Vaters Geliebte
Im Schulflur lief Frau Olga Hartmann schnellen Schrittes. Sie huschte an den Lehrerzimmern vorbei, ohne jemanden zu beachten, steuerte direkt das Büro der Schulleiterin an und schloss die Tür fest hinter sich.
Frau Maria Seifert, darf ich? Sie sind allein? Gut ich muss dringend mit Ihnen sprechen, sie ließ sich schwer auf einen Stuhl fallen.
Die Schulleiterin hatte kaum ihre Unterlagen beiseite gelegt, da fuhr die aufgeregte Konrektorin schon fort:
Können Sie nicht bitte irgendetwas gegen den Werklehrer unternehmen? Ernsthaft. Eine Abmahnung, notfalls eine Gehaltskürzung. Oder wenigstens ein ernstes Gespräch mit ihm…
Maria Seifert blickte überrascht auf. Sie kannte ihren Konrektor einst war Olga ihre eigene Schülerin gewesen. Damals schon war sie zupackend, kühl und streng, geradezu unnahbar und von einer fast protestantischen Arbeitsmoral. Olga trug ausschließlich schwarze Hosenanzüge, duldete kein Rumhängen und fand Albernheiten zum Davonlaufen. Mit ihren vierzig Jahren war sie noch immer unverheiratet und inzwischen wurde über sie schon getuschelt, sie sei wohl die geborene alte Jungfer.
Maria Seifert glaubte, was ihr wirklich fehlte, war ein kleines Stück ganz normales Frauen-Glück.
Heute war das Gesicht von Olga jedoch voller Unruhe so hatte sie sie sonst nur vor wichtigen Schulinspektionen gesehen.
Warum Maßnahmen, Olga?
Wegen allem! Wegen mir, meiner Mutter, und meinem Bruder immerhin Offizier! Der Werklehrer, mein Vater, er blamiert uns alle.
Ach, darum geht’s….
Maria Seifert zog langsam ihre Brille ab und seufzte schwer.
Sie wusste, dass alle im Kollegium Andreas Hartmann nur der Alte nannten und längst gemunkelt wurde, dass es da diese andere Frau gäbe. Doch irgendwie war es unvorstellbar nach vierzig Jahren Ehe, ausgerechnet er? Und dann auch noch diese Geliebte das Wort wollte wirklich nicht passen. Eine Postbeamtin irgendwo Ende fünfzig, Witwe aus Ostpreußen, groß, schwer, von ruhigem Gemüt und mit schmerzenden Beinen. Ihre Kinder lebten längst in Hamburg oder Bayern; sie wohnte in einem Altbau am Rande von Lindenfels nicht mal so weit vom Postamt entfernt.
Wirklich vorstellen konnte sich niemand, dass sich ein gestandener Rentner für sie entscheidet statt für seine Frau und einen Lebensabend voller Arbeit und Pflicht hingibt, nur um noch mal einen neuen Anfang zu machen.
Ich dachte, ihr hättet das im Familienkreis geklärt. Dachte, dein Vater hätte sich beruhigt
Ach, von wegen! Jetzt hat er beschlossen, Mutter zu verlassen. Wir haben gestern gesprochen, aber er hört einfach nicht zu…, Olgas Stimme bebte, ihre Hände zitterten, Maria Seifert, bitte, reden Sie mit ihm. Vielleicht hört er Sie wenigstens. Sie sind ja immerhin älter Verzeihen Sie…
Ach was, winkte Maria ab. Aber was soll ich denn sagen?
Sagen Sie ihm, dass Ihnen Mutter leid tut. Dass es einfach nicht sein kann, nach vierzig Jahren Ehe Ist es nicht beschämend?
Wie geht’s deiner Mutter denn?
Ach, Sie kennen sie ja! Sie leidet, aber sie war immer eine starke Frau. Schreit und schimpft, droht ihm, ihn auszusperren.
Womit droht sie ihm denn?
Womit wohl? Dass er keinen Cent Rente von ihr bekommt, dass sie ihn mittellos auf die Straße setzt…
Reicht das etwa?
Er lässt sich davon sowieso nicht einschüchtern, nun fiel die Anspannung von Olga ab, sie lehnte sich zurück und tupfte sich Tränen aus den Augen. Wie kann er nur, nach so vielen gemeinsamen Jahren
Wenn sie sich wirklich versteht, dann macht man sowas nicht, Olga. Ich spreche mit ihm. Schließlich bin ich nicht erst seit gestern seine Chefin.
***
Vor drei Jahren brannte das Elternhaus von Sophia in einem kleinen Ort im Odenwald ab. Ein tiefer Graben hinter dem Dorf, normalerweise trocken, verhinderte, dass das halbe Dorf niederbrannte. Sophias Haus erwischte es dennoch; sie konnte gerade noch rechtzeitig ihre gelähmte Mutter hinausbringen auf dem Rücken!
Die Mutter starb wenig später im Krankenhaus und Sophia war dankbar, dass ihr Sohn zum Begräbnis gekommen war. Er nahm sie mit nach München. Doch lange hielt sie es dort nicht aus; sie fühlte sich fehl am Platz.
Bei Lindenfels besaß Sophia mit ihrer Schwester zusammen noch ein altes Haus, das nach dem Tod der Mutter ihr überlassen wurde. Den Hauptteil hatte ein Vetter mit Familie, sie selbst bewohnte einen Nebenflügel. Das neue Leben brachte viele Veränderungen, sie arbeitete bei der Post und kam allmählich im Dorf an vor allem alte Damen mochten sie, weil sie immer die Rente pünktlich brachte.
Doch die sanierungsbedürftige Wohnung zwang sie, Hilfe zu holen. So kam Andreas Hartmann in ihr Leben.
Die Ehefrau von Hartmann, Klara, hätte nie akzeptiert, dass er nach dem Unterricht einfach rumsitzt schon gar nicht. Er war gewitzt und handwerklich geschickt, konnte alles reparieren und im Ort war er gefragt auf seine Schwarzen Brett stand immer eine Warteliste, falls jemand einen Schuppen, einen Zaun oder ein Bad zu renovieren hatte. Klara verwaltete das Geld, die Tochter Olga wohnte dank Lehrauftrag immerhin in einer eigenen Wohnung im Dorf.
Eigentlich war alles geregelt. Und plötzlich der Skandal. Andreas Hartmann und die Postfrau! Ausgerechnet eine, die sogar ein Jahr älter war als Klara. Erst lachte Klara, dann fügte sie eins und eins zusammen
Was tust du, du Depp… Hast du an mich gedacht, und an die Kinder? Wie soll ich den Leuten noch ins Gesicht schauen?
Andreas schwieg und starrte aus dem Fenster.
Wir sollten uns trennen, Klara. Es geht so nicht, sagte er irgendwann.
Was? Hörst du dich eigentlich reden? Trennen? Damit ich dich dieser Frau überlasse? Sie hat dich doch nicht gepflegt, als du den Herzinfarkt hattest, oder deine Kinder großgezogen! Von wegen.
Andreas blickte hinaus auf seinen gepflegten Hof, alles war sein Werk massive Eichenbänke, frisch gestrichene Zäune; aber verbrachte er je Zeit mit Klara auf diesen Bänken? Eigentlich nie, immer gab es nur Arbeit.
Und in seinem Kopf entstand das Bild des anderen Hofes der von Sophia, mit gebrochener eiserner Umzäunung, wild wuchernder Malve, alter Linde, einer abgewetzten schwarzen Bank. Dorthin sehnte es ihn.
Als Klara davon ihrer Tochter erzählte, konnte auch Olga es kaum fassen.
Das glaubst du doch selbst nicht, Mama!
Aber doch, das ganze Dorf redet schon! Seit Monaten geht das so. Und ich hab nichts gemerkt. Er geht immer öfter nach Lindenfels, angeblich zum Handwerken bei Sophia und dabei!
Ich werde mit ihm reden, Mama.
Klara seufzte. Wir geben ihn nicht auf. Ich werde ihn festhalten, ob mit Rente, Pass oder Arbeitsklamotten. Er bleibt hier!
Das Thema wurde totgeschwiegen, Olga ließ ihren Vater in Ruhe. Er schien sich zu verändern, war verschlossener und schien sich im eigenen Haus nicht mehr wohlzufühlen. Am liebsten verbrachte er Zeit im alten Schuppen mit seinem Hund Basti, der ihm nie von der Seite wich.
Aber Klara bekam doch Wind davon, dass ihr Mann zu Fuß den weiten Weg zu Sophia auf sich nahm. Sie sprach ihn darauf an, und Andreas gab es zu.
Es tut mir leid, Klara. Ich muss gehen, so geht es nicht mehr.
Nun wurde Olga aktiv sie fasste den Plan, Sophia ins Gewissen zu reden und fuhr eines Frühlingsmorgens in strenger Bürokleidung zur Post. Sie traf Sophia im freundlichen Gespräch mit einer älteren Dame, die ihr offenbar sehr dankbar war. Olgas Schärfe schmolz angesichts dieser bodenständigen, bescheidenen Frau.
Guten Tag. Sie sind also Olga, richtig?
Frau Hartmann, bitte. Ich will unter vier Augen mit Ihnen sprechen.
Sophia bat eine Kollegin vorübergehend um Aufsicht und führte Olga hinaus.
Sie haben Kinder, oder? begann Olga.
Ja, und sie wissen Bescheid, und ja, sie machen sich Sorgen. Mein Sohn sagt, ich verrate meinen Mann damit
Haben Sie kein schlechtes Gewissen gegenüber meiner Mutter und uns?
Ob das richtig oder falsch ist, entscheidet Gott, nicht wir. Ich habe Andreas gesagt, das kann nicht gut gehen. Aber er will nicht loslassen und ich kann es auch nicht.
Olgas Vorwürfe wirkten matt. Bitte, lassen Sie ihn gehen! Meine Mutter ist am Ende
Es tut mir so leid. Ich habe wirklich überlegt zu fliehen aber es würde Andreas das Herz brechen. Wir haben nur noch diese kleine Zeit
Olga drehte sich harsch um und ging.
***
Am nächsten Tag sprach sie den Vater zur großen Pause im Werkraum. Sie machte ihm Vorwürfe, sprach von Moral, drohte mit Konsequenzen und rief sogar den Bruder Nikolaus an, damit er dem Vater ins Gewissen rede.
Andreas hörte zu, nickte und sagte dann nur:
Es tut mir leid, Olga. Aber ich muss gehen.
Zum Erklären fehlten ihm die Worte. Mit Sophia war es nicht nur Nähe, nicht einfach Gefühl. Es war Stille, in der sie sich verstanden als wäre nie ein Fremdsein zwischen ihnen gewesen.
Sie saßen manchmal wortlos auf der schwarzen Bank, ihre Hand in seinem Haar, ihr Kopf an seiner Brust. Er fühlte eine Zärtlichkeit, wie er sie in vierzig Ehejahren nie gekannt hatte. Er renovierte noch mehr, als wolle er Sophia ein kleines Paradies hinterlassen und hatte Angst, dass die Zeit nicht reichen könnte.
Lass uns wegziehen, Sophia.
Aber deine Familie?
Kennst du mich nicht? Ich bin längst allein.
Und Sophia wusste: Das stimmte.
***
Das Gespräch der Schulleiterin mit Hartmann endete anders als gedacht.
Er zog einen Zettel hervor. Hier, mein Kündigungsschreiben. Wenn Ersatz da ist, gehe ich sofort. Sonst zum Sommer.
Maria Seifert legte das Schreiben fort. Sie kannte Klara lange, hatte sie immer für eine Glückspilzin gehalten. Doch offenbar hatte jetzt Hartmann einfach das gefunden, wonach er immer gesucht hatte.
Arbeiten Sie weiter Und denken Sie noch mal nach.
Danke, Frau Seifert. Dass Sie mir keine Moralpredigt halten
***
Andreas packte Werkzeug und Sachen im Schuppen zusammen, suchte seinen alten Seesack heraus.
Wohin so in Eile? Nikolaus kommt morgen, hast Angst?
Ich? Nein. Soll er kommen.
Nikolaus erschien nach Dienstschluss, voller Zorn. Im Feldanzug, hochgewachsen und laut.
Du hast uns immer Moral gepredigt, Vater. Und jetzt das? Schäm dich! In deinem Alter!
Es tut mir leid So ist es nun mal.
Du bleibst! Keinen Schritt machst du zu der Frau. Wir regeln das.
Andreas fühlte sich ausgelöscht.
***
Die spinnen doch, die Ärzte, meckerte Klara laut, als sie zusammen mit Olga die Klinik verließ. Wie soll ich ihn mit halbseitiger Lähmung ins Haus schleppen?
Olga zuckte bei solchen harten Worten jedes Mal zusammen. Seit er nach einem Schlaganfall im Krankenhaus lag, war der Vater bewegungsunfähig, das Sprechen fiel ihm schwer.
Nikolaus war längst zurück beim Bund, Olga musste die Schule führen. Klara konnte nicht immer in die Klinik fahren.
Sie engagierten eine Pflegekraft, doch bald stellte sich heraus: Sophia besuchte ihn täglich. Und bald merkte Olga, wie der Vater aufblühte, wenn Sophia für ihn da war.
Olga überraschte Sophia eines Morgens beim Reha-Üben am Krankenbett. Die beiden sahen sich mit einer Innigkeit an, die alles erklärte.
Danach wurde eine simple Linie gezogen: Bleiben Sie, Sophia. Niemand sonst kann sich so um ihn kümmern.
Ich werde bleiben, Olga. Es ist mir nicht leicht…
Olga war dankbar. Endlich hatte sie verstanden, was Liebe heißt. Und dass sie eines Tages selbst bereit sein würde, ihr zu begegnen.
***
Als der Vater nach Hause entlassen werden sollte, half Sophia, alles zu organisieren. Olga fragte den Vater: Zu wem möchtest du? Zu Hause oder zu Sophia?
Die Antwort waren Tränen, die Andreas wortlos über die Wange liefen.
Zu Sophia flüsterte er.
Sie brachten ihn in Sophias kleines Haus. Klara schimpfte weiter, aber Olga wusste, das war die beste Lösung.
Ein paar Wochen später ging es Andreas deutlich besser. Mit Sophias Hilfe lernte er wieder laufen, bastelte sogar Kleinigkeiten im Hof. Basti, der Hund, kam ebenfalls dort unter. Klara beruhigte sich langsam und urteilte nun: Soll sie sich doch kümmern, wenn sie unbedingt meinen Mann wollte!
Abends saßen Andreas und Sophia auf der Bank unter der Linde, Wolldecke über den Knien.
Ach Sophia, irgendwann mache ich eine neue Bank
Wir haben Zeit, Andreas. Mit dir ist doch alles gut.
Sie lehnte den Kopf an seine Schulter. Um sie herum der verwilderte Garten, eine alte Linde, die Eisenumzäunung, eine neue Hoffnung inmitten von alten Spuren.
Mir wurde in dieser Zeit bewusst: Manchmal bringen wir große Opfer, um uns selbst treu zu sein. Am Ende zählt weniger das, was andere sagen sondern dass wir leben, lieben und Ehrlichkeit zeigen. Wahre Liebe findet immer ihren Weg, auch wenn es im deutschen Alltag leise und unauffällig bleibt.





