Rache auf Raten
Bärbel Schmidt war in ihrer Nachbarschaft für ihre unerschöpfliche Neugier und ihren chronischen Mangel an Selbstbeschäftigung berüchtigt. Man hätte fast meinen können, sie verdiente ihr Rentnerdasein mit dem Aufspüren von Klatsch und Tratsch. Diesmal hatte sie ein neues Opfer erspäht: Katharina, die gerade ihre Wohnungstür abschloss. Bärbel schob prompt ihren Kopf aus ihrem Türspalt, als habe sie darauf gewartet, und säuselte scheinheilig:
Na, hast du dich mit dem Sebastian in die Wolle gekriegt?
Katharina unterdrückte mühsam ein Augenrollen. Sie wusste, Bärbel würde sich nicht abschütteln lassen, bevor sie einen neuen Leckerbissen für ihren Klatschfundus hatte. Also setzte sie ein höfliches Lächeln auf und antwortete möglichst entspannt:
Ach, Frau Schmidt, wie kommen Sie denn darauf? Innerlich stellte sie sich schon vor, wie sie die Nachbarin am liebsten wieder in ihre Wohnung bugsieren und die Türe zunageln würde. Vielleicht noch die Klingel entfernen. So viel Energie und das alles für Gerüchte!
Mit ihrer besten Sonnenschein-Miene legte Katharina nach:
Uns gehts bestens. Wir überlegen schon, die Anmeldung beim Standesamt einzureichen.
Bärbels Augenbrauen schossen nach oben, die Mundwinkel kringelten sich in spöttischem Grinsen:
Ehrlich? Komisch. Als mein Karl und ich glücklich waren, hat er nicht seinen ganzen Hausstand mitgenommen und ist mit Sack und Pack ausgezogen.
Katharina spürte, wie ihr das Herz altersschwach wurde. Natürlich wusste sie, worauf Frau Schmidt anspielte, doch sie dachte nicht daran, Öl ins Feuer zu gießen. Mit ruhiger Stimme konterte sie:
Sie haben sich bestimmt verguckt. Er hat wohl nur die Abstellkammer ausgemistet, da sammelt sich mit der Zeit ja allerhand Plunder an.
Schon fast im Treppenhaus, glaubte Katharina, sie hätte Bärbel abgehängt doch das Altweibergespür ließ nicht locker. Hinter ihr zischte schon wieder die Stimme durch den Flur, die neugierig-selbstgefällige Note nicht zu überhören:
Klar, alte Besen, Putzlappen und Erinnerungen schleppt man immer im Koffer und lädt sie dann ins Auto, ist ja logisch! Hätte ich mir ja gleich denken können…
Katharina blieb auf der Stufe stehen und ballte die Fingerspitzen an ihrer Tasche weiß bloss keine Schwäche zeigen, sonst triumphiert die Klatschtante. Tief durchatmend drehte sie sich langsam um.
Ach, Frau Schmidt, Sie sind und bleiben ein Original, murmelte Katharina mit gezogener Oberlippe, drehte ab und stapfte energisch weiter Richtung Wohnung. Auf Wiedersehen.
Nachbarin Schmidt gab dennoch nicht auf. Ihr Fistelstimmchen schallte noch durchs Treppenhaus, als Katharina fast schon abschloss:
Geh nur, Mädchen, geh! krähte sie fröhlich. Aber zu spät dein Sebastian ist nicht mit dem Taxi abgedampft, sondern eine schicke Blondine hat ihn abgeholt. Gegen die hat du eh verloren, so ist das Leben.
Katharina schloss für einen Moment die Augen, die Schlüssel klirrten nervös in der Hand. Nicht nachgeben! Jede Antwort würde Bärbel nur zu neuer Hochform auflaufen lassen und den abendlichen Ratsch um eine halbe Stunde verlängern. Mit ganzer Willenskraft verbeugte sie sich vor der deutschen Gelassenheit, öffnete die Tür und verschwand so schnell wie ihr Gewissen es erlaubte.
Natürlich, Frau Schmidts Worte klangen nach dem Intro einer dieser billigen Vorabendserien, die Menschen in Bärbels Alter wie eine eigene Realität verschlingen. Katharina musste unweigerlich daran denken, wie die Nachbarin es schaffte, jedes Staubkorn zu einer Staatsaffäre aufzubauschen und daraus eine ganze Episode samt Cliffhanger zu basteln.
Sebastian ist nicht so… redete sie sich zu. Der würde mich nicht einfach so sitzen lassen. Natürlich nicht? Ein stechendes Gefühl im Magen, schnell beiseite gewischt. Das sind Geschichten für Leute mit zu viel Zeit und zu wenig Hobbys. Sebastian liebt mich, wir haben Pläne
In der Wohnung war es ruhig, für deutsche Verhältnisse fast ein wenig unheimlich. Doch der Friede wurde augenblicklich unterbrochen: Aus der Küchenecke preschte ein weißer Flauschball auf sie zu Schnurrbert, ihr kätzisches Schneemonster, stimmte ein launiges Maunzen an, giftete mit den grünen Augen und schwenkte den Schwanz wie eine Pelzstandarte.
Herrgott, Schnurrbert! lachte Katharina, hob das Mädchen auf den Arm. Die Katze nistete sich ein und drückte das bepelzte Kinn an Katharinas Hals, als wollte sie die jüngsten Dramen direkt wegmurmeln. Keiner hat dich gefüttert? Hungert hier die Tierwelt und keiner merkts?
Beim Streicheln der Katze fiel der ganze Stress schrittweise ab. Schnurrbert warf bedeutungsvolle Blicke zur Futterschublade, als hätte sie ein Essenspaket beantragt. Katharina schmunzelte.
Nur keinen Katzenjammer, meine Liebe! Wir werden Sebastian selbstverständlich zur Sau machen, aber erst gibts Dinner. Danach auf Spurensuche.
Flink wurde der Futternapf gefüllt, und Schnurrbert machte sich mit deutscher Disziplin ans Mahl. Ab und zu hob sie prüfend den Kopf, getreu dem Motto: Bleib bloß da, sonst gibts Alarm. Katharina setzte sich daneben und beobachtete, wie die Fürstin von und zu Fellflaus die Kroketten verputzte. Es half tatsächlich: Im Geräusch friedlicher Katzenmahlzeiten liegt eine eigene Heilkraft.
Nur eine Sache ließ ihr keine Ruhe. Sebastian hatte immer als erster an die Katze gedacht. Selbst wenn Schnurrbert mit den Nerven spielte, war Fressnapf und Frischwasser stets parat (manchmal zu üppig, damit der Haushalt schneller wieder still wurde deutsche Pragmatik eben). Blieb das Essen aus, reagierte die Katze mit Gegenmaßnahmen, die von haarigen Hosen bis hin zu kreativen Tätlichkeiten in den Schuh reichten. Sebastian lachte immer, sorgte aber dafür, dass es gar nicht erst dazu kam.
Aber heute war alles anders. Keine Vorräte, keine Zuwendung, keine liebevolle Vehemenz. Katharinas Gedanken wirbelten: Warum ist er heute ausgefallen? Krass vielleicht hat Bärbel doch nicht alles ausgedacht? Noch während Schnurrbert zufrieden schmatzte, stand Katharina energisch auf. Es war Zeit für eine knallharte Inventur.
Im Schlafzimmer riss sie den Kleiderschrank auf. Gähnende Leere. Nur ein paar T-Shirts schrumpften sich an ihre Bügel, der Rest: fort. Sie strich über die nackten Metallhaken, als könne sie damit ihren Sebastian heraufbeschwören. Es half nichts. Die graue Erkenntnis kroch ins Gemüt: Bärbel, diese verdammte Spürnase, hatte tatsächlich ins Schwarze getroffen.
Katharina lehnte sich gegen den Schrank, spürte die unerwartete Stille nun wie einen Presslufthammer. Katzenschnurren an ihrem Bein holte sie für einen Moment zurück auf den Boden, aber innerlich drehte sich weiter alles nur um die Frage: Sebastian, wo bist du?
Noch ehe sie weiter jammern oder Walt-Disney-Filmmusik anstimmen konnte, riss sie ein unverhofftes Pling aus ihren Gedankenschleifen. Das Handy. Aufleuchten. Absender: Liebling.
Mit zitternden Fingern öffnete Katharina die Nachricht. Nur ein paar Worte. Aber genug, um ihre Welt in den Berliner Untergrund zu stürzen:
Ich kann nicht mehr. Es ist aus.
Alles wurde still. Kein Gedanke, keine Stimme nur ein Echo im Kopf, das den Trennungstext wieder und wieder aulief. Sie schloss die Augen und hauchte, kaum hörbar:
Immerhin, feige genug, das nicht ins Gesicht zu sagen.
Mit bleischweren Beinen ließ sie sich aufs Sofa fallen, das Handy schien plötzlich eine Tonne zu wiegen. Kaum abgelegt, sprang Schnurrbert auf die Knie, bugsierte ihre Stirn fordernd gegen Katharinas Brust. Ihrer Mimik nach zu urteilen: Los! Streichelservice und dieses Mal ohne Pause!
Ein halbherziges Lachen entkam Katharina bitter wie ein doppelt gezapftes Pils. Sie drückte das Fellknäuel an sich, und zum ersten Mal wurde die sonst widerspenstige Schnurrbert ruhig, bettete sich mit kaum hörbarem Schnurren auf Katharinas Schoß und ließ sich minutenlang kraulen. Es war, als hätte selbst die Katze verstanden, dass ihre Dosenöffnerin Zuspruch brauchte.
Während der Tränenfluss leise begann und Katharina strich, murmelte sie:
Und was machen wir jetzt, Schnurrbert?
Die Katze brummte beruhigend. Ich bin da. Alles wird gut. schien sie zu sagen.
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Ein Jahr später.
Katharina lümmelte mit Decke auf dem Sofa. Tee dampfte im Porzellanbecher, auf den Knien thronte ein Roman, um sich vom abendlichen November-Bleigrau abzulenken. Es war exakt 23 Uhr eigentlich höchste Zeit fürs Bett, der Wecker klingelte gnadenlos.
Genau in diesem Moment riss das Telefon sie aus der Gemütlichkeit. Nicht nur ein kurzes Klingeln, sondern penetrant, stur, so herrisch, als müsste die Bundespolizei im Wohnzimmer einmarschieren.
Wer ruft denn jetzt an? brummte sie ins Leere. Um diese Uhrzeit machen anständige Menschen höchstens Fenster zu!
Der Anruf ließ nicht locker. Einmal, zweimal, dreimal. Wer andere um 23 Uhr terrorisiert, ist vom Schlag Schmidt, das war sicher. Genervt nahm sie ab.
Ja, hallo?
Katharina, hier ist Sebastian! Es ist ewig her
Sekundenlang rührte sich nichts in ihr dann begann das Herz zu stolpern, eine Mischung aus Zorn und Neugier. Sebastian! Der Sebastian, der sie damals so herzlos sitzen ließ und per WhatsApp-Adieu sagte. Sie atmete tief durch, rief sich zur Ordnung. Kein Zittern in der Stimme. Diesen Punkt musste sie gewinnen.
Was willst du?
Sie presste das Handy beinah auseinander, so fest hielt sie es. Ein Jahr hatte sie Mediationen und Podcasts hinter sich. Glaubte, über den Kerl hinweg zu sein. Und jetzt der Anruf und alles bröckelte. Aber nein jetzt keine Dramen mehr.
Was willst du von mir? brachte sie noch einmal, eiskalt.
Ein Moment Pause am anderen Ende. Dann Sebastians leidender Hundeblick, direkt durch die Leitung:
Ich weiß, ich war ein Idiot Mir gings richtig mies, und ich wollte dich da nicht reinziehen. Aber ehrlich ich hab dich nie vergessen. Jetzt ist alles wieder gut. Vielleicht können wir
Katharina schloss die Augen. Kannte sie diese Ausrede nicht schon aus dem Fernsehabend mit Sekt und bester Freundin? Damals in dem netten Lokal hatte sie Sebastian mit einer blondierten Luxusversion von sich selbst gesehen. Er hatte weggeschaut, sie war weitergegangen. Kein Mitleid mehr für Dramenmänner.
Doch sie hatte keine Lust, diese Laienspielszenen nachzuspielen, also antwortete sie langsam:
Und wenn ich jetzt nicht mehr allein bin?
Die Kunstpause lag so dick in der Leitung, dass man sie hätte streichen müssen. Katharina genoss das, für einmal hatte sie die Oberhand. Nach einem Jahr Bauchweh, endlich ein bisschen Macht.
Du liebst mich doch auch noch komm, das weiß ich! platzte Sebastian heraus, als hätte er Dauerabonnement im Selbstbewusstsein.
So eine Großmannssucht entgegnete sie fast amüsiert. Eigentlich wollte sie auflegen, aber eine kleine Stimme im Kopf sagte: Jetzt wirds interessant. Lass ihn tanzen.
Sie ließ sich Zeit, dann, mit trockenem Geschäftston:
Pass auf, wir machens wie beim ersten Mal. Mit allem, was dazugehört: Blumen, Essen, Geschenke. Ich will sehen, ob es dir wirklich ernst ist nicht, weil du grade niemanden Besseren findest. Und in einem Monat sehen wir weiter, bis dahin keine Extrawurst. Für dich gibts Ratenkauf, Sebastian.
Er musste ein paar Herzschläge lang nachrechnen, bevor die Begeisterung in seinem Satz zurückkehrte:
Klar! Alles, was du willst!
Jetzt lachte Katharina wirklich eine leise, befreiende Sorte. Mal sehen, wie lange bei ihm der Schwung reicht. Ob ein Monat ausreicht, um selbst zu merken, dass auch Ratenzahlung manchmal zu teuer kommt.
Also, treffen wir uns morgen. In dem Café von damals. Punkt sieben?
Natürlich, ich freu mich
Sie legte auf, steckte das Handy weg und atmete frei durch. Die Stille war nicht bedrückend, sondern angenehm. Katharina lächelte.
Morgen, dachte sie, beginnt die nächste Runde aber diesmal nach meinen Regeln.
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Sebastian gab alles, um in den Herzen der Frauenzeitschriften als Musterfreund bestehen zu können. Jeden Tag Blumen, jedes Wochenende ein anderes angesagtes Restaurant, Opern, Theater und Kunstmarkt selbst, wenn er fand, dass ein Abend mit Sportschau und Bier zutiefst unterbewertet war.
Nur ein Monat, redete er sich ein. Danach wird alles wie früher.
Die Euros purzelten aus dem Konto wie das Wechselgeld nach dem Kauf eines Berliner Bustickets. Aber gut Investition in die Zukunft, sagte er sich, irgendwann rechnet sich doch alles, oder?
Er ertrug ihre schwärmerischen Monologe über Sofaüberwürfe und Fototapeten, Besprechungen von Vorhängen und Bepflanzung von Balkonkästen, und nickte mit Mühe, während er innerlich schon wieder auf einen besseren Deal hoffte.
So eine Farce, dachte er. Aber was tut man nicht alles, um wieder ein bisschen Gemütlichkeit zu kriegen
Heute war der Tag der Wahrheit: offizielles Beisammensein sollte eingetütet werden. Sebastian kontrollierte dreimal das Hemd, polierte den billigen Ring, den er als Symbol der neuen alten Liebe dabei hatte, und stopfte verzweifelt einen XXL-Blumenstrauß ins Fahrradkörbchen. Nach deutschem Protokoll wurde pünktlichst aufgetaucht, im Café, wo alles (angeblich) begann.
Und dann das: Katharina kam nicht. Die Minuten zogen sich wie Grünkohl nach Weihnachten. SMS, Anruf, nochmal Anruf nichts. Entnervt stieß er den Ring über den Tischrand, die Rosen gingen frontal in die nächste Papiertonne. Als endlich das Handy vibrierte, war alles zu spät:
Du bist nicht mehr der, der du mal warst. Auf Wiedersehen.
Er verlor die Contenance aus dem Handy wurde ein Puzzle auf dem Marmorboden, Blumen im Abfall und Sebastian im Zorn. Die hat Nerven!, plapperte er in die Runde, egal, ob die fassungslose Bedienung oder Nachbarstrommel zusahen.
Von außen, unter einer Kastanie, sah Katharina das Schauspiel. Sie hatte alles geahnt. Schon nach wenigen Tagen waren ihr Sebastians hohles Lächeln und genervtes Stöhnen nicht entgangen, und vorgestern hatte sie (ganz Bärbel-mäßig) ein Telefonat belauscht: Er beendete das Experiment ohnehin nur als Zwischenstation.
Sie zog daraus ihre Konsequenz. Rache auf Raten mit der typisch deutschen Portion Kühle. Erst abwarten, dann servieren.
Jetzt, wo Sebastian tobte und die Rosen im Müll landeten, lächelte sie in sich hinein. Es war vorbei. Endlich. Und im Gegensatz zu damals fühlte sie keine Rache, sondern pure Befreiung.
Man sagt ja, Rache ist ein Gericht, das kalt serviert am besten schmeckt, dachte Katharina, lief durch die Straßen, und freute sich seltsam warm aufs Leben samt Schnurrbert, Tee und hoffentlich weniger Drama.





