Die letzte Dämmerung

Der letzte Sonnenaufgang

Empfangen wir eine Nachricht? Das ist doch die Horizont? Sergej?

Das darf doch nicht wahr sein! Wenn jemand in Schwierigkeiten stecken kann, dann doch höchstens die mit ihrem planetaren Shuttle, aber doch nie das Trägerschiff!

Svenja verschränkte die Hände.

Zwanzig Tage lang, während sie mit ihrem Mann die sechste Welt des Phoenix-Systems erforscht hatte, während sie Boden- und Wasserproben gesammelt und Lufttests gemacht hatte, lief die Verbindung tadellos. Sie verschickte Ergebnisse, Prognosen und Berechnungen, die jeden Tag weniger hoffnungsvoll klangen mal abgesehen vom letzten. Im Gegenzug kamen aufmunternde Worte und kleine Trostpflaster.

Auf dem Planeten brannte alles, was eigentlich nicht brennen sollte. Zum Beispiel feuchtes Moos. Pflanzen versteckten ihre Knospen unter dicker Korkrinde wie panzerverliebte Kellerkinder. Tiere gruben Tunnel, in die sie sich bei der kleinsten Feuerbedrohung sofort fallen ließen.

Zweimal hatten Svenja und ihr Mann selbst im Shuttle Zuflucht gesucht und die savannenweite Feuerwand bestaunt na ja, oder besser: ausgesessen. Grund: neunundzwanzig Prozent Sauerstoff in der Atmosphäre.

Benutzt die Rettungskapseln übermittelt die Daten Die Stimme ersoff im Prasseln der Störgeräusche.

Dieter! Matthias!

Svenjas Herz ging auf Tauchgang. Ihr Serge ein ruhiger, gutmütiger Hüne schrie und versuchte zu verstehen, was mit dem Schiff los war.

Verzerrung… des Felds…

Da läuft was schief, sagte Serge, drehte sich zu ihr. Der Kapitän hat den Befehl gegeben, die Rettungskapseln zu nutzen. Das heißt, es gibt keine Hoffnung mehr.

Aber was ist denn passiert? fragte Svenja.

Sie reden von einer mächtigen Gravitationswelle.

Auf dem Schirm blitzte ein grauer Streifen auf.

Ist das das Ding?

Sieht so aus, irgendeine Raumverzerrung, murmelte Serge und prüfte die Anzeigen.

Wieder die Horizont.

…Welle nimmt an Stärke zu… die Felder halten nicht mehr!

Der graue Streifen auf dem Bildschirm wuchs und begann zu sprühen.

Ich fahr die Schutzschilde hoch und versuch das Shuttle auf Abstand zu bringen, sagte Serge.

Glitzernder, grauer Nebel flutete den Bildschirm.

Der Einschlag zerriss die Schutzfelder, schleuderte das Shuttle wie einen Spielzeuglaster und ließ es rotieren. Die Gravitationsbremser röhrten verzweifelt und spuckten Energie aus.

Den Rest erlebte Svenja nur noch bruchstückhaft: Manöver am Planeten, stotternde Lagekontrolle, Notbremsung beim Eintritt in die Atmosphäre, eine Würgepartie im dichten, staubigen Luftmeer und dann schwarze Stille.

***

Svenja schlug die Augen auf und versuchte zu begreifen, wo sie war, was geschehen war. Das Notlicht schimmerte düster rot. Beunruhigend, dunkel. Viel zu dunkel für vollgeladene Energiezellen. Sie hatte immensen Durst.

Serge?

Mühsam drehte sie den Kopf:

Wie gehts dir?

Der Pilotensitz war leer. Die Gurte offen.

Serge, rief sie ängstlich und bastelte sich aus den Gurten, versuchte aufzustehen. Es klappte, aber nach zwei Schritten fiel Svenja zurück ins Polster.

Schultern und Brust taten weh, der Kopf dröhnte, aber alles andere war ihr gerade wurscht.

Nein, nein, das kann nicht sein, flüsterte sie.

Serge.

Ihr Serge, lag reglos auf dem Boden.

Svenja tappte zum Armlehnenfeld. Erste Reihe, dritte Taste. Die Hand flach auflegen. Aus dem Panel kam sofort der medizinische Analysator, piks.

Komm schon, flehte sie innerlich, Ketophenil, fünfzig Milligramm, oder wenigstens Fünfundzwanzig, dann kann ich aufstehen und Serge helfen.

Die Analyse systematisch auf ihren Screen.

Svenja schielte auf die Werte: Prellungen, Dehydrierung … Das weiß ich auch! Wie lang war ich weg? Sechs Stunden? Donnerwetter! Oh ja, ja!

Ein Stimulans kickte in den Kreislauf, ordnete Herzschlag, blendete Schmerzen, Hunger und Durst aus, brachte Verstand und Muskeln auf Kurs.

Sie stand auf, ging dann sicher zu Serge.

Ihre Hand berührte die Schulter eiskalt.

Der Körper war steif.

Funktionell, die Arznei dämpfte jede Gefühlsregung.

Serge Lindner, ihr Mann, mindestens sechs Stunden tot.

Was, wenn ihm was injiziert wurde? Irgendwas Lähmendes? Wie unwahrscheinlich ist das denn… Aber vielleicht? Sie klammerte sich an den Gedanken. Medscanner! Genau das!

Zwei Minuten später war sie bei ihm und drehte ihn auf den Rücken.

Keine Zweifel mehr: Kein Atem, kein Puls, keine Hirnströme. Diagnose: gebrochene Halswirbel.

Seine leeren Augen starrten sie an, die Hände eingefroren in einer grotesken Geste.

Was war hier los? Gurt gelöst, als er dachte, jetzt ist alles vorbei, steht auf, und dann…. und dann? Stürmt ein Alien rein und schüttelt das Shuttle wie einen Getränkemixer, sodass Serge umkippt und sich das Genick bricht? Oder fällt ein Brocken von der nächsten Bergkuppe? Tornado? Stopp.

Svenja erkannte, dass ihr überstimuliertes Hirn noch fünf weitere abenteuerliche Theorien hervorwürgen würde. Sie setze sich, starrte auf das Steuerpult.

Notpeilsender einschalten und SOS funken.

Hatten sie einen Relais-Satelliten auf Orbit gebracht? fragte sie sich. Das macht man als erstes vor einer riskanten Landung, damit später ein Notruf zur Erde durchkommt.

Kommt Hilfe?

Svenja wusste, sie hatte sechs Stunden weder getrunken noch gegessen.

Sie berührte ihr Gesicht, ihre trockenen Lippen, stand dann auf, nahm eine energiesparende Notration und stapfte ins Hygienefach.

Im Spiegel ein blasses, schmaläugiges Antlitz der Stimulans hatte die Pupillen eng gemacht. Svenja strich sich die blonden Strähnen hinters Ohr, wischte das Gesicht ab und entsorgte das Tuch.

Das Mineralwasser aus dem Vorrat war göttlich. Svenja trank Schluck um Schluck genüsslich.

Sie fühlte in sich hinein.

Kein Hunger. Gar nichts. Eine uralte Müdigkeit, Gleichgültigkeit das wars.

Jetzt reiß dich zusammen!, sagte sie sich. Ich muss wissen, wo ich gelandet bin, ob ich raus kann und ob noch jemand lebt!

***

Lukas Werner hatte sich von so einem Raumflug irgendwie mehr versprochen. Ja, es war sein allererster Posten, ja, Tiefer Raum, modernes Schiff, die Arbeit genau das, worauf er trainiert hatte, aber warum war alles so na ja, nicht langweilig aber immer dasselbe?

Die Vektor, Flaggschiff der Raumflotte Terra, offiziell zuständig fürs Scannen und Kartieren neuer Gebiete (das war Lukas Job), für Standardtransporte und gelegentlich Spezialaufträge der Flottenführung. Und nein, das waren keine James Bond-Missionen, keine Agentenübergaben, keine Alien-First-Contact-Shows oder dergleichen.

Manchmal sollte die Vektor ein unbekanntes Artefakt bergen, das ein Suchteam gefunden hatte, oder einmal musste sie dringend mit Impfstoff zu Bergarbeitern auf Wolf 1021 rasen.

Da sammelten sie einen gewissen Mediziner, Dr. Mark Drechsler ein, der bis zur Raumstation zwölf irgendwo bei Togarin gebracht werden sollte. Von dort starteten Raumzüge zur Erde, wohin der Doc unterwegs war.

Kaum an Bord, organisierte Dr. Drechsler erstmal den Gesundheitscheck. Lukas erinnerte sich an jedes Nadelkissen, jede Frage, jeden Scan. Jeder bekam eine Fitnessempfehlung und einen Ernährungsplan. Siebenundfünfzig Zertifikate ausgestellt! Muss man mögen.

Lukas streckte sich, ging über die Kommandobrücke und reckte sich. Ein paar Sportübungen, anders drohte er einzuschlafen.

Nicht, dass ich nachher als schlafende Attraktion bei der Ankunft aufwache, kicherte er innerlich.

Er checkte die Systeme. Antrieb: Alles okay? Kommunikationspanel ausfahren.

Kommandozentrale, alles klar bei euch da unten? mimte er den Chef.

Läuft bestens, knatterte der wachhabende Techniker zurück.

Verstanden, erwiderte Lukas und klang fast enttäuscht.

Jetzt noch Umwelt, Schott, Lebenserhaltung. Alles Standard. Draußen war nichts bedrohlich: keine Asteroiden, keine Störungen, kein Gerümpel, keine Wellen.

Er startete den Langstreckenscanner erneut. Zielgebiet: Doppelsternsystem Kairos. Ein roter und ein gelber Zwerg umkreisen sich, insgesamt zwölf Planeten.

Drei Tage Flug noch, aber vieles war schon sichtbar. Da, dritte Welt am roten Zwerg, lange, irrwitzige Umlaufbahn. Die Sonne ist klein, logisch, das macht solche Bahnen. Aber da muss doch noch was anderes die Planetenbahn stören?

Atmosphäre? Mit Glück schreiben sie bald Menschheitsgeschichte und finden einen Siedlungsplaneten. Ach, warum hat diese Welt diese komische Umlaufbahn? Lukas drehte die Auflösung hoch und verlor sich versunken in den Werten.

Planetenmondzahl: Siebzehn. Und trotzdem: Die Bahn war seltsam.

Da kam das Notrufsignal: Drei kurze, drei lange, wieder drei kurze, dazwischen Datenströme, und immer wieder das SOS.

Auf einmal war Lukas topwach und codierte sofort den Kapitän. Notruf: absolute Priorität!

***

Svenja überblickte die Anzeigen. Im Grunde stand alles nicht ganz schlecht: Luftzusammensetzung achtzehn Prozent Sauerstoff, fünfundsechzig Prozent Stickstoff, Rest Edelgase Helium und Neon. Atmen ohne Maske ok, Temperatur bei 22 Grad. Keiner weit und breit.

Sie stieg die Rampe hinunter. Über ihr ein buntes Meer aus Monden, nie erlebt sie so viele. Drei große volle Monde mit unheilvollem roten Schimmer, ein zunehmender, zwei kaum sichtbare am Horizont. Und dann die riesige Planetenhalbkugel, die den Himmel teilte.

Das Shuttle war offenbar auf einer Mondoberfläche gelandet, und das war definitiv nicht mehr das Phoenix-System! Dort gab es keine Planeten mit so vielen Begleitern!

Das Boot stand an einer steinigen Terrasse: eine Seite Gebirgskamm wie ein Dino-Rücken, die andere Steilabgang. Svenja sog den kühlen, fast sterilen Wind ein keinerlei Eigengeruch.

Es war unheimlich still. Der aufgewirbelte Staub schwebte, sank langsam wieder zu Boden. Kein Wind.

Svenja ging zur Kante, forschte nach Leben, Wasser, doch im Tal nur Nebel aber das bedeutete immerhin: irgendwo gibts Wasser. Und wo Wasser ist, da gibts vielleicht Hoffnung. Ein Mikroschimmer Hoffnung.

***

Wache an Brücke! Captain zur Kommandobrücke! Dringend!

Halb schlafend rieb sich Viktor Meier, Kapitän der Vektor, die Augen und fragte sich, warum das etwas zu aufgeregte Gesicht seines Kartographen Lukas Werner auf dem Bildschirm war.

Bericht angehört, Kapitän nickte:

Ich komme sofort. Ruf den Chefingenieur. Wir müssen den Ursprung des Signals finden.

Nach einer halben Stunde rauschte die Brücke im Radio- und Stör-Getöse. Zwischendurch kamen verständliche Brocken durch: SOS, SOS, Shuttle Vektor vier in Not Im Phoenix-System… Unter… Welle… Hauptschiff antwortet nicht… Notlandung… Koordinaten durchgegeben… SOS!

Viel ist das nicht, murmelte Chefingenieur Frank Voss.

Können Sie filtern? fragte Meier.

Der Ingenieur nickte.

Per Koordinate senden wir eine Statusmeldung, dass wir Empfang haben, bestimmte Meier.

Wir wissen nicht, ob da jemand überlebt hat, Voss zuckte mit den Schultern. Automatische Übertragung via Relais.

Außerdem eng gebündelt, ergänzte Lukas, in Sektor Erde. Ich habs nur erwischt, weil meine Scanner noch an waren.

Egal prüfen müssen wir, sagte der Kapitän. Dann, an Lukas: Gute Arbeit, Junge!

***

Der Morgen brach schlagartig an.

Über dem Horizont wurde es etwas heller. Dann erschien ein rötlich-blinder Sonnenrand. Die Sonne stieg vielleicht auf fünfzehn Grad und kroch gemächlich rechts entlang. Kaum war sie da, färbte sich das andere Himmelssegment gelb: Die zweite Sonne. Die stieg höher, gleißender. Svenja beobachtete das Spiel der Sonnen und Mondschatten und wunderte sich: Wo zum Henker bin ich hier?

Sie wollte den Bergrücken zur besseren Aussicht erklimmen, musste aber kapitulieren. Der Aufstieg wurde zu riskant: Felsen, Geröll, dann rutschiger, blaugrauer Sand.

Ein halber Kilometer vom Shuttle fand sie einen schmalen Durchbruch eine Höhle, gerade groß genug, um aufrecht zu stehen.

Svenja saß lange auf einem Stein bei Höhleneingang, betrachtete die irren Farben und Monde, stellte sich vor, was sie jetzt alles tun würde, wenn Serge noch am Leben wäre. Einen Wohnmodul anliefern, Lagerfeuer an der Höhle…

Aber jetzt? Jetzt musste sie Serge beerdigen.

Mit einem kleinen Schwebewagen gings zum Shuttle zurück sie hievte Serge auf, schob ihn langsam, sorgsam, und ordnete zweimal die Haltegurte nach, biss sich auf die Lippen und fragte sich: Warum weine ich eigentlich nicht? Ich transportiere mein Herz, meinen Partner seit fast dreißig Jahren, Vater meiner Tochter und fühle…?

Hatte der Schock sie leergebrannt?

Tageslänge auf dem Planeten: schlappe sechs Stunden.

Als sie zum Shuttle zurückkam, blinkte schnatternd ihr Kommunikations-Armband.

Eingehender Ruf! Jemand hat ihr Notsignal erwischt! Sie rannte los.

Horizont! Es muss die Horizont sein!

Sie tanzte vor Ungeduld, bis der Luftschleuse die Desinfektionsstrahlen fertigliefen.

Hier, Shuttle Vektor 4, bitte melden!

Statisches Rauschen, dann eine ferne Stimme:

Wir hören Sie, Vektor 4. Hier Raumschiff Vektor, Nummer RTZ 1763. Signal empfangen. Was ist vorgefallen?

***

Mark Drechsler träumte seit vier Jahren von einer besseren Wohnung. Am liebsten oben, mit einem riesigen Balkon. Wenn man Sonnenfläche auch unter nordeuropäischem Himmel hat, wachsen Tomaten und vielleicht sogar Zitrusbäumchen!

Im Traum war sein neuer Balkon über zwanzig Quadratmeter groß, kraftvolle Solarzellen, Wassersammler kostenloses Gießen! Regenwasser in die Hausanlage vermischt, spart Wassergebühr. Zitronenbäumchen in den Ecken, im Zentrum Zucchini, Gurken und Tomaten, daneben Küchenkräuter, Radies und Beeren. Etwas Platz für einen kleinen Blumengarten seine Frau Annemarie, passionierte Floristin. Töchterchen Mia flitzte zwischen den Beeten herum.

Gerade nahm er mit seiner Tochter eine besonders saftige Erdbeere ins Visier, als das Notrufsignal ihn weckte.

Arzt zur Brücke! Sofort! krächzte das Intercom, dann Stille.

Drechsler setzte sich auf, zipfte Hose und Jacke über, packte den Notfallrucksack und rannte auf die Brücke.

Kein roter Alarm, alle schliefen, niemand regte sich.

Was ist los? stürzte er auf die Brücke, rechnete mit Schwerverletzten, brennenden Haaren und seltenen Strahlenarten.

Doch da standen nur die ganz und gar gesunden Kollegen: Kapitän, Chefingenieur, Kartograf.

Ähm Entschuldigung, Mark, sagte Meier, wir … ein SOS. Uns gehts gut, aber dort … Er zeigte auf den Schirm da braucht jemand Medizin.

***

Die blonde Frau weinte, schniefte, erzählte von Planet Phoenix Sechs, bunten Libellen, fremden Sonnen, Monden und Planeten, wie sie Serge in die Höhle brachte, wie müde und verloren sie sei.

Entschuldigen Sie, sie wischte sich ab. So darf man sich nicht aufführen, schon gar nicht als Wissenschaftlerin, aber mich hats einfach erwischt.

Das ist doch verständlich, Svenja. Ich heiße Mark Drechsler, bin Ihr Arzt, ich helfe Ihnen. Welches Stimulanz haben Sie genommen? Und wann?

Standard-Ketophenil.

Standard, okay, aber Sie müssen jetzt ausruhen.

Wir haben Biometrie, warf Lukas ein und zeigte aufs Display.

Drechsler warf einen Blick drauf: Puls zu hoch, Druck verquer, Blutzusammensetzung suboptimal.

Sie sind aktuell in Sicherheit? fragte Kapitän Meier. Lage des Shuttles stabil?

Denke schon. Es steht auf Hochplateau, Kante zum Tal.

Sie haben schon einen Atmosphärenscan durchgeführt? Das ist ja super! Können Sie Daten übertragen? Und die Shuttledaten? Das hilft uns. Geht das?

Natürlich, das geht.

Hauptsache, Sie leben, und wir sind bald bei Ihnen, versicherte Meier. Sie haben Nahrung und Wasser. In drei Tagen sind wir da. Er schaute Lukas an, der wild nickte. Sie schlafen jetzt und wenn Sie aufwachen, sinds nur noch zweieinhalb.

Genau, murmelte Drechsler, noch angeschweißt am Ausgangslauf.

Unser Doktor empfiehlt, sich ins Bett zu legen. Heute war aufregend genug: fremde Sonne, fremde Welt, Stress … flüsterte Drechsler und merkte, dass Stress wohl das Mindeste war.

Der Kapitän nickte eifrig. Nicht erwähnen, dass sie Witwe ist! Nicht anrühren!

Danke, verzeihen Sie, ich benehm mich sonst nicht so …

Ist schon gut! Wir halten die Leitung offen, Sie können immer sprechen. Gell, Kapitän? Drechsler grinste.

Selbstverständlich, bestätigte Meier mit feinem Lächeln. Wir sorgen für ständige Bereitschaft. Jetzt ruhen Sie sich aus wir suchen solange Ihren Horizont, setzen Kurs …

Meier zog sich zurück; Drechsler übernahm die Leitung.

Dem Kapitän war der Rücken klatschnass. Svenja hatte direkt in seine Laptophose hineingeheult.

***

Raumschiff Horizont. Sechshundertfünfzig Crew-Mitglieder, sagt sie, murmelte Meier. Ein Oschi. Suchklasse, vermutlich. Frank?

Nie gehört, Chef, antwortete Voss. Und das Phoenix-System?

Alle schauten ratlos.

Wann passiert? fragte Meier.

Vor zwei Tagen, schätz ich, brummte der Chef.

Komisch, kein Hinweis auf einen Reaktorunfall oder fette Gravitationswellen. Lukas?

Nein, Chef. Nichts dergleichen!

Phoenix Die müsste doch in Reichweite sein? Starten Sie den Scan

Darf ich, Kapitän? meldete sich der Bordrechner im höflich-kratzigen Ton. Ich hätte einen aktuellen Bericht zu Horizont und Phoenix-System.

Kommt aufs Terminal! befahl Meier.

Gerne auch als Holo-Präsentation, bot der Rechner an.

Als Text, danke.

Einmal hatte Meier aus Versehen die Holo-Version aktiviert: Sie war lang, blinkte und wurde von einer unmöglich erotischen Frauenstimme begleitet.

Der Terminal leuchtete und Meier las:

Horizont, Baujahr 2153, Arche-Klasse von den Mond-Werften, für planetare Erkundung gebaut, Angara-Antrieb, sechshundertfünfzig Crew. Letzter Einsatz Phoenix-System, 2177. Rückmeldung: System ungeeignet für Kolonisierung. Danach Funkstille.

Das ist also … dreiundsiebzig Jahre her.

Irgendwas läuft hier schief

Doktor, rief Meier, und das Mittel, das sie genommen hat?

Drechsler kam vor und studierte den Bericht.

Sie sagte Ketophenil. Bekannt

Wie lange schon?

Einhundert Jahre, vielleicht länger.

Weiter, bitte.

Ketophenil ist okay, aber es gibt schon länger sichere Alternativen wie Ketonorm oder Selectin, die tu ich viel lieber ins Notfallset. Ich hab ihr einen Longtrexon angeboten, wirkt stresslösend, gab’s aber nicht. Das Medikit war wie aus dem letzten Jahrhundert. Nach Analoga gesucht, immerhin war Relakton drin. Sie schläft jetzt. Warum fragen Sie, Chef?

Meier deutete aufs Terminal.

Drechsler pfiff durch die Zähne. Hat da jemand einen alten Zivi-Schub gekauft, auf Vintageschiff gesetzt und los gehts Forschen? Was haben die noch alles rausgespart?

Meier lehnte sich zurück. Möglich Privatmission, dann fehlen natürlich aktuelle Infos in der Datenbank.

Und Phoenix? Was sagt der Rechner?

Gibts gar nicht, meldete sich die KI. Phoenix ist das Nebensystem von Kairos, Ziel Ihrer aktuellen Reise. Im alten Phoenix-System gibts neun Planeten, zwei mit Atmosphäre. Einer wasserreich, einer sauerstoffübersättigt (dementsprechend …).

Reicht, wir wissen, was das heißt. Was ist mit der Sonne?

Gelber Zwerg, 1,1 Sonnenmassen, Radius 0,9 … ziemlich solargleich. Deswegen war Horizont da. Offenbar bei der Erkundung im Orbit von Kairos zerstört, riesige Gravitationswelle, null Kontakt. System inzwischen katalogisiert als NX 17254. Nebensonne: roter Zwerg, 0,4 Sonnenmasse.

Halt mal, Drechsler drehte sich zum Bildschirm. Du sagst, Horizont zerstört?

Jo. Trümmerteile, Annihilationsspuren, Reaktorausfall zu 99 %.

Wenn ein Schiff stirbt explodierts wie eine Supernova, murmelte Voss.

Alle schauten auf Lukas.

Der hob die Schultern. Das kann nicht sein… Wir bekommen ein Signal vom neunten Mond dritten Planeten, jetzt gerade!

Der Absturz liegt dreiundsiebzig Jahre zurück! stöhnte Drechsler. Unmöglich!

***

Warum will sie vors Shuttle treten? Ein Geräusch? Vorahnung?

Sie hatte sieben Stunden geschlafen, Kapitän Meier hatte recht: Noch zweieinhalb Tage, dann ist alles vorbei.

Svenja tappte in die dämmrige Morgendämmerung, wo das Himmelsgewölbe offen war: Vier volle Monde, zwei Halbe, dazu irgendein seltsamer dunkler Schatten über dem Horizont.

Kein Licht, sondern Schwärze kroch herauf.

Schwarz?

Was, verdammt, sieht sie da?

Eine Kugel absoluter Dunkelheit hob sich über den Rand: Schwärzer als alles. Ein allesschluckendes Nichts.

Ein Stern, die dritte im System, war schon verloschen und zur Schwarzen Löcherin degadiert.

Kein Akkretionsring, kein Fressen mehr das System hat sich seit Jahrmilliarden kaum verändert.

Ein bizarres Schauspiel. Die Schwarze Sonne stieg. Die Monde verschwanden, alles wurde vibrierend, als würde die Luft davon beben, der Staub vom Boden tanzen.

Ein wenig später erschien die gelbe Sonne, der Himmel wurde aschfarben, Monde ranglos, die große Planetenhalbkugel wurde durchscheinend. Svenja ertappte sich dabei, wie sie einfach nur wie gebannt die Farben des fremden Himmels bestaunte.

Ein Funkspruch riss sie heraus:

Vektor ruft. Brauchen Sie Hilfe?

Svenja schaltete das Armband auf Lautsprecher. Nicht so klar wie im Shuttle, aber sie wollte sofort antworten.

Ja, sagte sie knapp. Ich habe Neuigkeiten!

***

Über dem Tisch in Meiers Kabine kreisten die beiden Sterne: gelb und rot, Planeten und Monde drumherum, Orbits, Achsen, Rotations-Demos…

Infos stimmen zu 83 %, verkündete die KI, der Rest Modellierung. Bei der Schwarzen Löcherin fehlen Daten, aber die Dynamik lässt auf ein massereiches rotierendes Schwarzes Loch schließen.

Im Modell tauchte ein Schwarzer Fleck auf.

Damit ist klar, Kairos ist ein Drei-Sterne-System.

Die Löcherin schläft? brummte Voss.

Korrekt, Hauptingenieur. Sie rotiert, ist aber inaktiv. Laut Simulation gehören mindestens zwei Planeten zum Systemschwerpunkt. Soll ich die Schwarze-Löcher-Entstehung animieren? Ist spektakulär, dauert nur 6,5 Mrd. Jahre.

Lass stecken, winkte Meier ab. Weiter im Text.

Die Shuttle-Daten zeigen deutliche Spuren einer Rosenschen Gravitationsanomalie, die letztlich das Schiff zerstörte …

Ein Sphärenmodell flackerte auf.

Soll ich die Simulation des Vorfalls abspielen? fragte die KI hoffnungsfroh.

Nein danke. Eine Anomalie reicht. Voss, überlegen Sie, wie wir unseren Kahn dagegen schützen.

Kein Grund zur Sorge. Laut Berichten haben wir die Systeme inzwischen stabilisiert. Der Reaktor auf Vektor ist abhärtet.

Dennoch: Prüfen, bitte! Was ist mit dem Zeitsprung? Dann also durch die Löcherin?

Viel zu groß. Für Zeitreisen bräuchte es abartige Energiemengen. Da hätte ein Stern längst gefehlt.

Glaubt ihr im Ernst, wir sprechen mit einem Geist? empörte sich Drechsler. Ich hab mit einem lebenden Menschen gesprochen, hier und jetzt! Diese Welle hat sie in die Zukunft versetzt, fertig! Und was ist eigentlich eine Rosensche Anomalie?

Meier nickte Lukas zu.

Erklären Sie es, aber verständlich.

Nun, Doktor, das ist eine Raumfaltung, begann Lukas stolz, eine Falte, die in Systemen mit Schwarzen Löchern auftritt und sich in eine Gravitationswelle entlädt.

Genau, bestätigte Voss. Und so eine will man echt nicht abbekommen.

Also, wie geht es jetzt weiter? fragte Meier in die Runde.

Lukas blickte auf seine Schuhe. Drechsler hatte immerhin Klartext geredet aber Lukas hatte keine brauchbare Antwort.

KI, rief Meier. Wie können wir mit jemandem sprechen, der offenbar dreiundsiebzig Jahre tot ist?

Einen Moment, Kapitän, Voss hob die Finger. Bevor der Rechner seitenweise Theorien stapelt

Wenn ich bitten darf … entrüstete sich die KI.

Still jetzt! Später vielleicht. Weiter, Voss.

Ich versuches einfach: Ich habe mich mal mit Zeitfeld-Modellierungen beschäftigt… Im Kern: Eine Rosensche Anomalie verzieht nur den Raum, aber es gibt keinen Zeitsprung. Wir wissen eindeutig, das Shuttle wurde von einer Gravitationswelle aus der Spur im Phoenix-System geschlagen und bei Kairos abgesetzt. Ein Relais wurde dabei in den Orbit entlassen.

Die KI projizierte die Manöver. Ziemlich beeindruckend.

Voss klopfte auf den Tisch und räusperte sich.

Dieses Gerät ist gekoppelt mit dem Shuttle. Ganz gleich, was passiert, die Verbindung bleibt. Offenbar existiert eine Mikro-Wurmlochfaltung, durch die Signale passieren können. Svenjas Energiezellen gingen aufgebraucht an den Relais, das gespeicherte Signal von vor dreiundsiebzig Jahren wird ins Jetzt übertragen. Sie lebt also in der Vergangenheit.

Ist sie jetzt am Leben? forderte Drechsler.

Damals, ja. So lange, wie es Vorräte erlaubt. Kommen wir an, finden wir das Relais. Das wars.

Also keine Rettung? fragte Drechsler ungläubig.

Nicht Wunschdenken, Doktor Naturgesetze, seufzte Voss. Tut mir leid.

Vorschläge? bat Meier.

Stille. Gründeln im Geist, alle suchten, fanden nichts.

Und wenn sie das Shuttle ins Wurmloch steuert? warf Lukas feurig ein.

Unmöglich. Viel zu wenig Energie und das Loch ist zu klein, entgegnete Voss. Für solche Spielereien reicht das Shuttle nie.

Aber das nichts zu machen? Keuch, Drechsler.

Alle blickten betreten.

Kurs bleibt, entschied Meier. Vielleicht weiß die Erde weiter. Absolute Geheimhaltung. Thema tot. KI auch an dich.

Verstanden, Kapitän.

Die Offiziere schlichen hinaus. Drechsler hielt am Türrahmen, blickte Meier an. Der schüttelte schweigend den Kopf. Drechsler nickte und verschwand.

Der Kapitän blieb allein. Nach wenigen Minuten startete die KI ein Entspannungsvideo Wasser perlt am Felsen, tropischer Wasserfall. Das Plätschern sollte beruhigen, Meier schloss kurz die Augen.

Er starrte ins Wasser als liefe dort die Zeit, dreiundsiebzig Jahre, die Vektor und das Shuttle trennen. Wie kann das sein? Sie lebt, spricht, hofft auf Rettung… vergeblich. Zwei Zeitstränge, nie berührbar eine tragische Ironie.

Was tun? Neben ihrem Sterbebett wachen via Funk? Zusehen, wie sie Tag um Tag verbraucht, ohne jedes Happy End?

Sollte man ihr die Wahrheit sagen die letzte Hoffnung nehmen? Oder schlucken und ihr eine gnädige Tablette gegen alle Verzweiflung empfehlen?

***

Svenja sprach am liebsten mit Mark Drechsler. Und ganz selten ging es um Krankheit, Symptome oder Sorgen.

Er erzählte lachend, wie er mitten in der Nacht zur Brücke gerufen wurde, als der Notruf kam, wie er Flure langfetzte, immer den Notfallkoffer im Anschlag, dabei schon panische Situationen ausmalend.

Dann plauderte Mark, er sei verheiratet, ein Kind, Mia, und träumt mit seiner Frau Annemarie seit Jahren von der perfekten Eigentumswohnung am liebsten am Wasser, siebzigster Stock mit Riesenbalkon in Hamburg-Bergedorf.

Svenja meinte lachend, so hohe Häuser kennen sie aus ihrer Region in Mitteldeutschland nur aus Storys, ihr Standard: 19. Stock! Aber es gäbe sehr wohl noch höhere in Leipzig.

Schade, dass es noch immer keinen bewohnbaren Exoplaneten gibt, sagte Mark, wir suchen seit… naja, fast hundert Jahren.

Ja, Phoenix war der vielversprechendste Fall, stimmte Svenja zu.

Sie erzählte gern, wie sie und Serge da draußen im Lager zusammenlebten, Riesenameisen untersuchten zäh, blitzschnell, wunderschön. Sie hätte nur zu gern noch einmal die schillernden, zwei Meter Fächerflügel großer Libellen gesehen.

Mark lauschte und fragte sich: Würde er auf fremden Welten leben wollen? Oder doch lieber im Alltagschaos auf der Erde, wo neun Milliarden atmen und der Rest im Wasser versinkt oder in Gluthitze erstarrt? Der Mensch Anpassungsweltmeister. Essen aus dem Synthie Problem Hunger gelöst.

Frank Voss erzählte Svenja, dass er vor der Pension schon nervös wurde. Platz war reserviert, Familie gabs nicht. Sein ganzes Leben im Kosmos.

Manchmal beneide ich meine Freunde mit Kindern, Enkeln, Familienpolitik, brummte er. Aber

Vermissen Sie es, allein zu sein? fragte Svenja sacht.

Der Chef fand es seltsam und bekannte fast verschämt: Merkwürdig, dass Sie das fragen Aber Sie treffen den Punkt. Ich bin dann glücklich. Ehrlich.

Sag das mal einem Mitteleuropäer. Und auf Schiffen? Nur, bis ich meine Einzelkabine bekam, lachte er.

Platzmangel ist immer das Thema, seufzte Svenja. Aber Familie ist nicht alles. Man kann zig Verwandte haben und trotzdem einsam sein. Es kommt auf die Begegnung an.

Seltsames Gespräch, dachte Svenja später, dass so viel Offenheit von alten Männern so plötzlich kam.

Ihr war mulmig, aber sie verdrängte es. Es gab genug zu tun. Am wichtigsten war zu überprüfen, ob Erde schon ihre Entdeckungen vom sechsten Phoenix-Planeten erhielt. Vielleicht bringt das der Menschheit die langersehnte Kolonie

Aber dieser Planet hatte schon eine artenreiche Biosphäre Terradynamisierung war ausgeschlossen. Es hätte Massenaussterben bedeutet. Soweit war die Menschheit noch nicht noch nicht.

***

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***

Die Vektor erreichte nach siebenundfünfzig Standardstunden den Orbit des dritten Planeten am roten Zwerg, sprang zur neunten Mondoberfläche.

Direkter Funkspruch blieb unbeantwortet. Scanner fanden den Landeplatz des Shuttles: Da war es, das berühmte Horizont-Shuttle. Biozeichen Fehlanzeige, keine Lebenszeichen, nirgends. Scanndurchläufe ratterten, aber nur eine Nummer auf der winzigen Mondkugel.

Erst als per Relais gesendet wurde, kam prompt die Reaktion:

Ihr seid da! Was für ein Glück! Ich dachte, ich habe noch einen halben Tag!

Svenja, bitte noch Geduld. Wir suchen nach anderen Überlebenden, falls von der Horizont Rettungskapseln starteten…

Klar, wie dumm von mir! Natürlich warte ich! Die Stimme zitterte.

Meier ließ die Verbindung cutten.

Systemumflug. Scanner maximal. Mal die Schwarze Löcherin suchen … Vielleicht er verstummte.

Jawohl, Kapitän, sagte Voss, setzte sich zum Piloten.

Als ob es noch Überlebende gäbe, dachte Meier, alles Tarnung. Dient nur, um … was? Die richtigen Worte finden?

Zentrale fragte Erde um Rat. Die Antwort: Fantasier nicht. Es gibt keine Zeitreisen, auch kein Science-Fiction-Manöver.

Sie verloren die Hoffnung auf Wunder, oder dass vielleicht ein intergalaktischer Rettungsengel auftauchen könnte.

***

Svenja schaltete das Panel ab, lief durchs Shuttle. Sie lag goldrichtig. Die letzten Proben vom Phoenix Sechs enthielten Pilz-DNA fast identisch mit irdischen Basidiomyceten. Das heißt, sie bauen Holz ab.

Auf einem Exkursionstag am Bach in der Luft ein fast berauschender Sauerstoffrausch setzte sie sich auf einen toten Stamm. Die Rinde porös, darunter Pilzbällchen, wie Puffpilze, einer zerplatzte beim Anfassen und verstreute Sporen sie würden irgendwann das Holz auffressen und dabei Sauerstoff verbrauchen.

Das bedeutet, die Biosphäre kollabiert irgendwann sowieso und die Menschen bekommen eine Chance auf Kolonisierung. Nicht sofort, aber irgendwann.

Super Nachricht.

Shuttle Vektor 4 ruft Vektor!

Was für ein Tag! Vektor ist da, bald sind sie da, und ihre Erkenntnisse könnten alles ändern. Wäre Serge hier ach.

Aber das Glück war nur einem vergönnt.

Nur einem.

Nur Glück?

Vektor überträgt ins Shuttle. Zum ersten Mal sieht Svenja die Mannschaft, die sie retten will.

Sie streift mit den Augen über die Brücke: Viel offener, heller als die der Horizont. Fünfzig Crew, sagt man aber Platz für eine Hundertschaft! Riesenscreen, seltsame Anzeigen, junge Leute überall. Chef um die Dreißig, dunkles Haar, markantes Kinn. Der junge Kartenfuchs winkt. Der weißhaarige Mediziner Drechsler trägt stolz sein Kaduzeus-Abzeichen. Die Technikerin Antonia? vertraute ihr im Smalltalk einmal an, dass sie für den Kapitän schwärmt, der aber nie sie ansieht.

Schlichte Uniformen. Horizont-Kapi Valentina Peters trug noch eine gestickte Schiffsjacke. Hier alles anders.

Was ist hier los?

Verstand rattert, der Urinstinkt schlägt Alarm: Irgendwas läuft hier schief, irgendwas Falsches.

Hallo, Svenja, sagte Meier. Ich habe leider schlechte Nachrichten…

***

Tja, das wars dann wohl.

Alle Hoffnungen wie weggeblasen. Emotionslosigkeit, das Apathische von Anfang an, kam zurück. Ein Schutzschild der Vernunft: Nicht akzeptieren, aber durchhalten.

Durchhalten? Das, was bleibt würdig leben.

Für diese Leute, die rein zufällig ihren Hilferuf abfingen, ist sie tot. Seit sieben Jahrzehnten schon.

Zwei Zeitebenen. Suum cuique jedem das Seine. Irgendwer sagte das schon im alten Rom, klingt genauso ungerecht heute.

Svenja schaltete den Screen ab. Sie wollte diese glücklichen Menschen, die in Sicherheit lebten, nicht mehr sehen. Nicht, wenn sie hier stirbt, irgendwo auf einem leeren Mond und niemand es verhindert.

***

Svenja Lindner meldete sich nicht mehr, egal, wie oft sie gerufen wurde.

Der Landekatamer der Vektor setzte neben Shuttle Vektor 4 auf.

Energiezellen leer, Notrationen aufgebraucht Medikamente und Waffe verschwunden. Nur eins blieb. Ein frisches Grab in der Höhle, genau da, wo Svenja gesagt hatte.

Nach drei Tagen empfing die Vektor einen Datenhaufen der letzte Bericht von Serge und Svenja Lindner zu Phoenix Sechs.

Am Ende: eine Videonachricht.

Fast alle kamen in die Messe, starrten schweigend, fragten sich: Haben wir alles versucht? Hätten wir helfen können?

Die Bildschirme leuchteten auf.

Svenja fuhr sich durchs Haar, schaute der Mannschaft lange ins Auge.

Fliegt los, Freunde. Es lohnt sich nicht zu warten. Ich will das so. Danke, dass ihrs versucht habt. Und dass unsere Arbeit nicht umsonst war. Ich bin froh, dass ihr dort lebt. Dass die Welt weiter existiert Sie stockte. Ja, ich freue mich. Ehrlich. Natürlich tut mir leid, wies gelaufen ist. Ihre Stimme versagte kurz, sie blickte in die Decke, dann wieder direkt. Und ich weiß, dass es auch euch leidtut. Aber denkt dran… Wir hätten auch damals alle sterben können. Und ich habe so eine zweite Runde bekommen. Ich will leben.

Sie holte tief Luft ein Ton, der Viktor Meier nie mehr aus dem Gedächtnis schwand.

Ich lebe. Noch ein bisschen im Shuttle. Vielleicht geh ich runter ins Tal, vielleicht finde ich Wasser, vielleicht Leben.

Sie ballte die Fäuste, ein Lächeln, das mehr Grimasse war.

Ich hätte gern noch mit meiner Tochter gesprochen sagte sie plötzlich leise.

Meier fühlte, wie sein Herz kühl wurde. Warum? Warum hatte er niemand daran gedacht? Wenigstens das hätten sie ihr geben können.

Ja, Svenjas Stimme bewusst gefasst, ich hätte ihr vom Tod ihres Vaters erzählen können. Aber vielleicht lebt sie ja gar nicht mehr. Falls doch gebt ihr und ihren Kindern mit: Ich bereue nichts. Wir hatten ein schönes Leben. Ich habe fremde Welten erforscht, gesucht, gefunden.

Stille. Keine Pause, sondern tiefe, schluckende Stille.

Wisst ihr, fuhr sie fort, ganz entspannt, wie zuhause, Wenn man noch viel Leben hat, sind Woche oder zwei Pillepalle. Wenn das das Einzige ist, dann will ich jeden Tag voll auskosten. Will mit eigenen Augen den letzten Sonnenaufgang sehen. Einfach sehen.

Und sie lächelte. Wirklich. Als hätte sie ihn schon gesehen: den bunten Himmel, mit der schwarzen Sonne in der Mitte.

Danke euch. Und … lebt wohl.

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Homy
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