Meine Schwiegermutter nannte mich 12 Jahre lang eine Fremde. Bei der Beerdigung öffnete mein Mann ihre Schmuckschatulle

Zwölf Jahre lang hielt mich meine Schwiegermutter für eine Fremde. Und dann, bei der Beerdigung, öffnete mein Mann ihre Porzellanschachtel mitten in ihrem Schlafzimmer, und ich begann zu weinen.

Aber so weit war es damals noch nicht. 2014 noch hoffte ich darauf, dass irgendwann alles besser wird.

Ich war zweiundvierzig. Eine späte Ehe, wie meine Mutter immer sagte. Mein Mann hieß Thomas zwei Jahre älter als ich. Wir heirateten im Juni in der Standesamt in Heidelberg, ganz ohne großes Tamtam. Den Brautstrauß fing ich selbst, weil ich niemanden einladen wollte. Keine Lust auf Trubel. Thomas war da ähnlich gestrickt Gesellschaft über vier Leute fand er schon zu viel.

Seine Mutter kam in einem fast offiziellen dunkelblauen Kleid zur Trauung. Marianne Schäfer, Rentnerin, ehemals Buchhalterin, sechzig Jahre alt. Sie saß am Tisch mit einem Rücken, der die Lehne gar nicht berührte als hätte sie zwischen den Schulterblättern einen unsichtbaren Faden aufgespannt. Sie schaute mich an mit diesen hellgrauen Augen beinahe durchsichtig, finster umrandet. Ich konnte nie ganz deuten, was in diesem Blick lag. Nicht Feindseligkeit, nicht Groll. Eher so eine Art Prüfung wie lange ich wohl durchhalten würde.

Tierärztin also, sagte Marianne, als Thomas gerade die Torte aus der Küche holte.

Ja, antwortete ich. Schon seit zwanzig Jahren.

Zwanzig Jahre fremde Hunde behandeln. Wird das nicht langweilig?

Ich lächelte. War gewohnt, dass man so mit mir sprach. Wer tagtäglich zittrige Katzen hält und Splitter aus Hundepfoten pflückt, entwickelt eine gewisse Dickfelligkeit. Mein Ton? Ruhig, freundlich, so wie ich mit meinen Patienten rede. Beruhigend. Auch für Menschen.

Nein, wird nicht langweilig, meinte ich.

Sie nickte nur. Kein Lächeln. Kein gut gemacht. Kein toller Beruf. Nur dieses Nicken, dann wandte sie sich demonstrativ zum Fenster.

Auf der Kommode in ihrem Schlafzimmer, wo ich meinen Mantel aufhängen wollte, stand diese weiße Porzellanschachtel handtellergroß mit einer zarten, rosafarbenen Rose auf dem Deckel. Der Metallverschluss schon etwas angelaufen. Ich beugte mich vor bloß aus Neugier, hübsches Ding.

Finger weg, sagte Marianne hinter mir, nicht unfreundlich, einfach sachlich. So wie andere Schuhe aus oder Türe zu sagen.

Ich zog meine Hand zurück.

Das sollte unser Standard für zwölf Jahre bleiben.

Jeden Monat fuhren wir zu ihr hinaus nach Weinheim, in das kleine Haus am Stadtrand. Garten, überdachte Veranda. Marianne buk Kuchen, goss Tee ein, fragte Thomas nach seinem Job in der Maschinenbau-Firma aus. Mich stellte sie ausschließlich Fragen, bei denen man nur falsch antworten konnte.

Hast du die Suppe gesalzen?
Ja.
Merkt man.

Thomas saß dazwischen. Immer zwischen uns, wortwörtlich. Am Tisch, im Auto, auf der Bank draußen. Mein Mann damals vierundvierzig, inzwischen über fünfzig eher groß gewachsen, aber schmal an den Schultern. Und seine Haltung? Immer ein bisschen vornübergebeugt als würde er im Leben stets abtauchen, um bloß niemanden zu stören. Genau so war auch sein Charakter. Niemanden verletzen, niemanden zwischen die Fronten geraten lassen. Deswegen rührte er keine von uns an.

Im ersten Jahr bemühte ich mich. Brachte Geschenke Schal, Handcreme, Teesorten. Marianne nahm alles mit derselben Miene entgegen. Danke, verstaute das Präsent, aber benutzen sah ich nie etwas davon.

Ich bot meine Hilfe im Garten an. Sie: Das schaffe ich schon alleine.
Ich wollte abräumen. Sie: Setz dich. Du bist doch zu Gast.

Gast. Ein Jahr nach der Hochzeit noch immer Gast.

Im zweiten Jahr versuchte es Thomas einmal mit einem klärenden Gespräch.

Mutter, das reicht jetzt. Siehst du nicht, wie sich Franziska bemüht?

Was denn? ihrer Meinung nach machte sie doch alles korrekt. Ich bin höflich.

Er schaute zu mir. Ich zuckte die Schultern. Objektiv stimmte das. Marianne war nie gemein, schrie nicht, war nie beleidigend. Sie hielt einfach: ab. Auf Distanz. Makellos, kein Riss.

Im dritten Jahr hörte ich auf, mich zu bemühen.

Keine Geschenke mehr, keine Hilfeangebote. Ich kam, aß Kuchen, beantwortete die üblichen Fangfragen. Und jedes Mal, wenn ich ging, stand auf dem Geländer der Veranda ein Schraubglas mit Quittenmarmelade. Marianne stellte es einfach wortlos hin. Keine Bemerkung à la nimms mit oder für dich. Nur das Glas auf der Holzplatte, Deckel fest zu. Ich nahm es mit. Zuhause aßen wir davon. Leckere Marmelade, goldgelb, vollfruchtig. Ich dachte: Wahrscheinlich will sie einfach nur die Gläser loswerden.

2016 gewann ich den Landestierärztepreis. Klingt albern, aber es bedeutete mir was. Zweiundzwanzig Jahre im Beruf endlich eine Urkunde, ein Foto, eine halbe Seite in der Weinheimer Zeitung. Ich erzählte es Thomas. Er umarmte mich, gratulierte. Am Wochenende fuhren wir zu Marianne, und ich berichtete es beim Kaffee.

Aha, ein Preis. Gibt es da Geld? fragte sie.

Nein, nur eine Urkunde.

Sie nickte. Urkunden sind brauchbar. Kann man einrahmen bei uns wird schließlich nicht viel gelobt.

Ohne jedes Lächeln. Bei uns wird nicht gelobt. Das brannte sich bei mir ein. Klingt wie ein Urteil. Für sie waren warme Worte Schwäche.

Später sagte Thomas im Auto:
Nimm es nicht persönlich. Sie ist so aufgewachsen. Ihre Mutter hat sie auch nie gelobt.

Ich zuckte die Schultern. Na gut. Kein Lob kein Problem.

An jenem Sonntag stand die Porzellanschachtel mit der Rose wieder auf der Kommode. Ist mir aufgefallen, als ich an der Tür zum Bad vorbeiging. Daneben Zeitungen Marianne las die Weinheimer Zeitung immer zum Frühstück, dann türmte sie sie auf der Veranda.

***

Die Zeit verging. Jahre sind keine Zahl, sie summieren sich zu einem eigenen Leben. Gleiche Sonntage Kuchen, Tee, Schweigen, ein Marmeladenglas auf dem Geländer.

Natürlich gab es mehr als Sonntage.

Da war zum Beispiel Silvester 2018. Wir verbrachten den Abend bei Marianne, weil Thomas seine Mutter nicht allein lassen konnte. Drei Leute am Tisch. Marianne Salat, Hauptgericht, belegte Platten. Ich bekam einen normalen weißen Essteller, kein Muster. Sie und Thomas aßen von Tellern aus dem guten Service mit blauen Blümchen am Rand.

Ich schaute auf meinen Teller. Dann zu ihr. Sie begegnete meinem Blick nicht vergesslich, sondern mit System. Du bist Gast. Kein Teil des Blümchen-Service.

Thomas bemerkte das, wechselte wortlos den Teller aus. Marianne sagte nichts dazu, redete aber den ganzen Abend nur mit ihrem Sohn.

An Thomas Geburtstag 2020 luden wir sie in unsere Wohnung ein, dritter Stock, Altbau. Sie brachte Kuchen, redete den gesamten Abend mit Thomas über seine Kindheit. Weißt du noch, in der dritten Klasse? Mit Papa am Neckar angeln? Ich saß daneben, lauschte. Kein einziges Mal sprach sie mich an.

Ich räumte ab, als sie gegangen war. Thomas stand im Türrahmen.

Entschuldige, sagte er.
Wofür?
Für meine Mutter.
Du kannst nichts dafür.
Ich weiß aber trotzdem.

Er stand da, die Schultern eingesunken, im Gesicht eine Müdigkeit, die mehr war als Alter eher eine Erschöpfung vom jahrelangen Tauziehen zwischen zwei Frauen.

Und dann Moment, ich verliere die Reihenfolge. Die Erinnerungen verschwimmen, weil sie so gleichförmig und eng beieinander liegen. Wie Perlen an einer Kette. Aber eine Perle sticht heraus.

Im Winter 2019 rettete ich einen Rehbock. Total verrückt aber wahr. Das Jungtier hatte sich im Maschendrahtzaun am Waldrand verheddert, sich verletzt. Die Tierklinik wurde gerufen, und ich fuhr raus. Vier Stunden in der Kälte reinigen, versorgen, warten bis jemand vom Wildgehege kam. Das Reh überlebte. Weinheimer Zeitung berichtete groß: Franziska Bauer rettet Rehbock an der Bergstraße. Thomas schnitt den Artikel aus, hängte ihn an den Kühlschrank.

Von Marianne kam: nichts. Kein Wort, kein Blick, kein Kommentar. Wie so oft.

2021 war ich ehrenamtlich im Ferienlager in Ladenburg, impfte dort Straßenkatzen und -hunde, die die Kinder fütterten. Die Leiterin bedankte sich offiziell, wieder ein kleiner Artikel in der Zeitung. Ich erwähnte es Marianne schon gar nicht mehr. Wozu?

Im Winter 2024 wurde Thomas schwer krank. Lungenentzündung. Zwei Wochen Klinik, dann einen Monat Zuhause. Marianne kam am zweiten Tag vorbei. Sie betrat unsere Wohnung, hängte den Mantel an die Garderobe und stand dann irgendwie ratlos in der Küche.

Setzen Sie sich, Frau Schäfer, sagte ich. Der Tee ist gleich fertig.

Sie setzte sich. Ich schenkte ein. Wir saßen zum ersten Mal alleine zusammen am Tisch. Ohne Thomas dazwischen. Ohne Vermittler.

Wie gehts ihm?
Besser. Die Ärzte sind zufrieden.
Sie kümmern sich?
Jeden Tag.

Sie nickte, sah mich an. In ihren klaren Augen schimmerte etwas Ungewohntes. Kein richtiges Wärmegefühl das konnte sie nicht. Aber etwas Anerkennung vielleicht. Flüchtig wie der Schatten eines Vogels im Garten: gesehen vorbei.

Gut, dass Sie da sind, sagte sie.

Beinahe hätte ich die Tasse fallen gelassen. Die ersten freundlichen Worte in zehn Jahren direkt, ohne Stachel.

Aber Thomas wurde gesund. Alles ging wieder seinen alten Gang. Nächster Besuch: Kuchen, Schweigen, Marmeladenglas am Geländer. Der Satz Gut, dass Sie da sind blieb wie ein einzelner milder Abend in einem Winter ohne Ende. Ein Licht, das schnell wieder verlischt.

Auf der Arbeit dachte ich häufig an sie. Sonderbar eigentlich, das nach all den Jahren. Die Kollegen fragten: Wie läufts mit der Schwiegermutter? Ganz okay, antwortete ich, weil man es nicht erklären kann. Marianne war niemals verletzend. Doch sie tat etwas Härteres: Sie ignorierte mich. Und wie beschreibst du das jemandem? Meine Schwiegermutter ist immer höflich zu mir, und genau das tut weh. Klingt wie Luxusproblem, ich weiß.

Es gab eine Stammkundin: Katze Minna, siebzehn, Arthrose. Ihre Besitzerin brachte sie einmal im Monat vorbei, eine ältere, einsame Dame. Sie saß im Wartezimmer, streichelte Minna und sagte: Minnchen, die Frau Doktor wird dich wieder gesund machen. Stimmt doch, Frau Doktor? Und ich sagte immer: Ja, natürlich. Dabei wusste ich, dass man einer siebzehnjährigen Arthrose-Katze nicht mehr helfen kann. Man kann nur erleichtern. Geduld ist Berufskrankheit.

Vielleicht war das auch mein Rezept für Marianne. Ich hatte akzeptiert: Nicht alles kann man heilen. Manche Dinge kann man nur begleiten. Monat für Monat hinfahren. Kuchen essen, Marmelade mitnehmen. Nicht heilen nicht weggehen.

Einmal fragte Thomas:
Tut es dir weh, wenn wir sie besuchen?
Nicht mehr, sagte ich.

Das war fast ehrlich. Der Schmerz war dumpfer geworden, beinahe wie bei Minna mit der Arthrose chronisch, aber nicht mehr scharf.

Einmal es war Sommer 2025 kam ich früher als Thomas aus der Klinik. Marianne öffnete die Türe, und hinter ihr im Flur sah ich, wie sie hastig etwas vom Küchentisch in ihr Schlafzimmer brachte. Eine Zeitung? Nein, einen ausgeschnittenen Zeitungsartikel. Sie versteckte ihn schnell, kam wieder ins Zimmer und bot mir Kuchen an, als wäre nichts passiert.

Ich machte mir nichts daraus. Es gibt doch immer irgendwelche Rezepte oder Nachrufe, die ältere Damen aus Zeitungen klippen.

***

Marianne starb im März 2026. Sie war achtundsiebzig. Herzinfarkt im Schlaf. Um vier Uhr morgens rief die Polizei an.

Thomas saß im Bett, hörte zu, legte auf. Schaute mich an und sagte nur:
Mutter ist tot.

Zwei Worte. Ich umarmte ihn. Er weinte nicht das hatte Marianne ihm beigebracht.

Zwei Tage später die Beerdigung. Friedhof über Weinheim, grauer Märzhimmel, der Boden noch gefroren. Nachbarn erschienen, zwei Kolleginnen aus dem Buchmuseum. Da war auch Hannelore Nachbarin seit Jahrzehnten, türkisfarbenes Tuch zwischen lauter dunklen Mänteln.

Ich stand am Grab und wusste nicht, was ich fühlen sollte. Trauer? Erleichterung? Leere. Zwölf Jahre neben einer Frau, die mich auf Abstand hielt jetzt war sie fort, und ich wusste nicht, ob ich um sie oder vielleicht eher um die Hoffnung auf eine Annäherung weinen sollte.

Nach dem Begräbnis Kaffeetrinken in ihrem Haus. Gleicher Tisch. Nur ihr Stuhl war leer.

Drei Tage später sortierten wir das Haus aus. Es roch wie immer nach trockenem Holz, eingelagerten Äpfeln, und dieser reinen Frische wie gebügelte Laken.

Thomas begann mit dem Kleiderschrank. Ich nahm mir die Küche vor: Geschirr in Umzugskartons, Einmachgläser checken. Ganz oben im Regal: Drei Gläser Quittenmarmelade. Die letzten. Ich legte sie beiseite.

Dann ging ich zu Thomas ins Schlafzimmer. Da stand er am Kommode. In der Hand die Porzellanschachtel mit der Rose.

Lag im oberen Schubfach, sagte er. Sie stand immer hier, erinnerst du dich? Im letzten Jahr hat sie sie immer versteckt.

Ich weiß noch: Ich durfte sie nie berühren.

Thomas drehte den Verschluss auf, öffnete den Deckel.

Kein Schmuck. Kein Geld, keine Liebesbriefe. Nur ein Stapel ausgeschnittener Zeitungsartikel, ordentlich gefaltet. Das Papier vergilbt an den Rändern.

Thomas nahm das oberste heraus.

Weinheimer Zeitung, 2016. Franziska Bauer Landestierärztepreis gewonnen. Mein Foto.

Der nächste:
Weinheimer Zeitung, 2019. Tierärztin rettet Rehbock an der Bergstraße.

Dritte:
Dank vom Ferienlager Tierärztin impfte kostenlos Streuner.

Vierte ein kleiner Bericht, den ich gar nicht mehr kannte. 2017. Gruppenfoto Tierklinik.

Fünf, sechs, sieben. Alle über mich.

Thomas starrte mich an, die Hände zitterten.

Franzi, sagte er. Alles über dich. Die ganze Schachtel.

Ich stand mitten im Zimmer, sah auf meine Hände. Dank endlosen Desinfizierens rau und rissig dieselben Hände, die zwanzig Jahre lang fremde Tiere streichelten. Dieselben Hände, die sich immer wieder nach Marianne streckten und abgewiesen wurden.

Aber sie hatte offenbar immer genommen. Auf ihre Art. Sie schnitt meine Artikel aus und legte sie in die Schachtel.

Ich setzte mich aufs Bett. Nahm die Ausschnitte, betrachtete sie. Das Zeitungspapier roch nach alt und etwas anderem, vielleicht Maries Parfüm oder dem Holz der Kommode.

Thomas setzte sich neben mich.

Ich wusste es nicht, sagte er.

Ich auch nicht.

Sie hat nie davon geredet.

Nein.

Wir schwiegen. Die Märzensonne auf dem Fenster warf Staubkörner in die Luft. Das Haus war leer. Kein Marianne mehr, nur noch ihr Geheimnis sieben Papierstreifen, jede einzelne mit Schere ausgeschnitten und aufgehoben.

Ich blätterte nochmal durch. Auf dem allerersten Ausschnitt Landestierärztepreis 2016 war am Rand mit Bleistift notiert: Franziska, 1. Platz. Ihre Handschrift, klein und ordentlich wie eine Bilanzspalte. Sie hatte es unterschrieben, damit es nicht verwechselt wird. Sieben Ausschnitte alles sauber, nichts verloren oder verknickt. Sie hatte sie wie Schätze behandelt.

Thomas nahm den mit der Widmung, strich nachdenklich über die Buchstaben und drehte sich zum Fenster.

Mein Vater starb, als ich zwanzig war, sagte er leise. Meine Mutter hat nie geweint. Weder bei der Beerdigung noch später. Ich dachte immer, es sei ihr egal. Aber irgendwann fand ich in der Abstellkammer eine Kiste mit Papas Hemden. Alle sauber, gebügelt sie hat sie zwanzig Jahre lang gewaschen. Leere Hemden.

Ich sah ihn an, er blickte weiter nach draußen.

So war sie eben, murmelte er. Hat immer alles irgendwohin eingelagert. Hemden, Gefühle, Zeitungsausschnitte.

Wofür? Warum sammelt man Ausschnitte über jemanden, den man nicht annimmt? Warum verstecken, wenn man sagen könnte: Ich bin stolz auf dich. Warum gar nichts sagen?

***

Diese Antwort bekam ich wenige Stunden später. Wir waren noch beim Sortieren, als es klopfte. Nachbarin Hannelore, türkisfarbenes Tuch, Kochtopf in der Hand.

Ihr sollt doch nicht hungern! Marianne hätte das nicht verziehen.

Wir setzten uns an den Tisch. Hannelore löffelte Suppe auf. Thomas aß. Ich starrte auf meine Schüssel.

Frau Hannelore darf ich Sie was fragen?

Na klar, Kindchen.

Wussten Sie, dass Marianne Artikel über mich gesammelt hat?

Sie blickte lange zu Thomas, dann zu mir. Schüttelte langsam den Kopf. Nicht verneinend, eher wie jemand, der das Gespräch hat kommen sehen.

Ja, ich wusste es. War öfter beim Tee, da saß sie mit der Schere über der Zeitung. Ich fragte was schneidest du denn da aus? Sie: Die Schwiegertochter steht wieder in der Zeitung! Dann packte sie es in die Schachtel.

Thomas legte die Löffel beiseite.

Hat sie je was über Franzi gesagt?

Mehr als einmal, bestätigte Hannelore. War mächtig stolz. Sie sagte: Meine Schwiegertochter ist Gold wert. Sie rettet Rehe, steht in der Zeitung. Aber sagen kann ich das leider nicht.

Ich spürte, wie mir etwas Großes die Kehle zuschnürte. Noch keine Tränen, aber ein Kloß.

Warum konnte sie das nicht sagen?

Hannelore schwieg kurz.

Ich kannte Marianne nun über vierzig Jahre. Ihre eigene Mutter hat sie kein einziges Mal gelobt. Nie. Da galt Lob als Schwäche, als Verwöhnung. Bei denen hieß gut gemacht: Kind wird eingebildet. Stolz sein verdirbt das Kind. Sie hatte nie eine Chance, es anders zu lernen. Ich hab ihr so oft gesagt: Sags ihr ruhig, die kann das ab. Aber sie immer: Nein, das ist meine Sache.

Zwölf Jahre, sagte ich. Mein Ton war sachlich, wie immer, wenn ich Tiere beruhigte. Nur diesmal zitterte er.

Zwölf Jahre? Ihre Mutter war sechzig Jahre so. Marianne dagegen war fast schon herzlich

Thomas fragte leise:
Hatte sie Angst?

Hannelore schaute tief.

Sie hatte Angst, ja. Sie hat mir gesagt: Wenn ich die Schwiegertochter lobe, denkt Thomas, er braucht seine Mutter nicht mehr. Dann hat sie alles, was er braucht. Was ist dann mit mir?

Das Schweigen am Tisch wurde so dick, dass ich den tropfenden Wasserhahn im Bad hörte. Marianne hatte immer gesagt, sie müsste den mal reparieren.

Das ist doch Unsinn, meinte Thomas. So hätte ich nie gedacht.

Hannelore: Doch. Ihr Angst wollte das nicht wissen. Man sagt sich: Alles ist in Ordnung. Aber der Angst im Bauch ist das egal.

Ich stellte die Suppe weg, ging hinaus aufs große Holzpodest. Märznacht, der Wind schneidend, es roch nach feuchtem Schnee. Unter mir das leere Stück Geländer, wo sonst das Marmeladenglas stand.

All die Jahre. Keine Bosheit Angst. Die Angst einer Frau, die ihren Sohn so sehr liebte, dass sie niemanden sonst zulassen wollte, nicht einmal einen Menschen, den er liebt. Aus Angst ihren Platz zu verlieren, entschied sie sich für das, was sie kannte: Schweigen. Kein Lob. Distanz. Die Porzellanschachtel als kleiner Tresor für alles, was sie nie aussprechen konnte.

Bei uns wird nicht gelobt. Jetzt wusste ich, warum. Nicht, weil sie nicht wollte. Sondern, weil sie nicht konnte. Und hätte Thomas nicht die Schachtel geöffnet niemand hätte es je erfahren.

Ich erinnerte mich an diesen Tag, als Thomas krank war. Gut, dass Sie da sind. Der Riss in der Mauer. Ein Tag, ein Satz dann wuchs die Wand darüber.

Ich dachte daran, wie sie damals den ausgeschnittenen Zeitungsartikel hastig verschwand, als ich unerwartet früh kam. Es war ein Bericht über mich. Sie hatte am Tisch gesessen und etwas über mich gelesen, versteckte es aber, sobald ich zur Tür reinkam.

Thomas kam hinaus.

Alles gut?

Nicht ganz, aber es wird.

Er blieb einfach neben mir stehen. Nicht umarmt. Schulter an Schulter, so wie wir zwölf Jahre durchgehalten haben.

Sie hat dich geliebt auf ihre eigene, krumme, leise Art, sagte er. Still, zwischen schiefen Gesten und Schachteln und Marmeladengläsern.

Ich weiß. Jetzt weiß ichs.

Als wir wieder reingingen, räumte Hannelore gerade ihr Suppengeschirr zusammen und verabschiedete sich. An der Tür drehte sie sich um: Mädel, du darfst nie denken, dass sie dich nicht gemocht hat. Sie war wie viele hier: Von Herz zu Mund so ein langer Weg, der war halt eingerissen und der wurde nie mehr repariert. Bis zum Schluss.

Hannelore verschwand mit ihrem Tuch im Flur.

Wir packten die letzten Kartons. Ich nahm die Schachtel mit und die letzten drei Gläser Marmelade.

Zuhause stellte ich die Porzellanschachtel aufs Fensterbrett, machte sie auf, legte alle sieben Zeitungsausschnitte vor mir aus. Sieben rechteckige Schnipsel, von Marianne mit Sorgfalt ausgeschnitten, gesammelt und verwahrt. Siebenmal tat sie heimlich das, was sie nie sagen konnte.

Ich saß da und starrte sie lang an. Dann holte ich eines der Marmeladengläser, das letzte. Schraubte es auf. Golden, ganze Quittenspalten. Füllte ein Schälchen und noch eins, fürs gegenüberliegende leere Platz.

Zwölf Jahre lang war ich für sie eine Fremde. Und dabei war ich die ganze Zeit in ihrer Schachtel. Am wertvollsten Ort, den sie kannte.

Marianne konnte nicht laut lieben. Aber sie konnte es leise. Sie konnte schneiden, sammeln, verstecken. Marmelade kochen und Gläser still am Geländer deponieren.

Vielleicht ist das trotzdem Liebe. Verquere, wortlose, hinter Steinwänden versteckte Liebe. Eine Liebe, die man zu spät entdeckt, wenn der Mensch schon fort ist und die Erinnerung bitter schmeckt aber echt ist sie trotzdem.

Ich aß einen Löffel Marmelade. Quitten, goldener Saft, ein Hauch fremder Garten. Und dachte: Beim nächsten Mal, wenn ich etwas Gutes sagen will sage ich es sofort. Laut. Nicht erst in eine Schachtel versteckt.

Denn Schachteln kann man öffnen oder nie. Aber Worte die leben. Die hört man.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

Meine Schwiegermutter nannte mich 12 Jahre lang eine Fremde. Bei der Beerdigung öffnete mein Mann ihre Schmuckschatulle
Lukas, ich verstehe dich nicht. Bist du den Verstand verloren? Was bedeutet – ich gehe?