Ich, Peter, bin in einer kinderreichen Familie aufgewachsen. Mein Vater, ein begeisterter Trinker, sprang von Job zu Job, während meine Mutter an der Post und im Haushalt bis zur Erschöpfung arbeitete, um uns drei Kinder satt zu bekommen.
Als Ältester half ich meiner Mutter, kümmerte mich um meine kleinen Schwestern, trug Wasser und holte Holz. Später, als die Mädchen größer wurden, halfen auch sie im Haus. Zu der Zeit war unser Vater schon nicht mehr unter uns er hatte sich mit irgendeinem miesen Schnaps vergiftet, den er mit seinen Kumpanen getrunken hatte.
Leichter wurde es für uns trotzdem nicht.
Meine Mutter trauerte um ihren verlorenen Mann:
Er war zwar ein Trinker, aber friedlich, hat nie Krach gemacht. Und etwas Geld brachte er ja nach Hause Ach, Vasili, du Narr Warum hast du uns bloß allein gelassen
Um ihre Klagen nicht ständig anhören zu müssen, erledigte ich meine Pflichten schnell und zog dann los. Am Abend traf ich mich mit den anderen Jungs. Wir versammelten uns meist am alten Gutshaus am Dorfrand.
Dort wohnte schon lange niemand mehr, aber die breite, stabile Treppe diente uns als perfekte Sitzbank. Wie kleine Spatzen hockten wir beisammen, knabberten Sonnenblumenkerne und erzählten abwechselnd erfundene oder echte Geschichten.
Ich hatte nie Geld für Sonnenblumenkerne, und meine Mutter hätte sowieso nie welche gekauft bei uns wurde an allem gespart. Aber meine Nachbarin und Freundin Annika steckte mir immer heimlich Kerne zu. Ganz unauffällig schob sie sie mir in die Tasche oder füllte meine Hände mit den duftenden, öligen Samen.
Leise flüsterte ich ihr jedes Mal ein Danke zu und aß gemeinsam mit den anderen. Es schien mir sogar, als setze Annika sich immer extra neben mich, nur um mich zu versorgen. Anfangs war mir das peinlich, aber irgendwann freute ich mich schon auf ihren Platz neben mir.
Aber so ganz umsonst etwas zu nehmen, ließ mein Gewissen nicht zu. Ich fing bald an, Annika nach dem Mittagessen im Garten zu besuchen. Die ewige Frage war:
Sind deine Eltern nicht da?
Nein, arbeiten, wie immer
Und dann setzte ich mich zu ihr an die Beete und jätete geschickt das Unkraut. Nebenbei plauderten wir über alles Mögliche. Annika ließ sich helfen, redete gern, und mit mir an der Seite war die Arbeit lustiger.
Nach getaner Arbeit brachte sie Tee und eine Schüssel mit Gebäck und Bonbons in den Garten. Ich lehnte zum Schein ab, aber sie ließ mich nie gehen, bis ich probiert hatte. Süßigkeiten waren bei uns zu Hause eine absolute Seltenheit, nur zu Feiertagen vielleicht. Ich war ihr dafür immer dankbar.
Auch in der Schule gab ich mir Mühe. Ganz leicht fiel mir das Lernen nicht, aber im Sport war ich Spitze. Deshalb bin ich nach der Schule an die Fachhochschule für Sport gegangen, Annika wurde Krankenschwester.
Als Erwachsene sahen wir uns seltener, meist nur, wenn wir an den Feiertagen ins Dorf zurückkamen. Aus dem dünnen Jungen von damals war ein kräftiger, sportlicher Mann geworden. Und Annika war immer noch dieses hübsche, blauäugige und schlanke Mädchen, stets freundlich und fröhlich.
Sie heiratete früh. Ihre Eltern waren bei einem Unfall gestorben, und das Alleinsein trieb sie zu dem Wunsch nach einer eigenen Familie vielleicht, um ihren Kummer zu vergessen.
Als ich hörte, dass Annika so überstürzt den Hans aus unserem Dorf geheiratet hatte, konnte ich es kaum glauben. Die beiden passten für mich überhaupt nicht zusammen. Doch sie gründeten eine Familie, und ein Jahr später hatten sie einen Sohn.
Mit meiner eigenen Familie hatte ich es nicht so eilig. Sehr zur Überraschung meiner Mutter zeigte ich in der Sportschule Talent und Organisationstalent, bald war ich Direktor eines Sportzentrums in der Stadt.
Meine Schwestern hatten schon längst ihre eigenen Familien gegründet und wohnten auch in der Stadt. Und Annika? Mit ihrem Mann lief es schlecht.
So läuft das bei ihr, erzählte meine Mutter. Annikas Mann der kommt ganz nach unserem Vater. Trinkt, treibt sich herum, das Kind und die Frau interessieren ihn nicht. Ich kann das so gut nachvollziehen
Ich knallte mit der Faust auf den Tisch.
Warum hat sie den eigentlich geheiratet? Früher ging es ihr doch gut. Ich erinnere mich noch zu gut an unseren Vater das war einfach nur schlimm.
Ja, ja, seufzte meine Mutter weiter, und nun schleppt er sogar alles aus dem Haus weg, um es zu versaufen. Den Kassettenrekorder, seine Kleidung, Annikas Elterns Kristall ja, sogar die Handtücher. Und die Leute kaufen ihm das noch ab, das wissen die doch ganz genau, wofür das Geld draufgeht
Kommt Annika denn manchmal, um sich Geld zu leihen?, fragte ich geradeheraus.
Nein, aber sie steht finanziell sehr schlecht da. Ihr Gehalt ist schmal, von ihm bekommt sie nichts. Schwierig
Ich lief im Zimmer herum, überlegte. Meine Mutter ahnte, dass sie zu viel erzählt hatte:
Misch dich bloß nicht ein, Peter. Das ist nicht unsere Sache. Eine fremde Ehe ist wie ein dunkler Wald. Wenn sie trotzdem noch mit ihm zusammenlebt, wird sie ihre Gründe haben.
Da setzte ich mich zu meiner Mutter und erzählte ihr, wie Annika mich als Kind immer mit Kernen, Kuchen und Süßem versorgt hatte, und dass ich es einfach nicht ertrage zu wissen, dass sie nun so leidet, mit einem kleinen Kind an der Hand.
Was hast du denn vor?, fragte sie ängstlich. Tu dem Kerl nichts, sonst endest du noch in der Polizei. Am besten helfen wir ihr so, wie wir können.
Ich nickte nur und fuhr zurück in die Stadt. Wenige Tage später kam ich zurück, parkte vor dem Haus, und lud große Taschen und Kartons mit Essen und Kleidung für meine Mutter ab.
Was ist das alles? Ziehst du etwa endlich wieder zu mir?, strahlte sie.
Ach was, Mama. Ich hab’ in der Stadt meine Arbeit und eine Wohnung. Die Sachen sind alles Geschenke schau mal selbst. Und wenn du dich über die vielen Sonnenblumenkerne wunderst Annika wird das schon verstehen. Ich kann ihr das ja schlecht direkt geben. Verteil alles so, wie du es für richtig hältst. Und iss selbst mit, aber hilf auch ihr regelmäßig.
Was ist mit deinen Schwestern? Die brauchen doch sicher auch etwas
Die bekommen von mir sowieso zu den Festen Geld. Ihnen gehts gut, beide haben vernünftige Männer.
Ja, Gott sei Dank, wiederholte sie.
Ich fuhr zurück in die Stadt. Wenig später räumte meine Mutter die beiden Säcke mit prächtigen Sonnenblumenkernen in die Speisekammer.
Da kann ich ja ordentlich rösten! Das duftet so gut, freute sie sich wie ein Kind.
In den Kartons lag Kondensmilch, Fleisch in Dosen, Mehl, Grieß, Nudeln und extra Tüten voller Bonbons. Die Süßigkeiten verstaute sie im Küchenschrank und staunte über meine Großzügigkeit.
Ich hatte ihr schon früher mal Geschenke mitgebracht, aber diesmal war es besonders viel.
Ach, Peter, du bist wirklich ein guter Sohn. Nur wo ist nur dein eigenes Glück geblieben?, seufzte sie.
Sie tat, wie ich gebeten hatte. Jede Woche ging sie abends heimlich zu Annika, mit kleinen Päckchen unter der Jacke versteckt.
Anfangs nahm Annika nichts, aber als sie den Eimer voller Sonnenblumenkerne sah, verstand sie, von wem all diese Gaben stammen mussten.
Sie weinte vor Rührung, ließ die Hände durch die Kerne gleiten und sagte:
Bestell Peter bitte einen Gruß und Dank. So viele Jahre sind vergangen und er hat mich nicht vergessen. Sag ihm, er soll sich um uns nicht mehr sorgen, ich habe schon vor zwei Wochen die Scheidung eingereicht. Bald ist all das vorbei. Hoffentlich zum Besseren.
Meine Mutter kam nach Hause und war nachdenklich. Annika würde also bald eine freie Frau sein und mein Sohn ist noch nicht verheiratet
Na, wer weiß, was das noch gibt, murmelte sie. Vielleicht nimmt er sie doch noch zur Frau?
Die Zeit verging. Treu brachte meine Mutter weiterhin kleine Geschenke zu Annika. Sie tranken Tee, Annika nahm die Vorräte zögerlich an, versprach zurückzuzahlen.
Doch meine Mutter beruhigte sie immer:
Nicht für dich, für deinen Sohn. Kinder darf man nicht um Gottes Hilfe bringen. Gott hilft uns durch andere Menschen so soll es sein.
Annika war schon über ein Jahr geschieden, lebte mit ihrem Sohn alleine und wurde wieder lebensfroh. Neue Vorhänge hingen an den Fenstern, ihr Sohn ganz die Mutter ging in den Kindergarten.
Manchmal saß meine Mutter bei ihr auf dem Sofa, passte auf Vitali auf, und der nannte sie sogar Oma. Ich brachte bei Besuchen immer etwas für ihn mit. Bei meiner Mutter trafen wir uns auch manchmal zum Tee. Wir sprachen über Kindheit, Jugend und nie über Annikas gescheiterte Ehe. Wie ausgelöscht waren diese vier Jahre.
Ich kam nun viel öfter zu meiner Mutter. Die erste Frage war fast immer:
War Annika heute schon hier? Und ist Vitali bei dir?
Kind, du könntest auch mal nach meinem Wohlbefinden fragen, scherzte sie dann.
Entschuldige, Mama Wie gehts dir?, aber mein Blick ging schon zum Fenster.
Na los, geh schon. Sie ist heute daheim und wartet sicher. Ihr solltet nicht mehr Verstecken spielen das halbe Dorf redet schon über euch.
Typisch, kaum denkt einer was, schon wird man zusammengebracht, lachte ich.
Da kam ich zu meiner Mutter, schloss sie in die Arme.
Was denn, mein Junge?
Danke, Mama. Du verstehst immer alles und nimmst es einfach, wie es ist. Danke.
Sie bekreuzigte mich und trat ans Fenster. Ich lief schnell hinaus, kehrte zurück in den Flur und holte einen Strauß weißer Chrysanthemen aus dem Rucksack.
Ganz ohne Scheu ging ich zu Annikas Haus. Sollen sie doch reden Was da noch alles kommt. Ich werde ihnen zeigen, wie das geht mit dem Tuscheln.
Schritt für Schritt näherte ich mich der bekannten Haustür aus Kindertagen, ahnend, dass Annika drinnen am Fenster stand, den Atem anhielt und zusah, wie ich ihr Blumen brachte
Heute weiß ich: Man vergisst nie, wem man einmal im Leben viel zu verdanken hat. Die Zeit vergeht, das Herz bleibt. Und wenn du helfen kannst, dann sollst du es tun vielleicht wirst du selbst dadurch wieder glücklich.




