Zerschlagene Erwartungen
Martin steht jetzt im Wohnzimmer seiner Münchner Altbauwohnung und hält eine kleine, samtbezogene Schachtel krampfhaft in der Hand. Immer und immer wieder geht er im Kopf seine Rede durch jedes Wort, jede Betonung. Heute muss alles perfekt laufen! Fehlerfrei! Kein Ausweichen, kein Zögern…
Er atmet tief durch, versucht seine innere Unruhe zu zügeln, aber das Herz schlägt ihm bis zum Hals. Vor seinem inneren Auge sieht er schon, wie er der Frau seines Lebens die Schachtel öffnet, wie sie den Ring sieht, wie
Da hört er aus dem Flur die vertraute, klare Frauenstimme:
Martin? Bist du daheim?
Martin zuckt zusammen. Die Zeit zieht sich schlagartig zusammen, wie ein zu fest gezogener Faden. Ohne nachzudenken, steckt er die kleine Schachtel in die Hosentasche und reibt hastig seine feuchten Handflächen an der Jeans ab. Die Bewegungen sind fahrig, fast krampfhaft.
Bin gleich da, bringt er heiser und zerknirscht hervor. Er hustet, um seinen Tonfall zu festigen, und ergänzt, jetzt ruhiger und selbstsicherer: Ich bin gerade erst rein.
Martin lächelt gequält und tritt zu Johanna, küsst sie sanft auf die Wange. Die Wärme ihrer Haut und der dezente Duft ihres Parfums lenken ihn einen Moment lang von seiner Anspannung ab. Doch gleich fällt sein Blick auf die schwere Einkaufstasche in ihren Händen. Martin runzelt die Stirn, spürt, wie eine leichte Sorge in ihm aufsteigt.
Ach, Johanna, sagt er vorwurfsvoll-zärtlich und nimmt ihr den Beutel ab. Warum schleppst du so schwer? Du darfst dich doch nicht überanstrengen. Denk doch mal an deine Gesundheit.
Johanna schmunzelt leicht und schüttelt den Kopf. Ihr Blick, aufmerksam und durchdringend, bleibt an seinem Gesicht hängen. Sie bemerkt, wie er nervös schluckt, wie seine Hände zittern, als er die Tüte abstellt. Irgendetwas stimmt nicht.
Was ist los? fragt sie, neigt den Kopf ein wenig. Du bist heute ganz anders. Total nervös.
Martin schüttelt zu energisch den Kopf viel zu schnell, um glaubwürdig zu wirken.
Ach, Quatsch, nichts Wildes, stößt er hervor, bemüht, ruhig zu klingen. Nur… auf der Arbeit läuft bei einem Projekt was schief. Ist alles im Griff eigentlich, aber ein bisschen macht es mir doch zu schaffen. Weiß auch nicht, warum.
Er verstummt, merkt, dass er zu viel redet, und versucht sofort das Thema zu wechseln:
Hast du Hunger? Ich habe extra gekocht, alles, was du gern magst. Dachte, es ist schön, wenn du heimkommst und das Essen steht schon auf dem Tisch.
Beim Essen fühlt er sich sicher, da kann er Kontrolle behalten. Er lächelt etwas zu breit, in der Hoffnung, dass Johanna ihm glaubt, nicht nachhakt.
Danke, aber ich war mit einer Kollegin in der Stadt etwas essen. Dafür nehme ich aber gern einen Tee. Wir müssen nämlich reden.
Johannas Worte klingen ruhig, fast beiläufig. Doch bei Martin überschlägt sich innerlich alles. Hat sie irgendwas bemerkt? fährt es ihm durch den Kopf. Sein Herz hämmert wieder, die Hände werden feucht. Er reißt sich zusammen, winkt Johanna mit einer höflichen Geste in die Küche voraus. Er muss sich zumindest kurz sammeln sonst geht alles schief. Er hat Angst, gleich zu stottern, rot zu werden, wegzuschauen Und am Ende verliert er den Mut, wo er sich doch so lange vorbereitet hat!
Sie gehen in die Küche. Martin schaltet wie automatisch den Wasserkocher an, meidet Johannas Blick. Er greift nach einer Tasse, stellt sie ab, zupft fahrig an der Tischdecke herum. Nichts bleibt lange an seinem Platz.
Geht es um etwas Ernstes? bringt er schließlich heraus, bemüht, souverän zu wirken. Aber die Stimme ist einen Tick zu hoch, das letzte Wort wirkt zu hastig. Oder willst du doch lieber was Stärkeres als Tee?
Er lächelt, aber es ist ein gezwungenes, verkrampftes Lächeln. Die Unruhe in ihm wächst: Was will sie von ihm? Hat sie etwa wirklich etwas geahnt?
Tee reicht vollkommen, sagt Johanna, setzt sich an den Tisch. Noch klingt sie sachlich, aber in ihren Augen blinkt Entschlossenheit. Ein klarer Kopf ist besser für dieses Gespräch.
Martin erstarrt, Tasse in der Hand. Draußen pfeift leise der Wasserkocher, das Geräusch dröhnt plötzlich unangenehm laut in seinen Ohren. Er stellt die Tasse langsam ab, dreht sich zu Johanna und atmet tief durch. Jetzt entscheidet sich alles. Entweder, oder…
Er will nicht an das oder denken.
Irgendetwas in Johannas Stimme lässt ihn aufhorchen zu ernst ihr Blick, die Pausen zwischen den Worten zu gewichtet. Will sie etwa den neuen Job doch annehmen? Der Gedanke trifft ihn wie ein Schlag. Er sieht sie schon ins Ausland gehen, immer wieder unterwegs, neue Freunde, neue Kollegen Das will er definitiv nicht!
Weißt du, beginnt Johanna zögernd und starrt auf ihre Teetasse. Es gab in letzter Zeit Ereignisse, die mich zum Nachdenken gebracht haben. Was will ich wirklich im Leben? Will ich in München bleiben, Familie, Kinder? Mag ich meinen Job? Ich habe lange überlegt, wirklich lange. Und jetzt habe ich beschlossen: Ich werde alles ändern.
Sie spricht leise, aber jeder Tonfall ist fest, voller Konsequenz. Anscheinend hat sie sich entschieden, mit oder ohne ihn. Ihr Blick bleibt ruhig auf ihm, als wolle sie sichergehen, dass er alles versteht.
Martin spürt, wie ihm der Hals trocken wird. Er nimmt vorschnell einen Schluck vom Tee, verzieht das Gesicht der Tee, gerade eben von ihm gekocht, schmeckt bitter wie nie. Er stellt die Tasse lautlos ab, sitzt äußerlich ruhig da: Schultern gerade, der Blick direkt, die Lippen zu einem neutralen Lächeln geformt. Aber in ihm tobt ein Sturm. Seine Gedanken jagen wild durcheinander, suchen nach Anhaltspunkten, was Johanna nun eigentlich meint.
Was meinst du damit? fragt er, bemüht, die Stimme nicht zittern zu lassen. Es gelingt nur halb, das letzte Wort mit klingt unsicher. Doch gleich fängt er sich wieder.
Er mustert sie, sucht an ihrer Mimik, einen Anhaltspunkt für ihre Worte. In seinem Kopf toben unzählige Fragen. Aber keine kommt über die Lippen. Er beobachtet sie und wartet.
Johanna spricht leise, fast flüsternd, als fiele ihr jeder Satz schwer. Sie spielt nervös mit dem Teelöffel, legt ihn ab, nimmt ihn wieder in die Hand als wäre der Löffel der bessere Zuhörer.
Ich werde mein Leben umkrempeln: neuen Job, neue Stadt, neue Freunde… und auch neue Beziehungen. Du bist ein guter Kerl, Martin. Zuverlässig, schlau, attraktiv. Aber du wirst mir nie geben können, was ich wirklich will, ihre Stimme stockt kurz, doch dann fährt sie unnachgiebig fort. Ja, du verdienst ganz ordentlich, hast eine eigene Wohnung, ein Auto. Du bist zufrieden, möchtest nichts ändern. Aber das reicht mir einfach nicht! Ich will reisen, ein großes Haus mit tollem Ausblick, ich will Luxus Pelz und Gold!
Mit jedem Satz hat Martin das Gefühl, dass in ihm etwas zerbricht. Er sucht verzweifelt nach einem Anzeichen von Zweifel, irgendeinem Funken Unsicherheit in ihrer Stimme. Aber sie bleibt ruhig und fest, es ist eine endgültige Entscheidung. Er will etwas erwidern, widersprechen aber sein Kopf ist leer. Also greift er, halb verzweifelt, nach dem nächstliegenden, dem absurdesten:
Aber du hast doch Pelz immer verabscheut, hebt er eine Augenbraue, bemüht, den Satz nicht scharf, eher verständnislos klingen zu lassen. Erinnerst du dich an die Weste, die ich dir mal gekauft habe? Da gab es doch ein großes Drama, von wegen gebrochene Tierseelen und so
Unwillkürlich muss er bei der Erinnerung schmunzeln. Damals hatte Johanna sich wirklich aufgeregt, hatte stundenlang über die Grausamkeit der Industrie geschimpft. Er hatte das nie ganz verstanden, sich aber entschuldigt. Jetzt erscheint ihm diese Geschichte wie ein letztes Stück Normalität inmitten des Chaos. Hat sie jetzt wirklich ihre Meinung so grundsätzlich geändert oder ist das Ganze doch nur ein Moment der Verwirrung?
Johanna hebt abrupt den Blick. Es blitzt wütend in ihren Augen auf. Sie hat offensichtlich mit einer anderen Reaktion gerechnet, nicht mit diesem Gleichmut. So lange hat sie alles abgespielt, durchdacht, und Martin Martin hängt sich an einer alten Geschichte über eine Fellweste auf; als wäre das alles, was ihm zu ihrem Geständnis einfällt!
Ich war eben naiv! schleudert sie ihm entgegen, die Stimme bitter. Ist das jetzt alles, was dich interessiert?
Sie ballt die Fäuste, entspannt sie wieder, sucht nach Fassung. Sie will, dass er endlich begreift, wie ernst alles ist dass er sich wehrt, sich aufregt, sie bittet. Aber sein ruhiges Gesicht, die hochgezogene Braue all das macht sie nur noch wütender.
Martin rutscht auf dem Stuhl zurück, ganz langsam, als wäre all das gar nicht ungewöhnlich, ja fast schon egal. Was soll’s, wenn sie geht? Soll er ihr hinterher weinen?
Ist nicht so, sagt er gelassen, beinahe gleichgültig. Ich versuche nur zu verstehen: Warum heute? Und wieso hast du eingekauft, wenn du jetzt Schluss machst? Kaufen kann ich schließlich selbst.
Diese Worte bringen Johanna völlig aus der Fassung. Wie kann er sie bei solch wichtigen Themen auf so eine Nebensächlichkeit festnageln?
Sie springt jäh auf; ihr Stuhl quietscht über den Boden und stößt gegen die Wand. Sie steht da, machtlose Wut in den Augen, die Tränen glänzen ob aus Enttäuschung oder Ärger, lässt sich kaum sagen.
Gefühlsklotz! platzt es aus ihr heraus. Die Stimme bricht. Warum heute? Ganz einfach: Heute hat mir jemand sehr wohlhabendes klargemacht, dass er Interesse hat. Im Gegensatz zu dir gibt er sich nie mit dem zufrieden, was er hat. Er strebt nach mehr!
Die Worte strömen in einem Schwall hinaus. Sie tritt einen Schritt näher, wartet, dass Martin endlich emotionale Regung zeigt, sie anhört, versteht.
Martin bleibt ganz ruhig. Er lehnt sich zurück, verschränkt die Arme. Sein Gesicht bleibt gelassen, fast unbeteiligt, obwohl in ihm Wut und Trauer toben. Er schweigt einen Moment, dann fragt er mit ruhiger Stimme:
Und der Einkauf?
Das trifft Johanna wie ein Schlag. Sie erstarrt, blickt ihn fassungslos an.
Du und deine Einkäufe! Ist dir das alles jetzt ernsthaft wichtiger als unsere Beziehung?
Martin blickt sie direkt an, ohne Wut oder Verzweiflung, nur kaltes Desinteresse das strengt ihn an, mehr, als sie ahnt.
Ehrlich? Ja. Oder dachtest du wirklich, ich knie nieder, bettle dich an, verspreche, mich zu ändern? Tag und Nacht malochen, nur für deinen Luxus? Willst du nicht ein bisschen viel?
Johanna öffnet den Mund zum Erwidern, doch bleibt stumm. Sie erkennt: Er wird nicht kämpfen. Wird nicht bitten, nicht betteln. Das sieht sie ihm an und darin zerbricht etwas in ihr. Sie hat Tränen, Vorwürfe erwartet aber keine so eiskalte Ruhe.
Also… du wirst es nicht mal versuchen? fragt sie, und jetzt klingt sie einfach verloren.
Warum? Wenn du ohnehin alles entschieden hast, Martins Stimme bleibt leise, gleichmütig. Ich werde dich nicht anbetteln. Ich respektiere deine Entscheidung, egal ob ich sie nachvollziehen kann. Glaubst du ernstlich, ich würde mein Leben umkrempeln, nur weil du es forderst?
Johanna ballt wieder die Hände, die Nägel graben sich in die Haut. Ihr Gesicht glüht vor Wut und Kränkung mit solch einer Reaktion hätte sie nie gerechnet. Sie möchte schreien, randalieren, alles kurz und klein schlagen solange er nur endlich irgendeine Regung zeigt.
Wäre zumindest angebracht, stößt sie giftig hervor. Dann hättest du wenigstens eine Chance gehabt.
Ihre Stimme zittert, aber sie kämpft, die Fassung zu bewahren. Sie beobachtet ihn, hofft auf einen Bruch in seiner Maske. Doch Martin zieht nur leicht die Augenbraue hoch, als wäre ihr Monolog etwas Banales.
Du hältst dich selbst wohl für etwas ganz Besonderes, antwortet er ganz ruhig. Es war bequem mit dir, ohne Frage. Aber solche wie dich gibt es in München wie Sand am Meer. Am Ende hast du mir einen Gefallen getan, den Schlussstrich zuerst gezogen zu haben. So kann mir keiner Egoismus oder Untreue unterstellen.
Diese ruhigen, fast emotionslosen Worte treffen Johanna härter als jede Schimpftirade. Sie macht einen Schritt auf ihn zu, als wolle sie ihn schütteln.
Wie kannst du so gelassen bleiben? schreit sie fast. Die Stimme überschlägt sich, die Tränen beißen in den Augen, doch sie hält sie zurück. Sie hat eine ganz andere Reaktion erwartet: Flehen, ein Bekenntnis, dass er sie liebt, dass er etwas ändern wird. Stattdessen diese Eiseskälte.
Warum sollte ich Tränen vergießen? Martin sieht ihr direkt in die Augen. Ich sollte eher dankbar sein, dass du gehst.
Im Raum breitet sich eine eisige Stille aus. Nur das Ticken der Küchenuhr durchdringt den Moment, mechanisch, gleichgültig. Johanna steht da, ringt um Worte, fassungslos und verletzt. In ihr bleibt ein seltsames, lähmendes Gefühl nicht nur Kränkung, sondern Ahnung vom Scheitern. So hatte sie sich diesen Moment nie vorgestellt.
Ein schallender Klatscher zerreißt das Schweigen. Johanna ist selbst überrascht, wie ihre Hand auf Martins Wange landet. Sie verharrt einen Moment, wartet auf eine Reaktion Wut, Schmerz, Entrüstung. Doch er bleibt sitzen, nur der Kopf zuckt leicht. Er ändert seine Haltung nicht.
Diese Gleichgültigkeit treibt sie weiter. Wütend zieht sie sich in das Schlafzimmer zurück, nimmt ihren Koffer aus dem Regal und wirft wahllos Kleider, Jeans, Schuhe hinein. Alles fliegt durcheinander Hauptsache, sie kommt schnell fort, bevor sie ihre Entschlossenheit doch noch verliert.
Ja, sie hat Schluss gemacht. Ja, sie wirft Martin vor, nicht für ihre Ansprüche zu genügen. Aber das heißt doch nicht, dass er sich freuen soll! In ihrer Vorstellung hat er gebettelt, versprochen alles anders gemacht. Doch er bleibt einfach sitzen als sei ihm wirklich alles egal.
Nur: Ganz so ist es nicht
Martin sitzt inzwischen allein in der Küche, den Kopf in den Händen, die Ellbogen aufgestützt, die Finger krallen sich in die Haare. In ihm tobt ein Orkan er würde am liebsten aufspringen, schreien, randalieren, irgendetwas zerbrechen. Stattdessen bleibt er sitzen, beißt die Zähne zusammen, bis der Kiefer schmerzt. Wenn er diesem Gefühlschaos einmal freien Lauf lässt, kann er es nicht mehr stoppen.
Er liebt Johanna! Seit einem halben Jahr hat er alles für sie vorbereitet den Antrag geplant, viel Geld für den Verlobungsring gespart. Das kleine Kästchen liegt ganz oben in seiner Kommode. Martin hat Modelle verglichen, geackert, die Gehaltserhöhung nicht erwähnt, weil er sie überraschen wollte. Ein Häuschen am Stadtrand, ein gemeinsamer Traum Und jetzt erscheint das alles wie eine kindische Illusion.
Er hört, wie im Schlafzimmer Türen zuschlagen, wie Klamotten im Koffer landen, wie Johanna lauter atmet, während sie den Reißverschluss zuzieht. Jeder Laut bohrt sich ihm ins Herz. Er will aufstehen, etwas sagen aber was? Alles ist gesagt. Oder auch nicht. Oder das Falsche.
In der Küche riecht es nach Tee und irgendetwas Angebranntem schon wieder die Herdplatte vergessen. Dieser banale, häusliche Geruch trifft ihn wie ein Schlag. Alles zerbricht so prosaisch, so leise Drei Jahre zusammen und jetzt fühlt es sich an, als spielte man eine Rolle, in einem schlechten Theaterstück. Und nun ist Schluss.
Er weiß um Johannas Traum ein großes Haus in Grünwald, ruhige Nachbarschaft, ein gepflegter Garten, Sicherheit vor der Tür, keine neugierigen Blicke. Wie oft hat sie ihm davon erzählt: lichtdurchflutet, großzügig, ein Platz in der Sonne. Er hat es ernst genommen: Weiterbildungen gemacht, Überstunden geschoben, die Gehaltsverhandlung gewonnen. Demnächst stünde eine Beförderung an, doch er wollte sie überraschen, ihr dann den Schlüssel zum Traumhaus zeigen: Schau, Johanna, wir haben es geschafft. Es gehört uns.
Jetzt, auf dem Küchenstuhl zusammengesackt, gehen ihm die Szenen durch den Kopf. Ihr glückliches Lachen, Umarmungen, Zukunftsentwürfe alles nur noch Staub in seinem Magen. Er ballt die Fäuste, die Nägel schneiden in die Haut. Hat sie das nie bemerkt? Oder nie geglaubt, dass er kämpft? Alles sollte doch ein Fest werden
Warum? Warum bricht jetzt alles zusammen, wo ich ihr Glück so nah war? schießt es durch ihn.
Langsam erhebt sich Martin, mit bleischweren Beinen, geht fast mechanisch ins Bad. Er braucht Luft. Im Spiegel sieht er seine brennende Wange rot vom Schlag und kühlt sie mit kaltem Wasser. Guter Treffer, Johanna! denkt er bitter, während das Wasser läuft.
Plötzlich fällt die Wohnungstür ins Schloss. Sie ist also wirklich weg, so schnell? Hatte sie etwa schon gepackt? Hat sie das alles geplant?
Martin tastet in die Hosentasche, spürt das kleine Kästchen. Unüberlegt, von Wut und Traurigkeit geleitet, nimmt er es heraus und wirft es in den Mülleimer. Ein dumpfer Schlag, dann ist es verschwunden, zwischen leeren Joghurtbechern und Papiertüten.
Da gehört es wohl hin… denkt er düster und starrt einen Moment lang in die Leere.
Er tritt ans Fenster. Draußen tobt das ganz normale Leben: Münchner auf dem Heimweg, Kinder fahren Fahrrad im Hof, irgendwo brummt ein Lieferwagen. Alles wie immer nur für ihn hat sich die Welt eben auf den Kopf gestellt.
***********************
Johanna verlässt das Haus fest davon überzeugt, nun endlich ihr neues Leben zu beginnen. Ihr wohlhabender Bewunderer, auf den sie ihre Hoffnungen setzt, hält nicht, was er verspricht: Nach nur wenigen Wochen ist der Spuk vorbei, die Nachrichten bleiben unbeantwortet, ein schales Schweigen, keine Entschuldigung.
Johanna ist enttäuscht, wütend, sucht Fehler bei sich, bei ihm, bei der ganzen Welt. Immer drängender taucht Martins Bild in ihrem Kopf auf. Sein ruhiges Gesicht, diese Gelassenheit, mit der er den Abschied hinnahm plötzlich erscheint ihr das nicht mehr als Gleichgültigkeit, sondern als Größe, als Respekt.
Nach einem Monat geht sie den schwierigen Schritt: zieht das schönste Kleid an, kaschiert die Spuren durchwachter Nächte mit Make-up und steht bei Martin vor der Tür.
Er lässt sie sich gedulden, kommt im dunklen Bademantel, die Haare wirr, Teetasse in der Hand. Kein Lächeln, kein Zorn, nur Leere in seinem Blick.
Martin, ich setzt sie an, doch er hebt abwehrend die Hand:
Lass es.
Ich wollte nur reden, sie versucht, auf ihn zuzugehen. Ich habe einen Fehler gemacht, du hattest recht. Ich will zurück.
Er stellt die Teetasse ab, verschränkt die Arme.
Zurück? Wohin, Johanna? Uns gibt es nicht mehr.
Aber man kann doch von vorn anfangen! Ihre Stimme klingt flehend., Ich habe erkannt, was ich wirklich möchte, und ich will jetzt nichts mehr verlangen. Einfach gib mir eine Chance.
Er schüttelt den Kopf, lächelt schief nicht spöttisch, sondern resigniert.
Wozu? Damit du in ein paar Monaten wieder jemanden triffst, der dir mehr bieten kann? Damit alles von vorne losgeht? Ich spiele das nicht nochmal mit.
Sie will widersprechen, aber er hebt beschwichtigend die Hand.
Wusstest du, dass ich dir an dem Abend einen Antrag machen wollte? Ich hatte schon das Ringkästchen. Das war mein erster Impuls: alles wegzuwerfen. Später habe ich es behalten als Erinnerung daran, wie materiell manche Erwartungen sein können.
Johanna schweigt. Die Worte bleiben ihr im Hals stecken, Tränen schießen ihr in die Augen, aber sie kämpft. Sie nickt nur, dreht sich um und geht langsam zur Treppe.
Martin schließt die Tür, kehrt zurück in die Küche, holt das kleine, samtbezogene Schachtelchen aus der Schublade. Streicht einmal darüber, verstaut es wieder und weiß, dass alles vorbei ist.





