Also, pass mal auf, ich muss dir was erzählen. Mein Name ist Elias. Seit zwanzig Jahren arbeite ich am Gepäckausgabeschalter und beim Fundbüro im Hauptbahnhof München. Stell dir das mal vor: Es ist immer laut, das Durchsagen-Gedröhne, Leute hasten hin und her, und überall riecht es nach Diesel und frischer Brezn.
Zwischendurch gibts aber da auch diese “Verankerten”. Das sind die Leute, die nie in die Züge einsteigen. Die sitzen auf den langen Bänken, meistens mit drei oder vier schweren Reisetaschen. Die ziehen die Dinger mit zum WC, zur Caféteria einfach überallhin. Viele sind obdachlos oder stecken gerade in einer schwierigen Phase. Ihr ganzes Leben passt quasi in die Taschen. Einen Job finden? Wie denn, wenn du mit Schlafsack und Rucksack ins Bewerbungsgespräch stiefelst? Wohnung anschauen? Kommt nicht in Frage, weil du deinen Kram ja nicht einfach stehenlassen kannst. Die Schließfächer kosten zwanzig Euro am Tag, das ist für die genauso unerreichbar wie eine Million.
Letzten Winter kam dann ein junger Kerl ins Spiel, Markus hieß er. Total gepflegt, frisches Hemd, aber zwei Riesenkoffer und einen Trekkingrucksack neben sich. Er hat jeden Tag an meinem Schalter gesessen, wie festgenagelt. Irgendwann kommt er zu mir: “Du, ich hab heute um 14 Uhr ein Vorstellungsgespräch, Industriegebiet dort draußen. Aber, was mach ich mit dem ganzen Kram?” und tippt gegen seinen Koffer. “Lass ichs hier, ists weg. Nehm ichs mit, checken die gleich, dass ich keine Bude hab. Dann wars das mit dem Job”
Ich schaue ins Fundbüro hinter mir, wo eigentlich nur vergessene Regenschirme und Jacken hängen. Sag ich: “Pass auf, gib mir einfach die Taschen.” Er guckt mich an, als ob ich ihm Organe anbieten wollte. “Wie?” “Ich markiers im System als ‘Gefunden, Abholung ausstehend’. So hast du 24 Stunden Zeit. Geh zum Gespräch, komm einfach wieder, wenn meine Schicht endet.” Er gibt mir tatsächlich die Taschen rüber und auf einmal steht er viel aufrechter da, richtig befreit. Weg war er. Und am späten Nachmittag springt er plötzlich wieder rein, strahlt übers ganze Gesicht: “Elias, ich hab das Zweitgespräch!”
Nach Markus fing ich damit bei mehreren Leuten an. Ich hab sogar ein System entwickelt: Wenn ich jemanden im Bahnhof sehe, der beim Frischmachen am Waschbecken mit seinen Koffern kämpft, geb ich ihm heimlich ein Zeichen: “Ich tagg das schon.” Ich hab extra ein eigenes Notizbuch, das “Ankerbuch”. Da geht’s nicht um Regenschirme, sondern darum, diesen Menschen für ein paar Stunden den Ballast abzunehmen.
Nach drei Monaten ist es dann meinem Chef, Herr Möller, aufgefallen. Sechs Koffer, die überhaupt nicht ins Inventar gehörten, lagerte ich hinten. “Elias, hast du hier nen kostenlosen Lagerdienst aufgemacht? Das geht so nicht, das ist ein Risiko!” “Nee, das ist Social Recruiting,” sag ich, und zeig auf das Buch. “Der rote Koffer da? Gehört einer Dame, die grad im Café Bewerbungsgespräch hat. Der Blaue? Der Besitzer macht gerade seinen Schulabschluss nach.”
Ich schlag mein Buch auf, erzähl von Markus mittlerweile kam er sogar schon zurück, hat inzwischen seine eigene Wohnung, fuhr mit Zug zu seiner Mutter, ganz normal, ohne dass ich noch was für ihn wegschließen musste.
Möller schaut erst mich an, dann die Taschen, und, ernsthaft, er hat mich nicht rausgeschmissen. Im Gegenteil eine alte Abstellkammer beim Haupteingang wird ausgeräumt, und draußen hängt jetzt ein Schild: “Karriere-Schließfächer. Kostenlos für Arbeitssuchende. Ansprechpartner: Elias.”
Mittlerweile läuft das zusammen mit der Caritas und dem Jugendhilfezentrum. Wer einen Termin zum Bewerbungsgespräch hat, bekommt einen speziellen Schließfachchip von uns. Ich bin mittlerweile 62, kleb noch immer Zettel an Koffer. Und weiß einfach, dass du im Leben keinen Schritt machen kannst, wenn du dein ganzes Gepäck die ganze Zeit mitschleppst. Und manchmal kannst du Menschen nicht besser helfen, als indem du ihnen einen sicheren Platz für ihre Sachen bietest damit sie wenigstens für eine Weile mit geradem Rücken durch die nächste Tür gehen können.





