Familienintrigen
Verstehst du überhaupt, was sie gemacht hat? Sie hat einfach den Urlaubsgutschein dir gegeben. Mir. Dir. Uns. Nein, Moment. Sie hat ihn dir gegeben, nicht mir. Und dabei bin ich ihre Tochter.
Sabine schaute zum dritten Mal auf ihr Handy und las die Nachricht ihrer Schwägerin wieder und wieder. Die Worte waren immer dieselben, aber mit jedem Lesen klangen sie anders als würde sich die Betonung jedes Mal verschieben. Gabriele schrieb kurz, ohne Erklärungen, und genau diese Kargheit drückte am meisten.
In der Küche roch es nach gebratenen Zwiebeln und nach Herbst. Der Herbst in Nürnberg im Oktober ist so: feucht, leicht sauer, mit diesem Geruch von nassem Laub, der selbst durch geschlossene Fenster kriecht. Sabine saß am Tisch, hielt eine Tasse mit kaltem Tee und trank nicht. Sie hielt sie nur in den Händen. Draußen wurde es schon dunkel, die Straßenlaternen leuchteten und ihr Licht spiegelte sich in nassem Asphalt als gelbe Flecken.
Mama, warum sitzt du einfach rum?, rief ihr Sohn aus dem Wohnzimmer. Neun Jahre alt, eigentlich bei den Hausaufgaben, in Wirklichkeit lief ein Comic, das Mathebuch lag nur auf dem Schoß.
Alles gut, Benni. Mach weiter.
Sie stellte die Teetasse ab und schaute erneut aufs Handy.
Die Nachricht war vor einer Stunde gekommen. Gabriele hatte geschrieben: Sabine, Mama hat gesagt, dass sie euch dir und Thomas den Gutschein für das Waldufer geschenkt hat. Ich will darüber reden.
Mehr nicht. Keine Begründung, kein bitte, nicht mal ein Fragezeichen. Nur ich will reden, als ob schon das genug sagte. Sabine wusste auch genau, was das bedeutete.
Sie schrieb an ihren Mann: Thomas, ruf mich an, wenn du kannst. Deine Schwester hat geschrieben.
Thomas war zweiundvierzig, arbeitete als Ingenieur bei Siemens und kam jeden Abend gegen acht nach Hause. Sabine war drei Jahre jünger, Anmeldekraft in einer Gemeinschaftspraxis, stand täglich um sechs auf und war abends oft völlig erschöpft. Fünfzehn Jahre verheiratet, und in diesen Jahren hatte Sabine viel gelernt. Zum Beispiel, dass das Wort reden in Thomas Familie nie einfach nur Gespräch bedeutete.
Die Schwiegermutter, Gertrud, wohnte im Nachbarstadtteil in der Welserstraße. Sie würde im November siebzig. Ein wichtiges Alter. Kinder und Enkel sprachen seit Monaten darüber, wie man feiert, wer was schenkt, wohin es geht. Vor drei Wochen rief Gertrud Thomas an und sagte, sie wolle ihm und Sabine einen Urlaub im Kurhotel Waldufer im Harz schenken. Für zehn Tage, alles bezahlt. Sie hatte dafür schon lange Euro zur Seite gelegt und wollte noch etwas Gutes tun, solange sie sich über die Freude anderer freuen konnte.
Thomas war damals zu Tränen gerührt. Rief Sabine sofort an, ganz euphorisch: Mama ist so ein Mensch, immer an andere denkend, ein Goldstück. Sabine hörte zu und fühlte warmes Glück. Sie und Gertrud waren nie eng gewesen, eher respektvoll-distanziert, und dieses Geschenk rührte sie.
Gabriele, siebenundvierzig, wohnte im selben Viertel wie ihre Mutter, war unverheiratet, kinderlos. Sie arbeitete beim Finanzamt, organisiert, korrekt, kannte jedes Formular. Sabine sah sie nur bei Familienfesten, sprach freundlich, ausweichend. Sie spürte in ihr immer etwas Angespanntes, wie eine Saite, die schon bei der leisesten Berührung zu klingen beginnt.
Das Handy vibrierte. Thomas.
Hallo. Was ist los?
Gabriele hat geschrieben. Sie will über den Gutschein reden.
Stille. Sabine hörte ihn durchatmen.
Na siehst du.
Wie, na siehst du?
Ich habe es schon erwartet. Mama rief mich gestern an, Gabi ist wohl enttäuscht.
Thomas, wieso hast du nichts gesagt?
Ich dachte, das gibt sich von selbst.
Sabine schloss die Augen. Das hatte sie fünfzehn Jahre lang von Thomas gehört: Das gibt sich. Es gibt sich nie. Immer war sie es, die am Ende redete, beschwichtigte und die Schuld auf sich nahm.
Was genau hat sie denn zu Mama gesagt?
Dass es unfair ist. Dass sie auch Tochter ist. Wenn Mama schon ihr Geld an uns Kinder geben will, dann bitte gerecht, also entweder Gabriele oder ihr. Sie meinte, alleine ist alles schwerer.
Verstehe.
Mach dir keinen Kopf, Sabi.
Ich mache mir keinen Kopf. Ich denke nur nach.
Sie legte das Handy weg und stand auf. Das Abendessen musste weiter. Bratlinge standen im Ofen, Kartoffeln kochten. Sabine rührte mit einem Holzlöffel im Topf und starrte in die brodelnden Kartoffeln.
Gertrud hatte ihre Entscheidung selbst getroffen eine erwachsene Frau, siebzig, Lebenserfahrung genug. Sie wollte den Gutschein verschenken, dann ist das so. Warum muss daraus jetzt ein Drama werden? Warum muss Sabine sich wieder für etwas schuldig fühlen, wofür sie nichts kann?
Aber sie wusste die Antwort. So war es in dieser Familie immer. Wenn Gabriele nicht bekam, was sie wollte, war Sabine die Schuldige. Nicht Thomas, nicht Gertrud sondern sie, die Schwiegertochter. Die Fremde.
Am nächsten Morgen schrieb Sabine an Gabriele zurück. Sie formulierte ewig, am Ende stand nur: Gabi, ich bin bereit zum Gespräch. Wann passt es dir?
Nach zwanzig Minuten kam lapidar: Ich könnte heute Abend bei euch vorbeischauen.
Wieder typisch. Kein falls es passt, kein Abwägen. Nur ich kann kommen.
Sabine antwortete: Geht heute nicht, Benni ist krank. Benni war natürlich gesund, aber heute schaffte sie es nicht. Sie brauchte Zeit. Nicht zur moralischen Vorbereitung einfach, um ihre eigene Grenze zu finden.
Gabriele: Okay. Dann am Samstag.
Am Samstag hatte Thomas Dienst. Sabine wusste, das war kein Zufall und Gabriele kannte seinen Dienstplan auch. Sie wollte ohne Zeugen sprechen.
Freitagabend rief Sabine ihre Freundin Katrin an. Katrin wohnte einen Block weiter, sie kannten sich aus Schulzeiten und bei ihr konnte Sabine ehrlich sein.
Gabi kommt morgen, ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll.
Was will sie denn?
Vermutlich, dass wir den Gutschein ablehnen. Oder teilen. Oder dass Mama ihr auch so was kauft. Irgendetwas in der Richtung.
Willst du eigentlich fahren?
Darum gehts nicht mehr. Mir ist inzwischen egal, ob ich fahre. Aber warum muss immer ich mich erklären und entschuldigen? Ich habe doch gar nichts verlangt.
Dann sags ihr genau so.
Leichter gesagt als getan.
Hast du Angst vor ihr?
Sabine schwieg. Hatte sie Angst vor Gabriele? Nicht wirklich. Gabi war nicht unheimlich. Aber sie hatte diese besondere Gabe, einen das Gefühl zu geben, immer schuldig zu sein. Nach dem Gespräch war man überzeugt, etwas verkehrt gemacht zu haben, auch wenn Vernunft was anderes sagte.
Nein, ich habe keine Angst. Aber ich bin müde davon.
Dann setz dir deine Regeln. Du musst nicht alles diskutieren. Bleib dabei.
Sabine dachte daran die ganze Nacht. Eigentlich dachte sie nicht, sie lag wach und hörte Thomas schnarchen, während ihr im Kopf Dialogfetzen kreisten was Gabi wohl sagen würde, was sie selbst sagen könnte. Sie probierte verschiedene Varianten, wie man Kleider vor einer Feier anprobiert.
Am Morgen stand für sie fest: Der Gutschein ist nicht ihrer. Jedenfalls nicht nur. Es war Gertruds Geschenk. Und wenn Gertrud es anders möchte, soll sie es selbst sagen. Aber wenn Gabriele mit ihr darüber sprechen will, warum die Schwiegertochter kein Geschenk der Schwiegermutter annehmen dürfte, ist das kein Streit über Gerechtigkeit, sondern etwas anderes.
Am Samstagvormittag putzte Sabine die Wohnung, kochte Borschtsch, backte einen einfachen Apfelkuchen. Nicht, um Eindruck zu machen aber sie musste beschäftigt bleiben. Benni war bei Katrin, die ihn für den Tag mitgenommen hatte.
Gabriele kam um zwei. Punkt zwei Uhr klingelte sie. Wieder ganz ihr Stil.
Sabine öffnete. Gabriele stand im Flur, dunkelblauer Mantel, Umhängetasche, dezentes Make-up. Ruhiges, fast freundliches Gesicht, aber dieses Ziehen um die Augen.
Hallo, sagte Gabriele, schön, dass wir sprechen.
Komm rein, leg ab. Ich mach gleich Tee.
Am Tisch setzten sie sich. Draußen vor dem Fenster ein trüber Novembertag, die Bäume fast kahl.
Sabine stellte den Tee hin, Kuchen auf den Tisch, bewegte sich ruhig, aber innen drin war alles angespannt.
Sabine, begann Gabriele mit Vornamen, als wolle sie garantieren, dass die Aufmerksamkeit ganz auf ihr lag. Ich will mit dir offen sprechen, bitte ohne Missstimmung.
Einverstanden.
Mama hat mir das mit dem Gutschein vor drei Tagen gesagt. Eher nebenbei. Ich war erstaunt, wir haben nie darüber gesprochen, dass sie so viel Geld ausgeben will.
Es ist ihr Geld, sagte Sabine klar. Sie ist erwachsen.
Schon. Aber weißt du… Ich bin ihre Tochter. Ihre einzige. Und ich finde es schon merkwürdig, dass so ein Geschenk nicht an mich, sondern an die Schwiegertochter geht. Ist nicht böse gemeint.
Es ist nicht nur für mich. Für Thomas und mich. Dein Bruder.
Trotzdem. Das ist ein Gutschein für zwei Thomas fährt ja mit dir. Am Ende bekommt also auch du das Geschenk.
Gabi, ich bin ihre Schwiegertochter. Sie darf mir doch Geschenke machen.
Ein klein wenig lächelt Gabriele. Dieses Lächeln, das Sabine immer irritierte: verständnisvoll, großzügig von oben herab.
Natürlich darf sie das. Es geht mir um das Gefühl. Mir als Tochter tut das ein bisschen weh. Verstehst du das?
Ich verstehe es. Aber was willst du konkret?
Kurze Pause. Gabriele stellt die Tasse ab, schaut zum Fenster.
Ich will, dass du mit Mama sprichst.
Über was?
Ob sie vielleicht ihr Geschenk überdenkt. Oder mir ein gleichwertiges macht. Du als Schwiegertochter könntest das vorsichtig ansprechen. Sie mag dich. Du weißt, wie man auf sie eingeht.
Sabine hörte zu und wunderte sich nicht wütend, eher verblüfft. Gabriele wollte also, dass sie zu Gertrud geht und das Geschenk rückgängig macht oder für Gabriele das Gleiche aushandelt. Interessante Logik.
Du möchtest, dass ich zu Mama gehe und sie bitte, ihr eigenes Geschenk noch mal zu bedenken?
Nicht anders entscheiden nur ergänzen. Es wäre fair.
Gabi, das ist nicht meine Aufgabe. Das ist zwischen dir und deiner Mama. Wenn du findest, sie war unfair, rede mit ihr.
Hab ich. Sie hört nicht zu. Sie wird traurig und fängt an zu weinen.
Das ist ihr Weg, auf deinen Wunsch zu reagieren. Aber das heißt nicht, dass ich dazwischen gehen muss.
Gabriele richtet sich auf. Ihr Lächeln verschwand.
Ich bitte dich doch nicht um etwas Unmögliches. Hilf mir einfach nur. Du weißt doch selbst, wie sehr Mama den Familienfrieden liebt. Wenn du sagst, ihr wartet mit dem Urlaub, oder könntet eine andere Lösung finden, dann wird sie dich nicht böse ansehen und ich wäre erleichtert.
Es tut mir leid, dass du enttäuscht bist, wirklich. Aber ich werde Gertrud nicht bitten, ihr Geschenk zu ändern. Sie hat es uns von Herzen gemacht. Und ich spiele das nicht zurück.
Schweigen. Hinter dem Fenster herbstgrauer Himmel. Weit im Hof bellt ein Hund.
Du willst mir also nicht helfen, sagt Gabriele. Der Ton ist jetzt ein anderer: sachlicher, ohne jede Emotion.
Ich sage, dass ich das nicht kann und nicht will. Wenn Mama meint, sie soll dir auch was geben dann macht sies. Ich entscheide das nicht.
Also interessiert dich mein Schmerz nicht.
Er ist mir nicht egal. Aber es heißt nicht, dass ich deinetwegen etwas tun muss, das ich selbst nicht möchte.
Gabriele steht auf. Kein böses Wort, keine Erhöhung der Stimme, nur nimmt sie ihre Tasche.
Ich dachte, wir könnten ehrlich reden.
Haben wir, sagt Sabine.
Gabriele geht. Sabine bleibt lange sitzen. Der Kuchen bleibt fast unangetastet, nur ein kleines Stück fehlt.
Sie empfindet keinen Triumph, auch keine Erleichterung. Eher so etwas wie tiefe Müdigkeit, aber auf eine andere Art als hätte sie ein langes Gespräch geführt, bei dem sie nicht das Richtige, sondern das Notwendige gesagt hat.
Abends ruft Thomas an.
Und? Wie liefs?
Gut. Ruhig. Gabriele wollte, dass ich mit Mama rede, damit sie den Gutschein überdenkt oder ihr etwas gibt.
Kurze Pause.
Und, hast du?
Ich habe es abgelehnt.
Schweigen. Sabine weiß, jetzt kommt ein Satz, der ihr nicht gefällt weil Thomas gewohnt ist, Konflikte mit Zugeständnissen zu lösen.
Vielleicht war das zu schroff? Es ist doch schwierig für sie.
Thomas, bitte jetzt nicht.
Ich sag ja nur.
Ich weiß. Aber: Wenn deine Schwester ein Problem mit dem Geschenk hat, soll sie es mit Mama klären. Ich werde mich dafür nicht entschuldigen.
Er schweigt lange.
Na gut. Du hast recht.
Ob er das glaubt? Oder vielleicht morgen anders sieht? Wer weiß. Fürs Erste reicht das.
Die nächsten Tage gehen ruhig vorbei. Gabriele schreibt oder ruft nicht an. Gertrud meldet sich am Mittwoch, fragt nach Benni, redet mit Sabine über Apfelmusrezepte. Kein Wort von Gutschein, Gabriele oder Aufregung. Sabine fragt auch nichts. Sollen sie machen.
Aber am Donnerstag kommt eine Nachricht nicht von Gabriele, sondern von Gertrud.
Sabine, sei bitte nicht böse. Habe mit Gabi gesprochen. Sie ist so enttäuscht. Ich wollte dir und Thomas eine Freude machen, aber jetzt überlege ich, ob ich nicht lieber das Geld unter euch beiden teile? Sie steht ja alleine da. Du verstehst mich sicher? Bist du sehr enttäuscht?
Sabine liest und fühlt einen bitteren Geschmack. Nicht wegen des Gutscheins. Der ist nur ein Urlaub. Sondern weil klar ist: Gabriele hat ihren Willen bekommen nicht durch Sabine, sondern über die Mutter. Reden, bis Gertrud sich wieder verantwortlich fühlt und alles angleichen muss.
Das war das Schlimme. Nicht, dass der Gutschein weg war, sondern dass Gertrud jetzt Schuld empfand. Für ihren Herzenswunsch, den Sohn glücklich zu machen.
Sabine überlegt lange und schreibt schließlich: Gertrud, machen Sie, wie Sie es selbst richtiger finden. Der Gutschein war Ihr schönes Geschenk, wir hätten uns gefreut. Aber bitte ändern Sie nichts nur wegen Gabi. Tun Sie es, weil SIE das wirklich wollen.
Die Antwort kommt nach einer Stunde: Danke dir. Du bist klug.
Sabine wusste, der Gutschein wird zu Geld. Das ist Gertruds Weg: nie darf ein Kind traurig sein. Es war vorhersehbar, und es ist ihre Entscheidung.
Thomas erfährt es am Abend. Ruft von der Arbeit an.
Mama will das Geld teilen.
Ich weiß. Sie hats mir geschrieben.
Stört dich das?
Es ist nicht meine Sache. Es ist Mamas Geld.
Trotzdem. Tut es dir nicht weh?
Nicht wegen des Gelds. Es schmerzt, weil Mama ein Geschenk machen wollte und jetzt ist es zum Problem geworden.
Er schweigt einen Moment.
Willst du mit Gabriele nochmal reden? Versöhnlich?
Nein.
Wieso?
Sie hat mich zu Dingen gedrängt, die ich nicht will. Ich habe abgelehnt. Dann hat sies doch bekommen. Was soll ich noch reden?
Sie hats bestimmt nicht mit Absicht getan.
Sabine sagt nichts. Ist Absicht wirklich wichtig? Ergebnis zählt: Gertrud fühlt sich jetzt schlecht und muss teilen. Ein Geschenk aus Liebe wurde zu Buchhaltung. Aber sie sagt das nicht, nur: Lass es gut sein. Hauptsache, deine Mutter findet ihren Frieden.
Er seufzt erleichtert. Sabine merkt es durchs Telefon.
Es wird November. In der Stadt fällt der erste Schnee, der gleich wieder schmilzt. Sabine arbeitet, holt Benni ab, kocht Suppe, liest vor und versucht nicht viel nachzudenken. Nicht weil sie alles vergessen will sondern weil sie für sich beschlossen hat: Sie hat ihr Möglichstes getan. Mehr muss nicht sein.
Aber Familien sind nie einfach. Es geht immer weiter. Man kann nicht einfach das Kapitel schließen dafür gibt es Thomas, Benni, Feiern, Geburtstage.
Anfang November ruft Gertrud von sich aus an selten, meistens telefoniert sie mit Thomas.
Sabine, sei nicht böse wegen des Gutscheins. Ich meinte es doch gut.
Ich bin nicht böse, wirklich.
Gabi ist halt allein. Es ist schwer für sie.
Ich verstehe das.
Denk nicht, ich hab dich weniger lieb. Ich mag euch alle gleich.
Das weiß ich.
Ich geb das Geld euch beiden aber jetzt eben geteilt. Ist das okay?
Sabine spürt etwas Unkompliziertes und Schweres. Sie ist froh, dass Gertrud anruft aber auch, dass jemand sie wohl dazu gedrängt hat.
Gertrud, machen Sie, wie Ihnen das Richtigste erscheint. Ich bin nicht sauer, egal wie.
Danke, Kind. Du bist lieb.
Sabine legt auf, schaut lange die Wand an, geht dann in die Küche.
Katrin ruft abends an.
Frieden geschlossen?
Irgendwie. Geld geteilt, alle zufrieden.
Du auch?
Weiß nicht. Eigentlich nicht. Gabriele hat wieder ihren Willen bekommen. Klar, ich habe nicht nachgegeben aber letztlich läuft alles, wie sie es will.
Aber das ist nicht deine Niederlage. Was Mama macht, machst nicht du. Nur was du tust.
Ich weiß. Aber es fühlt sich trotzdem ungut an.
Schon. Aber: Du hast nicht ausgehandelt, du bist nicht zur Schuldigen geworden. Das zählt.
Manchmal denkt Sabine, im Grunde lässt sich sowieso alles umgehen. Wer nicht direkt bekommt, was er will, schafft es halt anders über Mama, Bruder, Gespräche.
Vielleicht. Aber trotzdem… es nervt.
Der runde Geburtstag von Gertrud ist auf den letzten Samstag im November gelegt, gefeiert im Orion am Nürnberger Stadtrand. Kleiner Saal, dreißig Gäste, Verwandte, Nachbarn, Freundinnen. Alles organisiert, Tochter und Sohn teilen die Kosten.
Thomas besorgt einen Strauß und eine feine Wollschal. Sabine nimmt eine warme Decke und guten Tee dazu Gertrud liebt Tee mit Buch am Abend. Benni malt eine Karte Oma, Haus, Sonne. Gertrud weint, als sies sieht.
Gabriele erscheint mit einer Freundin. Sabine sieht sie am Gegenende des Tisches. Ein leises Nicken, ein kurzes Lächeln. Das wars.
Die Feier läuft wie sie soll. Trinksprüche, Geschichten, Gelächter, ein bisschen Weinen. Gertrud blüht, strahlt sie ist glücklich. Siebzig Jahre, ein volles Leben, immer noch umgeben von Menschen.
Irgendwann, als alles zerstreut ist, tritt Gabriele an Sabine heran. Sabine steht am Fenster mit einem Glas Saft, schaut zu, wie Benni mit Großtante Hanne kichert.
Sabine…
Ja?
Ich wollte nur sagen… Vielleicht war es ein Fehler, das Gespräch damals zu suchen.
Sabine schaut sie lange an. Ihr Gesicht wirkt anders weicher; als ob etwas abgefallen ist.
Ich war damals verletzt. Es schien unfair.
Ich verstehe das.
Aber du hättest nicht tun müssen, was ich verlangt habe. Das sehe ich.
Sabine wartet. Soll sie jetzt etwas sagen? Es klingt nach Entschuldigung, nach Erklärung oder vielleicht ist es auch wieder ein Versuch, die Sache neu zu drehen.
Mama hat jetzt entschieden, wie sie es wollte.
Ja. Auf ihre Weise.
Bist du böse?
Sabine schaut zu Benni, draußen fallen dicke Schneeflocken.
Ich bemühe mich, mich nicht zu ärgern. Das ist schwer. Aber ich tue mein Bestes.
Gabriele nickt. Okay. Leise, dann geht sie weg.
Sabine bleibt am Fenster. Draußen wirbelt der Schnee. Gertrud sitzt im Saal in der Mitte, lacht, ihre Augen leuchten. Siebzig und sie kann immer noch so herzlich sein.
Thomas kommt, stellt sich dazu.
Wie gehts dir?
Ganz gut.
Du hast mit Gabriele geredet?
Ein bisschen.
Und?
Nichts Besonderes. Ein Gespräch.
Er nimmt ihre Hand. Kommentarlos. Sie schauen zu, wie die Jubiläin beglückwünscht wird, wie Benni die Großtante zieht, draußen der erste richtige Schnee fällt.
Niemand sagt mehr viel. Keine Gutscheine, kein Geld, kein Küchentischgespräch von letzter Woche.
Aber das alles ist nicht weg. Es bleibt, stellt sich an die Hintergrundwand, beobachtet.
Sabine weiß, dass Familienprobleme nicht mit einer Aussprache gelöst sind, und ein Konflikt macht keinen Bruch. Es dauert, biegt ab, kommt zurück wie ein Weg im dichten Nebel du siehst nur ein paar Meter und weißt nicht, wo er hinführt.
Sie denkt an Gertrud, die Gutes tun wollte und zwischen die Fronten geriet; an Gabriele, die vielleicht einfach einsam ist und deshalb so handelt; an Thomas, der Frau, Schwester und Mutter liebt und keiner alles gleichermaßen recht machen kann.
Vor allem aber an sich selbst. Dass sie etwas getan hat, das sie früher nie gewagt hätte: Sie hat Nein gesagt und stand dazu. Für andere unsichtbar, für sie selbst aber echt.
Keine große Heldentat, kein Finale ein Schritt. Ihr Schritt.
Benni läuft zu ihr, mit glühenden Wangen.
Mama, Oma will ein Gruppenfoto!
Gehen wir!
Sie nimmt ihn an die Hand. Gemeinsam stellen sie sich zur Mitte, zu Gertrud, Thomas, Benni, Gabriele. Der Fotograf redet, alle lachen.
Sie lacht auch. Nicht weil alles gut ist. Sondern weil der Moment zählt: Gertruds großer Tag, der Schnee, Bennis Hand.
Das genügte.
Später beim Verabschieden, als alle ihre Mäntel holen, fängt Sabine einen Blick von Gabriele auf. Kein Groll, keine Wärme. Ein Blick, dann weggedreht.
Sabine weiß nicht, was kommt. Ob Gabriele sich ändert. Oder ob es immer bleibt höfliche Distanz an Familienfesten und sonst nichts.
Ob der nächste Konflikt leichter wird? Vielleicht ein anderes Thema, ein anderes Gespräch. Vielleicht kommt Gabriele wieder mit etwas, das Sabine nicht beantworten will. Oder eben nicht.
Das Leben hält nach kaum einem kleinen Grenzstein an. Es macht weiter, mit allen Leuten, allen Wünschen, Kränkungen, Lieben.
Sabine zieht den Mantel an, wickelt den Schal. Benni tänzelt voraus.
Mama, beeil dich, mir ist kalt!
Ich komm ja schon.
Draußen fällt Schnee. Die Laternen leuchten. Der Nürnberger November riecht nach Schnee, nassem Asphalt, und ein bisschen nach Bratwurst oder nach irgendetwas Warmem aus dem Nachbar-Café.
Sie laufen zum Auto. Thomas trägt den restlichen Kuchen, den Gertrud mitgegeben hat. Er redet mit Benni über Winter und Schnee, Benni plappert.
Sabine läuft still nebenher und denkt an das, was Gabriele zuletzt sagte: Vielleicht wars ein Fehler, dich damit zu belasten. Vielleicht. Oder auch nicht. Es war ein Stein, der endlich ins Rollen kam. Wohin, weiß keiner.
Mama, gehen wir nächste Woche wieder zu Oma?, fragt Benni.
Mal sehen.
Sie hat Pfannkuchen versprochen!
Dann gehen wir vielleicht.
Benni ist zufrieden, saust los. Thomas öffnet Sabine die Tür, sie steigen ein und fahren durch die leise Stadt, Schnee, Laternen.
Im Auto ist warm. Benni schläft bald auf der Rückbank ein. Thomas fährt schweigend.
Thomas…
Hm?
Alles gut.
Er schweigt, sagt nach einer Weile:
Ich weiß.
Sie fahren weiter. Schnee fällt, die Stadt liegt still und gelb im Licht.
Sabine schaut raus und fragt sich: Wie geht es Gabriele jetzt, allein, mit Mantel und Tasche? Kommt sie nach Hause, schaltet das Licht ein, macht Tee. Was fühlt sie jetzt Erleichterung oder Schwere?
Sabine weiß es nicht. Und vielleicht muss sie es auch gar nicht wissen wir können nie ganz in andere Menschen reinblicken, selbst wenn wir es glauben.
In der Tasche ist das Handy still. Keine Nachrichten.
Diese Stille tat gut.
Zuhause trägt Thomas Benni ins Bett, ohne ihn zu wecken. Sabine hängt den Mantel auf, geht in die Küche, setzt Wasser auf.
Sie gießt sich Tee ein, setzt sich an den Tisch. Genau dieser Tisch, wo alles begonnen hat. Oktoberabend, Zwiebelduft, eine Nachricht am Display.
Jetzt ist November. Schnee vor dem Fenster. Gertrud feierte ihren Siebzigsten. Kein Gutschein, sondern Geld für alle. Gabriele sagt: Vielleicht hätte ich nicht kommen sollen. Thomas sagt: Ich weiß.
Und jetzt?
Sabine nippt am Tee. Kräutertee, gestern gekauft.
Sie weiß nicht, was kommt mit Gabriele, der Schwiegermutter, Thomas, sich selbst. Das Leben ist unberechenbar. Mal schlimm, mal schön.
Eins weiß sie aber: An jenem Samstag, als Gabriele ihr gegenübersaß und ruhig von Gerechtigkeit redete und mir als Tochter tut das eben weh, da hat Sabine in sich etwas gefunden, das Bestand hat. Keine Wut, keine Kränkung etwas anderes. Das, was nicht zerbricht, wenn Druck kommt.
Sie nennt es für sich: ihren Platz. Ihr eigener Platz, und da steht sie so lange sie will.
Das Handy bleibt dunkel.
Sabine trinkt aus und geht schlafen.
Draußen fällt der erste richtige Schnee.
Thomas, schläfst du?, fragt sie im Dunkeln.
Fast.
Gut.
Sabine?
Ja?
Du warst tapfer. Mit allem.
Sie antwortet erst nicht, dann:
Ich habs zumindest versucht.
Mehr sagt er nicht. Nur nimmt er ihre Hand unter der Decke. Einfach so.
Sabine liegt da und lauscht der stillen Novembernacht. Irgendwo fällt Schnee. Gertrud schläft in der Welserstraße, Gabriele in ihrer Wohnung, Benni im Kinderzimmer. Es ist alles eine Stadt, eine Nacht, ein Leben, das weitergeht egal, ob ein Kapitel zu Ende ist oder nicht.
Ob es endet, das wird sie eh erst später wissen.





