Das Krankenhausfenster stand offen. Am Morgen hatte es die Schwester weit aufgemacht. Die Luft war frisch, die Gardinen bewegten sich leicht, das Grün der Bäume draußen erfreute das Auge und vom brütenden Sommer war man noch weit entfernt.
Peter hatte eine Blinddarmoperation hinter sich. Man sagte, es sei kompliziert gewesen, sie hätten es gerade noch geschafft, aber Peter hatte keine Angst gezeigt.
Hast du keine Angst vor Spritzen? Die Schwester lachte leise, während sie die Luft aus der Spritze drückte.
Peter drehte sich schweigend zur Seite, aufstehen durfte er noch nicht.
Womit wollte sie mich nur erschrecken…
Man hatte ihn direkt von einer Berliner Seitenstraße eingeliefert, ihn hatte es dort erwischt. Er war kein Obdachloser, sondern wuchs im Kinderheim auf. Sie waren nach einem kurzen Arbeitstag auf dem Markt natürlich schwarz auf dem Heimweg, als Peter plötzlich zusammenbrach.
Er ärgerte sich nur darüber, dass er Lenny und den kleinen Sebastian mit hineingezogen hatte jetzt würde es im Heim sicherlich Ärger geben. Am Tag nach der Operation war Fräulein Kirchbauer die Vizedirektorin ins Krankenhaus geeilt, tat fürsorglich, aber Peter war noch benommen vom Narkosemittel und erinnerte sich nur verschwommen daran, dass sie da gewesen war, den Rest vergaß er.
Warum musste es ihn nicht auf dem Heimgelände packen? Da wäre es nur ein paar Meter zur Krankenstation gewesen. Aber so…
Er schob die Schuld auf die Aprikosen. Am Markt hatten sie eine Kiste übrig gebliebener Aprikosen bekommen, und die schmeckten noch herrlich süß, keineswegs schlecht. Sie fielen quasi über sie her und aßen schlichtweg zu viel.
Na, mein Held! Wie gehts dir? Der alte Arzt mit den dichten Haaren an den Armen untersuchte die Naht. Das Schlimmste ist überstanden. Jetzt brauchst du keine Angst mehr zu haben.
Hatte ich auch nicht.
Aha, bist wohl tapfer! Nun, tapferer Peter: Jetzt ist erstmal Diät angesagt. Keine Süßigkeiten, keine Pakete von draußen nichts. Halte durch, heute Abend gibts Grießbrei.
Peter nickte mehr aus Respekt. Er wusste, niemand würde ihm im Krankenhaus sowieso Süßes bringen. Im Heim war momentan eh jeder sauer auf ihn weil sie wegen ihm Ärger bekommen hatten. Sie waren an jenem Tag heimlich auf den Markt gegangen, durch ein Loch im Zaun, und ausgerechnet auf dem Rückweg musste ihn der Schmerz erwischen.
Wegen der Tapferkeit hatte der Arzt recht. Peter war mutig das Leben hatte ihn dazu gemacht. Seine Mutter hatte ihn wohl zufällig bekommen, vielleicht hatte sie einfach kein Geld für eine Abtreibung. Peter war zehn, aber sprach darüber wie es viele Heimkinder tun gelassen.
Seiner Mutter war er nie wirklich böse. Im Gegenteil, er war ihr dankbar, dass sie ihn zur Welt gebracht hatte. Auch wenn sie gleich nach der Geburt die Papiere unterzeichnet hatte trotzdem, Danke.
Bis drei war er im Säuglingsheim in Düsseldorf gewesen, dann kam er ins Kinderheim in Leipzig, später nach Erfurt. Und so lange er sich erinnern konnte, kämpfte er.
Er erinnerte sich an die Prügeleien ums Essen in der Kantine. Es waren die ruhigen Jahre unter Kohl, aber das Küchenpersonal und die Heimleitung schafften kiloweise das Essen heim kaum etwas blieb für die Kinder.
Prügel gabs aber nicht nur ums Essen. Nein, um alles Mögliche. Er war kräftig, setzte sich mit den Fäusten durch. Einige Male brach er sich Arme. Einmal brach die wandernde Friseurin fast in Tränen aus, als sie ihm den Kopf rasierte überall Narben, eine neben der anderen.
Peter verstand nicht, warum sie anfing zu heulen. Er selbst weinte nie.
Und jetzt wollen sie ihn mit einer Narbe am Bauch oder Spritzen erschrecken…
Lächerlich!
Er hielt die Erwachsenen für kühl und berechnend. Er war kein süßes Kerlchen, kein hübsches Mädchen, das man ins Herz schließen konnte. Hart, ein bisschen ruppig, und gradlinig.
Sieh zu, Peter Vogel! Wenn du was ausheckst, steck ich dich in die Quarantänestation! drohte Fräulein Kirchbauer ihm regelmäßig.
Er diskutierte nicht, aber sich zu fügen, hatte er schon längst aufgegeben. Peter hatte längst seine eigenen Regeln und Prinzipien.
Einen einzigen Erwachsenen gab es auf der Welt, an den Peter oft dachte. Er wusste nicht, wie Kinder an ihre Mutter denken, wenn sie sich ihr im Geist anvertrauen, aber mit dieser Frau, die ihm nur kurz begegnet war, sprach er in Gedanken immer wieder.
Er war etwa sechs, als sie zu ihnen kam. Damals noch im Heim bei Leipzig. Was sie arbeitsmäßig war, konnte er nicht wissen. Er erinnerte sich nur an ihr sanftes Lächeln, die blauen Augen, die warmen Hände und ihren Duft. Er erinnerte sich, wie sie ihn auf den Schoß nahm und ins Ohr flüsterte:
Du musst stark sein, Peti. Iss gut, pass auf dich auf, hör zu. Es wird dir nicht leichtfallen, aber du schaffst das. Versuch es einfach, ja?”
Dann sang sie ihm ein Lied vor.
Miezekätzchen, grau und klein,
Augen klar, das Schnäuzchen fein,
Schlaf nun ein, schlaf nun ein.
Pfötchen weiß und Schwänzchen grau,
Döschen schließt sich ganz genau,
Schlaf nun ein, schlaf nun ein…
Und obwohl Peter sich schon für ziemlich erwachsen hielt, erinnerte er sich an dieses einfache Lied, wenn es ihm besonders schlecht ging. Er schloss die Augen, summte die Melodie in Gedanken und spürte das warme Gefühl in ihren Händen, und dann war es ein bisschen leichter.
Nach kurzer Zeit war sie weg, verschwunden und ließ ihm nur ihr Lied und eine Erinnerung. Keiner hatte ihm je ein Schlaflied gesungen oder ihn so gehalten. Ihren Namen hatte er vergessen, in Gedanken nannte er sie Mama. Auch wenn sie wohl nur eine kurzfristige Betreuerin gewesen war. Aber träumen konnte man ja.
Die Schwester machte das Fenster zu, begann das Bett gegenüber frisch zu beziehen. Peter war froh allein war es langweilig.
Kurz darauf schob man ein Rollbett ins Zimmer, es war umringt von Ärzten und Pflegern. Es wurde hektisch. Peter konnte von seinem Bett aus nicht viel sehen, aber immerhin erhaschte er einen Blick. Auf dem anderen Bett lag ein kleiner, schmaler Junge mit spitzem Gesicht, an einem Tropf. Bald blieb nur noch die Schwester und ein Mann in weißem Kittel.
Sie redeten wenig miteinander.
Er wird jetzt schlafen, murmelte die Schwester.
Danke, sagte der Mann leise.
Rufen Sie, falls was ist.
Wird gemacht.
Sie war fort, der Mann blieb mit gesenktem Kopf, die Hände auf die Knie gestützt, ganz ruhig. Der Junge schlief.
Im Zimmer war es warm, doch der Mann zog sein Jackett und den Kittel nicht aus. Peter meinte, der Mann döse sogar.
Sein Rücken schmerzte vom Liegen, er rollte sich zur Seite, das Bett knarrte leise. Der Mann drehte sich um. Falten zwischen den Brauen, tiefe Augenringe. Aber ein freundlicher Blick.
Hallo, flüsterte er. Erst jetzt schien er Peter zu bemerken.
Hallo, antwortete Peter.
Der Mann schaute wieder zu seinem Sohn, dann zog er einen Stuhl an Peters Bett und setzte sich.
Auch operiert?
Ja, Blinddarm raus.
Gut. Darfst du aufstehen?
Noch nicht.
Brauchst du was?
Darf eh nichts essen heute. Aber was hat er? Peter nickte zum anderen Bett.
Er hat… eine andere Krankheit. Der Mann seufzte. Ist es für dich okay, wenn ich hierbleibe? Ich passe auch auf, und falls dich jemand besuchen kommt, geh ich raus.
Klar, schüttelte Peter den Kopf. Was sollte er dagegenhaben?
Der Mann rückte näher, sagte leise: Sein Name ist Simon. Er ist elf. Und du?
Peter, ich bin zehn.
Danke, Peter, sagte der Mann, und Peter verstand nicht, wofür.
Am nächsten Tag war das Zimmer voller Leute. Morgens bekam Simon Infusionen, mehrmals kam der Arzt. Sein Vater übernachtete auf dem Nachbarbett, sprach manchmal mit ihm. Simon bewegte Hände und Kopf, öffnete aber nie die Augen. Es wirkte wie tiefer Schlaf.
Dann kam ein älteres Ehepaar, und eine junge Frau dazu Simons Mutter. Groß, gerade, leicht gebogene Nase, dunkle Locken im Zopf, blass, die Augen gerötet und verheult. Man führte sie auf einen Stuhl ans Bett des Jungen, sie sprach leise auf ihn ein, strich ihm sanft über die Stirn.
Können Sie den Jungen nicht umlegen? Der Vater zeigte etwas nervös auf Peter, machte sich Sorgen um seine Frau.
Doch, wir verlegen ihn heute noch.
Der Arzt erinnerte sich wohl plötzlich an Peter, kam zu seinem Bett.
Na, wie geht es dir? Schmerzen?
Ein wenig.
Die Nacht war schlecht gewesen, die Naht schmerzte, er hatte Angst, sich zu rühren, der Katheter störte. Sie hatten ihm am Vorabend keinen Grießbrei gebracht vielleicht vergessen, vielleicht war es noch zu früh.
Heute versuchst du, aufzustehen. Wir bringen dich in ein anderes Zimmer. Los, schau, dass du in Schwung kommst. Bald nimmt die Schwester den Katheter ab.
Peter wollte unbedingt aufstehen, aber die Schwester ließ auf sich warten. Immer wieder gingen Leute im Zimmer ein und aus.
Erst jetzt begann Peter zu begreifen, dass Simon vermutlich sterben würde. Er kam nicht zu sich, schlief fortwährend. Alle redeten leise, waren angespannt, wie gelähmt von der Ahnung, dass das Ende nahe war.
Für einige Zeit blieb nur eine junge Frau Simons Tante. Peter war verlegen, als die Schwester kam, um den Katheter zu entfernen. Er murmelte beschämt, dass sie vielleicht rausgehen könne, aber die Schwester fuhr ihn nur an.
Na, mach schon, dich braucht eh keiner! Ich bin gleich fertig.
So war es auch, und doch blieb Peter einen Moment liegen, genoss die Bewegungsfreiheit. Nackt, wusste er nicht, wo seine Sachen abgeblieben waren. Die Frau blickte immer zwischen dem Fenster und Simon hin und her, ordnete das Zudeck, träufelte Wasser auf dessen Lippen. Peter wollte die Schwester noch wegen seiner Kleidung fragen.
Braucht dich eh keiner! So war es. Keiner braucht mich…
Doch nach einer Stunde entschied er sich doch, aufzusetzen. Ließ sich auf die Bettkante drehen, deckte sich zu und setzte sich.
Die Frau drehte sich um.
Soll ich dir helfen?
Nein, ihm wurde schwindlig, er legte sich wieder. Aber nach einer Minute saß er schon wieder.
Wissen Sie, wo meine Sachen sind?, fragte er unsicher.
Sie wusste es nicht, versprach aber nachzufragen.
Und guck nach Simon, ja?
Peter versuchte aufzustehen, in ein Laken gehüllt, aber die Beine zitterten noch, er kam kaum los, wagte sich kaum von seinem Bett weg.
Endlich brachte man ihm neue Kleidung jedoch nichts Eigenes, sondern vom Krankenhaus.
Ich gucke weg, keine Sorge, sagte die Frau.
Er quälte sich die Hosen über, alles war viel zu groß, er musste Gummizug festzurren das konnte er. Die Hosenbeine aber waren zu lang, und als er loslief, stolperte er. Da kniete sie sich hin und krempelte die Hosen auf vielleicht etwas zu sorgfältig, so lange, dass Peter übel wurde.
Mir wird schwindlig…
Oh, warte! Sie stützte ihn und setzte ihn zurück auf einen Stuhl. Du bist ja noch krank. Hast du heute etwas gegessen? Und wie heißt du?
Peter.
Ich heiße Elisa. Peter, wäre gut, wenn deine Mutter bei dir wäre. Sollen wir sie anrufen?
Keine Mutter.
Oh… und dein Vater? Bei wem wohnst du?
Schon gut. Wird schon. Ich muss auf Klo.
Er schleppte sich ins Bad, schaute in den Spiegel. Die Augen tiefschwarz, die Lider geschwollen, die Lippen bleich. Aber in den Augen ein Glanz. Eine Erzieherin hatte gesagt, er heiße nicht umsonst Vogel. Schwarze Augen wie Rabenschwingen deshalb auch sein Spitzname Rabe. Darauf war er stolz.
Er spritzte sich kaltes Wasser ins Gesicht. Gleich ging es besser. Offenbar hatte Elisa sich eingesetzt kurze Zeit später bekam er Grütze.
Na, pack an! Ab jetzt gehst du allein in die Kantine!
Wohin?
Treppe runter, rechts. Nach Essensduft wirst du den Weg schon finden… Die Pflegerin grinste.
Der kippt doch gleich um, wie soll der Treppe steigen! Ich hol das für ihn, schalt Elisa. Mehr gibts heute eh nicht für dich.
Peter war unruhig, schlenderte im Zimmer herum. Schaute zu Simon ein hübscher Junge, fast wie ein Mädchen, ganz der Mutter, Lockenkopf, sehr schmal.
Stirbt er?, fragte Peter. Kein Mensch ist so direkt wie ein Heimkind.
Die junge Frau zuckte zusammen.
Wir wissen es nicht. Aber … ja, Simon ist sehr krank. Viermal operiert, der Darm, alles erschöpft. Seine Eltern sind bereits am Ende. Ich bin seine Tante Schwester des Vaters. Aber vielleicht gibt es ja Wunder, oder?
Kann sein. Peter setzte sich auf sein Bett.
Er dachte an diesen Simon. Ein anderes Leben so wie im Fernsehen. Eine richtige Familie, Mutter, Vater, Großeltern, Verwandte… Alles hat er, und liegt doch da und stirbt.
Man kann nie wissen…
Sie verlegten Peter doch noch nicht. Am Abend kam wieder Simons Vater. Noch einmal wurde es hektisch im Zimmer. Peter hörte, dass über ihn gesprochen wurde. Kein einziger Besucher sei für ihn gekommen, hieß es.
Peter, der Arzt meint, du bist aus dem Heim? fragte Simons Vater.
Ja.
Soll ich dich vielleicht ins nächste Zimmer bringen? Simon ist sehr krank Der Vater seufzte.
Nein, ich bleib gern hier, darf ich?
Vier Tage vergingen wie im Flug. Peter bekam Fieber, wurde doch in ein anderes Zimmer verlegt, wo nur noch alte Leute lagen. Es war langweilig. Er kam zu Simon, setzte sich zu ihm. Niemand schickte ihn weg.
Seine Entlassung verschob sich wegen des Fiebers.
Inzwischen kannte Simons Vater, Bernd Egger, alles über ihn. Er hatte ihm Fragen gestellt, erlauscht, wie Peter von seinem Leben erzählte. Bernd brachte ihm Kleidung Peter war es gewohnt, aus zweiter Hand zu tragen, war froh drum, schnappte sich die Sachen und sah auf Simon hinüber.
Das war seins, oder?
Ja, von ihm.
Was, wenn er doch nicht stirbt?
Bernds Blick wurde merkwürdig. In der Familie sprach niemand dieses Wort aus sterben. Sie warteten auf Simons Tod, aber keiner sagte es laut. Wie davon reden, wenn man nur ein Kind hat? Es fühlte sich zu schrecklich an.
Nur einmal hatte Sonja, seine Frau, unter Tränen ausgerufen: Warum! Warum tut man alles richtig, und das Kind stirbt trotzdem?
Wenn eine geliebte Seele geht, verliert auch der Körper. Sonja hatte kaum noch Kraft. Sie wollte ohne ihren Sohn nicht mehr leben. Sie bekam Beruhigungsmittel; half aber wenig.
Und wenn er doch nicht stirbt? Peter fragte das zum zweiten Mal.
Bernd wollte ehrlich antworten, mehr für sich als für das Kind.
Er kann nicht mehr überleben, Peter, sagte er mühsam. Er stirbt.
Tut das weh sterben? Peter presste Simons Hemd an sich, sah ihn mitleidig an.
Bernd merkte, wie sehr er mitfühlte, wie sehr er das Schicksal beschäftigte. Das war ein Junge mutterseelenallein.
Geht schneller als einschlafen. Und wir sorgen dafür, dass es nicht weh tut.
Aber er bewegt sich.
Ja, deshalb reden wir mit ihm. Hoffnung, dass er hört, bleibt. Sicher wissen wirs nicht.
Ständig saßen Verwandte bei Simon. Eines Abends aber, als Bernd für einen Moment hinausmusste und Peter bei Simon blieb, dauerte es länger. Als Bernd zurückkam, stand er still in der Tür.
Peter saß dort, hielt Simons Hand und sprach leise:
… ich weiß ja nicht, wo meine Mutter ist. Vielleicht lebt sie gar nicht mehr. Sie hat mich halt abgegeben. Aber ich nehms ihr nicht übel. Wär sie gekommen, ich hätte verziehen. Glaubst du nicht? Selber schuld. Und du, du darfst nicht sterben. Deine Mama wäre am Ende, und dein Vater so einen Vater hätte ich auch gern. Wäre er meiner, würde ich nie sterben! Dein Hemd und die Hose bringe ich zurück. Und pass auf, dass nichts passiert. Ich hab doch viele Hemden, aber du, versuch durchzuhalten, gib nicht auf
Bernd musste husten, ein Kloß war in seinem Hals. Peter zuckte zusammen.
Er hört, ich schwöre! Er hat meine Hand gedrückt. Glauben Sie nicht?
Doch, Peter, doch. Ich glaube es.
Bernd und die ganze Familie warteten auf das Ende. Simon ihr einziger Sohn, so begabt, so tapfer, ihre Hoffnung lag im Sterben. Die Krankheit wurde entdeckt, als er acht war, erst Muskelatrophie, nach und nach das Herz, die Lunge, der Darm Behandlung in München, Hamburg, Halle überall gesucht, Hilfe gefunden, Simon wurde immerhin elf.
Er war mit seinem Schicksal geduldig. Die Mutter trug die Last Tag und Nacht. Sie schlief bei ihm in zahlreichen Kliniken, fuhr überallhin, betete in Kirchen. Bernd war stets dabei, ein Fels in der Brandung.
Erst als das letzte bisschen Hoffnung schwand, gaben auch Sonjas Kräfte nach.
Rede mit ihm, Peter. Ich glaube, er freut sich.
Gerade diese Gespräche mit einem fremden Jungen waren für Bernd tröstlich ein Hauch Leben neben dem sterbenden Sohn. Manchmal stand er draußen, hörte zu.
… als mir da dieser Olaf, der Riese, den Arm brach, wurde es schwarz vor Augen. Glaubst du nicht? Doch! Aber nur kurz. Ich schau auf den Arm, der hängt krumm runter. Und Olaf, der Sack, wartet, ob ich losheule. Aber ich steh auf, klopf mich ab, streck ihm meinen Arm hin: Na, mach kaputt!, denk mir, heulen werd ich jetzt ganz sicher nicht.
Simon starb in der Nacht. Peter hätte es gar nicht bemerkt, niemand sagte ihm etwas. Er wartete auf die Visite, frühstückte, dann schaute er ins Nebenzimmer.
Da räumte schon ein junges Paar das Bett, auf dem Simon gelegen hatte.
Wo? Peter deutete auf die gemachte Liege.
Weiß nicht, war niemand hier. Der neue Patient zuckte die Schultern.
Peter rannte zur Schwesternstation, keine Schwester da. Er stürmte ins Schwesternzimmer, suchte seinen Arzt, fand einen anderen.
Simon! Wo ist Simon? Wurde er abgeholt?
Simon? Ach … ja. Weißt du, er war sehr krank…
Er ist gestorben? Peter unterbrach.
Der junge Arzt nickte.
So ist das manchmal.
Peter wich zurück. Jetzt war er wütend auf das Krankenhaus, auf alle Ärzte, auf das Personal.
Schweine! Sie haben ihn nicht gerettet!
Wie konnte man diese Wut zeigen?
Im Flur wischte eine Reinigungskraft den Boden. Peter stieß einen Eimer um, das Wasser lief aus, die Frau schimpfte laut, Ärzte kamen herausgestürmt, die Schwester schimpfte.
Alle zankten, schimpften, er schob die Zimmertür mit dem Fuß zu, ließ sich aufs Bett fallen und hielt sich die Ohren zu.
Ein ganzes Krankenhaus! So viele Ärzte, und haben nichts getan, um einen Freund zu retten. Nichts!
Warum Simon, der die ganze kurze Freundschaft über bewusstlos gewesen war, zu einem Freund geworden war, konnte Peter selbst nicht erklären. Aber er war einer. Peter hatte ihm das ganze Leben erzählt. Von seiner Mutter, der Frau, die ihm ein Schlaflied sang, von den Kämpfen und Verletzungen.
Einmal träumte Peter da saß Simon plötzlich lächelnd auf dem Bett. Peter wollte ihn hochziehen, aber Simon bat, es sein zu lassen, wollte nur da sitzen und erzählte von sich mit dünner, fast mädchenhafter Stimme.
Woran sie sprachen, wusste Peter nicht mehr genau. Aber dass sie redeten, das wusste er. Und dann kletterte Simon aufs Fensterbrett, sah hinaus Peter fürchtete sich so im Traum, dass er davon aufwachte.
Die schwarzen Äste draußen bewegten sich im Wind, der Mond schien herein. Simon lag, warf die Arme, der Vater schlief am Bett.
Da setzte sich Peter an Simons Seite, nahm seine knochigen Hände und sang leise das eine Lied, das ihm einst gesungen wurde:
Miezekätzchen, grau und klein,
Augen klar, das Schnäuzchen fein,
Schlaf nun ein, schlaf nun ein…
Seitdem sprach Peter in Gedanken oft mit Simon. Simon erzählte ihm von seinem Leben, von Urlaub am Meer, von Oma und Opa Opa war General, natürlich , von der Schule, vom Zimmer, in dem es alles gab, von der Mutter, die ihn morgens weckte.
So stellte sich Peter Familienleben vor so erzählte Simon es weiter. Manchmal waren Peters Fantasien seltsam, aber er konnte es nicht besser wissen er lebte nie in einer Familie, kannte Familien nur aus dem Fernseher.
Zum Beispiel dachte er, in Wohnungen schliefen alle zusammen in einem Zimmer, jeder habe ein Bett, in der Garderobe habe jeder ein Fach, donnerstags gebe es Fisch, und Tee schenke morgens die Mutter mit einer Suppenkelle aus.
***
Merkwürdig, aber als Simon starb, atmete Bernd auf. Nicht, weil er seinen Sohn nicht liebte oder ein schlechter Vater war. Im Gegenteil. Simon lebte schon lange nicht mehr wirklich. In diesem Halbschlaf hätte er nur weiter gelitten. So… war es schnell.
Jetzt musste Bernd akzeptieren, musste auch Sonja dazu bringen, das Geschehene zu akzeptieren und weiterzuleben.
Und immer öfter dachte er an Peter.
Natürlich, jetzt über Adoption nachzudenken, war falsch. Sonja hätte es nicht verstanden. Niemand könnte ihr Simon ersetzen. Simons Porträt, von Blumen umgeben, stand mitten im Wohnzimmer, Sonja saß stundenlang davor, zündete Kerzen an, ging jeden Tag zum Grab. Nach einer Eileiterschwangerschaft hatte sie keine Hoffnung mehr auf eigene Kinder.
Und Peter würde nie Eltern haben…
Klar, er war ganz anders als Simon grob, wortkarg, rabenschwarz die Augen. Aber Bernd wusste, dass in Peter ein gutes Herz steckte, eine unverdorbene Seele.
Sonja, ich war heute im Krankenhaus. Peter wurde entlassen. Lange haben sie ihn behalten.
Warum warst du wieder da? fragte sie erstaunt.
Wegen… na, Simons Unterlagen. Und Peter, weißt du, der hat da richtig Rabatz gemacht. Als er von Simons Tod erfuhr, hat er alle beschimpft.
Kindisch, seufzte Sonja.
Das stimmt.
Mach dir keine Sorgen um mich. Ich schaffe das irgendwie. Arbeite weiter.
Gut.
Aber fang bei mir nicht mit irgendeinem Jungen an, klar?
Bernd schwieg.
Am Wochenende fuhr er in Peters Heim. Irgendetwas ließ ihm keine Ruhe. Er dachte an das, was Peter erzählt hatte. Aber es wurde nichts aus dem Besuch Peter durfte er nicht treffen. Man begegnete ihm mit Skepsis, die Direktorin war nicht sehr hilfsbereit, Fragen wurden ausgewichen. Dabei erklärte Bernd, das sei doch nur ein unverbindliches Gespräch.
Das machte ihn jedoch erst recht hartnäckig. Er erinnerte sich an seine Schulkameradin Tanja Schaefer, die im Bereich Jugendhilfe arbeitete.
Schnell besorgte er sich ihre Adresse, fuhr am nächsten Tag hin lange sprachen sie. Tanja begriff alles, tröstete, versprach, sich nach Peter zu erkundigen. Doch das Wichtigste sei, betonte sie, das Einverständnis der Ehefrau und des Kindes. Ohne das keine Chance.
Trotzdem ging Bernd zum Jugendamt, holte sich eine Adoptionsmappe. Sie waren dort offen und freundlich, versprachen, ein Treffen zu organisieren.
Sonja erzählte er nichts von seinen Plänen. Seinem Schwiegervater und Schwester Elisa dagegen schon. Elisa freute sich der Junge gefiel ihr. Mit Sonja würden sie sprechen.
Sonja jedoch weinte, sobald das Thema Peter aufkam.
Er wird Simon nie ersetzen. Warum versteht ihr das nicht!
Will ja keiner. Er ist Waise, und wir sind jetzt auch… Er ist ganz anders, schwierig, ein Heimkind. Niemand soll Simon ersetzen! Aber wenn du gehört hättest, wie er mit Simon gesprochen hat! Wie wichtig Simi ihm war! Er hat mich getröstet als erwachsener Mann! Bitte lass uns ihn wenigstens kennenlernen.
Setz mich nicht unter Druck…
Das war schon ein kleines Zugeständnis.
Beim ersten Treffen im Büro der Heimleiterin wirkte Peter gehemmt: sah niemanden an, die Finger umkrampft, gab Bernd nicht mal die Hand.
Tanja war da, aber griff nicht ein. Bernd hätte ihn am liebsten in den Arm genommen und ihm Mut gemacht. In der Klinik war der Junge anders gewesen.
Keiner wusste, wie man diese Mauer durchbrechen sollte. Bernd schwieg, Sonja hielt den Blick, Tanja beobachtete. Schließlich redete Bernd Belangloses, um die Stille zu überbrücken.
Peter war so angespannt, dass sie das Gespräch abbrachen und er zurück ins Heim ging.
Von wegen furchtlos!
Will er gar nicht zu uns? Bernd war enttäuscht auf dem Heimweg.
Da irrst du dich, sagte Tanja. Er träumt regelrecht davon, bei euch leben zu dürfen. Aber er hat Angst, nicht zu genügen. Und bemüht sich umso mehr.
Wir machen ihm Angst?, fragte Sonja leise.
Nein. Ihr seid richtige Eltern für ihn. Seine Angst ist, euch nicht zu gefallen. Er denkt jetzt nur noch an euch, erklärte Tanja.
Man lud Peter ein, sie zu besuchen. Er hatte noch nicht zugesagt, und Sonja zögerte ebenfalls.
Als Bernd ihn brachte, setzten sie sich in der Küche zusammen. Peters Hände schwitzten, er starrte in die Tasse, wagte kaum zu essen, fürchtete sich, zu klappern und blickte nicht auf. Alles war anders, als er es sich ausgemalt hatte der Raum zu eng, die Erwachsenen zu nah.
Vor Sonja hatte er am meisten Angst.
Als Bernd die Löffel fallen ließ, zuckte Peter zusammen: Scheiße…
Bernd grinste: Scheiße triffts. Tollpatschig bin ich heute. Iss ein bisschen, Peter, los!
Peter zwang etwas Kartoffel ins Mund, wusste nicht, wohin mit sich.
Na, mein Guter, entspann dich!
Peter, willst du Simons Zimmer sehen? Sonja fand eine Lösung.
Die Augen des Jungen glänzten.
Im Zimmer fiel ihm als Erstes Simons großes Portrait auf offener, lachender Blick, ganz anders als im Krankenhaus. So lebendig sein Freund. Sicherheit. Es schien ihm zu sagen: Keine Angst, ich bin hier.
He, Simon! Hallo! Peter trat schnell näher, berührte den Rahmen, sah Sonja an, Da sieht er kräftiger aus.
Er war nicht immer so dünn. Das kam erst … vor … Sie brachte das Wort tot nicht über die Lippen.
Bevor er starb, ja? Peter so direkt wie immer, streichelte den Rahmen. Können Sie mir zeigen, wie er hier lebte?
Sonja verstand nicht ganz, aber griff zum Fotoalbum.
Weißt du, ich kann nicht. Noch nicht. Mach du.
Peter setzte sich aufs Sofa, öffnete das Album. Nach einer Weile kam Sonja, setzte sich dazu. Sie betrachteten gemeinsam die Bilder, was Sonja eigentlich nicht für möglich gehalten hatte.
Komisch… süß… cool…, kommentierte Peter.
Er fragte und fragte.
Mit einem Beach-Foto rief er plötzlich: Oh! Meer! Er hat mir erzählt, dass ihr am Meer wart!
Sonja lächelte traurig. Hat er? Er konnte doch kaum noch sprechen
Peter hob den Blick, wurde fast trotzig: Mir hat ers gesagt!
Sonja widersprach nicht. Sie betrachtete die Fotos ihres Sohnes ruhig, war fast froh. Die Angst verschwand, die schlimme Trauer ließ nach. Es war leichter, mit diesem naiven Jungen über den Sohn zu sprechen.
Sie holte tief Luft, dann fragte sie resolut:
Peter, würdest du zu uns kommen, wenn wir dich adoptieren wollten?
Er verspannte sich, blätterte lange im Album.
Weiß nicht. Simon war gut. Und ich … ich kann das nicht richtig.
Da nahm Sonja ihn überraschend in die Arme und drückte ihn fest.
Ist doch gut. Wir nehmen dich ja nicht anstelle von Simon sondern als guten Freund, als Teil der Familie.
Peter hatte Angst vor Umarmung, spannte sich an Körperkontakt kannte er nur aus Kämpfen. Aber da war der Duft einer Frau, die Wärme.
Um abzulenken, blätterte er stur. Aber sie ließ ihn nicht los, wiegte ihn sacht.
Peter, der niemals weinte jetzt stieg ihm ein Kloß in den Hals. Die Tränen kullerten. Er schluchzte.
Weinst du? Peter, du weinst? Nicht weinen, dann tu ichs auch. Halte durch. Ein Mann muss stark sein das hast du doch selbst gesagt!
Diese Worte hatte er schon mal gehört.
Das Fenster im Zimmer war offen, die Luft frisch. Der blaue Himmel, der Schimmer auf den Blättern draußen, der leichte Wind in der Gardine und vom Bild lächelte Simon.
Da fragte Peter, wie ein kleiner Junge: Kennen Sie vielleicht das Lied? Miezekätzchen, grau und klein, schlaf ein, schlaf ein…?
Schonmal gehört. Ein Schlaflied. Soll ich es für dich lernen?
Peter nickte mit belegter Stimme mehr brauchte er nicht mehr
***Sonja nickte, und ihre Stimme war ganz leise: Ich sings dir, wenn du willst. Wir lernen es zusammen.
Peter schniefte, lachte auf, halb unter Tränen, halb voller Erleichterung.
Von draußen drang das Kreischen einer Amsel herein, ein ganz gewöhnlicher Nachmittag. Doch für Peter war es neu jemand setzte sich zu ihm, nahm ihn in den Arm, versprach ihm ein Lied. Ein Lied, das er schon kannte, und doch ganz neu.
Bald saßen sie alle auf dem Sofa, dicht beieinander. Sonja schlug das Album zu, lächelte und strich Peter übers Haar vorsichtig, wie man ein scheues Tier berührt.
Weißt du was, Peter Vogel? Sonja wartete, bis seine dunklen Augen sie suchten. Ab jetzt bist du bei uns daheim. Und unser Fenster bleibt auch nachts offen.
Peter wusste nicht, was er antworten sollte. Aber er spürte, dass er zum ersten Mal angekommen war.
Und als Sonja zu singen begann zögerlich, aber mit sanfter Stimme , schloss Peter die Augen, hörte zu und merkte: Es war nicht nur Simon, der jetzt lächelte.
Es war auch er selbst.





