Besondere Verbindung

**Eine besondere Verbindung**

Felix war sich sicher, dass er gleich was auf die Mütze kriegen würde, und zwar nicht von dem Halbstarken Sven, sondern von seiner eigenen Mutter.

Er ging pfeifend nach Hause, doch sein Herz zog sich zusammen. Gleich würde es was setzen, oh ja, Felix würde gleich eine Abreibung bekommen.

Tante Gisela, die Freundin seiner Mutter, hatte ihn mit einer Zigarette gesehen. Er hätte natürlich lügen können, sagen, dass er sie nur halten sollte. Aber! Tante Gisela hatte ihn mit der Kippe im Mund gesehen. Was sollte er jetzt seiner Mutter erzählen?

*Die haben mir die Zigarette in den Mund gesteckt, quasi halt mal, aber so wie rauch mal?*

Felix tat so, als hätte er Tante Gisela nicht bemerkt, und sie, Gott sei Dank, brüllte nicht los, gab ihm keine Ohrfeige, sondern sah ihn nur eindringlich an und ging weiter.

Aber Felix war nicht dumm. Er wusste genau, dass Tante Gisela schon alles seiner Mutter gesteckt hatte und die jetzt mit dem Gürtel auf ihn wartete. Felix machte gerade die dritte Runde um das Haus, als er Oma sah.

*Aha, die schwere Artillerie kommt zum Einsatz.* Das war ein verbotener Trick. Jetzt würde Oma loslegen, Tränen vergießen, erzählen, wie sie als verdiente Lehrerin der DDR Hunderte Kinder erzogen hatte aber ihren eigenen, einzigen Enkel versagt.

Wie schändlich… wie sich der Großvater im Grab umdreht, und der Urgroßvater und alle Vorfahren.

Als Kind hatte Felix schreckliche Angst vor diesem Moment, wenn Oma von den Ahnen sprach. Er stellte sich vor, wie sich die Erde hob und buckelte, weil sie sich darin herumwälzten.

Doch dann verstand er es. Und als Oma wieder von den umdrehenden Vorfahren redete, sagte Felix trocken: *Ist doch gut, wenn die sich bewegen. Sonst kriegen sie Wundliegen, wie Oma Schmidt.*

Oma griff sich ans Herz, Mama fing an hysterisch zu lachen, vergaß sogar, Felix den Gürtel zu geben und kassierte dafür eine Backpfeife von Oma.

Jetzt stand Felix vor ihr, die eilig auf ihn zustapfte.

*Was machst du hier? Warum bist du nicht zu Hause?*, fragte Oma, aber ihre Augen huschten hin und her, als hätte nicht er geraucht, sondern sie. *Hast du dich mit deiner Mutter gestritten?*

*N-nein… ich war noch gar nicht zu Hause.*

*Wie, noch nicht? Wo warst du die ganze Zeit?*

*Von der Schule zum Training, dann… bin ich halt gegangen…*

*Aha.* Jetzt gings los, dachte Felix. Gleich würde sie *Pust mal!* sagen. *Was ist das? Hände ganz rot! Warum keine Handschuhe? Wo sind deine Handschuhe?*

*Vergessen, Oma.*

*Wie, vergessen? Und deine Mutter, warum passt die nicht auf? Zeig mal deine Beine!*

Oma riss Felix Hosenbein hoch, jammerte und stöhnte theatralisch.

*Was ist das?*

*Was denn, Oma?*, erschrak Felix.

*Warum sind deine Knöchel so rot? Warum hast du keine Unterhosen an? Und wo ist dein Schal?*

Felix schämte sich plötzlich zu Tode. Und dann sah er noch, wie Sven aus dem Hauseingang zusah, seine rote Mütze wie ein Hahn. *Oma, echt jetzt, wer hat dich denn gebeten?* Was war bloß in sie gefahren?

Vielleicht hatte sie… na, wie heißt das… Altersschwäche? Oma war sonst vernünftig, aber jetzt…

*Oma… wie viel ist fünf mal fünf?*

*Fünfundzwanzig*, sagte sie verdutzt.

*Was ist das Quadrat der Hypotenuse?*

*Die Summe der Kathetenquadrate… Felix? Was ist? Hast du deine Hausaufgaben nicht gemacht? Sie hat nicht mal kontrolliert? Das lasse ich nicht durchgehen! Komm, schnell…*

*Wartet mal, sieh sie dir an, das Kind völlig vernachlässigt!*

War Oma plötzlich auf seiner Seite? Vielleicht würde er die Predigt von Mama doch noch umgehen? Was ging hier vor? War er in einem Paralleluniversum gelandet? Oder war Oma gar nicht seine Oma?

*Oma, auf welcher Seite ist meine Blinddarmnarbe?*

*Rechts. Welche Narbe? Du hattest nie eine OP.*

Okay, doch die echte Oma.

Sie hasteten nach Hause, Oma zerrte Felix am Arm, schnaufte und keuchte.

Mama war daheim. Aus der Küche roch es lecker. Sie trug ihr schönes Kleid, Locken im Haar, neue Ohrringe und… Hausschuhe mit Absatz? Was ging hier vor?

*Felixchen…* Mama drückte ihn an sich. *Zieh dich aus, wasch dir die Hände, gleich gibts Abendessen. Mutti, isst du mit?*

*Warum läuft das Kind auf der Straße rum? Will nicht nach Hause, hm? Geschafft, ja, geschafft… das eigene Kind gegen so was eintauschen… Wo sind seine Handschuhe? Wo die Unterwäsche? Es ist eiskalt! Natürlich… ist dir doch egal… wozu brauchst du ein Kind… bei dir ist ja…*

*Mama, bitte hör auf. Isst du mit uns?*

*Nein! Ich setze keinen Fuß mehr hierher, verstanden? Und… weißt du was?*

Sie drehte sich zu Felix um. *Pack deine Sachen, du kommst mit zu mir.*

*Wozu, Oma?*

*Zum Leben, Felix. Zu mir.*

*Nee, will ich nicht…*

Er stellte sich vor, wie Oma ihn ständig nerven würde. Nein danke.

*Felix bleibt hier. In seinem Zimmer, bei seiner Familie.*

*Wo ist das bitte sein Zuhause? Du… hast alles weggeworfen… Felix, pack deine Sachen!*

*Mama, wenn du nicht aufhörst, dann… dann muss ich…*

*Was? WAS? Deine eigene Mutter rauswerfen?*

*Ja!*

*Du… undankbare… Ich habe dich aufgezogen, und du…*

Mama ließ sie nicht ausreden. Felix sah etwas Unglaubliches.

Sie packte Oma am Arm, zerrte sie zur Haustür und schob sie auf den Flur.

Oma schrie, sie würde die Polizei rufen, Mama solle Felix rausgeben und leben, wie sie wolle. Irgendwas von einem Knastbruder.

Mama zog Felix ins Wohnzimmer und da saß ein Mann, der ihn misstrauisch musterte.

*Felix… ich lüge nicht. Das ist… dein Vater.*

Oma heulte vor der Tür, Mama stand mit hängenden Armen, der Mann erhob sich groß, schlaksig, mit Felix’ Augen.

Er streckte zögernd die Hand aus.

*Hallo… Sohn.*

Felix wich zurück, stemmte sich gegen die Tür.

*Aber… du hast gesagt, er ist tot…*

*Antonia…*, seufzte der Mann.

*Das war nicht ich, Walter. Das war Mama. Sie meinte, es wäre besser für ihn, wenn er nicht wüsste, dass…*

Es klingelte und klopfte energisch an der Tür.

*Polizei, öffnen Sie!*

*Soll ich gehen?*, fragte der Mann.

*Nein. Genug versteckt. Felix, wir erklären dir alles. Hab keine Angst…*

Mama öffnete die Tür.

Oma stürmte herein, kreischend, zerzaust, mit dem Polizisten und den Nachbarinnen.

*Was geht hier vor? Wir haben eine Meldung von einer Bürgerin…*

*Nichts. Wir wollen zu Abend essen. Mein Mann ist vom Norden zurück. Unser Sohn.*

*Aber Ihre Mutter…*

*Er ist ein Ausbrecher! Verhaften Sie ihn! Felix, komm her, er tut dir nichts!*

*Oma, hör auf, Theater zu spielen.*

*Dokumente, bitte.*

*Ja, klar.*

*Vorbestraft?*

*Nein. Ich arbeite im Norden, seit Jahren, direkt nach der Schule…*

*Entschuldigung…*

*Verhaften Sie ihn! Er hat das Leben meiner Tochter ruiniert! Solche Männer wie sie hatten um sie geworben, und jetzt…*

*Mama, hör auf, mich bloßzustellen. Die Vorstellung ist vorbei.*

Mama schloss die Tür.

Ein Vater? Er hatte einen Vater? Felix hatte elf Jahre ohne ihn gelebt wozu brauchte er ihn jetzt? Er hatte Mama, Oma, und… einen lebendigen Vater. Aber Oma hatte doch gesagt, er sei…

Felix hatte sich immer für seinen Vater geschämt einen Dieb, Rückfalltäter, in einer Schlägerei erstochen.

So hatte Oma es ihm ins Ohr geflüstert. *Damit es keiner erfährt, diese Schande.*

Und jetzt… jetzt stand da ein lebendiger Mann. Sie hatten ihn sein Leben lang belogen. Mama, Oma…

*Felix…* Mama sah ihn an. Sie wusste, was er tun würde, aber sie war zu langsam.

Felix schnappte sich seine Jacke, seine Schuhe und stürmte zur Tür.

Er rannte und weinte. Wem sollte er noch vertrauen?

Wenn die Nächsten ihn betrogen, belogen… Verräter…

*Felix!*, rief Mama hinterher, aber er hörte nicht. Er rannte, die Kleidung an sich gepresst, barfuß.

*Hey, Kleiner…* Felix erkannte Svens Stimme. Was interessierte es ihn? Schlimmer konnte es nicht mehr werden. *Warte doch… wer jagt dich? Bleib stehen.*

Sven packte ihn am Arm.

*Wer bist du?*

*Niemand. Lass mich.*

*Es ist Herbst, du erkältest dich. Ich war letztes Jahr im Krankenhaus, hab wenigstens zugenommen*, sagte Sven träumerisch. *Aber du bist ein Muttersöhnchen.*

*Und du? Ein Straßenkind?*

*Kann man so sagen. Komm mit zu mir. Keine Angst, du gefällst mir, Felix. Hätte gerne so einen Bruder… Meine Mutter ist nicht da, sie ist auf Tour.*

*Wie?*

*Sie ist Zugbegleiterin. Komm.*

*Du… lebst allein?*

*Ja.*

Die Holztür sah aus, als hätte ein Tier sie angenagt. Drinnen war es sauber, aber… Felix fand kein Wort.

*Behalt die Schuhe an, komm in mein Zimmer.*

In Svens Zimmer stand ein Sofa, Poster an den Wänden Die Toten Hosen, Rammstein, Die Ärzte. Andere kannte Felix nicht.

Mama erlaubte ihm keine Poster. Er hatte eins von Einstein und hatte bei Paul ein Modern Talking-Poster gegen Glitzeraufkleber getauscht.

Ein Tisch mit Glasplatte Felix Traum. Mama und Oma erlaubten keine Sammelbilder unter Glas.

Eine Gitarre. Wow.

*Deine?*

*Ja.*

*Tee?*

Felix nickte. Plötzlich fiel ihm ein, dass er Hunger hatte. Mist, hätte erst essen sollen, dann abhauen.

*Hör mal, ich hab Kohldampf… willst was essen? Nudeln mit Sardellen?*

Felix zuckte mit den Schultern. Kannte er nicht.

*Uhh, das ist lecker.*

Sven kochte Nudeln, brätzte Zwiebeln an, schmiss eine Dose Sardellen in Tomatensoße dazu.

Felix hatte noch nie so was Leckeres gegessen…

Dann tranken sie Tee aus Gläsern mit silbernen Haltern und Zuckerstücken, verpackt in blauen Päckchen mit Zugmotiven.

*Sag mal… wie heißt du eigentlich?*

Sven lachte.

*Kevin. Kevin Bauer.*

*Und warum…*

*Sven? Keine Ahnung, klebte irgendwie. Willst du was hören?*

*Klar.*

Und Kevin spielte und sang… schön, richtig gut.

*Du bist echt ein Künstler, Kevin. Wer ist das?*

*Boah, das ist Die Ärzte, das Rammstein, und das… weißt du, wer das ist?*

*Nee, Clowns?*

*Selber Clown… Das sind Die Prinzen! Und das The Beatles, Alter… Legenden!*

*Die sind nicht deutsch?*

*Nö.*

*Ich kenn Die Toten Hosen. *Tage wie diese…* Felix summte, Kevin griff zur Gitarre, und sie sangen zusammen.

*Du musst heim, die suchen dich bestimmt schon mit der Polizei.*

Felix runzelte die Stirn.

*Was ist?*

Und Felix erzählte.

*Sei nicht dumm… das ist doch cool, einen echten Vater zu haben. Ich hab keinen.*

*Wo ist er?*

*Keine Ahnung. Mama sagt, er ist Astronaut.*

*Aha.*

*Lügt… Sie hat mich aus dem Zug mitgebracht… Keine Großeltern, keine Tanten. Sie ist aus dem Heim. Aber sie hat mich behalten, hörst du? Ich lerne was, dann darf sie nicht mehr arbeiten. Hör auf, Felix… klär das. Ist doch ihr Mist, nicht deiner.*

*Danke, Kevin.*

*Wofür?*

*Für alles.* Felix trat plötzlich auf Kevin zu und umarmte ihn fest.

Kevin hatte recht. Er begleitete Felix nach Hause.

Alle suchten ihn: Mama, Oma, Nachbarn, Polizist… und der Mann. Sein Vater.

Später erklärten sie alles wie Mama schwanger wurde, wie Oma nicht wollte, dass sie sich an Felix Vater band.

Aber sie taten es doch.

Dann fuhr Papa zum Arbeiten, Mama blieb mit Felix… Und Oma… sie schrieb dem Vater, Mama hätte neu geheiratet, er solle nicht schreiben.

Der Vater schrieb wütend zurück…

Dann lebte er mit einer anderen Frau. Mama erfuhr es, ließ sich scheiden.

Vor drei Jahren begannen sie wieder zu schreiben… Der Vater lebte allein, zwei Jahre mit der Frau er konnte nicht lügen, sagte, er liebe eine andere.

*Warum?*, fragte Felix Oma. *Warum?*

*Ich wollte Glück für meine Tochter. Für dich…*

*Und für Papa?*

*Verzeih mir… verzeiht mir.*

Dann hatte Felix Geburtstag. Er lud Kevin ein, der schenkte ihm ein Die Toten Hosen-Poster und Mama erlaubte, es aufzuhängen.

Nicht Kevin, nein, das Poster. *Tage wie diese…*

Felix verzieh allen Oma, den Eltern.

Das waren Erwachsenendinge, wie Kevin gesagt hatte.

Und Oma? Als sie erfuhr, dass Kevin allein lebte, adoptierte sie ihn quasi kochte ihm, plötzlich hatte er Einsen in Mathe…

Ihr ganzes Leben blieben Kevin und Felix Freunde, nannten sich Brüder.

Wenn sie in Omas Garten saßen, sangen sie *Tage wie diese…* und aßen Nudeln mit Sardellen, als gäbe es nichts Besseres.

Und Felix liebte seinen Vater, der ihn zurückliebte. Er hatte noch Halbgeschwister, alle verstanden sich aber zwischen ihm und seinem Vater gab es diese eine, besondere Verbindung.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

Besondere Verbindung
Das verborgene Familiengeheimnis