Liebes Tagebuch,
heute ist wieder so ein Tag, an dem ich alles in Frage stelle. Der Zugbahnhof der kleinen Stadt, irgendwo im Süden Deutschlands Ulm, glaube ich war mein Zufluchtsort, als ich vor gefühlten Ewigkeiten von zu Hause weggelaufen bin. Und wieder sitze ich hier, auf einer kalten Holzbank, und lasse Tränen fließen naja, zumindest so viel, wie ich mich traue, denn auf offener Straße weint ein Mädchen wie ich nicht gerne.
Doch dann knarrte die Bank, und neben mich ließ sich eine große, kräftige Frau plumpsen wirklich, in ihrer Präsenz fühlte ich mich noch kleiner als sonst. Ihr rundes, freundliches Gesicht war gerötet vom Spaziergang und der feuchten Sommerluft. Sie seufzte schwermütig: Puh, heute ist es aber drückend heiß. So ein Regen am Vormittag und jetzt das. Ich schwitze, als wäre ich gerade aus der Sauna gekommen. Sie holte eine Wasserflasche aus ihrer viel zu großen Tasche und hielt sie mir einer Fremden hin. Magst du trinken? Soll beruhigen, heißt es ja. Bei mir hilfts nicht. Auch nicht nach drei Litern.
Verlegen schüttelte ich den Kopf und wollte mich in meine Gedanken zurückziehen. Komisch, immer diese aufdringlichen Menschen! Ich mochte nie besonders starke oder füllige Personen, sie erinnerten mich jedes Mal daran, wie wenig sie sich um sich selbst kümmern dachte ich zumindest. So ein dummer, kleiner Gedanke. Keine Ahnung, wieso er mir nie auffiel.
Sie plapperte weiter: Du bist aber ein hübsches Mädchen, und kein Gepäck hast du auch dabei … Hast du jemanden erwartet? Oder weißt nicht, wohin mit dir? Ihre braunen Augen musterten mich, und ich hätte am liebsten einfach aufgestanden und den Platz verlassen aber der Wille dazu fehlte mir.
Plötzlich platzte alles aus mir heraus. Ich fing an zu schluchzen, mit einer Kraft, die ich lange nicht gespürt hatte. Frau oder nicht sie legte sofort den Arm um mich. Und wie sie mich hielt, der zarte Duft ihrer Bluse nicht nach Schweiß, sondern nach Kräutern, als hätte sie sie gerade am Feldrand gepflückt ließ mich an etwas längst Vergessenes denken: Den Geruch von Mamas Händen. Der Erinnerung war so stark, dass ich mich unwillkürlich erschrak und mich löste. Weg von dieser trauten, mich anrührenden Fremden. Und noch bevor ich verstand, warum, war sie schon dabei, ihre selbst gemachten Hähnchensandwiches und einen glänzenden Apfel aus der Tasche zu holen: Na los, iss! Du bist ja dünn wie eine Bohnenstange, niemand kann so hungern.
Ich esse kein Fleisch …, murmelte ich, der Hunger wurde durch die Erinnerung fast stärker, als jeder Appetit. Sie hörte nicht hin, drückte mir trotzdem das Brötchen in die Hand. Ich biss, und es schmeckte besser als alles, was ich je gegessen hatte.
Nach dem Essen fragte sie: Und? Was machst du nun, so ohne alles? Ich konnte nicht antworten, ich konnte nur weinen. Wir redeten, während sie meine Tränen trocknete und mein Herz ein wenig leichter wurde. Ich erzählte ihr von zu Hause, davon, dass mein Vater mir eröffnet hatte, ich wäre nur seine Adoptivtochter, jetzt bekäme er ein leibliches Kind mit meiner Stiefmutter, und für mich wäre eigentlich kein Platz mehr. Ich hatte eingepackt, oder besser einfach nur meine Jacke übergeworfen, mein Akku war leer, ich kannte in Ulm niemanden und meine Freunde halfen auch nicht.
Manchmal, sagte sie da, braucht ein Kind einfach jemanden, der zuhört. Ein freundlich gesinntes Ohr, verstehst du? Sie holte ihr altes Tastentelefon aus der Tasche ein Modell von Siemens, das ich als peinlich empfand und drückte es mir in die Hand: Ruf zu Hause an oder schreib, dass es dir gut geht. Eltern machen sich Sorgen, selbst wenn sie es nicht zugeben.
Nachdem ich geschrieben hatte, sagte sie: Ich bin die Frau Schmidt, ich wohne ein paar Kilometer von hier, in einem alten Bauernhaus. Willst du mitkommen? Hier kannst du nicht bleiben. Sie sprach mit einer Selbstverständlichkeit, dass ich einfach stumm nickte. Ich hatte nichts mehr zu verlieren.
Wir fuhren mit der Regionalbahn ins Dörfchen Hundsberg. Unterwegs sagte sie kaum ein Wort. Man muss behutsam sein, wenns um das Herz geht, meinte sie nur. Wer reden kann, tuts, wenn er Vertrauen gefasst hat. Ich schlief erschöpft ein, und als ich aufwachte, half sie mir aus dem Zug, und auf dem Bahnsteig wurden wir von einer drahtigen, jungen Frau begrüßt. Kathrin! Ich hab gewartet. Wie gehts Nina? Alles gut, Alexandra, den Kleinen hab ich heute auch noch besucht. Das hier ist Marie. Sie hilft uns ein bisschen.
Wir fuhren in Alexandras klapprigem, bunt bemaltem VW Käfer weiter mit lustigen Katzenzeichnungen, die sie stolz präsentierte. Willkommen in unserer Oase. Du wirst sehen, wir sind viele hier, lachte sie und führte mich durch das Dorf, wo ich all die anderen Kinder und Jugendlichen kennenlernte. Frau Schmidt hat uns alle aufgenommen, keinen von uns geboren, aber wir sind ihre Kinder. Sie hat uns gerettet.
Eine Woche lang lernte ich das Leben hier kennen es erinnerte an ein Märchen. Jeder half jedem. Jemand kümmerte sich gerade um seine Zwillinge, Alexandra brachte ihren Jüngsten zu Frau Schmidt, ein anderes Mädchen stickte zauberhafte Gardinen mit Margeriten und Kornblumen.
Ich ließ die Geschichten der anderen herein: Alexandra war von zuhause abgehauen, als ihre Eltern im Alkohol versanken. Herr Schneider, der reiche Unternehmer, hatte seinem Sohn Pascal zur Adoption verholfen, half jetzt finanziell, nachdem Frau Schmidt ihn von der Straße aufgelesen hatte. Einige waren auf eine spezielle Art und Weise verletzt: Herzfehler, Erinnerungsverlust, das Gefühl, immer fremd zu sein. Doch Frau Schmidt hatte alle an die Hand genommen, jedem ein Stück Familie geschenkt.
Einmal, als ich Alexandra half, den Tisch zu decken, fragte ich sie: Hat Frau Schmidt nie über ihr eigenes Schicksal gesprochen? Alexandra schüttelte den Kopf. Ihre Ehe war grausam, sie wurde krank, konnte keine Kinder bekommen. Aber sie hat uns gefunden, oder wir sie. Der Rest ist Geschichte und unsere Familie wächst immer weiter. Wir lachten und weinten zusammen über die Absurdität des Ganzen, aber es war wie ein heilender Zauber.
Nach und nach kehrte ich zu mir selbst zurück. Mein Vater fand mich eines Tages Frau Schmidt hatte ihn heimlich informiert , bat um Verzeihung und wollte mich heimholen. Aber ich lehnte ab. Ich spürte, dass das hier mein Zuhause geworden war, dass ich das erste Mal wirklich dazugehörte. Er bot eine Wohnung an, doch ich bestand darauf, dass ich lernen will, auf eigenen Füßen zu stehen. Ich wollte mein Leben selbst entscheiden mit Hilfe, aber selbstbestimmt.
Frau Schmidt blieb meine engste Vertraute, wurde für mich und die anderen zur Mutter. Später, als sie von einem schweren Schlaganfall überrascht wurde, war ich sofort bei ihr. Ein halbes Jahr war ich für sie da schwer und dennoch voller Liebe. Sie blieb, sie kämpfte sich zum Leben zurück, und wir bastelten ihr eine schöne Bank, damit sie jeden Tag vor dem Haus die Sonne genießen und die Kinder beobachten konnte, wie sie ihre Streiche machten.
Ich würde niemals wirklich von hier gehen. Und bei meiner eigenen Hochzeit war es Frau Schmidt unsere Mutter Kathrin die ich als Erste einlud.
Mutter Kathrin, bleibst du bei mir?
Immer, mein Kind. Immer.
Manchmal braucht man keine Blutsbande für Heimat nur ein Herz, das einen aufnimmt.
MarieUnd jedes Mal, wenn ein neues, verängstigtes Kind auf der Bank am Bahnhof saß oder mit zittriger Hand an unsere Tür klopfte, erinnerte ich mich. Dann war ich es, die ihnen ein Sandwich in die Hand drückte oder das alte Siemens-Handy reichte, und ich erzählte die Geschichte von einer Frau, die das große Herz hatte, das ganze Dorf zu umarmen. In ihren Erinnerungen und Gesten lebte Mutter Kathrin weiter, Sommer für Sommer, Regen für Regen. Sie war der stille Schatten im Garten, das Lachen auf dem Flur, der Duft nach Kräutern und Brot in jedem Winkel unseres Hauses.
So wurde aus einem Abstellgleis ein Ankunftsort, und aus einer verlorenen Tochter eine Schwester für viele. Und immer, wenn mir das Leben zu groß oder zu traurig vorkam, setzte ich mich auf die selbstgebaute Bank in der Sonne, schloss die Augen, und wusste: Heimat ist kein Ort und keine Adresse. Sondern Menschen, die einen auffangen, wenn alles in Frage steht und die man dann festhalten darf, so lange das Herz schlägt.





