Mit 63 ist er zu einer anderen gegangen. Ich habe seine SMS gelesen und dachte, das kann doch nicht wahr sein…
Ich gehe zu Gisela, erklärte Klaus-Jürgen, ohne den Blick von seinem Teller abgekühltem Grießbrei zu heben. Sie versteht mich einfach.
Hannelore blieb mitten im Teeeinschenken mit der Kanne in der Hand stehen. Das Wasser lief über die Tasse hinaus auf die folierte Tischdecke, spritzte auf ihre Finger, aber Schmerz spürte sie keinen. Nur seine Worte hallten in ihrem Kopf wie ein kaputtes Tonbandgerät mit Endlosschleife.
Wer Gisela? Ihr Ton klang fremd, irgendwie gepresst.
Gisela. Vom Hausmeisterdienst hier. Eine unkomplizierte Frau, ohne dein ganzes Getue. Bei ihr habe ich das Gefühl, gebraucht zu werden.
Die Putzfrau also. Die, die seit Jahren ihre Treppenhäuser schrubbt, ein gutrundes Gesicht, rissige Hände, müde Augen. Hannelore erinnerte sich, wie sie ihr mal zu Weihnachten zehn Euro zugesteckt hatte, so ein bisschen Dankbarkeit unter Nachbarn.
Dreiunddreißig Jahre, Klaus. Dreiunddreißig Jahre haben wir zusammen gelebt. Unsere Tochter großgezogen. Ich hab dir meine besten Jahre geschenkt und du findest dein Glück vor der Haustür beim Treppenwichsen?
Endlich hob er den Kopf. Kein Zorn in seinem Blick, nur dieses stille, fast resignierte Das muss jetzt sein.
Hanne du hast nie verstanden, was in mir vorging. Für dich war ich immer nur der Mann, der Geld nach Hause brachte, Sachen reparierte, eben dein Ehemann. Aber ich bin doch auch ein Mensch ich brauche
Was brauchst du denn? knallte sie die Kanne auf den Tisch Krack, der Griff brach. Was hab ich dir nicht gegeben? Ich hab dir eine Tochter geboren, hab den Laden hier am Laufen gehalten, geschuftet, fand immer Zeit für dich! Als du nach dem Herzinfarkt wochenlang auf der Couch lagst wer hat dich gepflegt? Und wer hat deine Mutter bis zum Ende betreut?
Pflicht. Seine Stimme kaum ein Flüstern. Alles war immer Pflicht. Aber Liebe das ist schon lang vorbei.
Hannelore sackte auf einen Stuhl. Die Beine aus Pudding, das Herz klopfte in den Schläfen. Ehebruch in gesetztem Alter. Genau das steht immer in diesen Frauenzeitschriften, bei denen sie früher dachte: Ach, uns passiert sowas nie. Wie viele Frauen haben sich da schon geirrt
Angefangen hatte alles etwa vor anderthalb Jahren. Klaus-Jürgen ging in den Ruhestand. Davor war er Ingenieur bei Siemens in Nürnberg, Koryphäe im Betrieb. Die Jungen fragten um Rat, die Chefs schätzten ihn. Dann kam die Rente. Einfach Geburtstag, 63 Jahre und plötzlich bist du für niemanden mehr wichtig.
Sie erinnerte sich, wie er von seinem letzten Arbeitstag zurückkam. Schweigend, grau im Gesicht. Die Kollegen hatten Feier gemacht, eine Uhr geschenkt, aufmunternde Worte aber in seinen Augen gähnte Leere.
Jetzt sitz ich halt hier, hatte er damals gesagt, der Betrieb baut neue Linien auf, aber ich soll den Platz für die Jungspunde räumen.
Ist doch halb so wild, Klaus, tröstete sie. Haste genug geschuftet. Jetzt kümmerst dich mal um dich selbst.
Aber er kümmerte sich um gar nichts. Die ersten Monate starrte er nur Fernsehreportagen. Dann setzte er sich ab und zu raus auf die Bank zu den anderen Rentnern. Hannelore war beinahe froh wenigstens quatscht er mal mit Leuten. Sie selbst schuftete noch in der Buchhaltung einer kleinen Arztpraxis. Morgens raus, abends heim. Klaus empfing sie zunehmend muffelig, aß kaum mit, hielt die Antworten knapp.
Die Beziehungsflaute schlich sich an wie Nieselregen im November: Unauffällig, aber hartnäckig. Er wurde reizbar, abwesend. Hannelore redete es sich schön das Alter eben, Männer nach der Arbeit haben angeblich eine Sinnkrise, stand doch schon tausendmal im Apothekenrundschau. Vielleicht muss er einfach sich neu orientieren.
Klaus, wollen wir am Wochenende mal angeln fahren? Oder ins Theater wir waren so lange nicht mehr?
Kein Bock, grummelte er. Bin einfach platt.
Wovon eigentlich? fragte sie sich insgeheim. Aber sie wollte seine Gefühle schonen, sparte sich bissige Kommentare. Männer und ihr Stolz.
Dann kam ihr eigener Ruhestand. Sie hoffte, jetzt wirds besser Zeit zu zweit, mal wieder gemeinsam kochen, rausgehen, neu anfangen! Aber es wurde schlimmer. Die Wohnung schien plötzlich zu klein für zwei störrische Alte. Klaus ging alles auf die Nerven: Musik zu laut, Wecker zu früh, falsches Essen Niemand sah die unsichtbare Mauer wachsen, aber sie wurde immer dicker.
Gisela tauchte leise im Leben auf. Genaugenommen war sie immer schon da die Frau, die im Auftrag der Hausverwaltung Müller seit Jahren den Aufgang putzte. Aber Hannelore hatte nie einen zweiten Gedanken an sie verschwendet. War halt die Putzfrau.
Das erste Mal wurde Hannelore stutzig, als sie ihren Mann neulich auf der Treppe mit Gisela erwischte. Die tuschelten, lachten sogar Klaus, der seit Monaten daheim nie lachte, alberte plötzlich wie ein Schuljunge.
Worüber lacht ihr denn so? mischte sich Hannelore ein.
Beide wurden schlagartig ernst. Klaus murmelte was von über das Leben und stapfte nach oben.
Sie hakte das ab. Doch kurze Zeit später wurde Klaus zum Umtriebler im Treppenhaus runter, rauf, Müll raus, zum Bäcker, nur so mal in die Stadt und immer kam er strahlender zurück.
Als ihre Nachbarin Edith sie darauf ansprach, wurde sie erstmal richtig stutzig.
Sag mal, hast du gesehen, wie dein Klaus mit unserer Gisela schäkert? Mindestens zweimal diese Woche
Ach was, du spinnst doch. Er tratscht halt gern, blockte Hannelore ab.
So kannte ich ihn nicht, meinte Edith, aber weißt du viele Männer drehen nach der Rente am Rad. Suchen nach alter Männlichkeit, nach Aufmerksamkeit, nach was Neuem. Dann reicht schon ne Frau, die nett zuhört
Der Zweifel nagte ab da. Tatsächlich: Klaus zog Hemden an, putzte die Schuhe selbst für den Einkauf, roch nach billigem Rasierwasser.
Hast du Parfum benutzt?, fragte sie eines Abends.
Quatsch, fauchte er. War das neue Duschgel.
Aber Lavendel-Duschgel hatte sie nicht gekauft.
Anfang Oktober erwischte sie die beiden dann. Sie war früh unterwegs zum Wochenmarkt und erwischte Klaus mit Gisela auf halber Treppe. Er hielt ihre Hand. Schaute sie verliebt an, wie sie das als Ehefrau gar nicht mehr kannte. Ihr wurde eiskalt und heiß zugleich.
Sie drehte sich weg, stolperte blind durch die Straßen. Wie kann ich den Nachbarn noch unter die Augen treten? Die werden schon seit Wochen tuscheln: Ach, die arme Hannelore, der Mann läuft ihr mit der Putzfrau davon
Mutti, beruhig dich bitte, bat ihre Tochter Katrin am nächsten Tag, als sie anreiste. Hannelore hatte sie nachts weinend angerufen, alles rausgesprudelt.
Da ist nichts mehr zu klären. Dein Vater ist zu ihr gegangen! Zu Gisela! Verstehst du? Die, der ich immer mal was in die Hand gedrückt habe!
Wo ist er jetzt?
Weg. Sagt, er bleibt erstmal bei ihr, muss nachdenken was gibts da groß zu denken? Dreiunddreißig Jahre verheiratet, eine Tochter, bald Enkel und jetzt das
Katrin presste die Lippen zusammen ein bisschen wie ihr Vater. Graublaue Augen, der gleiche Dickkopf.
Mutti, Hand aufs Herz: Wann habt ihr das letzte Mal richtig miteinander geredet? Zusammen gelacht, was unternommen?”
Was hat das damit zu tun? Wir sind nun mal keine Jugendlichen mehr! Das ist das Leben Krankheiten, Stress, Routine, das ist doch überall so!
Aber nicht alle gehen fremd. Vielleicht war doch was im Argen?
Hannelore wurde trotzig. Was soll das heißen alter Trottel läuft der erstbesten Frau hinterher? Ich hab alles für ihn gemacht, Haare gelassen, Gesundheit benäht und dann sowas?!
Katrin schüttelte verständnisvoll den Kopf. Ich will ihn nicht entschuldigen. Aber du sagst die ganze Zeit: Ich hab geopfert, gearbeitet aber wo war da die Liebe? Die Freude, dass ihr zusammen seid?
Da versagten Hannelore die Worte. Liebe wann hatte sie zum letzten Mal dran gedacht? Das Leben grindet einen, Haushalt, Arbeit, Sorgen Zeit für Gefühle gibts da selten. Irgendwie wohnten sie halt zusammen. Ein eingespieltes Team, mehr nicht.
Aber er hat dich betrogen! presste Hannelore hervor. Das ist entsetzlich.
Und dann? Willst du dich scheiden lassen? Du bist 61! Neu anfangen, allein traust du dir das wirklich zu?
Wie überlebt man die Scheidung mit über 60? Sie lag die ganze Nacht wach. Eine leere Wohnung, Erinnerungen an bessere Jahre an jeder Ecke, allein alt werden während Klaus mit der Putzfee zusammenziehen würde?
Oder verzeihen? Den Mantel des Schweigens drüberlegen und weitermachen geht das überhaupt nach sowas?
Klaus kam drei Tage später zurück. Grau, unrasiert, zehn Jahre älter. Hannelore ließ ihn wortlos rein.
Wir müssen reden.
Sie setzten sich an den Küchentisch ihr gemeinsamer Schicksalsort, Hunderte Gespräche und Streits. Jetzt also das.
Ich weiß nicht, wie ichs erklären soll, begann er. Ich kapier ja selbst nicht, wie das passieren konnte. Nach der Rente da war ich, als wär ich innerlich tot. Jeden Morgen aufgewacht, gedacht: Warum eigentlich? Für wen denn noch? Ersatz auf Arbeit längst gefunden, zu Hause
Was ist hier zu Hause? War ich keine richtige Frau? fragte sie scharf nach.
Doch, doch, das bist du halt eben immer korrekt. Perfekt. Aber Ich war für dich nur noch der Ehemann, mehr nicht. Stark sein, funktionieren, leisten Ich konnte das irgendwann nicht mehr. Ich wollte auch mal einfach ich sein dürfen.
Und das ging bei Gisela? Was konnte sie, was ich nicht konnte?
Klaus blickte nach draußen. Regen prasselte ans Fenster.
Sie hat einfach zugehört. Wenn ich sprach, hat sie nicht dazwischengeredet, nicht gemaßregelt, nicht immer sofort widersprochen. Ich konnte ihr meine Arbeit von früher erzählen und sie schaute mich an, als hätte ich Wichtiges zu sagen.
Ich hab dich doch auch immer angehört!, protestierte Hannelore.
Du hast zugehört, aber nicht richtig hingehört, murmelte er. Gedanklich warst du oft woanders: Was koch ich heute Abend, wann ist der Strom wieder fällig oder was muss Katrin berichtet werden? Ich hab mich irgendwann einfach unsichtbar gefühlt.
Hannelore schlug die Hände vors Gesicht. War das wahr? Hatte sie ihn wirklich nicht mehr richtig gesehen? Vielleicht schon seit Omas Zeiten nicht mehr? Das Leben hatte sie beide einfach überrollt.
Warum hast du nichts gesagt? flüsterte sie.
Hab ich. Mehrmals. Aber du hattest nie Zeit: Buchhaltung, Wäsche, Kochen… Immer war irgendwas wichtiger als wir beide.
Plötzlich spulte ihr inneres Kino: Klaus wollte von Problemen im Betrieb berichten, sie nörgelte über den anbrennenden Eintopf. Er schlug einen Parkspaziergang vor keine Zeit, es muss Fenster geputzt werden. Nächtlicher Annäherungsversuch Lass mal, ich bin kaputt, Klaus.
Wann waren sie eigentlich von Ehepaar zu Mitbewohnern mutiert?
Wie gehts jetzt weiter? Willst du zu ihr?
Er schwieg lange, schüttelte dann den Kopf.
Ich weiß nicht. Bei Gisela war es leicht, da durfte ich schwach sein, jammern, einfach da sein. Sie hat mich nicht gedrängt, nicht blöd angeredet wegen Schwäche oder Alterswehwehchen
Ich war immer hart, gab Hannelore zu. Du aber hast dich nie beschwert ich dachte, du bist froh drum.
Er sah sie an, mit den Falten rund um die müden Augen. Beide waren sie alt geworden, irgendwie aneinander vorbei.
Klaus, erinnerst du dich, wie wir uns kennengelernt haben?
Er blickte verblüfft auf.
Na klar! Auf dem Tanzabend in der Werkskantine. Du mit dem blauen Kleid und dem langen Zopf, schönste Frau im Saal.
Und du so schüchtern, bist dreimal angesetzt zum Tanzen und bist dann doch abgehauen, bis dein Freund dich schubste.
Ich hatte Schiss, dass du nein sagst. Aber du hast ja
Nein gesagt habe ich nie, ergriff sie seine Hand. Und wir haben durchgetanzt wie die Weltmeister. Weißt du noch unser Nachhauseweg damals? Du hast dich kaum getraut, meine Hand zu nehmen.
Du hast sie zuerst genommen, erinnerte er sich, drückte ihre Finger. Damals hab ich mich wie der König gefühlt: So eine Frau an meiner Seite!
Was ist nur aus uns geworden, Klaus? Wohin ist das alles verschwunden?
Das Leben passiert eben. Irgendwie vergisst man, dass man ein Team ist.
Sie saßen da, ein altes Ehepaar in der stillen Küche. Draußen regnete es. Irgendwo in Nürnberg stand Gisela, und irgendwo machte sich ihre Tochter Sorgen. Ihr eigener Ehe-Krimi, und die Frage: Wie weiter?
Ein paar Tage später klingelte Edith durch.
Na, wie gehts? Ich hab gehört, Klaus ist zurück. Redet ihr miteinander?
Hannelore saß auf dem Balkon mit Tee. Drinnen schnarchte Klaus, der hatte zwei Nächte kaum geschlafen.
Ich weiß es nicht, Edith. Wir haben zwar über alles gesprochen, aber was jetzt?
Kannst du ihm überhaupt verzeihen? fragte Edith unverblümt.
Keine Ahnung. Die Wut steckt so tief, ich will ihn dauernd anschreien, wenn ich an sie denke
Kenne ich, Hanne. Aber glaub mir: Sich rächen, ihn rauswerfen, diesen dramatischen Schnitt das ist nicht schwer. Aber dann? Einsam werden, das ist die wahre Hölle im Alter. Ich weiß, wovon ich spreche.
Edith war seit fünf Jahren Witwe und kämpfte mit der Einsamkeit.
Aber mit einem Verräter leben?, warf Hannelore ein.
Und lieber alleine alt werden? Edith blieb hart. Ich sage nicht: Vergib und vergiss. Aber denke nach: Ihr habt euch, ihr habt die Tochter. Es muss keinen perfekten Schlussstrich geben vielleicht kann man da aufräumen und weitermachen.
Nach dem Gespräch grübelte Hannelore. Liebe mit sechzig, ist das nicht sowieso Käse? Trotzdem klopfte immer etwas in ihrer Brust, und diesmal war es kein Rheuma.
Sie dachte nach, durchwühlte Erinnerungen: Klaus, der Wasserhahn-Monteur, der lacht, wenn Schrauben klemmen und sie ihm Werkzeug reicht; die Fernseh-Abende, das Gezanke; der Winterspaziergang, er abwechselnd schnaufend und liebevoll ihre Taschen schleppend; all diese kleinen, unspektakulären Momente
Konnte all das nichts mehr zählen? Sollte ein Fehltritt alles zunichtemachen?
Dann stand Gisela auf einmal wirklich vor der Tür. Ohne Putzkittel, einfach in Alltagsklamotten, Gesicht erschöpft.
Darf ich mit Ihnen reden?
Hannelore wollte schon abwimmeln aber Neugier war stärker.
In der Küche, beide mit Tee, Gisela nervös am Taschentuch nestelnd.
Ich wollte Ihnen nie den Mann wegnehmen, begann sie verlegen. Echt nicht. Ich habe das nicht gesucht.
Aber passiert ist es trotzdem, erwiderte Hannelore eisig.
Er war unglücklich. Ich hab das gesehen, wenn ich den Flur geputzt habe. Anfangs wars Smalltalk. Dann hat er mir erzählt und ich hab ihm halt zugehört. Keine Ahnung warum ich war froh, dass mich auch mal einer beachtet.
Er hat eine Familie. Frau, Tochter.
Ja davon hat er auch gesprochen. Hat nie Schlechtes gesagt. Er fand Sie stark, klug, das ganze Programm. Nur
Was?
Er wollte gar keine starke Frau. Sondern mal einer sein, der sich nicht beweisen muss. Einfach Mensch.
Hannelore schwieg. Sie verstand das vielleicht zu gut.
Ich bin keine Schönheit, fuhr Gisela fort. Ich hab mein Leben lang gebuckelt, Männer gesoffen und jetzt war da einer, dem ich wichtig war, der nach meiner Meinung fragte. Das war ungewohnt. Aber im Endeffekt er liebt Sie. Das merkt man. Ich war nur so ein Luftholen für ihn.
Hannelore sah sie an. Kein Vamp, keine Rivalin nur eine weitere verlorene Seele. Zwei alte Frauen mit ihren Wunden und zwischen ihnen einer, der sich auch nicht mehr auskannte.
Lieben Sie ihn? fragte Hannelore.
Weiß ich nicht. Vielleicht könnte ich, wenn ich dürfte. Aber ich weiß er hängt an Ihnen. Sogar wenn er sich beklagt, klingt da Wärme mit. Sie sind sein Leben. Ich war nur Pause.
Nach Giselas Abschied saß Hannelore noch lange am Küchentisch. Gisela war keine Konkurrentin, sondern ein Symptom. Sie alle suchten das gleiche: Zuhören, Zuneigung, Verständnis. Nur an den falschen Stellen.
Abends, wieder zu zweit am Küchentisch, stand Kuchen mit Krautfüllung vor Klaus sein Favorit. Hannelore hatte ihn morgens gebacken, ohne es zu planen.
Gisela war da, sagte sie.
Klaus zuckte, schwieg.
Wir haben vernünftig gesprochen. Und ich habe nachgedacht, Klaus. Auch mich trifft die Schuld. Ich habe dich irgendwann zum Möbelstück degradiert selbstverständlich, halt immer da. Und plötzlich warst du weg, und es wurde mir bang.
Klaus nahm ihre Hand. Diesmal fest.
Ich wollte dir wirklich nicht wehtun. Aber ich hatte das Gefühl zu ersticken im Alltag. Habe mich selbst nicht mehr gespürt. Und wie Gisela mich ansah, als sei ich jemand Besonderes das konnte ich nicht ignorieren.
Ich habs verstanden. Weißt du Klaus, mir gings als Rentnerin auch mies. Irgendwann klopft Altersangst an, die Jungen winken ab, Schönheit verblasst wir hocken nebeneinander, einsam zu zweit.
Sie schwiegen. Zwei Menschen, ein halbes Leben zusammen. Kind großgezogen, Krankheit, Lebenskrisen überwunden, kleine Glücksmomente gesammelt.
Im Endeffekt war der Seitensprung von Klaus nicht nur Betrug sondern der Versuch, sich wieder lebendig zu fühlen, während die Welt draußen klammheimlich sagt: Ihr Alten seid durch, kümmert euch um Bingo.
Und was jetzt? fragte Klaus vorsichtig. Wenn du mich nicht mehr willst, versteh ich das. Dann such ich mir eine Wohnung, geh dir aus dem Weg.
Wie überwindet man eine Scheidung mit über 60? Natürlich könnte sie sich jetzt durchsetzen, ja oder etwas anders probieren. Nicht zurück zum alten Trott, sondern nochmal ganz von vorn.
Geh nicht weg”, sagte sie leise. “Aber nur, wenn du bereit bist für einen Neuanfang. Wir müssen reden lernen, wirklich miteinander. Keine Masken mehr.
Und wie fangen wir an?
Jeden Tag sprechen, gemeinsam frühstücken, abends mal rausgehen, uns zuhören. Auch über Gefühle. Nicht nur über Rechnungen und Fensterputzen. Und man kann auch mal wieder zusammen ins Theater gehen oder an die Pegnitz.
Wie damals, als Katrin noch klein war?”
Genau. Damals hast du die Angel vergessen und wir saßen einfach am Wasser, nichts war wichtiger, als nebeneinander zu sitzen.
Drei Monate vergingen. Ein langer, schneereicher Winter in Nürnberg. Hannelore beobachtete Klaus, wie er im Hof Schneeschippen half. Für die Nachbarn ein ganz normaler Rentner für sie der Mann, den sie mehr als ihr halbes Leben teilte.
Leicht war es nicht. Manchmal überkam sie die Wut, die Erinnerung an Gisela. Aber sie schwieg nicht mehr, sondern sprach es an. Klaus hörte zu, lernte Geduld.
Sie entdeckten sich neu. Klaus erzählte von seinem Traum, die Memoiren über seine Zeit bei Siemens zu schreiben. Hannelore las seine Geschichten und staunte, wie viel sie nicht wusste. Sie wiederum belegte einen Malkurs ein alter Wunsch. Klaus war Feuer und Flamme, wenn er zu Ausstellungen ihrer Werke kam.
Gisela verschwand irgendwann aus ihrem Aufgang. Versetzt nach Fürth. Vielleicht besser so.
Katrin kam jetzt oft, freute sich über die entspannte Stimmung.
Mutti, ihr seid wie Teenager frisch verliebt!
Verliebt ein lustiges Wort für Rentner. Und trotzdem: Sie waren nicht mehr nur allein zusammen, sondern Partner, die sich entschieden hatten, an sich zu arbeiten. Ihr Beziehungscrash nach der Rente war vielleicht kein Ende, sondern die letzte große Chance.
Der Frühling kam früh. Die Pegnitz trat über die Ufer, die Parks füllten sich. Hannelore und Klaus machten Spaziergänge wie früher. Er hakte sich bei ihr unter, sie grinste und lehnte sich eng an.
Klaus, bereust dus eigentlich?
Was meinst du?
Die ganze Geschichte. Gisela und so.
Er blieb stehen. Ich bereue, dass ich dir wehgetan habe. Dass ich keinen anderen Ausweg gesehen hab. Aber Es hat irgendwas in uns geweckt. Ohne das wären wir vielleicht nur noch Nachbarn gewesen.
Rentnerpsychologie, lachte Hannelore. In der Apothekenrundschau stand, ab Sechzig werden viele Männer komisch. Suchen neue Reize, haben Angst vorm Verblassen.
Bei uns ist das halt anders ausgegangen, sagte Klaus, küsste sie auf die Stirn. Weil du stark bist. Und weil du verzeihen kannst.
Ganz verziehen habe ich noch nicht, gab sie ehrlich zu, aber ich arbeite dran. Jeden Tag. Weil du mir wichtiger bist als jede Kränkung.
Sie kamen ans Ufer. Auf der Bank saßen Familien, Angler, Jugendliche das pralle Leben.
Weißt du was, im Sommer machen wir das mit dem Wochenendhäuschen am Chiemsee, sagte sie. Wie damals.
Mach ich. Aber diesmal die Angel nicht vergessen!
Ach, auf die Angel pfeif ich. Hauptsache, du bist mit dabei.
Sie schmiegte sich an ihn. Ehebruch mit über 60 hätte beinahe ihre Ehe zerstört. Aber stattdessen haben sie es geschafft, sich neu zu finden mit allen Wunden, aber als Team.
Das Leben nach sechzig ist nicht zu Ende. Es ist einfach ein anderes. Aber es ist ihrs. Und sie wollen es gemeinsam leben mit all den Fehlern, mit viel Nachsicht, und vor allem: mit Herz.
Weißt du, Klaus, ich glaube, Verlieben im Alter heißt: sich jeden Tag neu füreinander entscheiden. An sich zu arbeiten. Und nicht aufzugeben.
Er drückte ihre Hand. So war das doch gemeint damals vor dem Standesbeamten. In guten wie in schlechten Tagen.
Schmerzen bleiben. Aber die beiden sind noch da. Zusammen. Und die Sonne am Fluss schien heller als je zuvor.





