Julias Rache
Liebe Leserinnen, ihr könnt meinen seltsamen Traum heute verfolgen er wabert über den Kanal Klarer Tag im Messengerdienst MAX, doch die Einladung verblasst wie ein Fingerzeig auf eine Wolke…
Der Herbstniesel klopfte sanft an die Fensterscheibe, als wolle er lieber schlafen als die Straßen Hamburgs zu reinigen. Julia blickte mit wachen, dunklen Augen hinaus auf die tanzenden Tropfen der Bus, ein alter Mercedes mit knarrenden Sitzen, schaukelte wie ein Boot durch das Sturmgrau der norddeutschen Ebene, zurück in die kleine Stadt ihrer Kindheit. Doch das, was sie Heimat nannte, war längst ihre Wohnung im 15. Stock eines Hochhauses im Hamburger Schanzenviertel geworden: schrille Geräusche, flackernde Neonlichter, Träume aus Beton und Latte Macchiato.
Das alte Zuhause, irgendwo südlich von Flensburg, war für Julia nur noch ein sachter Nebel am Rand der Erinnerung. Dort hatten ihre Eltern gelebt, hatte sie Abitur gemacht, bevor sie Hals über Kopf in die große Stadt geflohen war, um Ärztin zu werden und langsam hatten sich die ländlichen Geräusche und Farben aus ihr verflüchtigt wie Kinderspiele im Nebel.
Doch sie hielt sich selbst für stark, mit siebenundzwanzig einen Abschluss von der Uni Hamburg in der Tasche und einen festen Job in einer angesagten Schönheitsklinik nahe Jungfernstieg. Fortbildungen, Seminare, der unaufhörliche Strom an Terminen sie atmete sie ein wie die feuchte Seeluft.
Eigentlich wäre sie nie mehr in die Kleinstadt zurückgekehrt, hätte sie nicht dieses feine, disharmonische Knacken in den Telefonaten der Eltern gespürt. Der Vater nie in der Nähe der Mutter, die Mutter wie ein Rätsel aus Nebel.
Mama, was ist denn los bei euch? fragte sie. Doch Erika, ihre Mutter, wich immer aus wie ein Herbstblatt: Ach, alles wie immer, Kindchen.
Vom Flughafen Lübeck waren es nur zwei Stunden mit dem Bus, doch die Strecke fühlte sich zunehmend surreal an verschobene Schächte, wirbelnde Nebelwände. Am Ende hielt der Bus auf dem Marktplatz: das Schild vom Edeka gegenüber glänzte jetzt in anderem Blau, die Kastanien sahen älter aus, doch irgendwie wuchsen sie in Spiralen zum Himmel.
Der Taxifahrer ein älterer Mann mit Wachsmantel rollte Julias Koffer über das holprige Pflaster: Und, wohin? fragte er.
Zum Lindenweg 18, antwortete sie, und alles schien in Tau getaucht.
Das Elternhaus lag da ein Stück Himmel mit weißen Fensterläden, Fliederduft und drei Birken, die ihr Vater Peter gepflanzt hatte, als Julia das Abitur bestanden hatte. Aus dem Fenster flatterte Erika heran, halb Lachen, halb Tränen, als Julia ausstieg:
Julchen! Kind, du bist es tatsächlich! Die Umarmung zwei Minuten lang, warm wie eine Decke, still wie ein Museumsbild, das von früher erzählt.
Aber Julias Frage war wie ein eiskalter Strom vom Gletscher: Und Mama… wo ist Papa? Ist er nicht zu Hause?
Setz dich erst und esse, liebste Tochter, murmelte Erika, und legte die Hände noch enger um Julias Schultern.
Sogar der Geruch von Sauerbraten und Kartoffeln war ein wenig verzerrt war die Tischdecke neu? Die Teller gefleckt mit Gänseblümchen, Erinnerungen an andere Küchen. Mama hatte gebackene Klöße, Birnensalat aus dem eigenen Garten, Quarkkeulchen, aber Julia schmeckte fremde Träume darunter.
Wortfetzen prasselten, und dann: Papa ist… na, sagen wir, auf Geschäftsreise. Erika stockte, der Ernst in ihren Augen spiegelte sich in Julias Blick wie ein nachtblauer See. Wir wollten es dir nicht am Telefon sagen… Deine Eltern… wir haben uns getrennt.
Wie ein prasselndes Daunenfeder-Kissen platzte alles auf. Julia schleuderte die Tasse weg, öffnete den Schrank im Elternschlafzimmer: Keine Vatersachen. Wo ist er jetzt? Lebt er etwa… bei Oma?
Du musst zuhören. Mehr Wind als Stimme, Erikas Hände zitterten. Wir haben uns nach so vielen Jahren… auseinandergelebt. Es hat keinen Sinn mehr gemacht, Julchen.
Träume zerfielen in Brocken. Julia presste die Lippen: Wie? Nach so vielen Jahren einfach trennen? Hat er eine andere?
Ja, das hat er. Eine Frau aus dem Nachbardorf. Sie lebt jetzt im Haus der Großeltern. Und sie hat einen Sohn. Erika blickte weg, als hätte sie einen Hammer nach sich selbst geworfen.
Julias Kindheit flackerte auf das Ich-will!, das sie einst hatte aufstampfen lassen, um Fahrräder und Musikplayer zu bekommen, jetzt blätterte es ab wie Tapete im Altbau. Sie war es gewohnt, dass ihre Wünsche erfüllt wurden, aber nie faul oder undankbar Disziplin war ihr Talent, Ehrgeiz ihre Begleiterin. Mit Papas Geld war das Leben nie spärlich gewesen und dennoch stand sie nun da, ausgehöhlt.
Ihr habt euch getrennt und ich bin wie ein Tresor, der vergessen wurde? Ich will Papa nicht mehr sehen. Mit Verrätern rede ich nicht, raunte sie, und ihre Stimme schnitt wie Wellblech durchs Haus.
Später, als die Schatten durch den Garten krochen, schlich sie in Jogginghose durchs Dorf, atmete die glitschige Luft und schloss die Augen Gedanken schweben, als wären sie Blätter im Sturm. Sie durchquerte das Gittertor der alten Großelternvilla, und im Flur stand eine Frau, nicht viel älter als sie, rührte in einem Topf, und alles drehte sich.
Das ist also die neue Frau? Julia musterte sie. Ich bin übrigens die Tochter des Hauses. Eigentlich komme ich zu mir.
Die Frau wurde klein, als wäre sie von Zimt bestäubt. Du bist Julia… Peter hat viel erzählt. Ich bin Anna, stotterte sie, und hinten trat ein blonder Junge, schmal wie ein Grashalm, in den Raum.
Du wirst hier nicht wohnen bleiben, flüsterte Julia, ihre Ohren voll mit Echos vergangener Abende. Sie verließ das Haus, schneller werdend, immer schneller, bis sie dachte, sie löst sich auf. Ihr war schlecht, und doch war da diese starre Klarheit in ihr Kopf: Ich kann dich nicht hinauswerfen, aber ich kann hassen, solange ich will.
Nach Stunden stolperte sie heiser zurück. Erika wartete, voller Falten aus Sorge. Warum musstest du dorthin gehen? Ich wollte keinen Streit… das bringt doch nichts, mein Kind. Traurig blickte sie Julia an, als wäre sie ein Spiegel im Wolkenbruch.
Aber Julia brannte, ihr Stolz ein wildes Feuer, das sich nicht löschen ließ: Ich kann das nicht verzeihen! All die Jahre… Und du? Lässt du alles stehen, als wärs halt ein verlorener Regenschirm? Nichts in dir ruft nach Rache, nach Wiedergutmachung? Der Zorn ballte sich in ihren Fäusten wie schwarzer Sand.
Erika schluckte schwer, doch ihre Worte waren wie Watte: Nein, Julia… Ich hab das lange kommen sehen. Wir haben einander nie wirklich geliebt. Wir waren gemeinsam nur für dich. Es tut mir leid, dass ich es dir verschwiegen habe…
Und jetzt? Jetzt willst du mir die Welt noch schönreden?
Nein, Kind. Als ich jung war, hab ich mich verliebt und deinen Vater förmlich verfolgt. Doch wahre Liebe die hat uns vielleicht gefehlt… Und als du fort warst, blieben nur noch Erinnerungen, und Schweigen.
Und jetzt? Jetzt lässt du dich einfach mitreißen, fliehst nicht, kämpfst nicht!
Ich will nur endlich selbst einmal im Mittelpunkt stehen, ich will noch geliebt werden, bin doch nicht alt! Auf einmal brach Erika heulend zusammen, und Julia stürmte herbei, trocknete die Tränen.
Mama, hör auf, du bist noch jung, du bist toll! Ich beschütze dich, versprochen!
Und dann, als säße ein Kobold auf ihrer Schulter, meinte Erika leise: Vielleicht habe ich ja jemanden getroffen… Erinnerst du dich an Anja Blum aus deiner alten Klasse?
Julia lachte unter Tränen. Na klar zuerst immer Zöpfe, dann Pferdeschwanz! Lebt die noch hier?
Ja, sie hat selbst schon Familie. Ihr Vater hilft mir manchmal im Garten na und? Auch Julia zuckte mit den Schultern, verwirrt durch das Babel der Gefühle.
Aber ich habe gedacht, ihr Eltern wärt für immer zusammen, presste Julia hervor. Ich weiß jetzt gar nicht mehr, ob ich noch lieben soll, ob ich noch vertrauen kann…
Erika strich ihr durchs Haar. Du wirst deinen Weg finden, Julia. Und Papa na, ob du ihn wiedersiehst, ist ganz deine Entscheidung.
Drei Tage vergingen im Nebel. Der Vater rief an, immer wieder, ließ Nachrichten rasseln, die Julia nie beantwortete. Dann, eines Morgens, stand er da, älter geworden, Haar spärlicher, rote Augen und ein Lächeln wie Nebel. Redest du mit mir?
Es hat keinen Sinn, flüsterte Julia. Der neue Junge ist jetzt wichtiger, nicht?
Ach, das ist Annas Sohn. Du bist immer mein Herz, stammelte er.
Aber Julia drehte sich um, ging, ließ ihn mit dem Herbstregen allein.
Am Morgen ihres Aufbruchs warf sie noch einen Blick auf die Elbe, wollte zum Flussufer laufen, wo sie als Kind Steine gesammelt hatte. Plötzlich Rufe, Schreie, Stimmen, eine Karambolage einer der Buben aus Annas Haus lag verkrümmt neben dem Rad, Blut am Knie. Julia rannt los, reagierte wie auf Schienen, riss Jacke aus, schiente das Bein, rief 112 oder war es nur eine Nummer, aus den Wolken gefallen?
Als der Vater auftauchte, trug Annas Stimme Wehklagen durchs Dorf: Was hast du mit meinem Kind gemacht?! Doch Julia dachte nur an den Schmerz im Jungenblick, an die Liebe einer Mutter, die vielleicht gar nicht so viel anders war als ihre.
Krankenhausgänge, flackerndes Licht. Anna saß starr da, und Julia wusste jetzt: Rache wäscht leere Teller, doch sie macht den Schmerz nicht satt. Sie verschwand in Richtung Busbahnhof, Fluss und Dorf und Kindheitsgeister im Rückspiegel.
Am nächsten Tag sammelte sich die Abschiedsmenge auf dem Platz. Erika, Tränen in den Augen, umarmte alternde Freunde, die Nachbarin Anja, ihren Vater. Sogar Anna kam, mit schwankendem, aber tapfer stehendem Sohn. Du kannst mich wieder Julia nennen…, lächelte sie. Und pass gut auf Mama auf.
Dann nahm sie den Koffer, blickte durch die Busfenster in all die bekannten, fremden, lieben Gesichter. Nebel, der sich lichtete, als ob die Sonne ein letztes Mal in die Stadt tauchen wollte.
Im Bus, als alle Komm bald wieder! riefen, dachte Julia: Das Leben ist seltsam. Es verschiebt sich, zerfällt, fügt sich neu zusammen und doch bleibt immer ein Stück Zuhause. Ich kehre zurück, ich werde zurückkommen, wenn meine Träume wieder rufen.
Und so fuhr sie davon, in den Niesel, ins Hamburger Lichtermeer, neugierig auf die neuen Kapitel ihres Lebens.




