Ich hasse dich nicht

Ich hasse dich nicht

Aber eigentlich hat sich gar nichts verändert…

Verena fummelte nervös am Ärmel ihres Pullovers herum, während sie aus dem Fenster des Taxis blickte. Draußen huschten die Straßen Berlins vorbei Straßen, auf denen sie früher mit Matthias herumgetobt hatte, lachend, Pläne für die Zukunft schmiedend. Sieben Jahre… Ganze sieben Jahre war sie nicht mehr zu Hause gewesen.

Wir sind da, sagte der Fahrer und riss sie sanft aus ihren Gedanken.

Das Taxi hielt vor dem alten Plattenbau in Neukölln. Verena tastete nach ihrem Handy, griff in ihre Tasche, gab dem Fahrer einen Zwanziger und stieg aus. Die Autotür fiel zu, und sie blieb kurz auf dem Gehweg stehen, zog den Geruch ihrer Heimatstadt tief ein: ein bisschen frisch gemähtes Gras vom Hinterhof, eine Note von warmen Brötchen aus der Bäckerei an der Ecke, dazu dieses schwer zu greifende Aroma, das sie nur als Heimat kannte. Ihr Herz zog sich für einen Moment schmerzhaft und doch süß zusammen als ob sie sich gleichzeitig auf das Kommende freute und davor fürchtete.

Eigentlich war sie nur für ein paar Tage hier: offiziell, um ihrer Mutter bei den Unterlagen für die Krankenkasse zu helfen, die sich schon lange gestapelt hatten. Und doch… wollte sie auch durch die alten Straßen schlendern, sehen, ob alles noch so war wie in ihren Erinnerungen. Und tief in ihrem Innersten schwelte noch ein anderer Grund vielleicht der eigentliche: Sie wollte Matthias wiedersehen. Wer weiß, vielleicht würde sich jetzt alles ändern?

Sie wusste, dass er gar nicht weit weg wohnte. Nicht, dass sie ihm gezielt nachspioniert hätte in keiner Weise. Aber wenn sie Freund:innen traf oder mal jemand auf Instagram erwähnte, dass Matti jetzt einen tollen neuen Job hat oder eine schicke Altbauwohnung gekauft oder seine Mutter zu sich geholt hat, dann landeten diese Info-Schnipsel doch immer bei ihr. Jedes Mal stellte sie sich kurz vor, wie er heute aussehen mag, was er wohl gerade denkt. Und verwarf all diese Fantasien gleich darauf, aus Angst, ihnen zu viel Raum in ihrem Herzen zu geben.

**********************

Am nächsten Tag wollte Verena einfach mal durch die City laufen, ohne Plan. Einfach den Sound Berlins inhalieren, auf die vertrauten Läden gucken, schauen, ob alles noch so ist wie damals. Sie ging ganz langsam, blieb an Schaufenstern hängen, grinste über all die Kleinigkeiten, die sie vergessen hatte: Der Kiosk, wo es Comics gab, die Bank vor der Gesamtschule, auf der sie mit ihren Freundinnen Pausen verbracht hatte, das Café, in dem sie ihren ersten Cappuccino trank mitten auf die neue Bluse gekippt, damals.

Und dann sah sie ihn.

Matthias lief auf der anderen Straßenseite entlang. Er bemerkte sie nicht, war völlig in Gedanken versunken. Verena erstarrte. Ihr Herz drehte sich einfach um ein paar Sekunden war sie so aus dem Takt, dass sie fast vergaß zu atmen. Er sah noch genauso aus wie damals: groß, ein Lächeln um den Mund, der gleiche, entspannte Gang. Gleiche Frisur, gleiche Schultern. Sie zögerte keine Sekunde, stürzte über die Straße. Die Ampel sprang gerade auf Gelb, irgendwo hupte jemand, aber das nahm sie kaum wahr ihre Beine liefen von allein, das Herz pochte so heftig, als würde es gleich herausspringen.

Matthias! rief sie, als sie ihn beim Bäcker eingeholt hatte.

Ihre Stimme bebte, sie hatte nicht geahnt, dass sie so aufgeregt sein könnte. Er drehte sich um und… nichts. Kein Strahlen, kein berechtigter Ärger, keine Freude. Einfach nichts.

Verena? sagte er, ruhig, fast distanziert.

Dieser Ton, so gleichmäßig, frei von Emotionen, traf sie mehr als sie erwartet hatte. Alles, was sich sieben Jahre lang aufgestaut hatte, brach plötzlich hervor. Tränen schossen ihr in die Augen, die Stimme bebte, sie konnte nicht mehr stoppen.

Matthias, ich… habe so ein schlechtes Gewissen, brachte sie mühsam heraus. Ich weiß, ich habe kein Recht, dir noch mal zu begegnen, aber… Sie schluchzte, ihre Gedanken waren ein einziges Durcheinander, aber nur das Wichtigste kam raus: Ich liebe dich. Ich liebe dich immer noch. Bitte verzeih mir. Bitte!

Sie redete ganz schnell, ein bisschen wirr, als würde sie, wenn sie innehalten würde, keinen Ton mehr herausbringen. In ihrem Kopf rasten Ausreden, Erklärungen, Wünsche aber jetzt schaffte es nur die pure Wahrheit nach draußen. Die Wahrheit, die sie jahrelang versteckt hatte.

Sie schlang die Arme um ihn, schmiegte sich an seiner Brust fest, als könnte sie mit dieser Umarmung alles wieder zurückholen, was sie verloren hatte. Im Moment zählte für sie nur seine Nähe sie fühlte nichts außer diesem verzweifelten Wunsch, dass er ihre Geste vielleicht doch erwidern würde…

Matthias wich nicht sofort zurück. Für einen Sekundenbruchteil glaubte sie sogar, seinen Körper entspannen zu spüren, vielleicht sogar, dass er sie zurückdrücken wollte. Dieses winzige Zucken gab ihr einen Funken Hoffnung: Vielleicht gibt es doch noch einen Weg zurück?

Doch der Moment zerplatzte. Matthias griff ihre Schultern, schob sie sanft aber entschieden weg. Sein Gesicht blieb ruhig, fast ausdruckslos, der Blick fest fast kalt. In seinen Augen wohnte nicht mehr der Junge, mit dem sie früher bis zum Bauchweh gelacht und von der Zukunft geträumt hatte. Vor ihr stand ein Mann, der seine Gefühle tief vergraben hatte.

Hau ab, flüsterte er ihr ins Ohr.

Ganz leise, ohne jede Gefühlsregung so, als wäre sie für ihn irgendein Fremder geworden.

Ich hasse dich, setzte er nach, und in seinen Augen flackerte für einen Moment blanke Verachtung auf.

Dann drehte er sich um und ging. Ohne zurückzublicken. Verena stand wie betäubt. Um sie herum rauschte Berlin weiter: Leute beeilten sich, irgendwo hupte ein Auto, Kinder spielten hinter dem Zaun. Manche Passanten warfen ihr einen schrägen Blick zu vielleicht wunderten sie sich, warum diese Frau dort so leer und blass dasteht. Aber Verena spürte es nicht.

Nur das Verstummen seiner Schritte und ihr eigenes, abgehacktes Atmen waren da. Jede Sekunde zog sich wie Kaugummi, und in ihrem Kopf drehte sich immer wieder ein einziger Gedanke: Das wars. Für immer.

Sie schleppte sich nach Hause, als wären ihre Füße aus Blei. Der Blick starr, innerlich völlig leer, nichts als das Echo seiner Worte in ihrem Kopf.

Als Verena in die Wohnung ihrer Mutter trat, versuchte sie nicht einmal, zu erklären, was passiert war. Sie ging einfach ins Wohnzimmer, setzte sich auf den Stuhl am Fenster, starrte auf die Straße. Ihre Mutter erkannte sofort das verheulte Gesicht, stellte keine Fragen, seufzte nur leise und stellte den Wasserkocher an. Der vertraute Geruch von Tee, das Pfeifen des Wassers all das fühlte sich so alltäglich an, so ganz anders als das, was in Verena drinnen tobte. Aber vielleicht war es gerade diese Normalität, die sie ein kleines bisschen zurück auf den Boden holte.

Er hat mir nicht verziehen, flüsterte sie, die Hände um die heiße Tasse geklammert. Der aufsteigende Dampf kitzelte ihre Wangen, aber sie spürte fast nichts. Vergeblich versuchte sie, die Wärme festzuhalten, starrte ins bernsteinfarbene Teewasser, in dem sich das Licht der Lampe spiegelte.

Ihre Mutter setzte sich zu ihr, tätschelte ihr leise den Arm, wie sie es immer getan hatte, wenn Verena als Kind nach Hause kam mit blutigen Knien oder nach Streit mit der besten Freundin. Diese ganz einfache Geste ließ sie klein und verletzlich fühlen, als würden alle Entscheidungen und Fehler der letzten Jahre plötzlich verschwinden.

Du hast es doch gewusst, dass es so kommen kann, murmelte ihre Mutter ruhig, nicht vorwurfsvoll, mehr mit leiser Traurigkeit.

Ich weiß, nickte Verena, und zum ersten Mal löste sie den Blick von der Tasse. Ihre Stimme ruhig, aber dahinter lag eine tiefe Müdigkeit als hätte sie diesen Satz, dieses Eingeständnis, schon tausendmal geübt. Aber ich hab halt gehofft. Dumm, oder?

Gar nicht dumm, widersprach die Mutter sanft. Du hast es so entschieden. Aber du hast Matthias sehr wehgetan. Er hat sich lange davon nicht erholt… Er war damals wie der Kai aus Andersens Märchen. Niemand ist mehr an ihn herangekommen.

Verena seufzte, stellte die Tasse weg, ließ sich schwer gegen die Stuhllehne fallen. Die Bilder von damals poppten vor ihrem inneren Auge auf.

Damals, das war so viel einfacher. Sie war zweiundzwanzig, das ganze Leben vor sich, alles bunt und jede Hürde schien überwindbar. Matthias war ihr Fels: nie mit großen Worten, aber immer da, immer hilfsbereit, freundlich, ein Mensch, dem man einfach vertrauen konnte. Wenn sie Sorgen hatte, hörte er einfach zu. Konnte ihr alles sagen.

Nur eine Sache oder das, was sie damals als Problem empfand: Matthias arbeitete auf dem Bau, studierte abends Bauingenieurwesen und wollte irgendwann sein eigenes Unternehmen gründen. Er machte Pläne, die Hand und Fuß hatten, aber Zeit brauchten Zeit, die sie nicht hatte oder nicht haben wollte.

Sie sehnte sich nicht nach Luxus, sondern nach Sicherheit. Wollte wissen, dass sie in einem, in fünf Jahren noch einen Job, eine Wohnung, ein geregeltes Leben haben würde. Aber mit Matthias fühlte sich alles zu unsicher an: Mal hier, mal dort, immer knapp bei Kasse, Pläne fürs Leben, aber alle noch nicht umgesetzt.

Und dann bot ihr ihr Onkel aus München einen Job in seiner Firma an ein echtes Angebot, das sie einfach nicht ausschlagen konnte.

Und dann war da noch diese zweite, unbequeme Wahrheit. In den ersten Monaten in München lernte sie Sven kennen erfolgreicher Unternehmer, fast doppelt so alt wie sie, voller Selbstbewusstsein, mit dem Luxus gewohnt umzugehen. Sie traf ihn zufällig auf einem Firmenevent, wo sie in einem neuen Kleid fast fremd wirkte zwischen den alten Hasen. Sven entdeckte sie, plauderte, zeigte Interesse.

Er schickte Blumen, ganz ausgewählte Sträuße, nur für sie. Später: Restaurantbesuche, Premieren im Theater, kleine Geschenke ein seidener Schal, filigraner Schmuck, handgefertigte Schuhe… Zu jedem Geschenk seine Botschaft: Du hast mehr verdient, als dir bisher zugetraut wurde.

Anfangs tat sie sich schwer, lehnte ab, doch Sven war charmant, überzeugte sie. Nach und nach ließ sie sich auf das neue Leben ein: Essen gehen, Taxifahrt, shoppen ohne aufs Preisschild zu schauen. Es war wie ein Rausch, ein Traum, aus dem man nicht wegwill.

Irgendwann wurde sie Svens Freundin. Es war nicht die große Leidenschaft, aber es war einfach angenehm und einfach. Keine Sorgen um morgen, keine Miete, keine Angst, ob es reicht. Sven regelte alles, sie genoss die Leichtigkeit und mit der Zeit dachte sie immer seltener an Matthias. Sie bettete sich in Svens Welt, begann, Matthias zu verachten: Aus dem wird eh nie was!, behauptete sie manchmal sogar.

Als sie dann zu Besuch nach Berlin fuhr, war es nicht, um Matthias zu sehen, oder weil sie Sehnsucht hatte. Nein, sie wollte ihm zeigen, was sie jetzt erreicht hatte. Sie wollte ihn wissen lassen, dass sie die Richtige Entscheidung getroffen hatte.

Sie suchte sich ein Café an der Oranienstraße aus, wo Matthias manchmal nach Feierabend noch einen Kaffee trank. Trug das enge, teure Kleid, das sie von Sven zum Geburtstag bekommen hatte, und ein auffälliges Armband, natürlich auch ein Geschenk. Ihre Tasche gerade erst in der Auslage gekauft.

Als Matthias das Café betrat, stellte sie sicher, dass er sie sah lachte laut, drehte sich mit dem besten Lächeln zur Seite. In seinem Blick lagen Verwunderung, Schmerz, Fassungslosigkeit alles, was sie so lange nicht spüren wollte. Aber sie hielt seinem Blick stand.

Damals empfand sie es als Sieg. Endlich hatte sie es geschafft, dachte sie. Sie hatte das, was sie verdiente: Sicherheit, Eleganz, Leben ohne Sorgen.

Aber als Matthias durch die Tür verschwand und sie allein am Fenster zurückblieb, löste sich ihr Lächeln langsam wieder auf. Sie blickte auf Armband und Tasche, hörte Svens Smalltalk, aber fühlte nur Leere. Plötzlich kam alles so künstlich und falsch vor. Und während sie krampfhaft ihr Lächeln aufrechterhielt, hörte sie eine kleine Stimme flüstern: War das wirklich alles wert?

**********************

Dieser Sieg erwies sich als bittere Pille das merkte Verena erst langsam. Sven blieb anfangs noch wie immer: großzügig, zugewandt, schickte Blumen, Restaurantbesuche. Aber irgendwann fing er an, das Interesse zu verlieren, als ob jemand das Licht abgedreht hätte.

Die ersten Zeichen: Kurze Bemerkungen statt liebe Worte, Geschenke dienten plötzlich nur noch zum Zeitvertreib. Und dann begannen die kritischen Spitzen: Hast du zugenommen? Findest du nicht, du solltest etwas an dir arbeiten? Oder: So einen lauten, herben Humor mag ich gar nicht. Auch gegen ihre Freunde fand er harten Tadel: Kennst du nicht langsam genug bessere Leute?

Sven tauchte seltener auf, war tagelang unterwegs. Verena verbrachte ihre Abende allein in der großen Wohnung, wanderte durch die Zimmer, sortierte ihre Sachen. Wenn sie ihn zur Rede stellte, wehrte er ab:

Du hast doch, was du wolltest. Worüber beschwerst du dich noch?

Verena suchte Ausreden: Er hat viel Stress, das Geschäft läuft nicht, oder: Er ist halt müde. Sie redete sich ein, es sei nur eine Phase, die bald vorbei sei. Doch innerlich wusste sie längst: Sie war ihm einfach zu normal geworden. Er sah in ihr nur noch eine hübsche Dekoration.

Sie hielt durch. Nahm seine Sticheleien, die Distanz, das Alleinsein auf sich. Weil sie sich nicht eingestehen wollte, dass sie einen Fehler gemacht hatte. Denn das hieße auch: Sie hatte Matthias verraten, den einzigen Menschen, der sie echt geliebt hatte. Der, der nicht schillernd war, aber ehrlich.

Sogar die teuren Dinge machten ihr irgendwann keine Freude mehr: Kleider blieben unberührt, der Schmuck verstaubte, Restaurants erschienen ihr fad. Der herbe Duft ihres Parfüms, Symbol des neuen Lebens, hing ihr zum Hals heraus.

Oft stand sie am Fenster, blickte auf die Menschen in München hinaus und dachte: Was wäre, wenn… Doch ließ sie die Vorstellung nicht weiter zu, aus Angst vor der Antwort: Und jetzt?

Und so merkte sie in den stillen Nächten immer mehr, dass all ihre Sicherheit leer war. Sie hatte das, wovon sie geträumt hatte Wohnung, keine Geldsorgen , aber ohne jemanden, mit dem sie das alles teilen konnte, war es wertlos.

Und ihre Gedanken kehrten immer wieder zu Matthias zurück: Seine Hände, rau von der Arbeit, die aber so warm waren. Sein ehrliches, bescheidenes Lächeln, echt und leise. Wie er über die Zukunft sprach: nie großspurig, aber immer glaubwürdig. Seine Hoffnung war spürbar und sie hatte sich damals immer sicher gefühlt…

************************

An ihrem dritten Tag in Berlin lief Verena durch den Park am Landwehrkanal der Park, in dem sie früher mit Matthias stundenlang gechillt hatten. Da war noch die Bank unter dem Ahorn, auf der sie immer saßen, Quatsch machten, Blätter in die Luft warfen. Damals hatte Matthias plötzlich gesagt: Weißt du, ich will mal, dass wir ein eigenes Haus mit großen Fenstern haben, damit morgens ganz viel Licht hereinfällt. Und dass da immer viel Lachen ist. Sie hatte nur gegrinst und gedacht Träume halt. Aber jetzt, jetzt schmerzten die Worte.

Sie stand still, sog die Berliner Luft ein, sammelte sich. Da wurde sie von einer Stimme herausgeholt:

Verena?

Sie drehte sich um. Vor ihr stand Lukas, ein alter Schulfreund von ihr und Matthias. Überrascht, aber ehrlich erfreut.

Mensch, dich hab ich hier echt nicht erwartet! Er lächelte. Alles gut?

Verena zögerte kurz, versuchte sich ein normales Lächeln abzuringen.

Passt schon. Bin wegen Mama hier.

Lukas nickte, warf ihr einen prüfenden Blick zu, hakte aber nicht nach. Stattdessen wies er auf die Bank:

Hast Lust, dich zu setzen? Ich wollte eh noch ein bisschen bleiben.

Sie gingen gemeinsam zur Bank. Lukas erzählte, was sich in Berlin geändert hatte, wie es ihm so geht. Er redete locker und freundlich, was sie entspannte. Sie hörte zu, steuerte mal einen Satz bei, und im Kopf drehte sie sich alles um das seltsame Menü des Lebens, das sie jetzt vorgesetzt bekam.

Nach einer Weile wurde Lukas vorsichtiger.

Und, hast du Matthias schon gesehen?

Verena senkte die Augen. Die Erinnerung an die gestrige Begegnung hämmerte in ihrem Kopf, der böse Blick, die eiskalten Worte…

Ja. Gestern.

Und? fragte Lukas leise, aufrichtig interessiert.

Er… Er will mich gar nicht mehr kennen, brachte sie zittrig hervor. Er hasst mich.

Lukas seufzte tief, ließ sich neben sie fallen, sah einen Moment schweigend auf die goldenen Blätter, die den Parkboden bedeckten.

Weißt du, er hat ewig gebraucht, um wieder auf die Beine zu kommen. Du bist einfach weg gewesen. Kein Anruf, keine Nachricht. Das war für ihn wie ein Schlag ins Gesicht.

Verena ballte die Hände, sie wusste es, aber jetzt, das von jemand anderem zu hören, tat richtig weh.

Ich weiß… Ich bin Schuld.

Lukas drehte den Kopf ein bisschen, ließ sie aber in Ruhe. Er hat versucht, dich zu vergessen. War mit anderen Frauen aus, aber… keine ist rangekommen. Nach deinem Auftritt damals… Mann, ich glaub, da ist er noch kaputter geworden.

Verena nickte leise. Sie stellte sich vor, wie Matthias versucht hatte, weiterzumachen, wie oft er bei jedem Klingeln, jedem Gespräch einen Moment an sie denken musste… Der Schmerz wurde groß, nicht wegen ihres eigenen Leids, sondern weil sie es war, die diese Traurigkeit verursacht hatte.

Ich dachte, ich mache alles richtig, wollte einfach Sicherheit… murmelte sie.

Lukas widersprach nicht. Er blieb einfach bei ihr sitzen, ließ ihr Raum. Der Wind strich durch die Blätter, in der Ferne lachten Kinder beim Sandkasten.

Verena bohrte ihre Fingernägel in die Handfläche, mühte sich, die Tränen zurückzuhalten.

Ich bitte ihn nicht um Verzeihung, brachte sie schließlich stockend heraus. Ich wollte nur, dass er weiß, wie leid mir das alles tut. Ich denke jeden Tag daran. Ich kann nicht vergessen, was passiert ist. Ich hab alles verloren.

Lukas musterte sie lang, ehrlich. Und sagte schließlich ganz leise, aber bestimmt:

Vielleicht hilft es ihm gar nicht, das zu wissen. Lass ihn los, Verena. Komm nicht wieder hierher. Jedes Mal tust du ihm nur noch mehr weh. Gestern hat er mich angerufen er war richtig fertig, richtig betrunken, sowas hab ich noch nie bei ihm erlebt. Lass ihn gehen. Lass ihn leben.

Verena biss sich auf die Lippen, sagte kein Wort mehr. Sie wusste, er hatte Recht. Ihr plötzlicher Auftritt hatte alles wieder aufgerissen. Sie wollte Buße tun dabei hatte sie nur neuen Schmerz verursacht.

*************************

Abends saß sie am Fenster der Wohnung ihrer Mutter, schaute auf das Lichtermeer der Großstadt gelb, orange, weiß. Alles funkelte so schön, aber sie merkte davon kaum etwas. Ihr Kopf ratterte: Immer wieder Szenen, was hätte sein können.

Sie stellte sich vor: kleine Wohnungen gemeinsam beziehen, Matthias bastelt am eigenen Betrieb, Pläne schmieden, kleine Siege feiern. Sie dachte an die vielen vertrauten Momente, die ihr entgangen waren, an Worte, die ungesagt blieben. Aber sie wusste jetzt die Vergangenheit kehrt nicht zurück.

Am nächsten Morgen packte Verena langsam ihre Sachen. Ihre Mutter beobachtete sie mit stiller Wehmut, ohne einen Vorwurf, nur traurig.

Pass auf dich auf, sagte sie leise, als Verena im Flur stand, den Koffer in der Hand.

Ein Kuss auf die Wange, einmal noch den Geruch der Wohnung inhalieren, dann zog Verena die Tür hinter sich zu.

Sie kaufte am Hauptbahnhof ein ICE-Ticket nach München einfach, um nachzudenken. Stundenlang im Zug, zwischen Fremden… vielleicht würde ihr das helfen.

Der Zug fuhr an, schaukelte sanft. Verena blickte aus dem Fenster: graue Häuser, die noch von Blumenbalkonen und Kinderschaukeln besetzt waren. Die kleine Bäckerstube an der Ecke, Menschen mit Einkaufstaschen, manche mit Regenschirm. All das war Teil von ihr gewesen und jetzt unendlich weit weg.

Irgendwo da, zwischen diesen Straßen und Häusern, war ihr größter Verlust: der eine Mensch, den sie so sehr liebte. Der, dessen Augen geleuchtet hatten, wenn er von der Zukunft sprach, dessen starke Hände alles schafften und doch so sanft zu ihr waren. Der nicht einmal einen Abschied bekommen hatte.

*************************

Ein halbes Jahr verging. Verena lebte in München, arbeitete weiter, traf Freundinnen auf einen Latte, erzählte von Projekten, schmiedete Pläne. Nach außen schien alles normal zu laufen. Doch drinnen war sie ein anderer Mensch geworden. Sie lief nicht mehr vor ihrer Vergangenheit weg. Sie schaute ihr ins Auge, bar jeder Ausrede. Sie erkannte ihren Fehler, trug ihre Reue.

Sie lernte, mit ihrer Schuld zu leben. Sagte sich: Du hast es gemacht. Es war falsch, aber du kannst es nicht mehr ändern. Und in dieser Erkenntnis lag eine neue Ruhe kein Glück, aber ein Atemzug Erleichterung.

Eines Abends, sie kochte gerade, piepte ihr Handy. Neue Nummer, eine SMS. Nur ein Satz: Ich hasse dich nicht. Aber verzeihen kann ich nicht.

Verena klappte das Handy mit beiden Händen um, als würde sie darüber die Nähe spüren. Ihr Herz blieb für einen Moment stehen und raste dann umso stärker.

Sie wusste nicht, was das bedeuten sollte. Vielleicht war es ein letzter Schritt auf sie zu, vielleicht der endgültige Abschied. Doch zum ersten Mal spürte sie: Da ist noch ein Faden zwischen ihnen. Ganz dünn, beinahe unsichtbar, aber nicht gerissen. Da denkt noch jemand an sie. Da war noch Luft für ein Gespräch vielleicht irgendwann. Ohne Vorwurf, ohne Rechtfertigung. Vielleicht finden sie noch die richtigen Worte, um beide weiterzumachen, gemeinsam oder getrennt.

Bis dahin reichte es. Zu wissen, dass sie immer noch Teil seiner Geschichte war, nicht nur sein größter Irrtum.

Und das… das war erstmal genug.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!: