Das beste Team

Die beste Mannschaft

König Johann Ferdinand der Dritte! verkündete der hager wirkende Alte mit Stolz und strich sich die spärlichen weißen Haare zurück, bevor er sich dem Max gegenüber an den Tisch setzte. Gebieter der Teufelsbrücke und Herr

Majestät! unterbrach Max höflich, aber bestimmt. Entschuldigt, aber seit dem Zusammenbruch gibt es hier Hunderte von Königreichen, Fürstentümern und sogar Reichen, die sich auf einen einzelnen Hinterhof beschränken. Ihr dürft mir gern die lange Aufzählung ersparen, ich merke mir ohnehin nur den Namen.

Äh… Johann, stammelte der Alte zuerst, besann sich aber gleich: Ferdinand der Dritte!

Max ließ sich schwer auf den wackeligen Stuhl zurückfallen. Solche Exemplare fanden früher nur in den runtergekommensten Amtsstuben Verwendung, heutzutage dagegen waren diese klapprigen vierbeinigen Ungetüme heiß begehrt. Das wabernde Gemurmel in der schummrigen Schenke hallte als pochender Schmerz in seinen Schläfen wider. Der beißende Qualm billigen Tabaks und der schwere Duft von Fusel hüllten alles ein, als würde Max selbst einen der ständigen Feiertage begehen, die in diesen Landstrichen beinahe an jedem Tag stattfanden. Die Gesichter der zahllosen KandidatInnen, die er heute bereits überprüft hatte, verschwammen in seinem Gedächtnis. Er konnte kaum noch jene aufzählen, mit denen er sich zu sprechen verabredet hatte. Seit dem Zusammenbruch war das Führen von Verhandlungen in Wirtshäusern in ländlichen Ortschaften beinahe zur heiligen Tradition geworden. Aus Cafés wurden Tavernen, ihre Besitzer zu den wichtigsten Informanten oder besser: Spitzeln der örtlichen Obrigkeit. Max missfiel das sehr, aber in der Ferne von der Zitadelle herrschten nun einmal eigene Gesetze.

Vermute ich recht, begann Max müde, wart Ihr vor der Katastrophe so etwas wie Johann Ferdinand Treulinger?

Johann Ferdinand, nickte der Alte, Treuling.

Was verschafft mir Eure Audienz?

Ich hörte, Ihr stellt wie nennt man es ein Team zusammen? Und zahlt gut! Da dachte ich, vielleicht gäbe es auch für mich einen Posten. Der Alte senkte den Blick und zwirbelte nervös seine verblichene Wollmütze.

Wir suchen tatsächlich eine Mannschaft, entgegnete Max und musterte den lokalen Monarchen, aber für eine recht heikle Unternehmung. Es kann Auseinandersetzungen mit Banden, Mutanten und möglicherweise noch mit dem, was von der Armee übrig ist, geben. Wie gedenkt Ihr da nützlich zu sein?

Wissen Sie, bei Öffnung der Portale war ich in guter finanzieller Verfassung, begann der Alte nun lebhafter, mit einem eigentümlich fiebrigen Glitzern in den Augen. Habe mir ein Grundstück mit vorteilhafter Anomalie gekauft, bin zum König geworden. Doch dann meine Nachkommen! Sie haben alles verspielt! Nun bleibt mir nur noch der Titel! Aber ich will zurück in die Liga der Reichen und Erfolgreichen! Für gutes Geld tue ich alles! Soll ich töten dann nehme ich die Zähne zu Hilfe! Sie bekommen in mir einen treuen Verbündeten!

Geld als Antrieb halte ich für fragwürdig. Nur scheint das heutzutage der einzige zu sein, Max runzelte die Stirn. Um ehrlich zu sein, das Ziel ist bei allen Bewerbern das gleiche. Sie sind, verzeihen Sie, jünger und kräftiger. Suchen Sie sich etwas Ruhigeres, Johann Ferdinand.

Johann Ferdinand der Dritte! wiederholte der Alte langsam und stand auf. Danke für das Gespräch. In diesen Tagen erfährt man selten Respekt, nicht mal dem Alter gegenüber.

Würdevoll nickte der gescheiterte Monarch ihm zu und hinkte Richtung Ausgang. Kaum hatte er sich erhoben, nahm ein kräftiger junger Mann Platz, nicht älter als fünfundzwanzig, mit blondem Haar. Im Hintergrund tauchte ein weißhaariger Greis im langen grauen Mantel auf. Mit einem strahlenden Grinsen warf der Jüngere lässig sein Bein über das andere und verkündete:

Ich bin bereit!

Guten Tag, junger Mann, Max konnte seine Gereiztheit kaum verbergen. Wer sind Sie, und wozu sind Sie bereit?

Ich bin der Auserwählte! sprach der Jüngling von sich überzeugt. Das ist mein Orakel, und dessen Prophezeiung

Halt! Max schlug mit der flachen Hand auf den Tisch, dass der Greis zusammenzuckte. Entschuldigung, aber mit Auserwählten, Messias, Orakeln und Wunderheilern arbeiten wir nicht. Schönen Tag noch!

Aber das Prophezeiung

Max legte den Kopf in die Hände, überlegte, ob er dem Jungen noch etwas erklären oder ihn einfach laufen lassen sollte. Die Katastrophe und die daraus entstandenen Anomalien hatten Hunderte mit Mutationen beschenkt, nicht immer sympathischer Art. Neue Fähigkeiten entstanden Tele-, Zoo-, Pyro- und allerlei andere -kinesen, doch noch zahlreicher waren die, denen mit einer Psyche was fehlte. Max war der Meinung, die wirkliche Bedrohung für die Menschheit seien weniger die Phänomene selbst als vielmehr Verrückte und Kriminelle, die oft in Personalunion auftraten. Solche Auserwählten gab es zuhauf, egal ob in Städten oder Dörfern. Und was erst die Flut an Orakeln, Propheten und gewöhnlichen Kartenlegerinnen anging, wurde einem schwindelig. Die meisten dieser Figuren waren Betrüger, aber es gab auch welche, die ihr Schicksal wirklich glaubten.

Alles Gute! Max wollte keine Zeit mehr verschwenden.

Der selbsternannte Auserwählte torkelte zur Tür, drehte sich kurz um und verschwand. Das Orakel, den Blick leer, tapste ihm leise hinterher. Am Tisch gegenüber Max ließ sich nun eine junge Frau nieder, dunkler Militär-Einteiler, dessen Stoff von der Landstraße eingestaubt war. Ihr straff gezogenes, kastanienbraunes Haar schimmerte im Zwielicht der Wirtsstube fast blutrot, die smaragdgrünen Augen glommen unstet Zeichen einer Mutation.

Anneliese, stellte sie sich mit ruhiger, feiner Stimme vor.

Führerin? fragte Max, obwohl er es schon ahnte.

Pilgerin, schmunzelte Anneliese.

Max, auf standartisierte Fragen gefasst, verstummte und pfiff fast überrascht leise durch die Zähne. Führerinnen, diejenigen, die Anomalien sahen, die den gewöhnlichen Menschen verborgen blieben, waren selten, aber bekannt. Doch Pilger die, welche Portale durchschreiten und andere hindurch führen konnten waren Raritäten. Solche Spezialisten galten als Unikate.

Donnerwetter! Und was führt dich zu mir, Pilgerin Anneliese? Du könntest sicher bessere, und vor allem besser bezahlte, Arbeit finden!

Geld interessiert mich nicht.

Nun überrascht du mich gänzlich! Erzähl!

***

Ihr werdet alle sterben! Manche schneller, als sie glauben! Professor Eisenhauer schritt mit verschränkten Händen vor dem wild durcheinander gewürfelten Trupp auf und ab.

Nicht gerade ein gelungener Auftakt für eine Rede, flüsterte Max ihm zu.

Vor etwa einem halben Jahr hatten sie Eisenhauer in einem der Dörfer kennengelernt, die um das von Anomalien hinweggeraffte Nürnberg wucherten. Max, als findiger Techniker, reparierte Überbleibsel der Technik in einem kleinen Laden, untergebracht in einem im Boden versunkenen Rostbus. Der Professor kam, um sein Notebook reparieren zu lassen ein Relikt, wie es Max seit zehn Jahren nicht mehr gesehen hatte. Und das es funktionierte, nicht bloß als Tellerunterlage diente, war noch länger her. Bald freundeten sie sich an. Eisenhauer besaß viele erstaunliche Dinge, die Max in den dreißig Jahren seit dem Zusammenbruch fast vergessen hatte.

Von seiner Flucht aus der Zitadelle, der Metropole eines der neuen Quasi-Staaten, berichtete der Professor oft. Seine begeisterten Erzählungen von Relikten der alten Zivilisation beeindruckten Max. Strom beispielsweise in der Hauptstadt funktionierte die zentrale Versorgung, während überall sonst Energie zu einem Luxusgut geworden war, der von kleinen Generatoren mühsam gewonnen wurde. Am meisten faszinierte Max die Möglichkeit, Portale und Anomalien mit einem Knopfdruck zu “versiegeln”.

Ich biete Ihnen an zu sterben, nicht für Gewinn fuhr der Professor feierlich fort sondern für ein großes Ziel! Wir werden die Menschheit retten! Die Welt soll ihre Grenzen zurückerhalten!

Hey, Chef! brummte Schütze Konrad, genannt der Scharfschütze, der mit zwei Männern für den militärischen Rückhalt sorgte. Weniger Gerede. Wir machen den Job, kassieren den Lohn, fertig! Die Schwärmerei kannst du jungen Hüpferinnen erzählen!

Konrad glotzte offen zu Anneliese und kratzte sich lachend am Bart. Seine Männer, die er Kugel und Klinge nannte, murmelten Unverständliches, nickten aber ergeben. Das Trio war eigen. Konrad redete ohne Pause und versuchte, witzig zu erscheinen sein Humor war grobschlächtig. Lachen musste darüber meist nur er selbst, verspottet wurde er deshalb nicht. Zwei Meter groß, ebenso breit, das wirkte wie ein Abwehrzauber gegen Neckereien. Kugel und Klinge schwiegen fast immer, und wenn sie redeten, hörte es meist nur Konrad. Maskierungsbedeckt war ihr Gesicht für Max ohnehin kaum unterscheidbar.

Anneliese schnaubte und drehte den Männern demonstrativ den Rücken zu, verschränkte die Arme. Sie hätte es wohl sogar mit Konrad aufnehmen können zumindest schien sie mit Waffen umgehen zu können. Das abgewetzte G36 auf dem Rücken und die schwere Dienstpistole im Holster waren sicher keine modischen Accessoires. Aber sie ließ sich auf kein Gespräch ein war doch der einzige Grund für ihre Mitarbeit die Rettung ihres Geliebten, der in der Zitadelle einsaß.

Mit solchem Personal muss ich also arbeiten, seufzte Eisenhauer. Egal! Wir erreichen die Zitadelle in zwei Gruppen. Die eine kommt mit mir, die andere mit meinem Assistenten Max! Wir treffen uns in der gemieteten Wohnung.

Warum nicht in der Taverne? staunte der junge Bestiologe Ludwig.

Der Sonderling mit seltenem Talent, die durch Portale kommenden Kreaturen zu kontrollieren, ragte in seinen Fähigkeiten weit über den Durchschnitt, doch sein Verstand blieb darunter. Schon das Ziel der Mission zu erklären, war eine Aufgabe, an dem Max fast verzweifelt war. Und das abstrakte Ergebnis verweigerte Ludwigs Kopf ohnehin. Nach der Katastrophe geboren, verstand Ludwig nicht, warum er irgendetwas ändern und wie es ohne die Anomalien leben sollte.

Nun denn, Freunde! Eisenhauers Stimme nahm wieder einen festlichen Klang an. Wir haben eine Pilgerin, einen Bestiologen, Kämpfer und mich, die Hoffnung der Menschheit! Nur Max ist ein wenig banal lachte der Professor aber in Wirklichkeit: ein brillanter Techniker und ein Menschenkenner! Freunde, wir sind das beste Team! Wir werden diese Welt verändern!

***

Die Reise nach Berlin, der Zitadelle, dauerte acht Tage und wäre, hätte Max ein Funken Schriftstellergenie besessen, ein packender Roman geworden. Doch der nüchterne Ingenieur, dem das Geschichten-Erfinden fremd war, verzichtete darauf und schwor, nie wieder Portale auch nur mit Pilgermädchen zu betreten.

Eisenhauer kam mit der Kampfgruppe Tage vorher auf einem Postkutschenwagen in der Hauptstadt an und hatte den Luxus der Zivilisation, von dem in der Provinz kaum einer zu träumen wagte, bereits gekostet.

Und, wie war die Reise? fragte der Professor lachend, im Bademantel durch die düstere Mietwohnung huschend.

Lass mich überlegen murmelte Max, während er in den Sessel fiel. Erst hat uns ein Wiedergänger fast zerfleischt zum Glück konnte Ludwig ihn abhalten. Dann sind wir einer Bande von Plünderern gerade so entkommen, und auf den letzten Kilometern nahm uns die Zitadellen-Patrouille sämtliches Bargeld unter Androhung von Erschießen ab! Aber das Wetter war gut, die Gesellschaft angenehm also alles bestens!

Hervorragend! Eisenhauer ließ den Sarkasmus unbeachtet. Heute Nacht brechen wir auf. Konrad hat seine Männer in die Zitadellenwache eingeschleust. Wie er das macht, bleibt sein Geheimnis!

Max verbrachte den restlichen Tag auf der Matratze und ließ seine von den Märschen malträtierten Beine ruhen. Die Schwere hämmerte auf ihn nieder doch kaum war er am Einschlafen, rief Eisenhauer bereits zur Versammlung.

Es gab zwei Wege in die Zitadelle: Entweder durch das eiserne Haupttor, das so scharf bewacht wurde wie kein Ort auf Erden, oder durch einen alten Tunnel aus Vor-Katastrophen-Zeiten. Von diesem Eingang wusste Eisenhauer aus seiner Zeit als Laborleiter; dort war er seinerzeit auch geflohen. Klar entschied sich der Professor für den Tunnel, selbst wenn er, laut eigenem Urteil, die weltbeste Mannschaft befehligte.

Der Eingang lag im Keller eines Gebäudes, das einst zur Technischen Hochschule gehörte. Passanten traten ehrerbietig beiseite, als die Gruppe der Adepten der Kirche der Heiligen Anomalie den Weg bahnte. Die orangefarbenen Kutten hatte der schlaue Konrad beschafft ein gelungener Schachzug, da für Verkleidungen nur selten mit dem Tod bestraft wurde. Wachen wäre es nie eingefallen, dass unter Habit Feinde lauerten.

Im stickigen Kapuzenumhang kroch die Nervosität in Max hoch. Er meinte, jeder Uniformierte würde ihn durchschauen, aber nichts geschah. Die Kultdiener waren allen eigentlich gleichgültig.

In einer Kette marschierten sie um das Gebäude, segneten die Posten mit dem Symbol der Unendlichkeit. Am Hinterausgang blieb Schütze stehen, es klirrte das Schloss, mit einem Quietschen öffneten sich die Türen in die Unterwelt.

Die Gruppe zwängte sich durch den schmalen Vorraum, die Betontreppe hinab unten warteten zwei Wachleute, eigentlich Kugel und Klinge in Uniform. Sie drehten sich synchron um, und zusammen stiegen alle weiter, warfen die Kutten ab hier drunten war keine Tarnung mehr nötig. Nach drei Treppengängen standen sie vor einer ovalen Eisentür mit brüchiger grüner Farbe. Die echten Wachen lagen schon gefesselt, Kugel und Klinge hatten für freie Bahn gesorgt.

Nur zwei? zweifelte Max. Ein bisschen wenig für so einen Geheimgang, oder nicht?

Der Tunnel ist fünfhundertdreißig Meter lang, dozierte Eisenhauer. Überall Fallen und Kreaturen, die dort herumstreunen! Also abgesichert ist er mehr als genug. Mich führte damals einer hinaus, der die Fallen genau kannte.

Davon weiß ich nichts, hob Schütze die Hände. Euer Kontakt könnte helfen!

Schwerlich, der ist tot, Eisenhauer legte die Hand auf den Scanner, der an der Wand neben der Tür verbaut war. Ha! Sie haben die Codierung nie geändert. Die haben mich nicht vergessen, die Türchen!

Ein leises Zischen, dazu das metallische Rumpeln, und die Tür glitt auf.

Die Bühne gehört dir, Madame, verbeugte sich Professor spaßig.

Anneliese schob sich, ohne Rücksicht, vor und schritt in den Tunnel. Der beißende Gestank von Feuchtigkeit und Verfall schlug sofort zu. Die Betonwände waren von Schimmel befallen, schwache Lampen glommen unter der Decke. Max entsicherte sein Sturmgewehr und folgte vorsichtig. Schritt um Schritt tastete die Pilgerin voraus, scannte mit den Händen den Raum. Nach wenigen Metern presste sie sich an eine kalte Wand und gebot dem Rest, ihr zu folgen.

Wieder einmal musste Max sich glücklich schätzen, Anneliese an Bord zu haben. Ob in der Ödnis oder hier: Sie führte souverän. Den wortlosen Zeichen folgend, gewöhnte sich Max daran, mal zu ducken, mal unsichtbare Schwellen zu überspringen, mal den engen Sims entlang zu huschen. Fast wie ein Kinderspiel.

Unerwartet schoss eine zwei Meter lange, zähnefletschende Echse aus dem Portal. Selbst Schützes Leute zuckten zusammen, einer wollte instinktiv schießen. Doch Ludwig trat hervor, legte eine Hand auf das Gewehr und murmelte seltsame Worte. Der Drache knurrte, griff aber nicht an schon das ein Erfolg, normalerweise fielen diese Bestien unvermittelt her. Noch ein paar Sätze, und schon verschwand das Vieh zurück ins Nichts.

So ging es weiter: Anneliese bahnte den Weg, Ludwig hielt die Ungeheuer zurück, die Schützen rasselten mit ihren Waffen und Max sowie Eisenhauer begnügten sich damit, alles fachmännisch zu beäugen, wissend, dass sie den Spezialisten hilflos ausgeliefert waren. Halbzeit im Tunnel, als sie einen nichtbeleuchteten Seitengang entdeckten, der rechtwinklig abzweigte.

Das war damals nicht offen, misstraute Eisenhauer.

Das Brüllen mehrerer Kreaturen ließ keine Zeit zu überlegen sechs schuppige Monster griffen von beiden Seiten an, die Gruppe wurde eingeklemmt. Ludwig, ratlos, gestikulierte, konnte das Tempo der Biester aber nur dämpfen.

Hier! meldete sich zum ersten Mal Anneliese und stürzte in den Nebengang.

Max lief so schnell er konnte. Das Klacken von Kiefern dahinter verlieh Flügel. Nicht einmal die Finsternis stoppte ihn bis er in die stehen bleibende Anneliese prallte. Mit ihr zusammen stürzte er zu Boden. Ehe er sich aufrappeln konnte, knatterten Schüsse. Mündungsblitze rissen für Sekunden Masken herunter und Gesichter aus der Schwärze Konrads Konterfei spiegelte sich in den Helmen seiner Kameraden, daneben aufblitzende Gegner.

Mit einem Wimmern sank Kugel zu Boden oder war es Klinge, dem das gegnerische Feuer nicht rechtzeitig ausgewichen war? Irgendjemand stöhnte auf. Max drückte sich instinktiv flach, krallte sich, warum auch immer, an Anneliese Schießen war in dieser Stellung schwierig, dennoch schickte er ein paar Feuerstöße ins Dunkel.

Genug! donnerte eine bassige Stimme, beruhigte abrupt die Schüsse. Gleich erledigen wir uns gegenseitig!

Mit dem letzten Schuss ging das Licht an. Max blinzelte sich die Lage zusammen sie war nicht gut. Eisenhauer lag dicht hinter ihm, schützend die Hände über dem Kopf. Kugel und Klinge regten sich nicht mehr. Aufrecht stehend, das Gewehr einhändig, tropfte Blut an Konrads Arm herab. Drei Feinde hielten sie noch im Visier, vier waren gefallen.

Eure kleine Heldentat kann hier enden!

Der Stimme nach gehörte er zu den Anführern: ein untersetzter Mann, etwa fünfzig, stieg nach vorn, zog gelbe taktische Brille ab und steckte sie weg.

Ich bin Bohr, leite die Sicherheit der Zitadelle und des Herrschers! Ich habe ein Angebot.

Wie hast du uns gefunden? knurrte Konrad.

Ich sagte doch kam Ludwigs ruhige Stimme von hinten.

Meine Informanten werden gut bezahlt. Ludwig weiß Bescheid nicht das erste Mal.

Mit dem Knall eines Schusses hallte ein Echo durch den Gang. Max zuckte zusammen und drückte Anneliese noch fester an sich. Der Bestiologe fiel leise stöhnend nach hinten. Konrad ließ, sichtbar erschüttert, das Gewehr sinken.

Gut so, Bohr ließ sich davon unbeeindruckt. Wer einmal verrät, hat kein Vertrauen mehr verdient. Und als Spezialist war er sowieso schwach. Professor, stehen Sie auf!

Bohr, alter Freund ich wollte doch stammelte Eisenhauer, als er sich aufrappelte.

Genug! Bohr verzog das Gesicht. Auch der Herrscher ist mir reichlich egal. Ich helfe, ihn zu beseitigen!

***

Die Idee, sich zu entwaffnen, als Gefangene auszugeben und demonstrativ durch die ganze Zitadelle geführt zu werden, gefiel Max überhaupt nicht. Doch gefragt wurde er nicht. Es funktionierte die seltsamen Gefangenen erregten wenig Aufmerksamkeit.

Im hellen Zimmer, in das Bohr sie eskortierte, roch es nach Medizin und Weihrauch. In der Mitte ein wuchtiger Tisch voll mit Büchern, Notizheften, Zetteln. Ein Thronstuhl, hoch und aus Leder, war zunächst unbesetzt.

Die scheinbaren Gefangenen wurden in die Mitte gezerrt; Konrad saß entkräftet an der blauen Wand, die Augen geschlossen. Bohr und sein Mann postierten sich als Wachposten.

Eine Tür neben dem Fenster öffnete sich, und ein kleiner, schmächtiger Mann um die sechzig, im abgetragenen blauen Overall, trat herein.

Ach, Eisenhauer! lächelte er, blinzelnd. Welche Schicksalswinde wehen Sie hierher?

Im selben Moment richtete Bohr die Waffe, ohne abzudrücken. Niemand bemerkte, wie Anneliese wie aus dem Nichts Wurfmesser in Händen hielt schon sausten sie, blitzschnell geschleudert. Bohr wie sein Begleiter sanken zu Boden.

Anneliese, mein Mädchen! grinste der Herrscher. Wie soll man hier arbeiten? Verräter über Verräter!

Max schnappte nach Luft, verstand gar nichts mehr. Auch Eisenhauer taumelte, fassungslos. Zum dritten Mal in zehn Minuten drehte sich das Blatt.

Anneliese, du hast doch hier deinen Verlobten Max stotterte.

Genau der steht hier. Die Pilgerin schritt langsam auf den Herrscher zu, legte ihm die Arme um den Hals, küsste ihn auf die Stirn ein nahezu komisches Bild, war sie doch einen Kopf größer als der Regent.

Dachtet ihr, eine Pilgerin ihres Kalibers läuft einfach so herum? spottete der Herrscher. Nein, sie hat mir Eisenhauer gesucht! Sie hat sich ihren Lohn verdient und wird bald meine Frau. Das willst du doch, Schatz? Herrscherin der Zitadelle werden?

Ein weiterer Schuss. Max blieb fast schon gelassen.

Ein paar zu viele Verräter für einen Tag, röchelte Konrad.

Mit diesem Satz beendete der erfahrene Soldat seine Laufbahn. Die Pistole fiel klimpernd, sein Kopf sackte auf die Brust. Anneliese presste ihre Wunde am Bauch und sank langsam, den bestürzten Herrscher stützend, zu Boden. An der nun verbarrikadierten Tür rüttelten schon Wachen, Sirenengeheul begann.

Los! schnappte sich Eisenhauer den Herrscher am Kragen, zerrte ihn zur Tür. Öffne, oder ich schlitze dich auf.

In Professorens Hand blitzte Stahl. Max machte keinen Versuch, zu verstehen, wo immer die nächste Waffe herkam Bohr hatte doch alle durchsucht. Benommen folgte er ihnen.

Mach keinen Blödsinn, wimmerte der Herrscher, öffnete den Scan am Schloss. Lass uns die Maschine abschalten und den Menschen ein normales Leben geben!

Ein Klingeln, dann öffnete sich das Schloss. Ohne zu zögern, stach Eisenhauer zu und stieß den zitternden Leib beiseite, trat in den versteckten Raum. Zu Boden, Max war entsetzt, doch er folgte. Das große Zimmer war vollgepfropft mit brummenden Maschinen und ließ nur einen engen Gang zwischen den Schalträumen. An Tür und Wand blinkten Displays und Terminals.

Weswegen ihn umbringen? Der wollte uns doch helfen!

Die Zeiten sind grausam, Max! winkte Eisenhauer ab. Geh ans Terminal! Parallele Eingabe nötig.

Es ist nicht die Zeit, Max. Das Böse machen Menschen!

Los, Moralapostel, zum Terminal! knurrte Eisenhauer.

Max zögerte, trat dann aber an die Konsole, gab nach Eisenhauers Diktat den Code ein und analysierte die Datenmasse.

Gleich fertig. Jetzt bestätigen! drängte Eisenhauer.

Sie programmieren das System auf sich um! Wollen Sie die Anomalien gar nicht abschalten?

Was? Eisenhauer starrte ihn wirklich verblüfft an. Glaubst du etwa, ich rette die Welt? Wozu?

Darum sind wir doch hier!

Wer “wir”? Alle sind hinter Macht und Geld her! Ich werfe den Schlüssel zur Welt nicht weg, den ich so schwer bekam.

Du willst nur Herrscher werden?!

Genau.

Ich bringe dich um!

Der Professor bückte sich, zog einen gewaltigen Revolver hervor.

Ha, hatte ihn noch nicht umgelegt.

Zwei Schüsse krachten. Max zuckte bei jedem Treffer, stürzte aber nicht. Eisenhauer feuerte weiter, bis das Magazin leer, der Abzug “klick” machte.

Professor, wir waren wirklich das beste Team der Welt, Max rieb sich die Blessuren, lächelte traurig. Alles Sonderlinge. Auch ich.

Er griff Eisenhauer die leere Pistole ab.

Inmitten der Katastrophe bin ich in eine Anomalie geraten. Seitdem altere ich nicht und bin kugelsicher. Aber ich will die Dinge wieder gerade rücken.

Du Idiot! Mit solchen Kräften wir könnten alles an uns reißen!

Ich will nicht herrschen, sondern den neuen Morgen der Menschheit erleben!

Es gibt eine Ordnung! Wer den Generator hat, hat die Anomalien das ist Herrschaft! Ohne sie Anarchie! Und nicht alle Anomalien sind übel

Abschalten!

Na, dann halt dich fest brummte Eisenhauer und drückte die Taste. Er blätterte eine weitere Seite im Buch der Geschichte auf und auf dem noch leeren Blatt konnte von nun an alles erscheinen, was die Menschen daraus machten.

***

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***Ein metallisches Summen ließ den Raum erbeben. Dann, ein Sog, als würde der Tunnel selbst atmen draußen verklang das Sirenengeheul, das Grollen der Maschinen, und für einen Moment war die Welt still.

Max blickte Eisenhauer an, wie er ihn nie gesehen hatte: ein schmaler, grau gewordener Mann mit zitternden Händen, der einen Traum aus altem Leben festhalten wollte und alles dafür gegeben hatte. Doch der Strom ihrer Gegenwart riss auch ihn mit.

Langsam hob Max den Blick zu den blinkenden Anzeigen. Die Bildschirme flackerten, Zeilen liefen hindurch dann nur noch eine Botschaft: Initialisierung abgeschlossen. System wird heruntergefahren.

Von fern ein Knirschen, als ob Zahnräder nach Jahrzehnten zum ersten Mal wieder einrasten. Die grellen Lichtstreifen der Anomalien, die seit Jahren durch jede Scheibe, jede Straße in der Zitadelle gebrannt hatten, verloschen bläulich, wie Nebel in der Morgendämmerung. Es roch nach Regen, nach Erde, und in der Ferne rollte ein Donnergrollen.

Max trat an das Fenster. Menschen hasteten auf den Platz, suchten nach Zeichen und fanden stattdessen zum ersten Mal: Nichts Unnatürliches. Nur Normalität. Ein Kind, das bislang immer in fahlen Schatten gespielt hatte, rannte auf die Straße und begann zu lachen.

Hinter ihm sank Eisenhauer erschöpft in einen Stuhl. Seine Augen funkelten noch immer nicht vor Zorn, sondern vor einer seltsamen Erlösung.

Alles getan, was wir konnten. Und nun?

Max lächelte. Nun beginnt das, was niemand planen kann. Vielleicht sind wir endlich wieder Menschen und keine Figuren in einer Geschichte voller Monster, Könige und Propheten.

Ein paar Straßen weiter erklangen Stimmen, keine angstvollen Schreie mehr, sondern Reden, Rufe, Gelächter. Die Zitadelle atmete auf, wie nach einem langen Schock.

Der Morgen brach langsam an. Die letzte Anomalie versickerte im Nebel. Und Max, der Kugeln nicht fürchtete, lächelte still und dachte: Manchmal ist das Beste, was eine Mannschaft erreichen kann, dass sie sich selbst überwindet und der Welt das Weiterleben schenkt. Alles andere, das Glück, der Frieden, der nächste Versuch, war ab jetzt wieder Sache der Menschen selbst.

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Homy
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