Ich werde immer an deiner Seite sein

Ich bin immer für dich da

Bitte fang jetzt nicht schon wieder damit an! Wir haben doch wirklich schon tausendmal darüber gesprochen! Warum müssen wir das Thema immer wieder aufwärmen? Johanna winkt erschöpft ab und dreht sich zurück zum Herd.

Der Tag heute ist wirklich trist. Alles beginnt um fünf Uhr morgens, als ihr Sohn Moritz in ihr Schlafzimmer tapst und sie an der Schulter berührt:

Mama! Mein Hals tut weh!

Verschlafen legt Johanna ihre Lippen an Moritz Stirn und der Schlaf ist sofort wie weggeblasen.

Du hast Fieber, mein Kleiner. Komm, wir gehen. Johanna nimmt Moritz auf den Arm, verlässt das Zimmer und zieht die Tür leise hinter sich zu. Keine Lust, sich später von Lars anzuhören, er habe nicht ausgeschlafen.

Sie misst Moritz Temperatur, gibt ihm ein Fiebersenker und bringt ihn ins Bett. Ein Blick auf die Uhr jetzt lohnt sich das Hinlegen für sie selbst eh nicht mehr. Besser abwarten, bis die Praxis öffnet, und einen Arzt kommen lassen. Als Moritz eingeschlafen ist, schleicht sie in die Küche, setzt Kaffee auf und stellt sich ans Fenster.

Der Winter ist dieses Jahr besonders schneereich der Innenhof ganz in Weiß, unberührt, nur vereinzelt Spuren derer, die frühmorgens zur Arbeit mussten. Johanna bemerkt im Augenwinkel Bewegung und muss unwillkürlich lachen. Paulchen, der Kater von Nachbarin Frau Schmitt, springt durch den Hof, taucht immer wieder kopfüber in die Schneehügel und taucht dann wieder auf. Warum treibt es den nur bei dem Wetter nach draußen? Paulchen allerdings stört der Schnee gar nicht, er ist ein Freigeist und weigert sich strikt, sein Geschäft drin zu erledigen. Frau Schmitt muss ihn rauslassen, sobald er sich bemerkbar macht und das kann der Kater! Seine lauten Rufe hört das ganze Haus, wenn Frauchen mal zu spät kommt. Aber Paulchen ist ein Ehrenmann nie gab es ein Malheur in der Wohnung. Gestern sah Johanna ihn noch selbst auf dem Weg zur Kita, wie er lautstark meckernd nach draußen marschierte.

Los, du Miesepeter! Noch schimpfen willst du auch? Guten Morgen, Johanna! Schau ihn dir an, als wäre er mein Herr und nicht ich seine. Kommandant mit Schwänzchen! Ich hab gestern Überstunden gemacht und krieg jetzt die Quittung!

Guten Morgen, Frau Schmitt! Ein echter Kerl!

Absolut! Such so einen mal! Wahrscheinlich ist das mein Schicksal, nur mit schwierigen Männern klarzukommen…

Johanna lacht, nickt und geht weiter. Was soll sie auch sagen. Frau Schmitts Sohn, Tillmann, war wirklich immer ernst und klug, mit trockenem Humor leider sehen die meisten in ihm nur den schüchternen Brillenjungen, den die Mädchen übersehen. Johanna und Tillmann sind befreundet, so lange sie zurückdenken kann. Er ist immer da, besonders als Johannas Mutter, Ingrid, bei einem Verkehrsunfall am Zebrastreifen starb obwohl sie alles richtig gemacht hat. Dass das Leben so ungerecht ist, kann Johanna damals kaum glauben.

Tillmann hat seinen Vater zwei Jahre zuvor verloren. Vielleicht versteht er Johannas Schmerz deshalb besser als jeder Erwachsene. Er verbringt die Tage mit ihr, motiviert sie zu Hausaufgaben, liest ihr vor, versucht sie zum Spielen zu bringen, geht überall mit ihr hin auf Tanzen und zum Kinderturnen, all das, was ihre Mutter ihr gewünscht hatte. Nach und nach löst er den Knoten in Johannas Herz. Und als sie ein kleines Kätzchen auf der Straße finden, gerade die Augen geöffnet, und bei Frau Schmitt abgeben, spricht Johanna zum ersten Mal seit dem Unglück sie bittet um Milch. Frau Schmitt drückt ihr die Flasche in die Hand und murmelt leise:

Gott sei Dank…

Das Kätzchen bleibt bei Tillmann. Johannas Vater, Herr Baumann, hat eine Katzenallergie.

Seitdem ist Tillmann immer da, begleitet seine Freundin durch dick und dünn. Für Johanna ist das selbstverständlich eine Fortsetzung ihrer selbst. Beide Einzelkinder, suchen sie Halt, Freundschaft, etwas, das nur selten selbst Geschwister so verbindet.

Manchmal reicht ein halbes Wort, ein geteilter Blick, und beide wissen, was der andere denkt. Erwachsene staunen über so eine Freundschaft, mischen sich aber nie ein und unterstützen sie still Hauptsache, die beiden, halbwaisen Kinder kommen irgendwie mit ihrer Trauer klar.

Wirklich Probleme beginnt es gegen Ende der Schulzeit zu geben. Johanna wird zu einer wunderschönen, klugen und sehr selbstbewussten jungen Frau sie wird von Jungs umschwärmt wie nie zuvor. Tillmann beobachtet das wortlos, bleibt aber gelassen, solange sie scheinbar an keinem Interesse hat. Dann taucht Lars auf. Johanna lernt ihn auf der Treppe zum Sportzentrum kennen, bei einem ihrer Turnstunden sie rutscht aus, fällt und Lars hilft ihr auf:

Geht es Ihnen gut? Ich helfe Ihnen mal eben! Hier ist es furchtbar glatt. Nichts gebrochen?

Sie sieht ihren Retter an und ist hin und weg. Immer hat sie gesagt, Liebe auf den ersten Blick gibt es nicht, das sei Kitsch. Jetzt weiß sie, dass sie Unrecht hatte.

Ich bin verloren, Tillmann. Einfach futsch! Er ist so…

So was? Tillmann runzelt die Stirn, doch Johanna hört gar nicht hin, so sehr gehen ihr die Gedanken nach.

Keine Ahnung, wie ichs sagen soll… der Beste! Sie dreht sich um die eigene Achse. Könntest du dich nicht einfach für deine Freundin freuen?!

Für die… ja, klar. Ich freu mich für dich! Tillmann lächelt gequält und verabschiedet sich mit einer Ausrede.

Johanna bemerkt es kaum. Sie ist mit dem Kopf woanders. Über drei Jahre sind Johanna und Lars ein Paar, bis sie entscheiden: Jetzt reichts, wir werden erwachsen, wir heiraten! Sie informieren ihre Eltern, dann gehen sie auf das Standesamt.

Schade, dass ich eine Trauzeugin nehmen muss. Warum darfs im Deutschen eigentlich keinen Trauzeugen der Braut geben? Johanna steht vor dem Spiegel im Brautkleid, das angepasst wird.

Tillmann sitzt auf dem Sofa, beobachtet sie und hat sich nach einem Tadel der Schneiderin “Der Bräutigam darf das Brautkleid nicht sehen!” zusammengerissen:

Er ist nicht der Bräutigam! lacht Johanna. Er ist mein Freund.

Ein Freund also… die Schneiderin zieht die Brauen hoch.

Was ist dabei? wirft Tillmann ein. Gibts denn keine Freundschaft?

Wir müssen noch zur Konditorin los, nicht trödeln. Ich muss heute noch zur Arbeit.

Ich beeil mich!

Später fragt sich Johanna oft, wie sie das alles nicht sehen konnte: was an Lars sie nervt, ja, manchmal sogar wütend macht. Mit Tillmann als Ritter im Hintergrund wähnt sie sich als Prinzessin, die gerettet und beschützt wird. Doch auch Prinzen sind sehr verschieden, wie sich herausstellt.

Die ersten Probleme kommen, als Johanna ein halbes Jahr nach der Hochzeit schwer krank wird. Was wie eine harmlose Mandelentzündung beginnt, zieht Folgeprobleme nach sich. Die Ärzte empfehlen eine gründliche Untersuchung, die anteilig privat bezahlt werden muss. Lars ist empört:

Was soll der Unsinn? Wir haben doch für den Urlaub gespart! Du bist doch gesund, die machen nur Panik, um Geld zu kassieren.

Johanna ist fassungslos.

Ernsthaft?

Klar!

Lars, dein Ernst? Urlaub ist dir wichtiger als mein Wohl?

Du bist gesund, hör auf rumzumachen. Nach dem Urlaub ist alles weg, glaub mir. Du bist einfach erschöpft! Lars nimmt sie in den Arm, merkt aber nicht, dass sie sein Umarmen längst nicht mehr erwidert.

Johannas Vater übernimmt am Ende sämtliche Kosten, sagt kein Wort, denkt aber nach.

Die Genesung dauert fast ein Jahr, und manches bleibt. Besonders das Herz: Die Diagnose ist eindeutig, sie gehört zur Risikogruppe in der Schwangerschaft. Als Johanna den positiven Test in Händen hält, sprechen die Ärzte offen mit ihr.

Sie müssen es wissen, Frau Baumann. Ein großes Risiko. Wollen Sie es wirklich versuchen?

Natürlich. Ich bekomme mein Kind!

Und das tun sie. Die letzten drei Monate verbringt Johanna in der Klinik. Moritz kommt gesund zur Welt, doch was das für sie bedeutet, wissen nur ihr Vater und… Tillmann. Spätestens da erkennt sie, dass Lars in Wahrheit längst neben ihr lebt, aber nicht mit ihr. Als Moritz geboren wird, verschwindet Lars nach der ersten Begeisterung für drei Tage feiert sich und vergisst Frau und Kind, Handy aus. Johanna ist verzweifelt, bittet den Vater nachzusehen der kommt wortlos, hält sie im Arm: “Reg dich nicht auf, du brauchst deine Kraft.” Sie erkennt endgültig, dass das hier nicht ihr Märchen ist.

Der einzige Grund, nicht sofort die Scheidung einzureichen, ist, wie Lars mit Moritz umgeht. Sein Sohn ist für ihn ein Wunder, dann wieder ein Störfaktor mal ist er bester Papa, mal fordert er Johanna auf, Moritz aus dem Weg zu schaffen. Ein seltsames Doppelgesicht, das Johanna verunsichert: Liebt er Moritz wirklich oder ist es einfach nur Pflicht?

Mit den Jahren leben sich Johanna und Lars immer mehr auseinander. Sie erziehen Moritz praktisch allein. Lars hilft punktuell beim Arztgespräch stellt er viele Fragen, manchmal fährt er sie hin. Das reicht aber nicht. Bald macht Johanna alles alleine. Ihr Vater kümmert sich, bringt ihr das Autofahren bei und besorgt einen gebrauchten, zuverlässigen VW Polo, damit sie unabhängig ist.

Ihr Vater hat längst durchschaut, wie die Ehe läuft, mischt sich aber nicht ein. Nur einmal, Moritz ist zwei, und Johanna, völlig erschöpft von vier Tagen hohen Fiebers, kippt förmlich auf der Stelle weg, als er endlich schläft. Da sagt ihr Vater nach dem Aufwachen nur leise:

Johanna, ich rede da nicht rein. Aber du bist nicht allein. Verstanden?

Danke, Papa, ich weiß. Ich bin nur noch nicht so weit. Solange ich nicht sicher bin, rede ich nicht darüber. Lars ist doch immer noch mein Mann.

Er nickt und drückt sie an sich.

All die Jahre, in denen Johanna um Moritz Gesundheit kämpft, ist Tillmann zuverlässig an ihrer Seite. Er erledigt Einkäufe, wenn Lars geschäftlich verhindert ist, fährt sie zum Arzt, hilft bei der Reparatur des Autos. Johanna weiß, dass sie es vielleicht übertreibt mit all der Hilfe aber auf Tillmann kann sie sich hundertprozentig verlassen.

Jetzt, beim Blick aus dem Fenster auf den tiefen Schnee, denkt sie daran, dass Tillmann heute aus der Dienstreise zurückkommt. Sollte der Hausarzt nicht kommen, kann sie ihn vielleicht bitten, Moritz zur Praxis zu bringen ihr Polo streikt wieder und diesmal scheint es ernst zu sein. Das Geld ist knapp. Lars steckt alles in die Firma, ihr Gehalt reicht kaum für das Notwendigste sie kann durch Moritz Krankheiten nie voll arbeiten. Zum Glück wohnen sie in der Eigentumswohnung des Vaters, der selbst auf sein Wochenendhaus im Taunus ausgewichen ist ruhig und ohne Stadtlärm.

Johanna schaut auf die Uhr und wählt die Nummer der Praxis. Glück gehabt die Hausärztin ist aus dem Urlaub zurück, der Besuch wird angenommen.

Sie legt das Handy beiseite und widmet sich dem Frühstück, als Lars verschlafen in die Küche kommt.

Was war denn jetzt schon wieder? Warum hats letzte Nacht so gehämmert?

Moritz ist krank, entgegnet Johanna nur knapp.

Und deshalb muss man die halbe Nacht rumlaufen? Egal. Schlaf sowieso nicht. Ich geh duschen. Mach mir bitte schnell Frühstück, ich hab viel zu tun.

Johanna sagt nichts, wendet sich dem Herd zu, backt Pfannkuchen. Die liebt Moritz, wenn er krank ist; Lars mag sie aber auch.

Hast du mit deinem Vater gesprochen?

Nein.

Willst du das endlich mal erledigen?

Ich rede nicht mit ihm darüber und ich werde ihn auch nicht bitten, die Wohnung auf uns zu übertragen.

Dein Dickkopf macht mich wahnsinnig! Immer soll ich Geld, Wohnung, alles bezahlen, und du bittest immer um noch mehr! Ich arbeite wie ein Pferd, war ewig nicht im Urlaub, aber es reicht nie!

Lars redet weiter, doch Johanna hört nicht mehr zu. Irgendwas in ihr reißt, wie eine Saite, auf der so viele Erinnerungen aufgezogen waren: die ersten Treffen, Küsse, Freude, die Hochzeit, Moritz Geburt.

Sie legt die Bratpfannenwender sanft zur Seite, dreht sich zu Lars und unterbricht ihn ruhig:

Ich sage es nur einmal und bitte dich, zuzuhören. Heute packst du deine Sachen und ziehst aus. Lars, ich will so nicht mehr leben, und du anscheinend auch nicht. Wer was bezahlt hat, will ich gar nicht wissen. Denk bitte an Moritz unser Sohn braucht uns beide. Lass uns wenigstens versuchen, vernünftig zu bleiben.

Lars blickt sie ungeläubig an, hebt an zu reden, dann schnappt er nach Luft und wirft die Gabel hin.

Hast du alles gesagt? Überleg dir mal, was du da redest. Bis heute Abend. Ich hoffe, du hast dich wieder im Griff.

Ich meine es ernst, Lars. Du kennst mich. Was heißt das?

Dass du verrückt bist. Wer will dich denn? Noch dazu mit Kind? Schauen wir mal. Bin bei meinen Eltern.

Wie du meinst. Johanna wendet sich erneut zum Herd, kämpft gegen die Tränen.

Lars verlässt wortlos die Küche. Kurz darauf fällt die Tür. Johanna setzt sich und lässt die Tränen laufen, während Moritz noch schläft. Als er kommt seine kleinen, tapferen Schritte wischt sie sie schnell weg und holt einen Teller hervor.

Na, mein tapferster Patient! Magst du was essen?

Nicht so richtig, Mama. Mein Kopf tut jetzt auch weh.

Pfannkuchen helfen bestimmt…

Mit Marmelade!

Aber sicher.

Nach dem Arztbesuch, Rezepten und Medikamenten ist Johanna schon auf dem Sprung zur Apotheke, da klopft es typisch Tillmann, der nie klingelt und für sie beide ist das zum stillen Code geworden.

Hi!

Hallo. Wie siehts aus bei euch? Tillmann steht da mit einem neuen Spielzeugauto (Johanna überlegt, wann Lars zuletzt was für Moritz gekauft hat sie kann sich nicht erinnern). Tillmann kam nie mit leeren Händen.

Moritz ist wieder krank. Kannst du bei ihm bleiben? Ich muss zur Apotheke.

Kein Problem. Oder ich geh schnell, hast du ne Liste?

Johanna reicht die Liste. Kaum ist Tillmann weg, klingelt das Telefon.

Frau Baumann?

Ja, am Apparat.

Hier ist das Klinikum Frankfurt. Ihr Vater ist eingeliefert worden.

Was ist passiert? Johanna klammert das Telefon so fest, dass es schmerzt.

Herzinfarkt. Zustand ernst.

Ich komme.

Sie irrt hektisch durch die Wohnung. Ihr Vater sie hat nie geahnt, wie schnell man den wichtigsten Menschen verlieren könnte.

Sie ruft Lars an.

Lars …

Was? Hast du jetzt nachgedacht? Ich nämlich auch…

Lars, mein Vater liegt im Krankenhaus. Herzinfarkt.

Und? Was erwartest du? Du willst dich doch trennen, habe ich das richtig verstanden?

Johanna starrt das Handy an und legt auf.

Als Tillmann von der Apotheke kommt und Johanna schockiert im Flur antrifft, sagt sie nur:

Mein Vater… im Krankenhaus. Herzinfarkt.

Mehr muss sie nicht erklären. Tillmann holt seine Mutter, Frau Schmitt, damit sie bei Moritz bleibt, und fährt Johanna ins Krankenhaus.

Stundenlang sitzen sie wortlos im Wartebereich, bis Johanna schließlich leise wird:

Danke … Wie gut, dass du da bist.

Ich bin immer für dich da.

Ich weiß, Tillmann. Jetzt weiß ich alles.

Als der Arzt eine Stunde später aus dem Aufzug kommt, schläft Johanna an Tillmanns Schulter. Er weckt sie vorsichtig.

Ihr Vater ist jetzt stabil auf der Station. Es wird ein längeres Auf und Ab, aber das Schlimmste ist überstanden. Informieren Sie sich morgen früh nach den Besuchszeiten.

Johanna umarmt Tillmann und die Tränen fließen endlich lässt der Kummer nach, der sich so lange in ihr gestaut hat.

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Homy
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