Eine alte Dame aus Niedersachsen schaffte sich einen jungen Kaukasischen Schäferhund an. Der Welpe wuchs schnell heran und bewachte alles, was ihm unter die Pfoten kam. Futter verschlang er schüsselweise in wenigen Augenblicken, kratzte seinen Rücken so energisch am Gartenzaun, dass dieser schief wurde, und zog sogar einmal an der Frau vorbei, als wolle er sie mit einem Ruck erreichen. Ein junger Hund braucht schließlich ab und zu Beschäftigung.
Doch eines Tages starb die alte Dame. Nicht wegen des Hundes. Sie hat es einfach nicht ganz bis zum 90. Geburtstag geschafft. So kamen ihre Kinder und Enkel aus ganz Deutschland ins alte Fachwerkhaus nach Göttingen. Dort, im Garten auf einer starken Kette, saß der Schäferhund und blickte die angereisten Verwandten aufmerksam an. Es war spürbar, dass der Hund über jeden neuen Gast hoch erfreut war schließlich bedeuteten sie abwechslungsreiches Essen und reichlich Vitamine.
Die Familie beriet, was mit dem Hund geschehen sollte. Einschläfern? Zu traurig. In seiner Nähe leben? Zu gefährlich. Einfach freilassen? Das wäre verantwortungslos. Die Welt hat genug Herausforderungen, sie braucht nicht auch noch einen entfesselten Herdenschutzhund. Schließlich wollten sie den Vierbeiner in gute, erfahrene Hände übergeben und, wenn nötig, sogar ein paar Euro dazuzahlen. Für denjenigen, der dieses zottelige Ungeheuer aufnehmen würde, war der Familie nichts zu schade.
Nach einer Weile fanden sie einen Mann namens Johannes, der schon immer davon geträumt hatte, einen Hund mit großen Futterschüsseln zu versorgen und ihm mit einer Harke die Ohren zu kraulen. Was es nicht alles für menschliche Sehnsüchte gibt! Also wurde ein Tierarzt gerufen.
Sie erklärten dem Tierarzt den Plan: Dem Hund ein Schlafmittel geben, schnell ins neue Zuhause bringen, dem neuen Halter ein Kreuzzeichen machen und vielleicht sogar in der Kirche eine Kerze anzünden für das Wohl, oder zur Sicherheit doch für den Notfall. Sicher ist sicher.
Pünktlich tauchte der Tierarzt mit einem Betäubungsgewehr auf. Tierärzte sind ja bekanntlich furchtlos! Das Gewehr wurde mit einem Betäubungspfeil geladen und mit einem gezielten Schuss schickten sie den Hund kurz ins Reich der Träume. Dann lösten sie die Kette und betteten ihn vorsichtig auf eine Plane.
Den Hund verluden sie im Kofferraum, der mit dem Innenraum des Autos verbunden war. Vorn nahm der Tierarzt Platz ein Profi braucht schließlich Beinfreiheit. Johannes, der neue Hundebesitzer, fuhr, und auf der Rückbank saß die restliche Familie der Großmutter. Sie unterhielten sich angeregt, bis der Hund langsam wieder zu sich kam.
Der Schäferhund hob den Kopf und schaute neugierig umher. Überall Menschen: Sitzend, schweigend, staunend.
Der Tierarzt riesige Augen. Johannes genauso. Nicht einmal einen Blick warf er auf die Straße. Das Steuer war ihm in diesem Moment herzlich egal.
Interessant, dachte der Hund.
Ob es im Himmel wohl Hunde gibt?, dachten die Menschen.
Der Hund machte sich auf, direkt zu den Menschen zu kommen, und sprang auf die Sitze zu seinen Mitfahrern. Wozu warten? Während Johannes versuchte, die Autotür zu öffnen, um zu fliehen (für das Steuern wurde es ihm sowieso langsam egal), verschaffte sich der Hund Gehör auf seine Weise. Er leckte alle ab: Die Verwandtschaft der Oma, die ja nun irgendwie auch seine war, Johannes, seine neue große Hoffnung, und sogar den Tierarzt, der auf ihn geschossen hatte denn am Ende sind wir doch alle Menschenkinder.
So begriff die Familie, dass ihre Angst vor dem Menschenfresser unbegründet war. Den Rest der Fahrt verbrachten sie klatschnass: von oben, weil die Hundeküsse von den Haaren tropften, von unten, weil ihre Gefühle überliefen.
Meine geliebte Gartenlaube im niedersächsischen Grünen bleibt für mich ein Ort, an dem ich gelernt habe: Oft begegnet uns Angst vor dem Unbekannten doch am Ende sind es Liebe und Vertrauen, die alles verwandeln.




