Glanzvolle Sammelbilder: Die Faszination der deutschen Sammelbildchen-Kultur

– Du bist ein echter Schein, Egor! Dir müsste man ordentlich den Hintern versohlen, wie es bei den Sidorovs üblich war, aber da ist keiner mehr, der das tun könnte, und eigentlich ists eh zu spät! So alt geworden und doch keinen Verstand entwickelt!

Oma Sima spuckte ihrem Nachbarn vor die Füße und hinkte auf ihrem schmerzenden Bein wieder heim. Sie hatte getan, was sie konnte; den Rest, na, den soll sein Gewissen entscheiden. Die Menschen habens ihm nicht beibringen können, vielleicht greift das Schicksal ein?

Was der sich da eingebildet hat?! Die eigene Mutter ins Heim abschieben! Wo gibts denn sowas? Okay, Klaudia ist ans Bett gefesselt aber ist er ihr Sohn oder irgendein fremder Onkel? Zum Verzweifeln. Wenn Sima noch die Kraft hätte, sie würde ihre Freundin sofort zu sich holen. So aber…

Es tut ihr leid um Tanja. Ein gutes Kind, wirklich, aber sie ist ja auch keine Packesel, die alles allein schleppen kann! Sie ist im Dorf geblieben und ist nicht nach Würzburg studieren gegangen, als die Mutter krank wurde. Naja, erst ist sie fort, aber dann ist sie zurückgekommen. Konnte Mutter und Großmutter nicht allein lassen. Sie half, weil sie wusste, dass es für Sima allein ja längst nicht mehr zu schaffen war. Nach dem Beinbruch vor zwei Jahren wurde alles schlimmer. Schon vorher konnte sie kaum mehr laufen, jetzt geht fast gar nichts mehr.

Ihre jüngere Tochter wollte Sima zu sich holen, nach München, aber das musste sie ablehnen. Wohin denn? Die Wohnung ist so winzig, Platz reicht kaum für alle. Ihr Schwiegersohn ist ein Guter, aber wirklich durchsetzungsfähig ist er nicht. Schuftet, aber es reicht immer gerade so. Zwei Kinder haben sie, das kostet Nerven. Und sie, Sima, kann heute nicht mehr wirklich helfen. Früher hat sie den Hof gemanagt, die Kinder betreut, aber heute? Ein Wrack… Tanja schimpft, wenn sie so von sich spricht, aber was solls es ist die Wahrheit! Gesundheit gabs nie genug, und die Kraft schwindet immer mehr. Am Morgen das Aufstehen schon ein Kampf. Erst die Augen auf, liegen bleiben, nachdenken und sich dann zusammensuchen, wie ein Kohlenhäufchen auf die Schaufel. Sammeln, sammeln! Geschafft! Aufstehen! Los!

Es ist ein Glück, dass Tanja, Simas Enkelin, so flink ist wie ein Reh. Noch ehe Sima sich aufraff t, hat sie schon alles erledigt, Mutter gewaschen und ist auf dem Weg zur Arbeit. So war sie schon immer.

Sima hat ihre älteste Tochter, Tanjas Mutter, spät bekommen. Hatte nicht damit gerechnet, nochmal Mutter zu werden.

Der erste Mann hat ihr die Unfruchtbarkeit nie verziehen. Ist weggegangen. Sima war traurig, aber eigentlich nicht sehr. Sie hat gesehen, dass er sie nie richtig geliebt hat. Sie brannte für ihn, aber er…

Sima war früher eine wirkliche Schönheit, wie der Sonnenschein. Im ganzen Landkreis gab es kein hübscheres Mädchen. Natürlich liefen die Jungs schon in der Schulzeit mit Herzchen in den Augen hinter ihr her. Aber sie hielt strenge Distanz, wartete auf die große Liebe, den Richtigen. Bewunderte nach allen Seiten, aber er kam nicht. Die Zeit verging und Sima duckte sich immer mehr unter den Vorwürfen ihrer Mutter.

– Wählst zu viel, bleibst sitzen und wirst eine alte Jungfer!

Aber wie erklärst du, dass du auf einen, den du nicht liebst, schon gar keinen Blick werfen willst?

Dann kam aus der Bundeswehr einer aus dem Nachbardorf zurück. Sie kannte ihn vorher nicht; er wohnte mit seinen Eltern irgendwo anders. Sima wusste nichts von ihm. Warum er dann ausgerechnet zu Oma und Opa zog, hat keiner gewusst Sima auch nicht.

Aber sie war verloren! Einmal Alex gesehen, und das Herz stand Kopf. Und auch er hat nicht lange gefackelt, hat sie gleich gefragt und die Eltern zur Brautwerbung geschickt. Simas Mutter war überglücklich. Was soll man da noch groß überlegen? Das Mädchen war ja schon längst überfällig, und immer noch allein!

Hochzeit wurde groß gefeiert, fröhlich. Sima wusste kaum, wohin mit ihrem Glück. Erst später nahm sie das Tuscheln wahr. Als die Schwiegermutter sie beiseite zog und wortlos einen Kinderwagen zeigte, blieb ihr fast das Herz stehen. Da war alles glasklar.

Alex hat ihr später erklärt, dass er, bevor er zur Bundeswehr ging, eine Verlobte hatte, aber nicht glaubte, dass der Sohn von ihm war. Wegen der Zeitrechnung. Erst als seine Mutter auf Drängen der Nachbarn doch zur ehemaligen Braut gegangen ist da lag tatsächlich ein kleiner Alex im Bettchen. Ein Ebenbild. Aber was tats zur Sache die Hochzeit mit Sima war schon beschlossen…

Die Mutter des kleinen Sohnes wollte mit Alex keinen Kontakt mehr. War verletzt, hat nicht verziehen. Von dem, dass ihre Mutter zur Hochzeit ihres Exfreundes fuhr und das Kind mitnahm, wusste sie nichts sie dachte, es geht zur Tante.

– Wozu das? fragte Sima, während sie die Wiege anstupste, und schaute der Frau mit verbitterten Lippen ins Gesicht.

– Damit du weißt, wen du geheiratet hast.

Was hätte ihr dieses Wissen gegeben? Ihren Mann liebte sie, und was davor war … Wo gibts Heilige auf Erden? Fehler machen Menschen doch alle…

Sie hat Alex nie verboten, Kontakt mit dem Sohn zu halten. Aber er wollte nicht wirklich. Sima hat schnell gemerkt, dass Alex eigentlich nur sich selbst liebt. Alle anderen dienen ihm bloß als Staffage.

Vorwerfen konnte man ihm nichts. Ein ordentlicher Gastgeber, das Haus immer voll. Glück kam aber nie auf.

Fünfzehn Jahre blieb Sima mit ihm verheiratet. Doch wirklich warm war es nie. Er war da und doch irgendwie nicht. Im Haus blieb ein Echo und Leere.

Solange Hoffnung auf Kinder war, redete sie sich ein, alles sei nur vorübergehend. Das Herz des Mannes war eben noch nicht wach geworden.

Als er dann beiläufig sagte, sie sei keine richtige Frau, schließlich kann sie keine Kinder bekommen, wusste Sima: Ihr Lebensweg ist eine Sackgasse. Ob sie lief oder stand es änderte nichts.

Die Trennung ging schnell, so ruhig, dass viele im Dorf gar nichts merkten. Sima blieb allein. Alex zog bald weg, kaum war die Scheidung durch. Das Haus ließ er Sima, drückte zum Abschied sein Bedauern aus.

– Sei nicht böse. Wir sind beide schuld, aber ich muss die Verantwortung tragen.

Ganz vergeben hat Sima ihm nie, aber das Herz wurde leichter, ein bisschen. Was tun, wenn das Schicksal einen so lenkt? Schönheit hatte ihr der Herrgott gegeben, Glück… offenbar nicht.

Zwei Jahre lebte sie allein, arbeitete, hielt den Kopf stolz und achtete möglichst nicht auf den Dorftratsch. Nicht mehr die alten Zeiten! Soll der Mann gehen was soll’s!

Aber das Herz tat weh. Man wünscht sich ein Zuhause, wo Leben ist, nicht nur Leere…

Mit Nikolaus kam sie nicht gleich zusammen. Sie kannte ihn erst, beobachtete. Waren ja nicht mehr die Jüngsten. Und er war ein Zugezogener. Niemand wusste, wie es um ihn steht. Er lebte allein, bat nie um Hilfe, bot sie aber stets an. Das alte Haus hat er erneuert, einen kleinen Hof geführt. Ruhig, höflich, hilfsbereit.

Nichts Besonderes aber kommt nie mit leeren Händen. Wenn er kommt, repariert er erst etwas oder hilft aus. Sima dachte sich: Schlechter kanns eh nicht kommen. Sagen können sie, was sie wollen; sie hatte genug vom Alleinsein. Nun, wenigstens gemeinsam alt werden.

Sie erwartete vom neuen Ehemann keine Wunder. Doch dann hatte das Schicksal einen Dreh, dass Sima nur noch staunen und annehmen konnte.

Beide Töchter kamen spät bei der ersten ahnte Sima fast bis zum fünften Monat nichts. Keine Beschwerden. Es war Klaudia, die bemerkte, dass etwas nicht stimmte:

– Mensch, Sima, bist du etwa schwanger?! rief Klaudia, als Sima einmal wankte, sich vom Sonnenstrahl müde fühlend.

– Pff, wie denn?! Bin doch leer”…

– Meine Oma hat gesagt, es ist nicht immer die Schuld der Frau. Die Ärzte sagen das auch. Manchmal liegts am Mann. Vielleicht wars mit Alex einfach nicht bestimmt, Kinder zu bekommen? Lass dich in der Stadt untersuchen. Vielleicht gibts noch Freude!

Sima kam neugeboren aus der Stadt zurück. Die Leute schauten ihr nach sie leuchtete wie die Sonne, so strahlte sie.

Erst eine Tochter, dann die zweite, und Sima ging aufrecht, versteckte ihren Blick nicht mehr. Jetzt hatte sie nichts mehr zu schämen. Sie war Mutter.

Sima liebte ihre Mädchen über alles. Feine Kleidchen, Schleifen, immer sauber, ordentlich. Aber genauso sprangen die Kids auf Bäume, planschten im Fluss, wie andere auch. Schimpfen tat Sima nie. Wasser in die Schüssel, Seife raus, dann lernen, wie man Socken wäscht. Wenn was eingerissen war: Nadel nehmen nähen lernen. Was ihr fehlt, bringt sie ihnen bei.

Als Nikolaus starb nach dem Besuch bei der Jüngsten in München , war Sima wie ausgewechselt. Hätte sie keine Kinder gehabt, wäre sie ihm ins Grab gefolgt. Aber so: Zähne zusammen, es musste weitergehen. Als dann die Ältere Tanja ihr Enkelkind schenkte, kam neues Leben ins Haus, alles blühte wieder auf.

Die Enkelkinder waren Simas ganze Freude. Die Jüngere wohnte weit weg, nur zu den Ferien kam sie. Aber Tanja war da die wurde Sima immer ähnlicher. Gleich schön, selbstbewusst, noch eigensinniger sogar. Wenn sie sich was in den Kopf setzt, dann gibts kein Zurück.

Solang es ums Lernen ging, freute sich Sima. Kaum aber wurde Tanja älter, fingen die Sorgen an.

Sie hatte sich verliebt – ausgerechnet in den Nachbarssohn Egor, fünf Jahre älter, schon ein Mann, während Tanja grad mal sechzehn war. Was weiß das Mädchen schon von Liebe? Aber sie hielt dran fest, stur wie sie ist.

Egor wiederum interessierte sich gar nicht für Tanja. Für ihn war sie nur die Nachbarstochter, ein Mädchen noch. Er selber aber hatte sich längst mit einer anderen eingelassen.

Luise, seine Auserwählte, war eine stolze Schönheit. Nicht wirklich hübscher als andere, aber sie wusste, wie sie sich in Szene setzte; modisch gekleidet, mit Vätern, die sie verhätschelten. Einzelkind, das merkt man.

Doch das bekam Luise nicht immer gut: Sie war sehr stolz. Wenn nicht alle zu ihren Füßen lagen, war schnell schlechte Stimmung.

Egor kam ihr zunächst nicht nahe, sie hat ihn lang zappeln lassen.

Dann aber passierte etwas Merkwürdiges. Luise hatte einen Freund im Nachbardorf; auch ein verwöhntes Einzelkind. Er suchte die Bekanntschaft von Luise, sie ließ sich einladen auf einen Motorrad-Ausflug ins Nachbardorf. Sie kamen nie an. Was wirklich geschah, wusste keiner. Nur, dass Luise am Morgen völlig aufgelöst, zerrissen und verwundet nach Hause kam.

Außer Sima wusste niemand davon. Sima war in der Nacht früh im Garten, bevor es warm wurde, und sah, wie das Mädchen am Dorfrand entlang schlich.

Luise würdigte Sima keines Blickes, stapfte über die Beete, als gäbe es keine Sima.

Eine Woche später brodelte das Dorf: Luises Eltern planten plötzlich eine Hochzeit. Und zwar so schnell wie möglich.

Egor überglücklich, Klaudia dagegen war besorgt.

– Sima, irgendwas stimmt da nicht. Wie soll ichs meinem Sohn sagen? Er hört doch nicht auf mich. Die sollen machen, was sie wollen. Aber wenn Luise jetzt Egor heiratet, dann aus Trotz oder Not. Ist nicht meine Sache. Aber um Egor tuts mir leid. Der liebt sie. Geht kaputt daran.

Sima nickte nur, sagte nichts. Niemand wusste, dass sie Luise in jener Nacht gesehen hatte. Und ihre eigenen Sorgen waren gerade viel größer als das Nachbarsdrama.

Tanja fiel in ein tiefes Loch. Tagelang saß sie apathisch am Fenster, weinte, wenn sie aufs Nachbargrundstück sah, wo die Hochzeitsvorbereitungen liefen. Dann lag sie wieder stumm im Bett, das Gesicht zur Wand, wie in tiefer Trauer.

Sima versuchte alles, Tanja dazu zu bringen, zu ihrer Tante nach München zu fahren, das Studium nachzuholen, dort zu bleiben, einen Neuanfang zu machen. Die einzige Hoffnung war, dass sie nie mehr diesen Egor sehen musste, der sie nicht einmal kannte. Sima wusste, selbst wenn sie alles erzählte, was sie über Luise wusste Egor liebte sie doch.

Aber Tanja ließ sich durch niemanden etwas einreden, auch die Mutter nicht. Der Vater war lange tot, und mehr hatte bei ihr nie jemand was zu sagen.

Was sie erwartete, wusste keiner.

Tanja blieb bis zum Tag der Hochzeit, kam mit Sima und ihrer Mutter mit trockenen Augen zur Feier, stand abseits, ohne sich zu setzen oder Freundinnen zu antworten. Dann drehte sie um und ging nach Hause.

Ihre Mutter folgte ihr in Panik. Wer weiß, was sie anstellt.

Doch diesmal überrascht Tanja sie wieder. Sie packte ihren Koffer, umarmte Mutter und Oma ein letztes Mal und fuhr in die Stadt. Sie weinten, aber segneten sie und beschlossen zu warten.

Die Zeit heilt, dachte Sima.

Vielleicht hätte sie wirklich geheilt, doch Tanja blieb das Glück nicht lange. Kaum hatte sie sich eingewöhnt, da kam die Nachricht: Die Mutter musste ins Krankenhaus und kam nie wieder auf eigenen Beinen heraus.

Tanja packte erneut den Koffer. Wohin sonst? Sima war alleine zu Hause, selbst kaum noch gesund wie sollte sie eine Bettlägerige allein versorgen?

Das Einzige, worauf Tanja Angst hatte, war, dass Egor mit Frau im Dorf wohnen würde. Doch das Schicksal hatte diesmal Erbarmen: Die beiden waren nach der Hochzeit fort, keiner wusste wohin.

Tanja räumte daheim auf, machte es sich und der Mutter schön, suchte Arbeit. Was blieb? Im Dorf gibts nichts, Ausbildung hat sie keine. Also auf den Bauernhof – etwas anderes kam nicht infrage.

Faul war Tanja nie, Tiere liebte sie. Sie wusste, allein vom Lohn kann sie nicht leben; also schaffte sie sich ein bisschen eigenes Vieh an.

So lebte sie und half auch Klaudia, so gut sie konnte. Seit deren Mann tot war, war die Frau gebrochen. Ihr Sohn weit weg, schrieb selten. Über sein Leben erfuhr sie so gut wie nichts. Überweisungen kamen, aber das Herz der Mutter ist unruhig. Nur dass Luise zwei Kinder zur Welt brachte, weiß sie, einen Jungen und ein Mädchen. Die sieht sie nie, niemand weiß warum. Wo genau sie wohnen, ist auch unklar. Egor ist auf Achse, fährt LKW, rackert sich durch. Aus den Zeilen seiner Briefe liest Klaudia die Sorge und Müdigkeit, auch wenn er nie klagt.

Entweder hat diese Sorge sie so krank gemacht oder was sonst , so dass sie ans Bett gebunden ist. Tanja organisierte ihr einen Platz im Kreiskrankenhaus und fuhr sie regelmäßig besuchte, weinte auf dem Heimweg. Die Ärzte waren nicht optimistisch.

Sima hat Egor sofort geschrieben, als Klaudia eingeliefert wurde. Aber entweder kam der Brief nie an oder… Jedenfalls meldete er sich nicht, kam nicht, kein Ton. Noch ein Brief folgte. Dann sagte Sima zu Tanja:

– Offensichtlich hat er seine Mutter abgeschrieben. So ein Blender… Und ich hab ihn für einen aufrichtigen Menschen gehalten!

– Oma, warte mal! Du hast mich immer belehrt, man darf niemanden verurteilen, wenn man nicht hundertprozentig sicher ist. Und selbst dann nicht, Herz rein halten. Soll er selbst mit sich ins Gericht gehen.

– Weiß nicht, meine Liebe. Nie hätte ich gedacht, dass er so mit seiner Mutter umgeht. War doch immer so ein Lieber… Und zu Klaudia hatte er ein Herz wie kein anderer Wohin geht das alles?

– Warum nennst du ihn eigentlich Schein?

– Das ist eine lange Geschichte. Genau deshalb hätte ich nie geglaubt, dass Egor je zu so etwas fähig ist.

– Erzähl!

– Ach, was gibts da zu erzählen. Er war damals noch ein kleiner Bub, sechs oder sieben. Zu dieser Zeit haben alle Kinder bunte Bonbonpapiere gesammelt, echte Schätze! Daran zu kommen, war schwer. Selten gabs Süßes meist zu Weihnachten oder Geburtstagen, dann auch nur die billigsten Sachen. Richtige Schokolade nur selten. Die Kinder hüteten ihre Buntpapiere wie ihren Augapfel. Und wenn getauscht wurde, dann nur gegen echte Schätze. Nun, Klaudia hatte damals Hühner, aber nicht irgendwelche, sondern edle: Zwei Stück, schneeweiß mit prachtvollen Federkämmen. Ihr ganzer Stolz. Wo ihr Mann die aufgetrieben hatte keiner weiß es. Klaudia hütete sie sehr.

Dann passierte ein Unglück der beste Freund von Egor hatte einen Hund, auch ein Edelhund, bekam ihn aus München von seinem Vater. Angeblich ein Jagdhund, wer weiß. Im Dorf durfte der Hund kaum raus, weil er gleich alles jagte, was Federn hatte. Egor lud seinen Freund ein, der brachte den Hund mit und dann flogen bei Klaudia die weißen Federn durch den Hof…

– Oma, nicht wirklich…

– Doch, Tanja, der Hund hat beide Hühner gerissen. Klaudia war zu Tode betrübt, war tagelang wie erstarrt. Egor, weißt du, was er gemacht hat?

– Was denn?

– Er verschenkte seine ganze Bonbonpapiersammlung an einen anderen Freund. Dessen Vater fuhr oft nach München. Und Egor überredete den Jungen, ihn mitzunehmen, wenn der Vater das nächste Mal fährt. Er holte seine Ersparnisse zusammen das Geld war eigentlich für ein neues Fahrrad gedacht und brachte der Mutter ein neues Huhn mit.

– Respekt!

– Das war Größe! Klaudia war überglücklich nicht nur, weil sie wieder solche Hühner hatte, sondern weil sich ihr Sohn als Mensch erwiesen hatte. Und heute? Wo bleibt das alles bei den Leuten, Tanja? seufzt Sima, und will Tanjas Einwände gar nicht hören.

So ein Sohn wie kann der seine kranke Mutter im Stich lassen? Wenigstens sehen kommen, sollte er doch…

Doch dann, nach einer Woche, in der Klaudia aus dem Krankenhaus zurückkam, verstummte selbst Sima. Tanja hatte mit der Gemeindeschwester die Organisation geregelt, für den Transport und Pflege gesorgt.

Und Egor kam völlig unerwartet. Zu dem Zeitpunkt hatte Tanja sich schon an den Alltag mit zwei Pflegefällen gewöhnt: Erst die Mutter, dann gleich zu Klaudia. Viel brauchts ja nicht. Noch war genug Kraft da, auch wenn Oma Sima darüber schimpfte.

Tanja war grade am Putzen in Klaudias Haus, als in der Diele die Tür klapperte und ein kleiner Junge mit schmutzigen Schuhen über den frischen Boden huschte, sich vor sie stellte, in ihre Augen blickte und fragte:

– Bist du meine Mama?

So natürlich und direkt, dass Tanja für einen Moment mit dem Lappen in der Hand einfrohr.

– Nachbarin – Egor hielt seine Tochter an der Schulter zurück und grüßte Tanja. Entschuldige, dass ich so spät komme. Mein Fehler. Max lag im Krankenhaus, ich konnte ihn nicht allein lassen, und für Mila gabs auch keinen Platz.

– Und Luise? platzte Tanja heraus, sofort bereute sie es.

Was ging sie das an?

– Es gibt keine Luise mehr. Sie hat uns verlassen, ist mit einem neuen Mann fort. Ich bin jetzt allein.

– Und die Kinder? Tanja konnte auf einmal frei sprechen, die Angst vor dem kräftigen Mann verschwand.

– Sie bleiben natürlich bei mir. Wie könnte ich anders?

– Klar. Apropos, schläft deine Mutter? Egor zog seiner Tochter die Stiefel aus und nickte zum Bett.

– Ja. Sie ist erschöpft. Mehr Ruhe tut ihr gut, sagen die Ärzte, aber ich finde, sie könnte mehr laufen. Deine Mutter war nie ruhig, konnte nie stillsitzen.

– Sie hat schon Druckstellen! tönte es aus dem Nebenzimmer, und Tanja beeilte sich, Egor zu verlassen, Zeit heimzugehen.

Nachdem sie schnell zu Ende geputzt, stellte sie frische Nudeln und Milch auf den Tisch, für die Kinder, und vergaß beim Gehen sogar den Abschied. Sie hatte keine Kraft mehr für Gespräche.

Tanja dachte, sie habe ihr Herz inzwischen beruhigt, aber da irrte sie. Es machte ihr Angst. Egor war nicht mehr der Junge von damals, der ihr die Zöpfe zog, während er über den niedrigen Zaun reichte. Und sie selbst ist auch nicht mehr das schüchterne Mädchen. Beide hatten sich verändert. Älter geworden. Ob klüger? Wer weiß.

Am nächsten Tag erzählte Klaudia Sima beim Besuch, sie wolle ihren Sohn bitten, sie ins Altersheim zu bringen.

Sima empörte sich so, dass sie keine Sekunde zuhörte. Woher nahm sie bloß die Kraft? Sie trat vor die Tür, winkte Egor zu sich, spuckte ihm vor die Füße und hinkte nach Hause. Keinen Blick mehr für ihn! Keine Chance für Erklärungen!

– Keine Ausrede! Wer macht sowas? Die eigene Mutter wie wie Abfall… Sima brach in Tränen aus.

Tanja, noch im alten Bademantel, rannte in die Nachbarschaft, die Hausschuhe an den Füßen.

– Egor! Egor! Wo bist du? Sie riss die Tür auf, stand in der Sonne, mit zerzaustem Haar, zornig und wunderschön wie der Frühling. Was hast du nur im Kopf? Ich geb dir Tante Klaudia nicht ab! Nie und nimmer! Fahr zurück, wo du hergekommen bist! Wir kommen schon klar! Eine mehr oder weniger was soll’s! Noch ein Bett in Mamas Zimmer. So machen wir das! Und du ich hätte nie gedacht, dass du…

Tanja hielt inne, weil Klaudia lachte und Egor plötzlich strahlte.

– Na, kannst aufhören zu schimpfen! Klaudia wischte sich die Tränen ab. Er wollte mich gar nicht abschieben! Das war meine Idee. Und Sima hat nicht fertig zugehört und war dann beleidigt!

– Ich bleib hier, Tanja. Wo denn sonst, bei meiner Mutter!

– Wirklich? Tanja sah sich verlegen um, bemerkte den gepackten Koffer. Und das da?

– Ich muss nochmal heim, die Arbeit regeln, Abrechnung machen, Sachen holen. Wie lange es dauert, weiß ich nicht. Die Kinder bleiben bei euch. Habs schon mit dem Gemeindepfleger geregelt.

Da zeigte Tanja ihren ganzen Charakter.

Sie trat vor Egor, sah ihm ins Gesicht und sagte:

– Die Kinder brauchst du nicht mitnehmen. Die bleiben hier. Ich passe auf. Und ich warte auf dich. Kapiert?

– Kapiert… Egor betrachtete sie, als sähe er sie zum ersten Mal. Wie habe ich dich nur übersehen?

– Setz dir da in der Stadt eine Brille auf, damit du nichts verpasst, Egor Tanja nahm die kleine Mila auf den Arm, die sie an den Beinen umklammert hatte. Kommt, Oma Sima hat Hefeteig gemacht. Ihr mögt doch Brötchen? Sehr gut!

Ein paar Jahre später führte Egor seine Mutter Klaudia und Schwiegermutter Sima auf die Terrasse.

– Na, meine Damen! Ganz langsam. Schau, was ich euch aus München mitgebracht habe: richtige Liegestühle!

Willst du sitzen oder liegen alles an der frischen Luft. Herrlich, oder?

Mit Geduld hilft Egor seiner Mutter auf die Liege und lauscht.

– Die Kleinen sind wach! Tanja ist noch nicht da. Ich schau mal, was da los ist…

– Kommt Tanja bald?

– Sie hat heute die letzte Prüfung. Sie meinte, sie schafft eine Eins, dann ist sie schneller fertig und bald zu Hause.

Das Auto fährt vor. Die Kinder, die im Kirschbaum sitzen und Kirschen für Omas Marmelade pflücken, springen runter und rufen:

– Mama! Mama kommt!

Und Tanja, längst nicht mehr das schüchterne Mädchen von früher, breitet die Arme aus für ihr quirliges Glück, zwinkert ihrem Mann zu:

– Eins!

– War doch klar! Egor grinst und geht ins Haus.

Die Zwillinge sind aufgeweckt, ganz wie die Mutter, aber mit Langweil haben sies wie der Vater nicht so ewig warten geht gar nicht.

So sind sie halt, die echten Scheinchen.

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Homy
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