Schicksal – wie ein Tropfen, der langsam über das Fensterglas rinnt …

Schicksal wie ein Rinnsal auf Fensterglas…

Ach, Irmelinde, bald tanzen wir auf deiner Hochzeit!

Das Dorf verschmolz in Liedern und wilden Tänzen. Noch zog man nicht aufs Feld hinaus der Regen fiel, der Schnee war kaum fort, die Böden versumpft. Es war die dritte Hochzeit dieses Frühlings. Schwiegermütter und Tanten trugen zu den Akkordeonklängen stolz die weißen Mädchenhemden und Laken durch die Stube Beweis der Unschuld.

Jedem dröhnte der Kopf und nichts war wichtiger als Braut und Bräutigam.

Ach, Irmelinde, bald tanzen wir auf deiner Hochzeit! rief Schwägerin Traudl, schenkte frischen Apfelmost ein. Komm, lass uns tanzen! Nur nicht so traurig, Kind… Die Jugend sprudelt ja sogar im Most!

Sie zog Irmelinde am Arm, hinaus aus der Umrahmung des Tisches und in einen Reigen.

Irmelinde stampfte los. Hochzeit eben. Da muss man feiern, lachen, ausgelassen sein.

Doch oft schweiften Irmelindes Blicke zur Braut. Manchmal begegneten sich die Augen, dann senkte die Braut den Blick schnell. Ein und derselbe Schatten schien sie zu verbinden eine stumme, große, gewichtige Geheimnis und niemand, auch sie selbst nicht, hatte je ein Wort darüber verloren.

Der Bräutigam Berthold ein stämmiger, junger Mann mit hoher Stirn und strengen Mundwinkeln saß neben Gisela, der Braut. Er war schön, das Geständnis ging einem leicht von den Lippen. Ein Paar wie aus dem Bilderbuch.

Doch Irmelinde sah in seinem schönen Gesicht das Raue. Sie wusste es niemand sonst. Er hatte sich Gisela genommen, einfach genommen und es hieß, sogar mit dem Einverständnis ihres Vaters.

Gisela war ihm nach jener Nacht aus dem kleinen Lager hinaus entkommen, rannte durch die Gärten, über umgestürzte Obstbäume und knorrige Baumstümpfe. Noch lagen Altschneeflecken, kalter Matsch überall, doch Gisela, unvermummt, das Haar wild, schleppte Brocken Erde auf ihren Stiefeln. Sie kroch in das Baumhaus, das sie in Kindertagen gebaut hatten, und wurde still.

Nur Irmelinde fand sie dort. Niemand sonst. Nur sie.

Gisela weinte nicht, klagte nicht. Sie starrte hindurch, als wäre Irmelinde Luft.

Gisela! Sie suchen dich. Ich… ich rannte gleich hierher. Niemand hat mich gesehen… Sprich doch endlich. Bitte.

Gisela ließ sich auf Irmelindes Knie sinken. Leichtes Zittern durchlief ihren Körper. Irmelinde hüllte sie in ihren Wollmantel und das Kopftuch.

Es war alles klar Friedrich, Giselas hellhaariger Jugendfreund, mit dem sie als Kinder das Versteck gezimmert hatte, blieb nun für immer eine sehnsüchtige Erinnerung. Ihre Väter bestimmten, wem das Mädchen versprochen würde.

Irmelinde ballte die Hände und ließ Tränen laufen.

In jener Nacht fand Irmelinde keinen Schlaf. All ihre Gedanken kreisten um Gisela und das eigene Schicksal. Erinnerungsfetzen stoben vorbei. Unruh ahnte sie nahende Veränderungen, ahnte etwas, das ihr Leben wenden würde, und war beunruhigt. Das dunkle Haus, die gelblichen Muster der Öllampe auf den Balken, das Wispern der Nacht.

Im Traum nuckelte der kleine Neffe seltsam, schnarchte der Vater im Altenteil.

Das Haus war voll: Der Vater mit Stiefmutter, die resolute Großmutter, Bruder Fritz, der Dreizehnjährige, und der ältere Bruder Ludwig mit Schwägerin Traudl und deren Kindern.

Der Vater würde sie nicht an Johan verschachern. Ganz sicher nicht. Johan, der Heimatlose, sozusagen Waise. Untermieter bei einer entfernten Tante.

Die Hochzeit tobte, zog alle in Bann. Die Jugend riss zu Spielen mit. Die Burschen bekamen Schals um die Augen, mussten mit Tasten die Mädchen erkennen.

Johan war an der Reihe, streifte an Mädchenarmen entlang, verharrte bei Irmelindes zarten Schultern erkannt. Er band die Augen ab und, nach Spielregel, küsste er sie auf die Wange.

Irmelinde errötete, wagte nicht, ihm in die Augen zu sehen, aber sie zugleich empfand sie diese heimliche Freude. Ihr Vater jedoch runzelte die Stirn.

Im vergangenen Herbst hatte alles mit Blicken auf dem Feld begonnen, beim Heu, dann auf dem Viehmarkt, wo sie oft mitfuhr. An Weihnachten, als die Arbeit ruhte, fuhr er sie im Schlitten.

Einmal, am Hügel, bremste er abrupt, kippte den Schlitten, und sie fielen gemeinsam in den Schnee.

Irmelinde wollte aufstehen, doch er umfasste sie fest, drückte seinen Mund auf ihre Lippen. Etwas, das sie nie gefühlt hatte, beängstigte und beglückte sie. Sie ließ es zu lag im Schnee, genoss jede Sekunde.

Danach ängstlich, dass sie jemand vom Hügel entdecken könnte, lief sie schnell fort, hinein in den tiefen Schnee.

Sie sprachen nie darüber, aber Irmelinde wusste nun: Sie war verloren in Liebe. Bei jedem Treffen suchten sich ihre Blicke. Immer war er irgendwo nah, immer händedrückend.

Johan ein Schalk, wild und dichtes Haar, zog die jungen Frauen an. Da war Irmelindes Eifersucht. Doch sie konnte nicht einfach auf ihn zugehen.

Versuchte sie es, ließ ihr Vater nicht aus den Augen, nicht einmal jetzt bei diesem Fest, obwohl längst angetrunken und die Stiefmutter ebenso schroff. Diese war nicht boshaft, aber duckt sich stets vor dem Hausherrn.

Der Vater hatte zwei mögliche Schwiegersöhne ausgespäht: Traudl hatte es zuerst heimlich hinterbracht, dann machte es der Vater unverblümt. Ein Haus das war das Wichtigste. Nur ein Mann mit Haus kam in Frage.

Ihr eigenes Haus war stattlich, aus massivem Fichtenholz, aber beengt. Immer noch sprachen Vater und Bruder von einem Anbau: Hier werde der Sohn mit seiner Frau wohnen, da wir… und Irmelinde, bald bist du fort und Hauptsache, der Bräutigam hat ein Haus!

So beäugte man Häuser, keine Männer. Das erste am Chausseeweg, Traudl hatte es zu Markttagen gezeigt.

Niedrig, doch geräumig, mit Holznischen, fensterumrankt von Schnitzwerk wie glitzernde Bachläufe an den Dachrändern. Zaun, mehrere Nebengebäude, Schaukeln im Hof. Eigentümer war der verwitwete Hubert, schon ergraut, mit zwei Kindern, die Frau beim dritten Kind gestorben. Hubert war zwölf Jahre älter als Irmelinde.

Das zweite Haus mitten im Dorf: ein mächtiges Blockhaus mit prächtigem First, geräumigem Innenhof, Heustadel und Viehställen. Drei tüchtige Frauenhaushalte führten es, Mutter und zwei Schwestern. Als Brautkandidat kam Sohn Severin in Frage ein Einzelkind, verwöhnt, schwerfällig, aber stattlich und auf dem Heiratsmarkt begehrt. Irmelinde traf ihn öfter in der Kirche.

Die Schwestern hatten einen Laden in der Stadt, bewirtschafteten mehrere Felder.

Severin war hochmütig und manieriert. Irmelinde mochte ihn gar nicht.

Vielleicht war es die Musik, vielleicht die Bowle, aber Irmelinde wollte nur noch tanzen, tanzen, fortfliegen, Hauptsache nicht dastehen wie Gisela gezwungen auf ihrer eigenen Hochzeit.

Sie sprang, wirbelte, jubelte der rote Abendhimmel spiegelte sich in ihren blitzenden Augen, der Rock schwang, Füße trommelten auf die gefrorene Erde, sie wirbelte im Reigen, landete schließlich vor Johan.

Ja, unsere Irmelinde kanns! Hoppa, Mädel! riefen die Männer.

Sie drehte nochmals eine Runde, rief die Männer zum Tanz, bis Großvater Clemens keuchte und abwinkte.

Der Vater, voll Erstaunen, den Bart zerzaust, der Mund halb offen, wusste gar nicht, dass so ausgelassenes Tanzen sich für eine braves Mädchen ziemte.

Doch plötzlich ließ Irmelinde die Arme hängen, blieb abrupt stehen, rannte aus dem Tor. Jemand füllte ihren Platz, das Akkordeon getönte weiter.

Ein knorriger Apfelbaum im ersten Garten, sie presste den Rücken an die Rinde. Nun ist Gisela verkauft… also ich bin die Nächste!

Hinter ihr knackte es. Johan trat heran.

Johan!

Was ist denn?

Komm, wir rennen weg! Bald verheiratet mich mein Vater. Alle sprechen schon davon!

Aber wohin denn?

München. Wir gehen nach München und dann… und dann fliehen wir weiter. Ich klaue das Geld vom Vater. Soll er doch!

Beruhig dich, Irmelinde. Ich sorge schon. Gib mir noch einen Tag.

Im Hause saß der Vater finster am Tisch, draußen riefen Brüder und Kinder.

Am Morgen eilte Irmelinde zu Schneeflocke, ihrer weißen Stute. Seit sie angeschafft war, war sie Irmelindes Vertraute.

Gedulde dich, Schneeflocke. Bald ist Frühling, bald grünts, aber ob ich dann noch da bin? Vater will mich verheiraten. Wir werden fortreiten, ich und Johan… flüsterte sie.

Der Vater saß in Leinenunterhose, Filzpantoffeln, die Schultern mit einem Tuch um Ihren. Sein Blick bohrte sich in Irmelinde mit dem Milcheimer.

Na du, Irmelinde, willst wohl unbedingt heiraten, wie? Man hört von deinem Tanz!

Sie schwieg das Herz raste. Sie würden es nicht schaffen, rechtzeitig zu fliehen!

Er wartete, sie goss Milch und so wurde nichts gesagt.

Nach der Hochzeit wurde Gisela ein anderer Mensch. Früher sprudelnd und lebendig, war sie jetzt in sich gekehrt. Nur ein einziges Mal drückte sie Irmelinde am Brunnen die Hand, und in ihren Augen lag ein Schmerz wie ein Bodensee. Irmelinde schaute ihr nach und wusste: Sie selbst wollte niemals so leben, mit einem Grausamen, den sie nicht liebte.

Kurz darauf erfuhr sie: Der Vater sprach mit den Hausfrauen über Severin. Doch diese lehnten ab der Junge solle noch bei seinen Müttern bleiben. Der Vater schnaubte, frohlockte, wenn er sie bald verheiratet hätte. Für Irmelinde eine Atempause: Nun würde es Herbst werden, bis der Vater sie loswürde, solange im Sommer alle Arbeitshände gebraucht wurden.

Der Schnee wich, neuer Regen ergoss sich über die Straßen. Doch noch hielt das Kopfsteinpflaster.

Ihr Dorf lag an der breiten Donau. Der Fluss, von sanften Hügeln gesäumt, bildete an manchen Stellen steile Abbrüche, an anderen weite Buchten. Im Frühjahr dämmt man hier, damit bei Hochwasser nicht nur Felder, sondern auch Häuser verschont bleiben.

Man begann damit, sobald der Boden hart blieb. In diesem Jahr aber waren die Böden schnell breiig, der Regen schlug ein und aus. Alle Häuser sprachen vom Hochwasser, warteten auf etwas Regenpause, und Irmelinde bedauerte schon jetzt, dass Schneeflocke wieder Baumstämme für die Dämme ziehen müsste.

An einem besonders grauen Abend, als sie beim Abendessen saßen, trat ein hagerer, leicht glatzköpfiger Mann ins Haus, schüttelte seinen Regenmantel ab. Man wies ihm einen Ehrenplatz am Tisch zu. Die Stiefmutter sprach plötzlich in einem süßen, unbekannten Tonfall:

Tritt ein, iss mit uns zu Abend!

Der Vater am Kopfende, knabberte saure Gurken, sprach mit dem Gast von Deichen, von Dämmen.

Irmelinde, Kindchen, bring das bessere Speckstück aus der Speisekammer!

Speck, Bauernbrot, selbstgebrannter Obstler wurden aufgetragen.

So, ihr geht spazieren! die Kinder, Irmelinde und ihr Bruder, wurden hinausgeschickt.

Sie liefen in den Tenn und später zum Pferd, das schon schlief.

Er, das ist dein Bräutigam… raunte Fritz.

Wer?

Na, der… im Haus!

Es durchfuhr Irmelinde. Und sie hatte es nicht bemerkt man verscherbelt sie!

Wie Johan? Nein, das würde sie nicht zulassen. Es regnete, eine Hochzeit wäre unmöglich, der Vater würde sicher den Sommer abwarten. Sie hatte Zeit. Oder?

Als der ältere Bruder rief, betrat sie wieder misstrauisch die Stube.

Tochter, schau, das ist Hubert. Will dich zur Frau, ein ordentliches Leben zusammen. Einverstanden?

Draußen schlugen Türen die Kinder horchten.

Irmelinde erstarrte am Fleck.

Schweigst du? Naja, Mädchen sind eben schüchtern…

Sie drehte sich um, rannte hinaus, die Stiefschwester hielt sie nicht auf.

Der Regen, das nasse Holz, die gewaltige Schwermut. Es lastete auf ihrem Herzen wie ein Stein im Flussbett.

Kurz darauf trat der Bräutigam hinterher, rollte sich eine Zigarette, sah lange auf das nasse Dorf:

Habe keine Angst, Irmelinde. Wenn du mich nicht willst, schick einfach Fritz. Ich bestehe nicht darauf. Aber ich kenne deinen Vater. Er zwingt jedes Mädchen. Ich habe dich schon vor Jahren bemerkt damals, am Großmarkt, mit deinem Vater, wie du alles so ordentlich eingeräumt, das Fleisch geputzt hast. Sogar meine Frau, die damals noch lebte, lachte und sagte: Aus der wird mal ein braves Mädchen!

Er schwieg. Sie auch.

Zwölf Jahre bin ich älter, habe Kinder und nun, bin ich ein Glatzkopf… Wenn du nicht willst, sag es. Aber solltest du meine Frau werden, so wirst du gut leben. In Not und Freude.

Irmelinde war stumm. Er bat um keine Antwort, verabschiedete sich, verschwand so plötzlich wie er kam.

Nicht lieb! Nicht lieb! Sieht das denn niemand… Nur Johan ist mir lieb jung und fröhlich und wirr!, dachte Irmelinde störrisch.

In dieser Nacht lag sie wach. Wo nur bleibt Johan? Der Regen trommelte wie Mäuse an die Fensterscheibe. Sie beobachtete, wie Tropfen zu Rinnsalen wurden, sich vereinten oder trennten, und fragte sich wie würden sie enden?

Tags darauf schickte sie Fritz zu Hubert um abzusagen. Aber er zögerte, war ständig beschäftigt jemand musste Kummet flicken, Äste sägen.

Endlich ließ der Regen nach. Das ganze Dorf packte zu beim Deichbau. Alle, Männer und Frauen, brachten ihre Pferde. Es war viel Arbeit.

Die Männer sägten, hackten Holz, Pferde zogen Stämme zum Fluss. Auch Schneeflocke war dabei, geführt von Ludwig. Die Pferde, schweißgebadet, zogen und zogen, die Erde war schwer und klitschig.

Die Frauen häuften mit Eimern und Spaten Lehm und Schlamm um die Stämme. Irmelinde griff mit Gisela zu eine Erinnerung an alte Kinderzeiten. Auch Johan war da, zog Stämme auf der Pferdemagd der Tante. Mehrmals suchte er ihre Nähe, sie wandte sich ab der Vater war in Sichtweite.

Arbeit um Arbeit, die Müdigkeit wuchs. Bald mussten die Männer den Weg ändern und über den Hügel fahren, dort Stämme abladen.

Irmelinde beobachtete Johan. Er arbeitete widerwillig, stritt mit anderen, war gereizt, wenn jemanden ihn belehrte. Hubert hingegen, der Witwer, spaltete die Bäume behände, als habe er sein Leben nichts anderes getan.

Plötzlich wurden Stimmen laut, die Männer und Frauen liefen hinauf. Ein massiges Schimmelchen, wohl überladen, sank rücklings nieder. Johan riss und zerrte, ließ den Knüppel wie wild auf das Tier sausen. Umstehenden flog die Peitsche ins Gesicht, die Leute schrien. Das Pferd brüllte, stürzte zum Hang, die Stämme rutschen in die Donau.

Hubert stürmt heran, reißt Johan die Peitsche weg, blass, aufs Äußerste wütend:

Was tust du da, Schweinehund!

Er rennt zum Pferd, öffnet das Geschirr, eine Fuß brach, Hubert stürzt, Pferd rappelt sich, stürzt noch mehr und bricht zusammen.

Das Pferd steht schließlich, geführt von Ludwig, die Stämme treiben in der Donau. Hubert verletzt, man hilft ihm auf einen Wagen Blut sickert durch die Hose. Man bringt ihn fort zum Landarzt.

Sein letzter Gedanke: Wie gehts dem Pferd?

Es steht wieder. Man tröstet. Sie fahren los.

Irmelinde sieht Johan. Nicht etwa auf den Verletzten blickt er nein, auf das geschundene Pferd, seinen Zorn im Gesicht. Sie wendet sich ab, läuft zu den Frauen zurück. Ihre Gedanken wanderten. Wie diese Tropfen am Fenster manche Strahlen vereinen sich, andere zerrinnen.

Am Abend beginnt sie, ein Bündel zu schnüren, ganz offen. Im Haus tuschelt man; der Vater erwacht, hustet, schimpft, ergibt sich aber.

Wohin so spät?

Zu den Huberts.

Wer lässt dich da ein? Los, ab ins Bett!

Irmelinde hebt das Kinn: Wenn ich ihn heiraten soll, muss ich aufs Haus schauen. Dort ist nur noch die blinde Oma mit zwei Kindern. Kuh, Pferd… Wer hilft denen schon? Ich geh!

Der Vater setzt sich schwer auf den Hocker. Ein harter Tag, eine eigensinnige Tochter.

Irmelinde! Ich weiß, du liebst ihn nicht. Und nun ist er auch noch ein Krüppel. Gut, dann lass es sein. Bleib unverheiratet.

Stiefmutter und Traudl nicken. Der Bräutigam ist also keine große Partie mehr, seit er verletzt ist. Wenig Herr im Haus.

Doch ich…, kommt es zögerlich von Irmelinde.

Da sieht man, Friedrich hat schon gepetzt, lacht Traudl.

War nur ein Scherz, behauptet Irmelinde. Nun ists mir ernst. Und Fritz kam nicht dazu.

Der Vater gibt nach, schickt Fritz, Schneeflocke vor den Wagen zu spannen.

Zu Fuß gehst du nicht. Mutter, pack Proviant, versorg die Kinder. Der Vater humpelt ins Bett.

So erreicht Irmelinde noch im Morgengrauen das Haus Hubert. Sie tätschelt Schneeflocke an der Mähne, verabschiedet sich, Fritz zieht rasch ab.

Im Hof toben zwei Kinder, ein Mädchen von fünf, ein Bub von drei. Sie schauen Irmelinde musternd an.

Grüß Gott, ist euer Vater daheim?

Nee, jetzt ist er der Lahme, sagt die Kleine verstohlen.

Und du willst unsere Mama werden? fragt sie plötzlich.

Irmelinde hockt sich nieder. Wärst du damit einverstanden?

Die Kleine nickt, errötet. Der Bub auch.

Drinnen sitzt die fast blinde Oma auf der Bank, näht an irgendwas. Milch steht offen im Eimer.

Komm rein, Kinder. Habt ihr was gegessen? Wer ist da? Eine Mama?

Guten Tag, ich bin Irmelinde. Hat Hubert von mir erzählt?

Irmelinde? Ist das die von Gregor?

Die aus unserem Dorf. Ich komme, um euch zu helfen, solange Hubert bei der Heilung ist. Die Kuh muht so kläglich…

Ja, Kind, ich komm bald nicht mehr hoch. Deine Hilfe ist Gold wert.

Irmelinde packt an, holt Wasser, wischt Eimer aus, melkt die Kuh, wäscht die Kinder.

Sie fühlt sich leicht und hell in diesem Haus, das nach Sonne duftet, mit Kindern, für die sie gebraucht wird.

Ein paar Tage später bringen sie Hubert heim, auf Krücken. Im Hof treffen sie sich, sie schaukelt den kleinen Bub.

Als er sie sieht, droht er zu kippen, hält sich am Zaun. Irmelinde stützt ihn, führt ihn zur Bank. Die Kinder umringen ihn, tasten nach der verletzten Bein, er lächelt schwach, schaut immer wieder zu ihr.

Wie hast du Vater überredet?

Er mag dein Haus. Das passt für ihn, schmunzelt sie.

Und dir?

Sie stockt, wird rot. Der Hof gefällt mir… und die Kinder… ja, auch der Hausherr, gesteht sie.

Nun sieh mich an ein Krüppel für den Sommer!

Was sagt der Arzt?

Es wird schon aber ich bleib bis Herbst auf Krücken. Aber wir schaffen das gemeinsam, hast du gesagt: In Freud und in Leid Jahrhundert um Jahrhundert

So webte das Schicksal sich weiter, Tropfen an Tropfen, Rinnsale auf Fensterglas.

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Homy
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Schicksal – wie ein Tropfen, der langsam über das Fensterglas rinnt …
Ihre zweite Herbstzeit