Nicht bewahrt …
Unter dem Fenster des Krankenzimmers spannte sich das blecherne Vordach. Draußen trommelte der Herbstregen, hart und kalt, gegen das Metall, so laut und widerlich, dass alles klirrte.
Martina erwachte aus dem Lärm, lag einen Moment still und hörte in sich hinein. Hier hatte man sie operiert eine Zyste entfernt, samt Eierstock. Das Alter, vielleicht? Andererseits, Frauen jeden Alters lagen in diesem Zimmer.
Dämmerndes Licht fiel durch die angelehnte Tür vom Flur. Der Geruch von Baldrian, Chlor. Irgendwo gurgelte ein Stuhlbein im Linoleum.
Und dann, inmitten des dumpfen Regens, vernahm Martina ein leises Wimmern, das durch die metallische Kakophonie drang. Sie lauschte Stille wieder. Dann erneut.
Sie setzte sich auf und wusste sofort: Das weinte ein Mädchen da drüben an der Wand. Von ihr hatte sie schon gehört Komplikation nach einem heimlichen Schwangerschaftsabbruch. Mit einer Stricknadel, ganz wie früher. Ein alter, grausamer Weg
Martina stand auf, setzte sich auf das leere Bett der anderen Bettseite. Das Mädchen kauerte sich zusammen, nur ihre mageren Knie ragten spitz hervor, langes Haar verstreut über dem Kissen. Martina nahm die Decke vom Nachbarbett, legte sie über das frierende Bündel.
Die Kleine steckte die Nase heraus, wischte sie an der Hand, wie ein Kind. Sie war erst heute operiert worden. Fünf Stunden lang hatten sie geschnitten. Die Putzfrau hatte es geflüstert Abszess, Gebärmutter entfernt.
Tuts weh? fragte Martina leise. Flüstern war unnötig; draußen hämmerte der Regen.
Das Mädchen schüttelte den Kopf.
Brauchst du irgendetwas? Magst du etwas trinken?
… Würde ich nehmen …
Martina ging zur Kommode, goss warmen, süßen Tee aus der Thermoskanne ein.
Hier. Setz dich etwas auf.
Danke, sie trank drei kleine Schlucke.
Hör auf zu weinen, was vorbei ist, ist vorbei.
Martina hätte gern eine Standpauke gehalten. Worüber hast du nachgedacht, du Dummchen? Hast dir das ganze Leben versaut! Keine Kinder mehr … und fast dein eigenes Leben verloren! Aber nicht jetzt. Martina schwieg. Das Mädchen war ohnehin elend genug: Die Narkose wich, sie begriff, was geschehen war.
Ich bin niemandem wichtig, seufzte das Mädchen.
Wie meinst du das? Doch, den Deinen. Deiner Mutter. Weshalb weinst du?
Ihm bin ich nicht wichtig. Er denkt sicher nicht an mich.
Du weinst wegen ihm? Ach, Kind, denk erst mal an dich, an deine Gesundheit, daran, wieder auf die Beine zu kommen.
Muss ich aber nicht. Vielleicht wäre Sterben besser. Ich kann ohne ihn nicht leben. Ich liebe ihn, ihr Gesicht verzog sich, bläuliche Lippen zitterten, sie sackte ins Kissen, wandte sich ab.
Draußen stimmte der Regen in ihr Weinen ein, spielte sein tristes Lied.
Martina legte ihre Hand auf die Schulter des Mädchens. Bloß nicht sprechen. Was sollte sie sagen?
Dass Liebesnarren und jugendliche Schwärmereien zum Erwachsenwerden gehören? Dass, wenn er dich liebte, das alles nicht passiert wäre? Ein Feigling sei er, ein Narr, so einem Mädchen zu überlassen, was ihr widerfahren ist?
Aber würde sie das glauben?
Erzähl doch mal, schlug Martina schließlich vor.
Das Mädchen drehte sich um, wischte die Nase und begann stockend zu reden, Sprünge machend, sich vor sich selbst und der ganzen Welt rechtfertigend.
Sie seien beide im Leichtathletikverein, er aus Nachbardorf, aus einer anderen Schule. Ein gutaussehender Kerl, ein hoffnungsvoller Athlet, kam immer auf dem Moped. Die Mädchen schmolzen dahin, sie hätte nie geglaubt, dass gerade er sie auswählte. Im Sommer zusammen zum Wettkampf, Übernachtung in der Dorfschule. Die Mädchen in einem Klassenzimmer, die Jungen im anderen.
Das Mädchen erzählte, als würden die unwesentlichen Details das Geschehene aufhalten.
Alles passierte in einem leeren Klassenzimmer. Sogar eine Kerze hätten sie angezündet. Es war schön. Wie sollte sie sich verweigern, er war so beharrlich gewesen.
Er meinte, er verhüte, das weiß ich noch. Und dann hat er mich geküsst, alles war so gut. Sie können sich das nicht vorstellen …
Und später?
Da wollte er nochmal, bevor wir abfuhren. Aber dann kam der Trainer im Flur, wir versteckten uns unterm Pult, haben so gelacht…, das Mädchen lächelte, Es war wunderbar. Aber da geschah nichts weiter …
Und dann?
Dann … dann veränderte er sich. Die Trainingszeiten passten nicht mehr zusammen, also kam ich extra zu seiner. Aber er tat, als sehe er mich nicht, riss die Hand weg … Danach sagten mir die Mädchen, er sei jetzt mit Christina Müller, eine Träne kullerte die Wange hinab.
Wusste er von der Schwangerschaft?
Sie nickte.
Und dann?
Er drehte sich an die Stirn, tippte mich mit dem Finger. So von wegen: Überleg mal, was du erzählst. Später bin ich doch wieder zu ihm bin direkt zu Hause aufgetaucht, nach ein paar Wochen. Ich wusste es da sicher. Da bekam er Angst, hat geschrien. Und ich … Ich liebe ihn halt, verstehen Sie? Ich brauche sonst niemanden. Überhaupt niemanden!, sie griff das Kissen, der Körper bebte im Weinen, Die Stricknadel hab ich vorher mit Spiritus abgewischt. Ich wusste nicht, dass es so schlimm wird …, flüsterte sie in den Regenschlag hinein.
Diese kindliche Naivität legte eine Schwere auf Martinas Herz.
Noch ein Kind. Sie wusste nicht, was sie getan hatte. Sie weinte nicht um sich, sondern um eine nicht entstandene Liebe. Und so alt war diese Geschichte nicht alltäglich.
Wie heißt du überhaupt?
Luise. Luise Rosenbaum.
Rosenbaum? Bist du nicht aus Südstetten?
Sie nickte.
Und dein Vater heißt doch Sebastian?
Ja , ängstlich nickte sie, Aber … meine Eltern sind schon lange getrennt. Bitte erzählen Sie meiner Mutter nichts. Sie glaubt, ich bin bei einer Freundin in Dorfneudorf. Bitte erzählen Sie es nicht!
Sie weiß nichts? Ach du meine Güte
Sebastian Rosenbaum war Martinas Mitschüler. Auch seine Frau kannte sie noch. Anna, kleine, spitze Nase, eine Klasse jünger.
Luise, es ist besser, deine Mutter erfährt es. Wie sonst
Nein-nein! Sie bringt mich um, schmeißt mich raus! Nicht erzählen!
Schon gut, ich sag nichts. Schlaf ein wenig. Du bist so grau … Du musst dich ausschlafen.
Nur bitte, nicht Mama sagen.
Luise drehte sich brav auf die Seite, legte die Hände wie ein Kind unters Kinn und schloss die Augen. Martina steckte die Decke zurecht, legte sich wieder hin. Die anderen hörten vermutlich alles kaum, dass jemand schlief.
Natürlich würden die Ärzte die Mutter informieren, vielleicht schon geschehen. Aber das erwähnte Martina nicht.
Draußen wurde es langsam heller. Der Regen wusch die Nacht weg. Die Dunkelheit lief mit dem Wasser fort.
Ach, es war so schade um das größte Glück, das heute verloren ging das Glück des Mutterseins.
Am nächsten Morgen Luises Mutter Anna saß am Bett der Tochter, weinend. Sie schaukelte hin und her auf dem Drahtbett, gekrümmt vor Leid und Schmerz.
Warum? Waruuum? Mein kleines Mädchen … Wie konnte ich das nur übersehen …
Martina kroch unter die Decke, Kopf voraus.
Der Regen warf die letzten Tropfen von den Dächern, als wollte er sagen das Schlimmste ist vorbei, Wasserspuren kann man nicht zurückholen, übrig bleibt nur das, was davon bleibt.
Martina konnte diese Geschichte lange nicht vergessen. Solche Geschichten bleiben Frauen aus dem Krankenhaus oft im Gedächtnis. Vielleicht, weil der ganze Aufenthalt dort ein Ausnahmezustand ist, der das Gedächtnis schärft.
Fünf Jahre vergingen, sie hatte die Geschichte beinahe verdrängt. Sie arbeitete als Grundschullehrerin in Göttingen. Mit ihrem Mann lebte sie gut, der Jüngste studierte an der Offiziersschule in Dresden, der Ältere war nach der Technikerschule beim Bund. Zu Hause bei der Mutter in Südstetten war sie nur selten; dort lebte die jüngere Schwester mit Familie.
Im Frühling kam die Nachricht Konstantin heiratet, der Neffe. Martina liebte ihn sehr. Er war kaum jünger als ihre Söhne, wuchs sanft, neugierig und offen auf.
In den Osterferien fuhren sie mit dem Auto nach Südstetten, auch um sich über die Hochzeit zu informieren, über das Geschenk, die Braut.
Bei aller Freude über das Wiedersehen nörgelte Martina. Fand, dass Konstantin zu jung zum Heiraten sei er war noch im letzten Ausbildungsjahr als Bauzeichner, Militärdienst stand bevor.
Vielleicht gab es einen Grund für die Eile?
Die Felder lagen wie glattgezogen, hohe Baumstämme reckten sich aus Schlaf, bekannte Düfte fluteten sie mit Nostalgie. Zu Hause war ihr immer wohl, eine seltsame Mischung aus Freude und Wehmut packte ihr Herz.
Sie kamen abends an. Das Haus war verjüngt, mit neuer Veranda und Steinanbau. Schwager Stefan und Konstantin werkelten fleißig, offensichtlich brachte die Lehre im Bauhandwerk Früchte.
Nach der Umarmung mit Schwester Natalie, der Mutter, folgten alte Rituale. Bald saßen sie am Tisch, redeten über dies und das. Stefan und die Kinder waren nicht da.
Sie bauen und bauen. Alles voller Beton. Eine Woche lang dröhnten die Maschinen …, seufzte die Mutter, und doch war sie sichtbar stolz, wie das Haus der Familie ausfranste und wuchs.
Wirklich schön habt ihrs! Konstantin meint es also ernst? Martina langte nach dem Erdbeermarmeladenglas Süßes ihre Schwäche.
Das Café ist bei Armen bestellt. Am achten Juli ist es soweit, Volksfest und Glückwünsche im Klub. Lucy kommt sogar und gratuliert.
Passend! Schade, dass Alex nicht kommen kann … Der wichtigste Tag! Und wer ist die Braut? Martina schmierte Marmelade aufs Brot, Ist sie von hier … Ich habs am Telefon gar nicht gefragt.
Ist eine von uns. Sehr nettes Mädchen …, die Mutter schmunzelte, Eltern sind schon lange geschieden. Luise Rosenbaum. Kennst du noch Anna und Sebastian?
Klar doch Anna war mit mir in der Klasse, Sebastian auch. Er wird bei der Hochzeit dabei sein, hat er gesagt.
Die Sonne verschwand hinter blauem Dunst, Schatten glitten über den Hof, Hunde bellten in der kühlen Abendluft. Martinas Blick versteifte sich. Marmelade tropfte aufs Tischtuch.
Kennst du sie nicht mehr? Klein, dunkle Haare. Mit Michael Schmidt hat er früher im Verein gespielt.
Martina nickte, leckte die Marmelade vom Finger, um Fassung zu gewinnen.
Doch, doch … Hab sie nur vergessen, weiß kaum noch, wer wer ist.
Ein gutes Mädchen, fuhr die Mutter fort, Anna hats nicht leicht, aber Luise packt überall mit an im Garten, am Bau. Dünn, aber zäh wie sonstwas … Oh!
Martina hatte schweißnasse Hände. Sie griff nach dem nächsten Stück Brot.
Damals hatte sie von der Szene im Krankenhaus nur dem Mann erzählt. Für ihn war das halt Frauengeschichte. Er war kein Einheimischer, niemandem konnte er etwas erzählen.
In Südstetten war nichts herausgekommen. Anna hatte die Schulunterlagen abgeholt, ihre Tochter in die Berufsschule versetzt. All sowas verbreitete sich im Dorf normalerweise wie Löwenzahnschirmchen nicht diesmal.
Martina hielt ebenfalls dicht, begriff den Ernst. Sie empfand Mitleid mit Mutter und Kind, das Herz wollte zerspringen.
Aber jetzt …
Konstantin! Liebling, kluger Junge, glückliche Familie! Und die Mutter freut sich schon auf Urenkel!
Nein! Das darf sie nicht zulassen!
Wisst ihr, was ich sagen will, meine Lieben …, setzte Martina an, sah in die glücklichen Augen von Natalie, in das müde, vom Besuch gerührte Gesicht der Mutter … und … Wir wissen gar nicht, was wir schenken sollen. Geld… oder …?
Der Schwager kam zurück, die Nichte Leni, vierzehn, kam vom Tanzen heim, alle mit ihren Neuigkeiten, laut und lebhaft.
Der Abend dämmerte, das Dorf sank in Stille, Männer sahen Fußball, die letzten Stimmen verstummten draußen. Martina und Natalie standen auf der Veranda.
Du denkst bestimmt, sie ist schwanger? Aber nein, Luise ist nicht schwanger. Nicht deshalb die Hochzeit. Konstantin wird mit der Lehre fertig, sie mit dem Praktikum. Kinder haben Zeit. Und ich dachte mir schon: selbst wenns in der Ehe mal holpert wir haben ja Platz, bauen schaffen wir. Ich hätte nie gedacht, dass ich dich als Oma überhole. Wer weiß
Nein! Nein, Natalie, das wirst du nicht, schrie es in ihr. Sie wollte es laut raus rufen, schreien ins ganze Dorf, aus Gerechtigkeitswut, und gleichzeitig wollte sie nur weinen. Martina drückte ihre Schwester stürmisch und begann zu weinen.
Was hast du denn, Martina? Gleich so gerührt … Deine kommen bestimmt bald!
Sie konnte lange nicht schlafen; das Bedürfnis, jetzt sofort zur Wahrheit zu zwingen, loderte in ihr auf. Sie sprang schließlich auf, zog sich an und wanderte durch die nächtlichen Straßen. Stand sogar vor den Rosenbaums, blickte in die Fenster. Die Nacht war still, durchstoßen von funkelnden Sternen.
Erst im Morgengrauen schlief Martina erschöpft ein, noch immer voller Erwartung auf das Gespräch. Gegen neun wachte sie auf, flüsterte mit dem Mann über die Sache. Er starrte sie an so ein Wirrwarr!
Tja, was für Schwiegertöchter
Ohne sich frisch zu machen, stürmte Martina zu den Rosenbaums. Nein, die Wahrheit muss vor die Familie! Aber sie sollten es selbst erzählen Luise und ihre Mutter.
An der Tür; schleppende Schritte, Rascheln, Anna öffnete. Als hätte sie auf Martina gewartet, bat sie sie wortlos herein. Martina war einen Kopf größer.
Kommen Sie rein. Guten Morgen.
Es geht um was …
Habe gewusst, dass Sie kommen. Bin allein. Tee?
Gern. Kam schon ohne Frühstück … Sie wissen ja …, Martina ließ sich schwer aufs Küchenhocker fallen.
Anna nickte. Sie wirkte nicht wie eine Mutter, die sich auf die Hochzeit ihrer Tochter freut. Sie deckte den Tee. Die Küche war gemütlich, wild zusammengewürfelte Möbel.
Martina fühlte sich plötzlich unbehaglich mit ihrer Mission. Doch sie riss sich zusammen.
Anna, ich mache es kurz. Ich liebe Konstantin wie meinen Sohn. Die Familie erwartet Enkel. Aber bei Luise ist keine Gebärmutter mehr vorhanden. Ich erinnere mich …
Anna nickte, goss Tee nach.
Sie müssen es vorher wissen. Lieber jetzt als später … Sonst gibts Scherben.
Anna schob Gebäck und Pfannkuchen herüber. Frisch gebacken, nehmen Sie.
Danke, Martina griff schnell zu, kauten gegen ihre Nerven an.
Ich sags ihr immer. Man muss ehrlich sein. Aber sie …
Was?
Konstantin verbietet es.
Wie, das weiß er?
Ja, ich hab auch mit ihm gesprochen, so als Mutter. Aber er … Sie wissen ja wie Jungs sind.
Er weiß es also …, murmelte Martina und langte nochmals zu.
Ja. Die beiden sind wie verwachsen. Deshalb ist Luise da auch … passiert. Jetzt tut Konstantin fast noch mehr leid … Ich weiß nicht, was sie tut, wenn Sie ihn abbringen. Mit dem Verstand klar, ich sollte aktiver sein. Aber das Mutterherz …, Anna brach in Tränen aus, wischte sich mit der Küchenschürze die Augen, Nicht bewahrt …
Heulen bringt nichts. Aber Sie verstehen uns auch. Das ist nicht unser Unglück. Es wird aber unseres, und warum es bewusst hereinholen? Glauben Sie, Luise wäre mir nicht leid? Damals im Krankenhaus habe ich schon ich hab kein Wort zu jemandem gesagt … Aber mein Neffe und meine Schwester sind mir näher. Entschuldigen Sie, Anna, aber ich werd mit Konstantin reden, ihn abraten. Und helfen Sie, Luise auf Abstand zu bringen. So leicht geb ich ihn nicht her! Schön, dass Sies verstehen
Martina ging, die Fäuste geballt vor Zorn und Erschütterung. Draußen zwang sie sich ein Lächeln ins Gesicht. Niemand wusste, dass sie die Hochzeit verhindern wollte.
Am Nachmittag sollten Konstantin und Luise kommen. Er war hübsch, noch gewachsen, dunkelhaarig und stattlich, ein Mädchenschwarm. Das tat doppelt weh.
Luise hatte damals im Krankenhaus nicht erkannt, wer Martina war. Aber Anna schon. So wusste Konstantin, dass die Tante alles wusste, und deshalb fürchtete er sie.
Abends auf der Gartenbank, fern von den anderen.
Danke, dass du nichts verraten hast, flüsterte Konstantin.
Verraten? Konstantin, ich werde es verraten! Aber zuerst mit dir sprechen. Weißt du, was du tust? Dir selbst, deiner Mutter, deiner Oma, uns allen … Willst du nie Vater werden? Mädchen gibts viele!
Aber ich liebe nur sie.
Ach Unsinn! Das bereust du noch. Sieh dich um, wie viele Menschen du unglücklich machst.
Aber sie mache ich glücklich. Er starrte auf den Boden.
Und sie? Obwohl ihre eigene Schuld … Ist es nicht eine Strafe? Und du belohnst sie noch, und deine Mutter? Und dich! Willst du nie Vater sein, Konstantin? Wenn alle Jungs Kinder haben, du nie … Verstehst du nie! Martina war schon Tränen nah.
Konstantin nahm sie in den Arm, lehnte den Kopf an ihre Schulter.
Sags bitte nicht gleich der Familie, ich machs selbst …
Wann denn?
Nach der Hochzeit.
Du bist ein Dummkopf, Konstantin! Die Oma wird mir das nie verzeihen: Es gewusst und geschwiegen!
Ich werd sie so oder so heiraten. Willst du, dass alle leiden?
Martina schüttelte den Kopf. Sie wusste selbst nicht mehr, was sie wollte. Letzte Hoffnung: Luise selbst überzeugen.
Am Morgen stand das Gespräch an. Auf der Hintertreppe, Luise blickte starr in den Garten, antwortete knapp. Martina sprach viel, argumentierte.
Für die eigenen Fehler muss man einstehen, Luise, nicht andere reinziehen! Konstantin hat Mitleid mit dir und du ruinierst sein Leben!
Wie kann man Leben ruinieren, wenns Liebe ist?
Damals hast du auch geliebt, weißt du. Hast geheult damals. Auch das vergeht. Wir wollen für Konstantin Glück Kinder, eine normale Familie. Auch für dich wünsch ich Glück, aber lass Konstantin. Wenn du liebst, dann lass ihn los.
… Ja, sie drehte sich um, Sie haben wohl recht.
Ein Schatten von Schmerz flog über Luises Gesicht. Hübsch war sie. Ganz anders als damals im Krankenhaus. Dunkle, glatte Haare, große Augen, schlank, hochgewachsen.
Martina spürte einen Stich. Was für eine Schwiegertochter hätte sie sein können hätte, hätte.
Sie stand auf, strich den Rock glatt.
Natürlich hab ich recht. Jeder geht seinen Weg.
Martina verabschiedete sich. An diesem Tag reisten sie ab, hatte ihrer Schwester und Mutter nichts gesagt. Konstantin sah sie mit hoffnungsvollem Blick an. Sie sprach nicht. Weinte auf der Heimfahrt. Der Mann schimpfte dabei, aber Martina konnte sich nicht beruhigen.
Ist nicht dein Ding … Lass es.
Wie nicht meins, sie wissen es ja nicht
Eine Woche später rief Natalie in der Schule an: Luise im Krankenhaus, Medikamentenvergiftung. Angeblich wollte sie es beenden. Aber das Schlimmste sei vorbei Konstantin wich ihr nicht von der Seite. Richtig verstanden hatte Natalie nicht, warum Streit, oder …
Konstantin sagt nichts. Ich denke, sie haben Krach gehabt. Was für eine Zeit
Martina erzählte wieder nichts, stand umgeben von Kollegen in der Lehrerzimmer.
Aber sie fuhr später in das Krankenhaus. Warum, wusste sie selbst nicht. Luise war offenbar ein emotionales, schwieriges Mädchen man musste vorsichtig sein.
Wieder regnete es. Der Himmel ergoss sich, Martina wartete an der Haltestelle; ein Schirm hätte nichts genützt.
Im Foyer, tropfend, traf sie Konstantin.
Du hier?, schroff, ohne Gruß.
Hallo, ich wollte Luise besuchen. Natalie rief mich an.
Du brauchst nicht. Lass es, besser nicht, tate Martina.
Ich doch nur …, stammelte Martina.
Lass es! Sie soll dich heute nicht sehen, tate Martina.
Hat sie es meinetwegen gemacht?
Weißt du es nicht? Er stellte sich ihr in den Weg.
Martina hatte genug nass, müde, und jetzt dieser Widerstand. Sie stieß Konstantin zur Seite, drängte vor, aber er blockierte sie erneut.
Komm, ich hau dich!, schwang sie den Schirm.
Nur zu … Er wich zurück, da wollte gerade jemand raus.
Tate Martina, warum immer so stur!, ergriff er ihre Hand.
Mein Gott, Konstantin, warum musst du dir so eine seltsame suchen? Hast du extra gesucht, oder wie?, platzte es aus ihr heraus.
Konstantin blieb still, Martina nestelte am Schirm, der sich nicht schließen ließ sie hatte sich selber überrascht.
Warum bist du denn überhaupt gekommen?, fragte er dann ruhiger.
Weiß nicht … Als Natalie anrief, bin ich einfach los.
Wenn du Luise nicht angreifst, komm mit. Aber die Hochzeit findet statt auch wenn die Welt untergeht. Daran änderst du nichts.
Martina nickte. Sie zogen Kittel an, gingen den hellen Flur entlang. Sie mussten warten, bis Luise rauskam.
Sie kam, sah sie beide, wurde noch blasser, setzte sich auf die Couch, Hände schwer im Schoß, Kopf gesenkt. Konstantin drückte ihre Hand.
Martina stand ein wenig über ihnen. Was sollte man da noch sagen? Romeo und Julia, mitten im Regen.
Ach, Luise, warum treffen wir uns immer nur in Krankenhausfluren, immer wenn es gießt? Irgendwie heimgesucht, du bist schon wieder bleich wie der Mond.
Wir …, sie hob den Blick, Wir trennen uns wohl doch nicht. Habs nicht geschafft
Du du solltests lassen, wenn dus nicht kannst.
Tate Martina …, mahnte Konstantin.
Habe ich was gesagt? Nichts! Macht, was ihr wollt heiratet halt. Aber eure Mutter, die Oma das müsst ihr selbst sagen, nicht mein Bier. Hier, Obst, nehmts, ich geh jetzt , sie übergab Luise ein Netz, wandte sich ab, schluckte die Tränen.
Tate Martina!, rief Konstantin, Danke!
Martina nickte, lief hinaus, in den Regen, in den Regen Da sieht man die Tränen nicht.
Die Hochzeit war fröhlich, wie es sich in der Familie gehört, weinten alle. Die Mütter, die Omas, die Tante.
Was für ein hübsches Kind!, schwärmte Vater Sebastian Rosenbaum, ahnungslos.
Vor dem Vereinshaus Volksfest Tag der Familie, Liebe und Treue. Ein Storch auf dem Plakat trug ein Baby im Schnabel. Im Mittelpunkt das Paar, daneben Familien mit vielen Kindern.
Martina kam es so vor, als ob Luise bei jedem Wort zu Kindern in sich zusammenzuckte. Die Hauptperson auf diesem Fest der Fruchtbarkeit sollte sie sein?
Martina tat sie menschlich leid.
Zwei Jahre später wurde Martina als Mitglied ins Jugendamt berufen. Sie sah vieles, fuhr oft raus in Heime, lernte viele Kollegen kennen.
Sie sah alles Elend: schwarze Wände, schmutziges Geschirr, Lumpen. Der Geruch von Tod, Moder, abgestandenem Alkohol, wie Ruß. Aus solche Häusern holten sie Kinder heraus.
Martina konnte dann nachts nicht schlafen, dass sie immer wieder an die Zukunft der Kinder denken musste.
Im Frühjahr, an einem sonnigen Sonntag, fuhren Martina und ihr Mann zu Konstantin und Luise. Sie wohnten in der Stadt, beide am Bau, er war inzwischen Vorarbeiter, Luise hatte ausgelernt. Sie erwarteten eine Wohnung von der Firma.
Weshalb wir kamen … Es ist wieder nicht mein Bier. Es ist so: da ist ein Mädchen, ohne Eltern sehr lieb
Luise und Konstantin sahen sich an und nickten.
***Luise senkte den Blick; ihre Hände umfassten ein leeres Glas auf dem Küchentisch, als müsste sie eine Antwort erst darin suchen. Konstantin schnappte leise nach Luft, als wolle er helfen, doch er schwieg. Martina fuhr zaghafter fort:
Vielleicht möchtet ihr das Kind einmal kennenlernen. Sie braucht … Ihre Stimme stockte an der Grenze sentimental zu werden.
Da hob Luise langsam den Kopf. Zum ersten Mal in all den Jahren lag kein Schatten in ihren Augen, sondern Neugier und so etwas Stilles wie Hoffnung.
Wie alt ist das Mädchen? fragte sie.
Drei, antwortete Martina. Ein richtiges Wildfischlein. Alles will sie wissen, fragt und fragt, ist gar nicht ängstlich Sie bräuchte jemanden Geduldiges, Liebevolles. Sie lächelte Luise an.
Ein leises Glucksen, fast ein Lachen, entfuhr Luise; sie presste die Lippen zusammen und dann, zögernd, lösten sich Tränen, die nicht traurig klangen. Konstantin, mit rotem Hals, griff nach Luises Hand auf dem Tisch.
Langsam, vorsichtig und doch wie von selbst ertastete sich eine neue Wärme zwischen ihnen. Vielleicht keine leibliche Mutter, dachte Martina, aber es gibt Kinder, die Mütter suchen und Mütter, die Unterschiedliches geben.
Vielleicht fahren wir sie mal besuchen? schlug Konstantin vor, mehr zu Luise als zu Martina.
Luise nickte und holte tief Luft, sah zu Martina auf. Danke, dass Sie an uns gedacht haben.
Martina lächelte. Sie streichelte Luises Schulter, einfach so, als wäre die Vergangenheit, all das Ungesagte, endlich ein wenig leichter geworden.
An diesem Nachmittag fiel Licht durchs Fenster, als wollte es bleiben. All das, was nicht bewahrt wurde, bekam einen neuen Namen: Anfang.
Und draußen, irgendwo zwischen Baustelle und Blumentopf, lachte ein fremdes Kind in den ersten Frühlingstag und das Glück, das vielerorts verloren gegangen war, stand ein leises Stück näher vor der Tür.



