend nebeneinander auf dem Bett. Fernher leuchtete eine Straßenlaterne, aus Nachbars Garten duftete Holunder.
Liesel? Glaubst du, dass Liebe immer woanders wohnt?
Liesel nahm ihre Hand, schüttelte leicht den Kopf.
Das glaube ich nicht. Sie geht manchmal weg, aber sie kommt auch wieder. Oder sie bleibt gleich ganz, still und einfach.
Söhnchen dachte lange nach. Schließlich lächelte sie und zog das grüne Rilke-Buch hervor, das seit all den Jahren neben ihrem Kopfkissen lag der Einband fleckig, aber die goldene Schrift blitzte im Schein der Laterne.
Lies mal vor, Tante Liesel, ja? Ihre Stimme war weich.
Und während Liesel Suchend durch die Seiten fuhr, legte Söhnchen ihren Kopf in ihren Schoß und schloss die Augen. Über ihnen rauschte leise der Wind. Die Worte aus einer fernen Welt tropften wie Tautropfen in ihre Gegenwart, und für einen Moment war alles still.
Und als sie den letzten Vers vernahm, öffnete Söhnchen die Augen und sah hinauf zu Liesel, deren Blick mild war als habe sie etwas erkannt, was Worte nicht sagen konnten.
Siehst du, flüsterte Söhnchen , lüg mich nicht an. Wenn irgendwo ein Paradies ist, dann reicht manchmal schon ein kleines Zimmer, eine warme Hand und jemand, der da bleibt. Das reicht.
In dieser Nacht träumte sie zum ersten Mal nicht von ihrer Mutter. Nicht vom Meer. Sondern von sich selbst, fest auf dem Schulhof mit rotem Kleid und offenen Armen umgeben von Menschen, die blieben.
Und draußen, leise, begann ein neuer Morgen.




