Lidchen – Eine bewegende Geschichte aus dem Herzen Deutschlands

Liselotte

Gregor Wagner betrachtete die Hose und das Hemd vor sich und warf sie dann genervt zurück aufs Bett. Wie soll man denn SO das Haus verlassen? Die Hose war völlig verbeult, die Bügelfalte kaum noch zu erahnen, am Hintern glänzte der Stoff sogar, und in letzter Zeit hatte er bestimmt fünf Kilo abgenommen, sodass ihm das Ding wie ein Sack runterhing. Über das Hemd braucht man gar nicht erst zu reden: aus ehemals himmelblau war es zu so einem ausgewaschenen, grauen Etwas geworden, die Manschetten waren ausgefranst, der Kragen schlapp, eine wirkliche Katastrophe! Mit so einem Hemd hätte Liselotte ihn nicht mal in den Dorfladen gelassen, und er geht so in die Uni, um eine Vorlesung zu halten. Früher war ihm seine Kleidung völlig egal, aber trotzdem sah er immer tipptopp aus, ja fast wie ein Dandy. Nicht so wie jetzt!

Er hatte nie mitbekommen, wie die Sachen stetig gewechselt wurden ständig neue Hemden, Anzüge, Mäntel, Krawatten, Hüte und schicke Schuhe, ein Griff in den Schrank oder ein Satz zu Liselotte und er war auf dem neuesten Stand Ach, Liselotte, was hast du da nur angestellt? Nie hätte er geglaubt, dass sie ihn so hintergehen würde. Zehn Jahre jünger war sie, immer kerngesund, und auch diesmal hatte keiner mit so etwas gerechnet. Drei Tage etwas erhöhte Temperatur, ein doofer Husten mehr nicht. Normalerweise hätte sie sich zuhause mit ihren Kräutermischungen kuriert, aber sie brauchte zu Schuljahresbeginn für die Arbeit das ärztliche Gesundheitszeugnis und ging mit den Kollegen zur Untersuchung.

Eigentlich bloße Formsache, und die Praxis um die Ecke schien harmlos. Doch von dort wurde Liselotte direkt ins Krankenhaus geschickt und ab da wurde es zum Albtraum. Und zu Silvester war alles vorbei. Gregor verstand es mit dem Kopf, doch er hasste diese Praxis, als wäre sie schuld am Tod seiner Frau, obwohl die Ärzte dort sogar noch rechtzeitig reagierten! Aber für ihn, wie ein kleines Kind, fühlte sich an, als hätten sie alles ausgelöst.

Kennengelernt hatten sie sich, damals, als er im zweiten Jahr seiner Promotion war und den Studenten Seminare über Analysis gab und Liselotte, gerade im ersten Semester, saß mit roten Wangen und Sommersprossen und tintenverschmierten Fingern in der ersten Reihe. Nie hätte er gedacht, dass sie ihm auffällt er stand eher auf die lauten, auffälligen Mädchen. Aber genau an diesen kleinen, schüchternen Händen, mit den abgebissenen Nägeln und den Tintenklecksen, da blieb er hängen! Er war so hingerissen, dass er gar nicht merkte, wie schnell sich alles entwickelte gemeinsam nach Hause gehen, bei ihrer Oma mithelfen, Maultaschen rollen, und bald darauf blieb ihnen gar nichts anderes übrig, als zu heiraten. Auch nach vierzig Jahren Ehe hat Gregor in Liselotte immer noch die junge Studentin gesehen, mit genau diesen Händen, auch wenn sie inzwischen doppelt so schwer war, die langen Zöpfe abgeschnitten, zwei Schachteln am Tag geraucht und als stellvertretende Schulleiterin an einer Mathe-Schule arbeitete. Sein Herz schlug immer noch nur für sie.

Märchenhaft war ihr Leben deswegen nicht. Vierzig Jahre das hieß Streit, Umzüge, Pleiten, Versöhnungen. Gregor hatte seine Sünden, kleine wie große, es gab sogar zwei ernsthafte, inklusive Auszug. Auch Liselotte hat ihn mal schmoren lassen, als sie drei Jahre mit dem Direktor von dem Partnerbetrieb anbandelte. Aber sie hatten zwei Töchter, und die hielten alles zusammen, egal wie schwer es wurde.

Zuerst waren sie arm wie Kirchenmäuse und lebten mehr übereinander als nebeneinander, dann kamen die Kinder und der Alltag bestand aus Taxi-Diensten zwischen Musikschule, Kunstatelier, Eislaufen und ständigem Kinderkrankheiten-Alarm. Und jetzt, große Altbauwohnung, Töchter beide längst raus, führen ihr eigenes Leben, die Enkel machen sich meist nur zu Festen bemerkbar jetzt, wo sie endlich Zeit hätten, hat Liselotte einfach so Schluss gemacht Und ihm keine Bedienungsanleitung da gelassen, wie man ab jetzt klarkommen soll!

Gregor war so ahnungslos, dass er anfangs überhaupt nicht begriff, was los war, und sich bei der Trauerfeier eher wie auf einem runden Geburtstag aufführte als auf einer Beerdigung. Alle tuschelten, er sei gar nicht so traurig als ob! Die Wirklichkeit erwischte ihn erst drei Monate später, als es Frühling wurde. Da fiel er in ein Loch, verlor noch mehr Gewicht und konnte einfach nicht allein sein in der Wohnung.

Mit den Töchtern klappte nichts: Die eine reiste mit Umweltgruppen von Nordsee zu Bodensee, rettete Seehunde, zählte Kraniche. Die andere lebte ganz in der Familie ihres Mannes, steckte bis zum Hals im Muttersein, und Gregor war einfach nicht eingeplant. Also blieb ihm nur, zu Freunden zu gehen.

Das war auch eher ein Durchhangeln: Er tauchte schon im Morgengrauen auf, schlug sich den Bauch voll, dämmerte im Sessel, trank still seinen Tee und ließ Krümel aufs Hemd und auf den Tisch rieseln, bis es zu spät war, um höflich zu bleiben. Dann schleppte er sich nach Hause nur um zwei Tage später wieder aufzutauchen.

Zuhause kochte er kaum mehr, obwohl er vierzig Jahre lang der Küchenchef war. Für sich alleine zu kochen fühlte sich falsch an. Er baute körperlich richtig ab, wirkte plötzlich alt und mitgenommen, sodass Freunde Alarm schlugen und versuchten, ihn zu verkuppeln.

Und so sollte er heute wieder mit irgend so einer Anna Konstanze ins Theater. Als ob das was bringt. Schon mit Liselotte war Theater immer ihr zuliebe er fands meist langweilig, schwülstig, manchmal käsig. Aber Liselotte hat immer so begeistert gestrahlt, Programmen gesammelt, nachher alles nochmal mit ihm durchgekaut da konnte er nicht Nein sagen.

Und jetzt? Die Clique schenkte ihm wieder mal Karten und schickte ihn mit irgendeiner fremden Frau durch nassen Schnee zu diesen vermeintlich tollen Vorstellungen. Stundenlang hockte er dann auf staubigen Sitzen, das Hemd spannte am Rücken, und um ihn herum schwere Parfums, alte Damenknacker vor und hinter ihm. In der Pause schenkte er netterweise Saft und trockene Küchlein aus und zählte die Minuten, bis er endlich heim konnte, ins Kissen, das vielleicht, ganz vielleicht, noch nach Liselotte roch oder auch nur in seiner Erinnerung.

Aber die Freunde wollten eben nicht nachgeben. Und was soll er machen? Alleine leben, das geht scheinbar nicht, für ihn jedenfalls auch wenn ihm nicht klar war, wozu das alles eigentlich noch gut sein sollte.

Anna Konstanze war heute durchaus attraktiv, ein bisschen jünger, sehr gepflegt, hellwach, charmant. Hätte sie ihn zehn Jahre früher kennengelernt, hätte er bestimmt mehr Interesse gezeigt. Sie war 15 Jahre jünger, zierlich, aufgeweckt und recht gebildet. Neben ihr fühlte er sich doppelt so alt und doppelt so grau. Aber sie zeigte ihm ganz offen ihr Interesse und plante schon die nächsten Wochenenden.

Und das Theaterstück heute? Kurz, kein Pause immerhin. Leider war klar, dass danach noch ein Cafébesuch anstand, weil das Theaterbuffet schon zu war aber sogar hier war ihm das Schicksal wohlgesonnen.

Anna Konstanze meinte, sie wohne ganz in der Nähe, und sie habe einen wunderbaren Braten und Apfelkuchen vorbereitet; sie würde sich freuen, den Abend mit ihm zu teilen. Klar war das von Anfang an geplant, aber Gregor sehnte sich plötzlich so sehr nach einer richtigen Zuhause-Atmosphäre, dass er gar nicht erst widersprach und freudig mitging.

Bei Anna Konstanze war es dann wirklich wie im Märchen: In der blitzsauberen, fast bonbonfarbenen Wohnung duftete es nach Zimt und Vanille, die Gastgeberin zog sich schnell einen bequemen Trainingsanzug an und wurde gleich noch jünger und hübscher. Sie werkelte geschickt in der Küche, servierte Gregor allerlei hausgemachte Leckereien und plauderte charmant, sodass er zum ersten Mal seit Langem dachte: Vielleicht sollte ich einfach hierbleiben, in diesem süßen Häuschen, damit das Vergangene nicht jede Nacht auf mir lastet vielleicht könnte jetzt einfach etwas Neues anfangen.

Er machte sich nur widerwillig gegen Mitternacht auf den Heimweg. Für den nächsten Tag verabredeten sie sich gleich zur Ausstellung in der Sammlung Moderne Kunst, danach wollte Anna mit ihm einkaufen, damit sich die Dame mit ihrem Begleiter auch sehen lassen kann, und am Samstag war ein gemeinsames Mittagessen bei ihr geplant. Eigentlich hätte Anna lieber einen Ausflug gemacht, um ihm ihre Gartenlaube am Starnberger See zu zeigen, aber ihre Tochter hatte gefragt, ob sie die Enkelin für ein paar Stunden nach der Schule nehmen könnte. Also wurde der gemeinsame Mittagstisch Zuhause angesetzt und die Gartenlaube auf Sonntag verschoben.

Am Samstag war Gregor schon früh beim Friseur und fühlte sich prompt fünf Jahre jünger, zog eigentlich ziemlich coole neue Cordjeans und ein kariertes Hemd an, kaufte noch Blumen und eine Tafel Schokolade für die Enkelin und machte sich auf den Weg zu Anna.

Schon im Treppenhaus duftete es herrlich nach Braten und Kuchen. Gregor ertappte sich dabei, dass er einen alten Schlager vor sich hinsummte und im Spiegel des Aufzugs grinste.

Anna empfing ihn so herzlich und zärtlich, als wäre er gerade aus dem Krieg heimgekehrt, und bugsierte ihn direkt mit in die Küche. Wo ist denn deine Enkelin?, fragte Gregor. Ich hol sie gleich, die kleine Sturmkugel wollte überhaupt nicht rauskommen, sitzt noch im Schlafzimmer, erhielt er zur Antwort.

Gregor stellte die Blumen in die Vase, entkorkte den Wein für die Großen und Apfelsaft für das Mädchen, schnitt Brot und setzte sich. So, Gregor, sagte Anna, das ist meine Enkelin: Liselotte!

Da stand sie, mit großen hellen Augen, rosigen Wangen und Sommersprossen über der kleinen Stupsnase. Liselotte sah ihn misstrauisch an und vor lauter Aufregung nagte sie auf ihrem Daumennagel herum.

Gregors Herz blieb fast stehen. Er dachte nur: Bloß jetzt nicht wegkippen und verließ schnell den Raum.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

Lidchen – Eine bewegende Geschichte aus dem Herzen Deutschlands
Das perfekte Brautmutterkleid: Stilvolle Eleganz für den großen Tag