Ich suche eine Frau namens Annemarie.
Unter einer niedrigen Backsteinbogen ist er in einen Berliner Hinterhof getreten, matschig von tautem Schnee. Schon der vierte Hof heute. Ein paar Kinder balancieren auf den nassen Schaukelpferden, Jungs schicken einen Puck über die große Pfütze zwischen den Häusern das Wasser spritzt, aber Hauptsache, sie spielen, der Rest ist ihnen völlig egal.
Einen Moment steht er unter dem Torbogen und lässt den Blick schweifen. Er versucht vergeblich, irgendeinen Fetzen Vergangenheit zu greifen, ein Detail, das ihn zurückkatapultieren würde. Aber nichts hier sieht noch so aus wie damals und das ist vielleicht auch gut so, die Jahre sind vergangen. Damals gab es nur Leinen, an denen Wäsche im Wind flatterte, ein paar Anbauten unter den Fenstern, Fliederbüsche und einfache Holzbänke.
Jetzt …
Alles hat sich über die Jahrzehnte verändert oder wohl eher: Es musste sich verändern.
Dass ein respektabler älterer Herr mit Schiebermütze und Pelzfutter im Hof stand, fiel niemandem auf. Hier, wo in jedem zweiten Haus Wohnungen vermietet werden, in Berlin … Nun ja.
Sein Ziel: das Haus rechts vom Tor. Das war damals schon so, das konnte nicht anders sein. Er erinnert sich: zweiter Stock, ein Gebäude mit drei Etagen, die Wohnung mit den tiefen Fensternischen, zweite Tür rechts, ganz in der Ecke. An der Türrahmen verschiedene Klingelknöpfe, keine wie die andere, und die Namen der Mitbewohner daneben.
Jede Einzelheit drinnen weiß er noch der Faltenwurf am Vorhang, der krumme Fenstergriff, der grüne Wasserkessel, das Knarren der Dielen und sogar dieser eine dicke Kakerlak, den sie zwei Tage lang gejagt hatten. Alles geblieben dort in seinem Kopf, tief vergraben.
Nur die Wohnungsnummer, die weiß er nicht mehr. Die Hausnummer ist auch verschwommen. Die Straße die kriegt er zusammen. Aber die ganzen Berliner Hinterhöfe ähneln sich, und er sucht schon stundenlang von Hof zu Hof. Das Haus? Vielleicht zweites oder doch das erste ab Tor … Die Häuser sind sich zum Verwechseln ähnlich, alle um die gleiche Zeit hochgezogen.
Und so hält er diesen Hofrundgang am Leben immer weiter.
Rechtes Haus, zweites Treppenhaus, oder wie sagt man hier: zweite Vordertür, zweiter Stock, ganz hinten … Nummer 43? Vielleicht …
Wo es einen Summer gibt, tippt er 43.
“Guten Tag, ich suche Annemarie. Wissen Sie, ob …”
Manchmal wird er schon unterbrochen nein, so jemanden gibts hier nicht. Und falls doch, ein Mann? Da muss er es noch mal probieren.
“Entschuldigen Sie, es ist wirklich wichtig. Wissen Sie, ob im Jahr 1980 in Ihrem Haus eine Annemarie gewohnt hat? Das ist für mich entscheidend!”
Im dritten Hof kramt er einen Notizblock rau “16 niemand, 24 sicher nicht, 32a gekauft, neue Besitzer …”
Es gibt noch so viele Höfe abzuklappern, irgendwann wird er zu denen zurückgehen, wo niemand geöffnet hat, wo noch irgendetwas unbeantwortet blieb.
Langsam steigt er die blankgetretenen Steinstufen in den breiten, dunklen Hausflur hinauf. Die Fenster sind hoch, leicht verstaubt. Es riecht nach Katzen wie damals auch.
“Guten Tag!” er nickt freundlich.
Eine ältere Dame in grauem Wollmantel kommt mit einem Einkaufsbeutel auf ihn zu.
“Guten Tag! Sie suchen jemanden bestimmt?”, fragt sie.
“Ich müsste in den zweiten Stock. Ich suche Annemarie, etwa sechzig Jahre alt. Sagt Ihnen der Name etwas?”
“Und welche Nummer?”
“Die Ecke rechts. Schon ewig her da waren noch Gemeinschaftswohnungen hier … Aber wann genau … das weiß ich nicht mehr …”
“Hm, Ecke? Da wohnen doch die Beckers, Herr und Frau, mit ihren zwei Kindern. Von einer Annemarie weiß ich jedenfalls nichts, und ich bin hier groß geworden.”
“Danke,” murmelt er gequält und geht langsam wieder die Treppe runter.
Die Frau folgt ihm.
“Wie war denn der Nachname?”
“Wüsste ich den, hätte ich sie schon übers Telefonbuch gefunden. Ich ehrlich, ich weiß es nicht mehr.”
“Und was war sie für Sie, wenn ich fragen darf?” Die Neugier ist ihr jetzt nicht zu nehmen.
Er bleibt stehen und zuckt mit den Schultern, weiß nicht recht, was er antworten soll.
“Sie? … Sie ist wahrscheinlich alles, was mir noch geblieben ist …”
Da verstummt sie, vielleicht weil sie in seinem Blick den Schmerz erkennt, den dieser Mann trägt. Ihr ist klar er sucht einen Menschen, der ihm viel bedeutet.
Und er, er läuft weiter. Die Hosen sind längst durchweicht. Er klingelt, klopft, wird mal brüsk, mal hilflos abgewiesen, manchmal entsteht ein Gespräch, ein bisschen Verzettelung seiner Geschichte und weiter zieht er vom einen Hof in den nächsten.
Abends in der Pension ist er bitter erschöpft. Mit Jacke aufs Bett, die Augen zu Beine, Rücken tun weh, der Kopf rauscht. Am Morgen, da geht alles wieder von vorne los.
***
Damals war’s ein regnerischer Herbst Berlin in Gold, das auf Gehwegen liegt, und der Regen patscht es immer wieder zusammen. Der Straßenhandel blüht, Kioske und Marktstände überfluten die Stadt.
Er reist mit seinem künftigen Schwiegervater aus Karlsruhe an, zur Bausenatorentagung. Für den Herrn Gründler, wie er hieß, gings um viel: Versetzung nach Bonn stand im Raum. Und Alexander oder jetzt eben: Bernd war damals noch voller Tatendrang, aber ohne große Pläne, er arbeitete einfach nur fleißig als Referent.
Er leitete damals einen neuen Fabrikbau im Süden, viel Verantwortung für einen Anfangdreißiger.
Hier in Berlin aber, da ließ er sich treiben. Die Stadt begeisterte ihn. Gründler schickte ihn kreuz und quer, Bernd landete zur Stoßzeit am Kottbusser Tor und plötzlich, unter all dem Lärm: Musik. Eine Geige. Er tauchte nicht etwa ab, sondern gleich dorthin.
Eine schlanke junge Frau, kastanienbraunes Haar unter einem flaschengrünen Wollbaret, ein dünnes Tuch um den Hals, spielt auf der Geige eine Melodie, so sehnsüchtig, dass Bernd alles um sich herum vergisst. Sie trägt karierte kurze Jacke, Schnürstiefel, ihre Hände sind knallrot von der Kälte, und ganz Berlin scheint ihr zuzuhören oder auch nicht, aber er tut es. Der Geigenkasten vor ihr am Boden, einige Münzen.
Gerade als Bernd sich über die Musik freut, taucht ein halbstarker Typ auf, schnappt sich blitzschnell den Geigenkasten und rennt los. Noch spielt die Frau weiter, als ginge es einfach um alles.
Bernd stürzt sofort hinterher, ruft die Passanten zum Anhalten, ein kräftiger Mann stellt sich mutig in den Weg. Der Dieb wirft den Kasten, setzt über die fahrende Tram, haut ab. Bernd sammelt das verstreute Geld ein, die Geigerin kommt atemlos die Treppen hoch.
“Hier, nehmen Sies mehr hab ich nicht gefunden.” Und dabei merkt er, dass sie nicht deshalb so ernst schaut, dass ihr jemand ihr Einkommen streitig gemacht hat, sondern weil sie irgendetwas anderes bedrückt.
“Passiert das oft hier?”, fragt er.
Hinfort will sie aber nicht viel reden. “Kommt vor,” sagt sie nur, dreht ab, geht Richtung Oranienstraße.
Er folgt ihr trotzdem, am Ende steht sie auf einer Brücke und blickt ins Wasser, den ruinierten Geigenkasten in den Händen. Und wie sie da steht, begreift Bernd: Sie will die Geige ins Wasser werfen. Er läuft hin, greift beherzt zu.
“Nein, bitte nicht! Tun Sie das nicht!”
Sie zuckt zurück, überrascht. Sie kämpfen, stumm, jeder hält eine Seite.
“Sie …? Warum?”
“Ich habe sie blamiert, ich darf sie nicht mehr spielen …”
“Für wen?”
“Meine Mutter. Sie war streng. Aber ich habe versprochen …”
“Was? Wissen Sie, das war das erste Mal, dass ich eine Geige (also wirklich!) so gehört habe. Bitte, hören Sie nicht auf hätten Sie nicht auf dem Bahnsteig gespielt, hätte ich das nie …”
Da entgleitet ihm die Situation. Sie geht einfach weiter.
Er ruft ihr noch nach, dass er sie morgen im Tunnel treffen will, doch am nächsten Tag ist sie weg. Er wartet, stundenlang. Doch sie kommt nicht. Gegen Abend taucht sie dann doch auf, sie sieht ihn, keine Regung sie spielt und nickt nur kurz.
Zwei kräftige Typen von der Revierkontrolle tauchen auf. In den Neunzigern hatte Berlin seine eigenen Regeln; Spiel- und Standplätze auf öffentlichen Platzen waren nicht einfach so zu haben.
“Das ist Ihr Galan? Er kann die Tagesmiete gleich mit bezahlen!”
Dann fliegen, wie so oft, Fäuste. Bernd kann sich wehren, jedenfalls gegen zwei, aber dann werden es vier …
Das Mädchen aber, Annemarie, rennt in die nächste Bar und holt die Polizei.
“Ins Krankenhaus?” fragt sie besorgt, als es vorbei ist.
“Nein, nein! Hab mich nur blöd angestellt…”
“Dann kommen Sie zu mir, helfen Sie beim Umziehen.”
Sie wohnen in einer altberliner Gemeinschaftswohnung”, schmale Flure, Geruch nach Zwiebel und Staub. Sie gibt ihm frische Sachen, kocht Tee. Abends erzählt sie von sich: Musikstudium abgebrochen, die Mutter tot, sie ist mit Gelegenheitsjobs unterwegs.
“Sie sind doch eine echt begabte Musikerin!”
“Nicht gefragt im Moment”, sagt sie traurig und flickt dabei seine Hose. Sie lacht und schickt ihn wieder fort, er kommt am nächsten Tag aber zurück mit Lebensmittel und Süßem. Sie lacht und nimmts an, er darf nochmal kommen.
Sie sind draußen in der nassen Stadt unterwegs, er hält schüchtern ihre Hand, sie lacht, sie werden nass, kaufen eine Tasse Kaffee und teilen sie. Dann küsst er sie. Er sagt, er nimmt sie mit nach Karlsruhe, will sie heiraten, aber sie bleibt still, murmelt nur Zeilen:
“Dies ist das Lied vom letzten Treffen …”
“Sag das nicht, Annemarie”, meint er aber sie zieht ihn in die Wohnung, sie verbringen die ganze Nacht zusammen.
Und am nächsten Morgen kommt für ihn ein Anruf aus Westen.
“Du musst zurück! Es läuft ein Verfahren, das dich ruinieren kann. Du hast Mist gebaut, klar, du kannst alles verloren haben!”
Der Schwiegervater stellt Bedingungen: Hochzeit mit seiner Tochter, dann hilft er, alles andere heißt: Sieh zu, wie du klarkommst.
Bernd hat Angst, große Angst und entscheidet sich für das Sichere. Am Bahnhof in Berlin, während aus der Halle Geigenmusik dringt, steht er weinend in irgendeiner Ecke. Annemarie sieht er nie wieder.
***
Jahre sind vergangen. Als Rentner kehrt er zurück Annemarie zu finden, das ist jetzt wie eine Idee, die er nicht mehr loswird. Er befragt die älteren Damen auf den Bänken, redet mit Nachbarn.
“Annemarie? War das nicht die, die … Ach nein, das war die andere. Die lebt bestimmt noch! In welchem Haus war das denn genau?” “Mit den Fliederbüschen damals?” “Ja, ja, aber die haben wir letztes Jahr gefällt. Die Tochter wohnt noch da im alten Haus …”
Noch einmal tastet er sich im Dunst der Erinnerungen durchs Viertel. Schließlich tatsächlich! trifft er ein älteres Ehepaar im Hof.
“War das nicht Annemaries Tochter, die so berühmt wurde mit der Geige? Die wohnt inzwischen hier im Haus, zweite Etage …”
Das Herz schlägt doppelt so schnell, als Bernd auf den Knopf am neuen Türöffner drückt.
“Wer ist da?”
“Könnte ich … Bitte, ich suche Annemarie. Oder ihre Tochter.”
Die Tochter öffnet, freundlich überrascht. Dieselben lockigen Haare, die Blicke neugierig. In der Wohnung herrscht Wärme, fast familiär. Im Gespräch wird schnell klar, das Mädchen ist Annemaries Tochter, Jahrgang 81, jetzt erfolgreiche Musikerin, Mutter eines Sohnes, Mann Facharzt. Als sie fragt, ob er der Vater? Da läuft Bernd jedes Herz über und sie weinen beide.
Es dauert, bis Bernd das mit Annemarie wieder auf die Reihe bekommt. Dann fährt die Tochter ihn durch den neuen Bezirk, hochmoderne Wohnblocks, fünfter Stock, Wohnung 118.
Er steht zitternd vor der Tür. Sie öffnet, sie erkennt ihn und sagt nichts. Er geht hinein, sie umarmen sich am Boden, ganz vergessen und doch so vertraut. Sie sprechen wirr durcheinander, holen nach, was Jahrzehnte nicht möglich war.
Dann nimmt Annemaries Schwiegersohn sie beide in seinem Kombi mit zur Klinik. “Jetzt habt ihr euch gefunden”, murmelt er.
Annemarie hält seine Hand.
“Jetzt wird alles gut. Diesmal bleibe ich bei dir, Bernd.”
Und während die Berliner Vorstadt draußen vorbeirauscht, ahnt Bernd auf der Rückbank zum ersten Mal seit Jahrzehnten, dass er angekommen ist.
Zu spät? Vielleicht. Aber manchmal reicht es, wenn man es am Ende noch schafft.




