Teures Vergnügen

Teure Liebe

Maren, schon wieder? Wie oft denn noch? Ich arbeite doch nur noch für deinen Kater!

Der Kater, den Maren verzweifelt in die Transportbox bugsieren wollte, wand sich aus ihren Händen, plumpste auf den Boden und verkroch sich jammernd in die Ecke des Flurs. Nach seinem Blick zu urteilen, hatte der Kater, dem Maren einst so hoffnungsvoll den Namen Goethe gab, durchaus vor, seine in Tims Augen völlig wertlose Existenz möglichst teuer zu verkaufen.

Es war lange her, dass Goethe, von Maren liebevoll Göschi gerufen, bei ihr eingezogen war. Wie alt der Kater tatsächlich war, wusste sie nicht genau. Sie hatte ihn von der Straße aufgelesen. Kein Kätzchen mehr, sondern bereits ein junger Kater mit ausgeprägtem Charakter, wie damals die Tierärztin ihrer Mutter Birgit versichert hatte.

Zu jener Zeit war Birgit zusammen mit Maren in die Tierklinik gestürmt, den Kater fest in ein altes Kinderdeckchen gehüllt an sich gedrückt.

Bitte, retten Sie ihn!

Wo haben Sie denn dieses Ungeheuer gefunden? Die Tiermedizinische Fachangestellte verzog das Gesicht. Das ist doch ein richtiger Streuner!

Worauf es ankommt: Das ist jetzt UNSER Kater. Helfen Sie ihm, Sie sehen doch, wie schlecht es ihm geht! Was zögern Sie? Sind meine Euros etwa schlechter als die von denen, die hier mit Rassekatzen einmarschieren?

Birgit war in diesem Moment so wütend, dass die Arzthelferin sich weitere Fragen verkniff. Und das ganz zu Recht.

Birgit Schmidt war eine unglaublich willensstarke Frau. Was wollte man auch erwarten? Versuchen Sie mal, ein Kind allein großzuziehen, ohne jede Unterstützung, und nebenbei zwei alten Elternteilen zu helfen und das als Erzieherin in einer Kita mit einem Gehalt, das kaum fürs Notwendigste reichte. Da lernt man kämpfen.

Natürlich stand Birgit immer für sich selbst ein, aber sie besaß auch ein riesiges Herz. Liebte Kinder, mochte Katzen und ab und zu sogar Hunde obwohl sie davor seit ihrer Kindheit ein wenig Angst hatte.

Sie ließ niemanden mit sich Schlitten fahren: Nicht die Nachbarinnen, nicht die anderen Eltern, die ihre Kinder zu ihr brachten, und schon gar nicht die Zufallsbekanntschaften, die immer wieder dachten, eine so zerbrechlich wirkende, alleinstehende Frau wäre leichte Beute.

Doch Birgit kämpfte immer auf ihre Weise: leise, nachdenklich, nie laut, nie beleidigend, eher so, dass ihr Gegenüber irgendwann über sich selbst sprach. Meist veränderte ein Gespräch mit Birgit alles: Wer eben noch aufbrausend gewesen war, saß nun im Flur neben ihr, erzählte von seinem Leben, seinen Sorgen, und ging am Ende geläutert von dannen, manchmal sogar mit einem Danke auf den Lippen.

Wie sie das schaffte, wusste Birgit selbst nicht so genau. Doch sie hatte ein besonderes Talent: Sie hörte zu. Und vielleicht war es genau das, was die Menschen spüren ließ, dass ihnen wirklich zugehört wurde.

Trotzdem: Ihr Talent wirkte meist nur bei Fremden. Zuhause blieb das Miteinander oft schwierig.

Ihr Mann hatte Birgit nach einer Woche Ehe verlassen. Ihre Mutter meinte später häufig, er hätte sich für einen Mann recht lange gehalten.

Das tat weh, aber irgendwie wusste Birgit, dass ihre Mutter nicht ganz Unrecht hatte. Mit einer Frau wie ihr so naiv und unbeholfen ließ sich schwer eine Familie gründen. Ihr Mann hatte beim Gehen nur gelacht: Aus dir wird nie eine richtige Frau so wenig, wie aus mir ein Balletttänzer!

Klar war Birgit traurig.

Doch dann, ein paar Monate später, merkte sie, dass sie schwanger war und fand Trost. Immerhin: Sie war eine Frau. Männer können nun mal keine Kinder bekommen!

Die Geburt ihrer Tochter war für Birgit das größte Fest, das es in ihrem unspektakulären, entbehrungsreichen Leben je gegeben hatte.

Ihre Mutter jedoch unterstützte Birgit nicht in dem Wunsch, das Kind allein großzuziehen. Warum tust du dir das an, Birgit? Das ist eine Last! Du bist jung, attraktiv und hast Möglichkeiten. Und wenn du das schon tust: Du wirst am Monatsletzten nur noch Nudeln und Kartoffeln essen. Kinder sind ein teures Vergnügen, Birgit! Das merkst du später ganz sicher!

Mama, so leben wir doch jetzt schon?

Eben! Und was ist daran gut?

Birgit war ins Grübeln gekommen. Sie war gewohnt, auf ihre Mutter zu hören, doch diesmal rebellierte alles in ihr.

Allein schon der Gedanke, das Kind nicht zur Welt zu bringen, raubte ihr den Atem. Wie sollte sie etwas zerstören, das bereits Teil von ihr war? Ihr war klar sie konnte und wollte nicht anders. Und zum Glück kam Hilfe: Ihre Großmutter tauchte eines Tages in der Stadt auf und sagte, energisch das Kopftuch richtend: Machs, Birgit. Ich helf dir!

Aber Oma, was wird aus Opa allein im Dorf?

Dein Opa ist noch rüstig und wenn nicht, holen wir ihn zu uns.

Ein ordentliches Bündel in einem alten Küchentuch legte sie auf den Tisch: Der Erlös aus dem Verkauf des Elternhauses, Ersparnisse genug für eine kleine Wohnung in Leipzig. Alles andere müsse Birgit alleine schaffen. Die Mutter war entsetzt, die Großmutter zog ihre Linie durch. Die beiden Frauen sprachen tagelang nicht.

Doch das Leben ging seinen Weg. Birgit, unterstützt von der Oma, kaufte eine sanierungsbedürftige Altbauwohnung. Ihre Großmutter, eine wahre Basar-Fee, überredete den Makler zu einem anständigen Rabatt. Eine Bautruppe, angeführten vom mürrischen Erwin, zauberte aus der Ruine vier wohnliche Zimmer, während Birgit zum ersten Mal in ihrem Leben voller Glück Tränen vergoß, als sie das eingerichtete Babyzimmer betrat.

Die kleine Maren kam etwas zu früh zur Welt, aber alles ging gut. Zart und stark wuchs sie heran. Birgit ließ ihre Erfahrungen und Fehler der Vergangenheit nicht auf ihre Tochter abfärben.

Doch Maren war kein einfaches Kind, sondern eine wahre Tüftlerin sie wusste schon früh, was sie wollte. Ihre liebenswürdigen Verhandlungsversuche um Süßigkeiten waren Legende und ergaben stets: Sie bekam am Ende doch das, was sie wollte meist mit strengem Blick, aber auch mit einem Augenzwinkern ihrer Mutter begleitet.

Auch zur Großmutter hatte Maren sofort einen Draht. Wenn die mal wieder schimpfte, setzte sich die Enkelin auf deren Schoß, fuhr mit dem kleinen Finger über die Stirn und sagte: Oma, nicht ärgern! Davon bekommst du nur Falten! Schau, so wird wieder alles glatt!

So fand die kleine Familie immer mehr zusammen. Großmutter und Opa kamen nach dem Verkauf des Hofes in die Stadt und bildeten mit Birgit und Maren eine eingeschworene Gemeinschaft.

Als die Großmutter krank wurde, war niemandem zum Lachen zumute. Maren brachte ausgerechnet zu dieser Zeit den alten Goethe mit nach Hause.

An dem Tag, als Goethe in die Wohnung einzog, war Maren verschwunden. Sie verpasste ihren Opa um ein paar Minuten auf dem Nachhauseweg.

Verzweifelte Suche Nachbarn, Mitschüler, Eltern, selbst Birgit, alle suchten Maren.

Doch Maren fand den Weg alleine zurück nach Hause, verheult, mit einem abgekämpften, verletzten Kater im Arm. Ohne Worte wickelte Birgit den Kater ins Kinderdeckchen, wickelte ein Taschentuch um Marens Hand, zog den Mantel an und eilte in die Tierklinik.

Der Kater hatte einige Bisswunden, war erschöpft, aber nicht verloren. Mit etwas Pflege und ein paar Medikamenten durfte er bleiben. Nur Birgits Portemonnaie wurde schwindelig: Gut über hundert Euro so viel kostet normalerweise eine Rassekatze!

Den Rest des Monats war Ebbe in der Kasse. Noch Medikamente für Goethe, für Oma und ein Geschenk für Maren, die bald Geburtstag hatte. Maren aber schlich am Abend in die Küche und sagte: Mama, ich will keinen Geburtstag. Goethe ist mein Geschenk. Darf er bleiben bitte?

Birgit nahm ihre Tochter in den Arm und sah den Kater an. Goethe war angekommen. Und aus seltsamer Fügung wurde der Kater zum Glücksbringer.

Birgit, die bislang auf ihr schmales Gehalt als Erzieherin und die Renten der Großeltern angewiesen war, wagte einen Neuanfang kündigte und wurde schnell eine vielgesuchte Nanny in guten Leipziger Familien. Ihre besondere Art mit Kindern sprach sich herum und von Familie zu Familie stieg auch ihr Lohn. Jeden Abend strich Birgit Goethes mittlerweile verheiltes Ohr und lachte: Danke, mein Kater durch dich hab ich den Sprung gewagt!

Goethe war Marens Schatten, half bei Hausaufgaben, schnurrte auf dem Tisch, leistete Trost in Stunden von Trauer: Als erst die Oma, später auch Opa starben, war er zur Stelle. Und als Birgit einen neuen Mann kennenlernte und nach langem Zögern heiratete, war Goethe Zeuge bei allen Veränderungen.

Maren, mittlerweile junge Erwachsene, blieb nach dem Studium in der Wohnung, in der sie groß geworden war. Dort brachte sie auch ihren Freund Paul mit.

Mensch, Maren, was für eine Bude!

Da flitzte Goethe zischend und fauchend aus dem Schlafzimmer und attackierte Paul, der vor Schreck fast aus dem Fenster sprang.

Nimm den Kater weg!

Maren zähmte die Szene, aber Paul und Goethe freundeten sich nie an. Paul mochte den Kater nicht, und Goethe machte kein Geheimnis daraus, dass das auf Gegenseitigkeit beruhte.

Nach einem Jahr Hochzeit, und bald schon kamen die Konflikte. Beim ersten Streit um Goethes Tierarzt-Rechnung explodierte Paul:

Was? Für den lächerlichen Flohballen nochmal 250 Euro? Für dich? Ich geb weniger für mich beim Arzt aus!

Maren hielt ihm entgegen: Goethe ist ein Familienmitglied!

Von welcher Familie? Von meiner sicher nicht!

Maren, die gerade erst erfahren hatte, dass sie schwanger war, schwieg sie wollte keinen Streit. Doch als Goethe wieder krank wurde, kochte es Paul schmiss seinen Schuh gegen die Wand: Es reicht! Raus mit dem Tier! Für so eine Luxuskatze geb ich keinen Cent mehr aus!

Dann geh ich mit!, war Marens ruhige Antwort. Irgendetwas zerbrach in diesem Moment zwischen ihnen und Maren wusste, dies war nicht der Mann, mit dem sie alt werden wollte.

Sie sagte es nicht, erinnerte ihn auch nicht daran, dass es IHR Zuhause war sie ging einfach. Packte Goethes Transportkiste, die Schlüssel aus dem Mantel ihres Mannes, und sah Paul an.

Paul, ich bin schwanger. Ich darf keinen Stress haben. Der Kater versteht das du nicht. Bitte geh jetzt. Wir klären später alles. Aber ab heute lebe ich und unser Kind ohne dich. Wer so leicht ein Tier aus meinem Leben wirft der wird auch mich irgendwann so behandeln.

Ohne noch ein Wort nahm sie Goethe, boxiert ihn vorsichtig in die Box er ließ es ohne Murren geschehen und ging zur Tierärztin. Später, als Paul sich beruhigt hatte und Maren ihm von der Schwangerschaft erzählte, versprach er, Verantwortung für sein Kind zu übernehmen. Und er hielt Wort. Sie nannten ihre Tochter Luisa.

Luisa wuchs in zwei Haushalten auf mit zwei Zimmern, zwei Kuscheltieren. Es gab Oma Birgit, die immer zur Stelle war, und Pauls Mutter Ursula, eine herzenswarme Frau. Die Liebe aller war für Luisa wie ein warmer Mantel.

Goethe wurde schließlich der beste Babysitter: Legte sich zwischen das Kind und das Kissen; schnurrte, bis die Kleine einschlief. Für Luisa war klar Katzen sind Familienmitglieder. So selbstverständlich, wie alles Gute im Leben.

Marens Leben war nicht einfach. Leicht machte es ihr niemand. Aber als sie einmal abends über Goethes Ohren strich und leise sagte: Ohne dich hätte ich das alles nicht geschafft, da schnurrte er besonders laut und blickte zum Baby in der Wiege als wollte er sagen: Gut gemacht, Maren!

Und eines Tages wird Luisa ihren eigenen kleinen Menschen willkommen heißen, sich über die Wiege beugen und flüstern: Hallo, mein Kleiner. Ich hab so auf dich gewartet…Willkommen in unserer Familie. Bei uns ist Platz für alle, die bleiben wollen. Für jeden, der Liebe braucht. Und falls du irgendwann einen Freund mit Fell und krummen Schnurrhaaren findest, weißt du ja: Die wirklich wichtigen Dinge kosten manchmal mehr, als man in Euro aufwiegen kann. Aber sie schenken uns alles, was zählt.

Luisa lächelte im Halbdunkel, während draußen in der Nacht eine Katze leise über das Dach sprang und drinnen ein sanftes Schnurren an ihr Ohr drang. Manchmal, dachte sie, ist Glück tatsächlich so einfach und teure Liebe jede Münze und jedes Katzenhaar der Welt wert.

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Homy
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