Das Haus aus Papier

Das Papierhaus

Lena, wir kommen sonst zu spät!

Papa, ich beeile mich! Lena hüpfte auf einem Bein und zog sich einen Socken an.

Die Socken sahen lustig aus. Unterschiedlich gefärbt. Einer war rosa, der andere grün. Ihre Tante Katrin hatte sie ihr geschenkt. Dazu noch diese Sneakers auch bunt zusammengewürfelt. Das ist jetzt total angesagt, sagte sie.

Lena glaubte Katrin. Ihre Tante war eben eine richtige Trendsetterin. Sie sagte immer, wenn einem die Natur nicht mit Schönheit überschüttet hatte, müsse man das Beste aus seiner Erscheinung machen mit allem, was einem eben zur Verfügung steht.

Beim Thema Aussehen war Lena allerdings nicht einer Meinung mit Katrin. Und wenn sie auch nicht wie aus dem Modemagazin geschnitten war was machte das schon? Dünn wie ein Grashüpfer, wie ihre Oma immer sagte, mit dunklen Haaren und grauen Augen Katrin war so auffällig und lebendig, dass Lena oft grinsen musste, wenn sie gemeinsam unterwegs waren.

Natürlich wird man auf dich aufmerksam! Schau mal, wie sich die Leute nach dir umdrehen!

Wer? Katrin blieb stehen und guckte hektisch um sich.

In solchen Momenten musste Lena lauthals lachen. Im Grunde war Katrin noch ein Kind geblieben! Sicher, sie war älter als ihre Nichte, aber neben ihrer Tante fühlte sich Lena oft schon ganz erwachsen.

Katrins Naivität verblüffte Lena immer wieder.

Er hat gesagt, ich gefalle ihm! Lena, ich weiß nicht, was ich machen soll!

Gefällt er dir denn auch?

Sehr sogar! Aber ich habe Angst vor ihm.

Warum das?

Er ist einfach zu attraktiv. Alle Frauen im Büro laufen ihm hinterher. Und er hat sich ausgerechnet für mich interessiert ich verstehe das nicht!

Katrin, du bist nicht irgendjemand! Du bist schön und klug! Warum solltest du ihm nicht gefallen?

Es war eine rhetorische Frage. Egal wie oft Lena versuchte, Katrins Schutzmauer aus Unsicherheit zu durchbrechen es brachte nichts. Sie wurde wütend, manchmal fast bis zu Tränen, aber sie konnte nichts daran ändern.

Kind, es ist schwer, Gewohnheiten und Ansichten aufzugeben, an die man jahrelang geglaubt hat, meinte Oskar, Lenas Vater und wiegte den Kopf, um seine Tochter zu trösten.

Aber von wem denn, Papa? Wozu? Warum wird aus einem hübschen Mädchen jemand, der voller Zweifel ist? Dich hat man doch auch anders erzogen!

Ich schon, das stimmt. Ich hatte gute Lehrer.

Und Katrin? Papa, du meinst Oma, oder? Aber sagst es nie direkt.

Was soll ich denn sagen, Kind? Dass meine Mutter beim Erziehen Fehler gemacht hat? Bringt das was? Du bist erwachsen genug zu wissen, was Respekt vor den Eltern heißt. Meine Mutter hat mich allein großgezogen ohne Vater. Später kam dann mein Stiefvater Erich. Du weißt, dass ich ihn sehr geschätzt habe. Er hat mir bei so vielem geholfen und meiner Mutter nur wenig ins Handwerk gepfuscht, als es um meine Erziehung ging. Er meinte, Männer müssen Männer erziehen.

Papa, das ist ja schön und gut, aber warum hat er Katrin nicht genauso unterstützt?

Hat er ja. Aber da galt sein Prinzip nicht: Sie war ein Mädchen. Da hat Oma Katrin ganz nach ihren Vorstellungen erzogen. Und sei nicht zu streng mit ihr sie hatte sicher ihre Gründe.

Welche, Papa? Ich sehe Katrin an und es tut mir weh! Sie ist gut, manchmal zu gut Aber so verunsichert und unglücklich. Sie hat ständig Angst. Warum?

Weißt du, Lena, Oma hat sich um Katrin immer Sorgen gemacht. Fast schon panisch. Sie hat sie am liebsten überallhin an der Hand geführt fast bis zum Ende der Schulzeit. Ich weiß nicht, warum sie solche Angst hatte, dass mit Katrin irgendwas passieren könnte. Die Schwangerschaft war damals sehr schwierig für sie. Ich erinnere mich, wie ich auf Erichs Bouillon und Granatapfelsaft gewartet habe, die er für sie besorgt hat. Damals habe ich verstanden, was für ein Mensch Erich war wie sehr er meine Mutter liebte. Er hat wenig geredet, aber viel getan

An den erinnere ich mich nur kaum, Papa Aber das Holzpferd, das er mir gebaut hat, das weiß ich noch.

Ja, daran hat er gewerkelt, während wir auf dich gewartet haben. Er war immer geschickt mit den Händen. Ihm ging es damals schlecht, aber das Pferd musste fertig werden. Er hatte Angst, die Zeit reicht nicht.

Wo ist es jetzt?

Auf dem Dachboden, weißt du. Für die Enkel irgendwann.

Papa!

Ach was irgendwer macht mich schon mal zum Opa!

Nicht so bald!

Na, dann bin ich ja beruhigt!

Er wich ihr mit einem Lächeln aus, spürbar erleichtert. Die Fragen würden nicht weniger, wusste Oskar, aber er konnte auch nicht immer alles beantworten.

Ganz einfach war es bei uns nie. Als Kinder sagte Katrin sogar mal, unser Haus sei aus Papier.

Warum das, Katrinchen?

Oskar, damals noch ein dünner Gymnasiast mit Akne, nahm sich oft Zeit für seine kleine Schwester. Sie brachte ihn zum Schmunzeln.

Weil es aussieht wie dein Tulpenbastelwerk da! Katrin drehte die Papiertulpe ihres Bruders zwischen den Fingern. Guck doch, wie hübsch der ist! Und schau mal

Sie legte die Tulpe auf die Hand und klatschte mit der anderen drauf.

Warum denn?! Oskar zuckte zusammen.

Leer innen. Siehst du? Mach noch einen!

Und dann verbeult du ihn wieder?

Nein. Ich zeig dir was.

Sie stopfte Knetmasse ins Papiertulpen-Loch, bis das ganze Innere gefüllt war.

Siehst du? Jetzt kann ich die Tulpe nicht zerdrücken. Sie ist stabil. Unser Haus aber dem fehlt es drinnen an Knete.

Oskar war beeindruckt, wie fein seine kleine Schwester alles verstand. Er drehte nachdenklich die Tulpe in den Fingern gefüllt mit der Weisheit eines Kindes.

Die Bastelanleitung hatte ihm übrigens Alina, seine Banknachbarin, gezeigt. Sie war äußerlich so ruhig, konnte aber im Unterricht nie die Finger stillhalten.

Ich muss immer etwas machen, während ich nachdenke.

Ihr Papier verwandelte sich stets in Tiere oder Blumen. Die Lehrer kannten ihren Drang und ließen sie gewähren. Sie war eine Musterschülerin und schaffte alles mit Leichtigkeit.

Oskar sammelte Alinas Bastelwerke für Katrin daheim. Sie liebte sie.

Zeig mir, wie sie das macht?

Ich frage sie, dann zeigt sie es dir bestimmt!

Oskar bat dann seine Mutter oft, mit Katrin in den Park gehen zu dürfen. Das Mädchen zu sich nach Hause einzuladen, darauf wäre er nie gekommen. Er wusste, das hätte seine Mutter nie erlaubt.

Liselotte, Oskars Mutter, war streng. Manchmal zu streng. Oskar hatte dafür lange Verständnis, weil sie eben Angst um ihn und Katrin hatte.

Denk an deine Zukunft, Oskar! Später stehst du ganz allein da. Keiner schuldet dir was! Ich habe getan, was ich konnte geboren und erzogen, so wie es mir möglich war. Ab jetzt bist du selbst dran. Katrin braucht mich auch noch. Und verlass dich nicht auf Erich. Er ist halt nicht dein Vater, sondern dein Stiefvater.

Mit solchen Sätzen diskutierte Oskar nicht. Dennoch wusste er tief im Inneren, dass Erich ihn im Notfall immer auffangen würde. Selbst den Begriff Stiefvater benutzte er eigentlich gar nicht mehr das war einfach sein Vater, fertig.

Ihm war klar, manches, was seine Mutter nur in Abwesenheit ihres Mannes mit ihm besprach, hätte Erich sofort abgestellt. Für ihn war die Familie oberstes Gebot und er baute sie so, dass es allen gut ging.

Aber Oskar merkte früh: Gut bedeutet für jeden etwas anderes. Wo Erich meinte, Kinder müsse man verwöhnen und lieben, setzte Liselotte eher auf Strenge. Und Angst

Liselotte fürchtete um ihre Kinder rund um die Uhr gefühlt 25 Stunden am Tag. Für den Fall der Fälle, wie sie immer sagte. Seit Katrins Geburt wurde daraus ein Dauerklingeln im Haus.

Am Ende tut Katrin sich weh!

Das galt für alles und jeden: Freundinnen, bei denen sie nie eine wirklich gute für ihre Tochter sah. Lehrer, Trainer auch da nur das Nötigste an Kontakt. Mit der Lehrerin hatte man keine Freundschaft zu schließen! Und wozu andere Menschen? Es gab ja die Familie alles andere war nur Ballast. Fremde, die verletzen konnten.

Warum Liselotte immer Angst hatte, dass ihre Kinder Ziel von Schaden werden könnten, wusste Oskar lange gar nicht. Er sah seine Mutter immer hastend und voller Unruhe. Sie wechselte den Beruf, um Katrin rechtzeitig aus dem Kindergarten und aus der Schule holen zu können, lernte Autofahren wegen der Fahrten zu den Hobbys, denn alleine sollte Katrin ja nicht gehen. Oskar half natürlich, aber irgendwann führte er schon sein eigenes Leben.

Und was da alles hineingehörte… Alina zum Beispiel. Und später ihre gemeinsame Tochter Lena. Für Liselotte war die so früh kommende Enkelin ein Schock. Sie hatte nie erwogen, schon mit Anfang zwanzig Großmutter zu werden.

Was hast du dir dabei gedacht, Oskar! So früh, so unüberlegt! Dein Studium ist doch noch nicht mal abgeschlossen! Liselotte zitterte in der Küche am Fenster.

Mama, ich bin kein kleines Kind mehr. Ich stehe für mein Leben ein. Alina bekommt mein Kind.

Man kann doch verhüten! Und jetzt gibt es immer noch Möglichkeiten

Hör auf, Mama. Sag nichts, was ich dir nicht verzeihen könnte. Ich habe genug gehört. Vielleicht bist du überfordert, das verstehe ich. Überleg dir in Ruhe, was ich gesagt habe.

Oskar verabschiedete sich und schaute auch bei Katrin vorbei. Im Anschluss besuchte er Erich im Arbeitszimmer.

Sein Vater war schon seit Monaten schwer krank. Er sprach nicht viel über sein Leiden, wollte Frau und Tochter nicht beunruhigen. Nur Oskar ahnte, wie schwer alles für ihn war.

Er drückte Oskars Hand fest, dann legte er ihm die Schlüssel zur Wohnung in die Hand.

Die Unterlagen regeln wir nächste Woche. Sorgen brauchst du dir um deine Mutter und Katrin nicht machen das Haus auf dem Land ist für sie. Da entsteht bald ein neues Wohngebiet und der Wert steigt. Ihr sollt es gut haben. Und ihr wohnt hier, Oskar. Dein Kind soll ein Zuhause haben. Ein richtiges, sicheres Heim. Verstehst du?

Ja, Papa. Danke

Erich lernte Lena nicht mehr kennen. Sie kam eine Woche später zur Welt, als er ohne ein Wort von uns ging.

Oskar übernahm fortan die Verantwortung für die Familie ganz selbstverständlich. Katrin spürte, dass Oskar heimlich eine kleine Papiertulpe aufbewahrte über seinem Schreibtisch.

Warum?

Sie erinnert mich daran, dass ich euer Leben mit Inhalt füllen muss. Nicht nur für Alina und Lena auch für euch mit Mama.

Das ist nicht leicht, Oskar. Sie wird dich nicht hören.

Aber ich kann es wenigstens versuchen.

Ja das kannst du. Katrin wechselte das Thema. Sie wollte nicht, dass Oskar Streit mit Mama bekam.

Mit Liselotte war es einfach schwierig. Nach Erichs Tod hatte sie sich verschlossen. Katrin begriff sie nicht mehr und Oskar brauchte gar nicht zu rätseln er erinnerte sich an früher: Als sein leiblicher Vater ging, war er vier. Er verstand noch nicht alles, aber bald wusste er, wie es war, wenn Mama aus Kummer die teure Kristallvase an der Wand zerschlug, dann Weinend Scherben sammelte und Oskar in die Ecke stellte. Damals wurde die Ecke zum Gewohnheitsort, und seine Mutter fuhr von einer Gefühlslage zur anderen. Manchmal schimpfte sie, dann umarmte sie ihn wieder und bat ihn um Vergebung. Aber Oskar war immer ein wenig gepanzert.

Du bist wohl dickerhäutig als andere! Ich weine und du hältst durch. Tut dir Mama gar nicht leid? Liselotte runzelte die Stirn und beruhigte sich erst, als Oskar nervös auf die Lippen biss, um nicht zu weinen. Ich hab mich nicht in dir geirrt. Komm her, mein Junge! Mama hat dich doch lieb!

All das hat er nie vergessen und tat, was er konnte, um Katrin nicht das Gleiche durchleiden zu lassen. Allerdings hätte man dafür mit der Mutter unter einem Dach leben müssen und das hielt Oskar nicht für klug. Alina war zu zart, zu verletzlich wie eine von ihren Papierbasteleien.

Junge, ich habs dir doch gesagt! Gut, dass Lena gesund war! Aber Alinas Herz… So jung und schon solche Probleme! Und du zerreißt dich zwischen Arbeit und Kind… Wie sehr zählt im Leben die richtige Wahl…

Oskar biss die Zähne zusammen:

Bitte, Mama. Hör auf jetzt! Sonst streiten wir uns!

Aber Kind! Ich meine es doch nur gut… Ich war halt immer direkt.

Ja, zu sehr… Oskar holte seine Tochter ab und fuhr nach Hause, oft ohne noch mit Katrin sprechen zu können.

Katrin beschwerte sich nie. Sie ähnelte sehr ihrem Vater. Ruhig, ernst, verschlossen außer zu Mutter und Bruder.

Mit Liselotte aber war das Verhältnis kompliziert. Liebe und Vertrauen balancierten ständig auf Messers Schneide. Ein falscher Schritt und das Eis krachte unter einem weg.

Alina starb, als Lena fünf war. Eines Morgens kam sie nicht mehr zurück ins Leben. Oskar, der damals noch versuchte, leise zu sein um sie nicht zu wecken, ließ einen kochenden Wasserkocher beinahe auf den Tisch fallen. Der Kater erschrak, Oskar rutschte auf den Fliesen aus. Doch die Zeit drängte da schon nicht mehr. Als er ins Schlafzimmer schaute, wusste er sofort, was passiert war.

Die Welt hielt an, nur ein Gedanke hämmerte immer wieder in seinem Kopf: Lena!

Er ging zum Kinderzimmer. Das Plüschkätzchen lag auf dem Kopfkissen. Lena hatte es bei Oma vergessen, weil Oskar sie dort abgesetzt hatte, bevor er zur Arbeit fuhr. Oskar drückte das Ohr des Stofftiers so fest, dass ihm Tränen kamen es half aber nichts gegen den Schmerz.

Wie lange er im Zimmer saß, wusste er später nicht mehr. Irgendwann wachte er halb auf, stand auf, ging in die Küche und griff zum Telefon.

Mama? Lass Lena bitte noch ein wenig bei dir. Ja, ich weiß, du musst arbeiten. Es muss sein. Ich ruf zurück

An die zwei Monate danach hat Oskar nur Erinnerungsfetzen. Er machte irgendwas, kochte, versorgte das Kind. Lena wusste offenbar, wie schlecht es ihrem Vater ging, denn sie ließ ihn kaum los. Sie sprach wenig über Mama. Zuerst fiel Oskar das gar nicht auf, dann sah er zufällig, wie sie ins verschlossene Schlafzimmer schlich, sich mit dem Plüschtier auf den Boden neben das Bett setzte und mit Mamas Foto sprach. Da erst begriff er, Lena wusste längst Bescheid.

Er wartete, bis sie heraustrat, nahm sie in den Arm, schnupperte an den verwuschelten Zöpfen und fragte:

Wer hats dir gesagt?

Oma. Sie meinte, ich soll dich schonen. Nicht über Mama sprechen, sonst weinst du.

Oskar drückte sie fast zu fest, fing sich aber rechtzeitig.

Verzeih mir, Kleine! Du darfst jederzeit mit mir über Mama reden! Hör auf niemanden sonst! Nur auf mich, ja?

An ihrem tiefen Seufzer und dem Weinen merkte er, wie schwer Lena all die Zeit gelitten hatte. Oskar machte sich Vorwürfe, so ziemlich für alles, und schimpfte innerlich auf sich.

Richtig wütend wurde er, als Katrin abends zu ihm kam völlig durchnässt vom Regen. Sie umarmte ihn kraftvoll, wie er seine Tochter kurz zuvor umarmt hatte.

Katrin! Was ist los?

Es tut weh Sie knickte weg, Oskar fing sie auf.

Der Notarzt kam erst nach einer halben Stunde, Katrin schlief dann irgendwann im Kinderzimmer ein, ohne erzählen zu können, was vorgefallen war.

Am nächsten Morgen fiel Oskar beim Anblick ihrer blauen Flecken alles ein.

Was ist passiert?

Katrin wollte die Ärmel vom weiten T-Shirt tiefer ziehen, aber es half nichts.

Katrin?

Oskar, ich will nicht drüber reden.

Ich verstehe. Aber irgendwann musst du, Katrin. Sonst kann ich dir nicht helfen.

Die großen grauen Augen füllten sich mit Tränen, Katrin schüttelte den Kopf.

Ist es Mama?

Katrin nickte und krallte sich in Oskars Arme.

Gib mich ihr jetzt nicht zurück. Nicht jetzt! Ich hab solche Angst!

Oskar überlegte fieberhaft. Einen Eklat jetzt hätte alles zerstört. Er wusste, seine Mutter hatte eine Grenze überschritten; für sie war Katrin so eine Art letzte Lebensaufgabe.

Erzähl mir alles. Wir überlegen, wie wir das lösen. Ich will nicht, dass du je wieder weinst, verstanden?

Wäre Katrin nicht gleich einverstanden gewesen, hätte Oskar sich als Mann nicht mehr für voll nehmen können. Doch sie verstand, atmete durch und setzte sich, so gerade wie ihr Vater es immer tat. So ernst hatte Oskar sie selten gesehen.

Mama hat rausbekommen, dass ich mich mit Max treffe. Erinnerst du dich der mit den Struwwelhaaren?

Der Strubbelige? Oskar schob ihr den Tee und ein Brot rüber. Iss!

Später. Ja, der! Wir waren nur ein, zwei Mal im Kino und sind spazieren gegangen, tagsüber. Er hat nicht mal versucht, mich zu küssen!

Nicht schreien. Ich glaube dir. Aber was mit Mama war?

Sie hat geschrien, mich unsanft gepackt, und solche Dinge gesagt Ich kann das nicht wiederholen. Warum tut sie mir das an? Ich hab ihr nie Ärger gemacht und weiß, dass es noch zu früh ist für eine Beziehung. Sie schrie, ich würde schwanger werden und leiden wie du Sorry! Ich sollte das nicht wiederholen, aber Oskar, rede ich wirklich so viel wie sie meint?

Da brach Katrin so hemmungslos in Tränen aus, dass Oskar selbst erschrocken war.

Er reagierte, wie bei seiner Tochter: nahm sie auf den Schoß, strich über den Rücken und murmelte:

Waschstraße. Katja, als ob ich zulassen würde, dass dich jemand verletzt! Niemand kommt hier an dich ran, verstanden?

Ihre wachen grauen Augen fixierten ihn, Oskar blieb hart:

Niemand! Nicht mal Mama. Ich hab Papa versprochen, keiner darf dich verletzen. Meinst du, ich breche dieses Wort?

Sie schüttelte stumm den Kopf.

Dann ist gut. Er hat aus mir einen Mann gemacht, und ein Mann hält Wort. Pass du auf Lena auf, sie wacht bestimmt bald auf. Gib ihr was zu essen, ich rede derweil mit Mama.

Nicht! Katrin sprang auf.

Ich muss! Oskar setzte sie wieder hin und schob ihr das halbgegessene Brot zu. Mach dich frisch! Lass das Kind sich nicht erschrecken.

Das Gespräch mit seiner Mutter wurde anstrengend. Liselotte schimpfte, flehte, drohte Oskar hörte es sich alles ruhig an.

Mama, Katrin bleibt vorerst hier.

Er hob die Hand, bevor Liselotte wieder loslegen konnte:

Nur eine Weile. Sie braucht Ruhe und du vielleicht auch.

Aber sie hat Unterricht! Prüfungen! Das Quartal endet, Oskar!

Merkst du selbst, wie das klingt? Du hast sie nicht gesucht in der Nacht. Und wenn sie nicht zu mir gekommen wäre?

Ich dachte, sie ist daheim!

Du willst immer alles kontrollieren. Aber lass uns doch auch leben! Wir sind deine Kinder, keine Angestellten! Weißt du eigentlich, dass Katrin vom Tierarztberuf träumt? Nicht studierte Ärztin, sondern Tierärztin! Ich bezahl ihr das, sollte die Schule schiefgehen. Das weißt du jetzt!

Du kannst das nicht für sie entscheiden! Ich bin ihre Mutter!

Und das gibt dir das Recht, sie zu verbiegen?! Oskar blieb ruhig. Vor ihm stand jetzt nur eine erschöpfte, verlorene Frau keine wütende Löwin.

Er legte ihr die Hände auf die Schultern, sah ihr in die Augen:

Möchtest du wirklich alleine bleiben? Das ist keine Drohung, nur eine Warnung. Wenn du so weitermachst, verlierst du uns beide. Und dann bist du wirklich allein.

Er gab ihr einen Kuss auf die Stirn und verließ die Wohnung. Auf der Treppe setzte er sich erst einmal wie oft war er früher diese Treppe auf und abgelaufen? Jetzt fehlte ihm die Kraft für einen Schritt, egal in welche Richtung. Er zählte gedankenverloren die Stufen, stand schließlich auf und ging.

Sein Plan war richtig. Liselotte hielt die Trennung nicht lange aus. Nach zwei Tagen kam sie zu Oskar und versuchte, sich mit Katrin auszusöhnen. Das dauerte noch Jahre fünf, um genau zu sein. Ihre Beziehung war wie eine seltsame Wippe: die Richtung unklar, das Gleichgewicht zufällig.

Liselotte bemühte sich, denn nach allem wusste sie ihre Kinder warteten nicht ewig darauf, bis sie sich wieder sammelte. Sie sind zwei, gemeinsam, und ich?, so dachte sie oft.

Katrin schloss das Studium ab, fing in einer angesehenen Tierarztpraxis in Hamburg an. Lena lachte sich kaputt, wenn Tante mit kuriosen Patienten auftauchte.

Katrin! Das ist ein Tigerpython!

Und? Der ist so warm und freundlich! Streichel ihn doch mal, Oskar! Nur kurz! Siehst du? Gar nicht schlimm! Das ist nur vorübergehend, bis der Besitzer aus Hannover zurück ist. Gustav ist allein, dem ist langweilig!

Gustav? Der hat auch noch einen Namen?

Aber sicher!

Lena amüsierte sich blendend und drohte ihrem Vater, auch Tierärztin werden zu wollen.

Das fehlt noch! Oskar fasste sich gespieltermaßen an den Kopf.

Arbeit, Alltag, vorsichtige Treffen mit der Mutter das war Katrins Leben. Lena versuchte, ihren Vater zu überreden, ihre Tante zu verkuppeln, aber erfolglos.

Doch dann kam die Nachricht.

Ich möchte, dass ihr meinen Freund kennenlernt. Katrin wurde rot. Und bitte, lacht mich nicht aus!

Da gibts eher Grund zu Tränen! Lena umarmte ihre Tante.

Der rechte Sneaker, den Katrins letzter Patient durch die Wohnung geschleppt hatte, fand sich schließlich unter Papas Bett. Lena streifte den leicht angebissenen Schuh über und lief in den Flur.

Ich bin fertig!

Na, endlich! Oskar sah skeptisch zu seiner Tochter. Jetzt müssen wir uns nicht mehr hetzen. Katrin nimmt das sowieso übel, wenn wir zu spät sind!

Papa! Es sind noch dreißig Minuten!

Im Park entdeckten Oskar und Lena das Pärchen sofort.

Papa, ist das er? Ist er es? Der Strubbelige?

Lenas Flüstern war so laut, dass Katrin die Stirn runzelte und ihr drohend einen Finger zeigte.

Max.

Oskar.

Ein Händedruck, ein Lächeln, ein Nicken.

Lena.

Der Zottelige! lachte Max und blinzelte Katrin zu. Nicht so ernst, Katrin! Lächel doch! So ists besser! Übrigens Hammer-Sneaker! Will ich auch haben!

Lena zwinkerte Oskar zu, und erst jetzt fiel ihr auf, wie sich was in Katrins Augen verändert hatte. Sie waren nicht mehr aus Stahl, sondern schimmerten silbrig. So schön, dass Lena vor Staunen klatschte, sehr zur Überraschung des neuen Familienmitglieds.

Was ist los? Wir sind eben alle ein bisschen verrückt. Da musst du dich dran gewöhnen!

Das beruhigt mich! Jetzt weiß ich, ich passe gut zu euch Familie, oder?

Klar, Familie, Max! Lena verkniff ein Grinsen und hakte sich bei ihrem Vater unter.

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Homy
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