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Moin, Neugebauer, wie gehts im Rentnerparadies?
Wer ist denn so frech dran?
Ach komm, erkennst du mich echt nicht? Wer sollte sonst so ein hohes Tier bei der Kripo sein wie ich?
Kolb, bist du das? Dass ich so einen Depp anrufe!
Jep, ich selbst Hab dich vermisst, kapierste?
Aha Das glauben wir mal einfach so, wa?
Nee, ehrlich hab dich vermisst! Kann mich kaum noch dran erinnern, wann mich zuletzt jemand beim Vornamen und Nachnamen genannt hat. Und dann auch noch Depp Das hat gefehlt!
Hab ich auch vergessen, das mit dem Neugebauer. Ich bin schon lange keine Neugebauer mehr, sondern jetzt Frau Giesinger.
Weiß ich doch. Glaubste etwa, ich bin nicht informiert?
Klar, du Schnüffler vom Dienst. Aber freut mich trotzdem, dass du anrufst. Was gibts?
Läuft! Was auch sonst? Und, du sitzt immer noch im beschaulichen Möhringen fest?
Sag ich doch: Noch genauso ein Depp wie früher. Hochstapler in deiner Hauptstadt! Und bist du jetzt schon Oberkommissar?
Habs geschafft! Bald erfindet das Amt noch den Kolbenchampions-Orden.
Jaja Dafür fehlts immer noch irgendwo. Ich kämpf hier immerhin noch gegen die Kriminalität.
Na, schon gewonnen?
Bin mittendrin
Dieser Kampf ist endlos, ständig wachsen neue Fieslinge nach, aber wir werden halt auch nicht jünger.
Stimmt und neue Kommissare werden auch geboren. Ewiger Clinch!
Jawohl, unbesiegbar Ich vermisse dich echt, Neugebauer! Ich vermisse dich! Hab dir sogar einen schönen Job in Aussicht gestellt. Willste?
Schön? Ich kenne eure Schächte, Kolb. Da kocht es im Ofen, von schönem Sitzen kann keine Rede sein
Haben wir uns halt so ausgesucht, das Leben in der Abteilung. Aber ich denk oft an die alten Uni-Zeiten zurück. War gut damals Ehrlich jetzt, Olli baue mir gerade ein neues Team auf. Willst du Ermittlerin werden im Sonderdezernat?
Ach, ich renn mal eben los. Aber laufen kann ich eigentlich gar nicht mehr, Kolb. Da mühten sich inzwischen hundert Kilo Gemüt mit.
Hundert? Niemals!
Glaube mir ruhig nicht. Denk einfach an die junge und schlanke Olli von vor zwanzig Jahren. Passt schon. Aber bitte nur auf Entfernung
Ich will dich nur aus der Nähe sehen. All deine Kilos sind mir egal deine Birne ist mir immer wichtiger gewesen.
Du Flegel!
Flegel hoch zehn. Wenn du jetzt ablehnst, schick ich einen Kollegen vorbei. Und bei nochmaliger Weigerung hagelts Drohungen is klar?
Beamten drohen? Setze dich ein! Hab schon ganz andere eingebuchtet.
Noch nie einen wie mich. Bin jetzt wichtig. Hab dir nen Schrieb geschickt. Liess mal nach mit allen Unterlagen. Überlegs dir echt, Kollegin.
Hauptkommissarin Olga Nazarenovna Giesinger, geborene Neugebauer, rechnete nicht mehr mit spektakulären Wendungen im Leben. Nur zwei große Baustellen hatte sie: ihr nölender Sohn und das Übergewicht. Den Ex-Mann hatte sie lange abgeschoben, die Ehe war eh so wild wie kurz quasi abgehakt fürs Protokoll: Hauptsache mitgemacht.
Sie war vor Jahren dem Herzen gefolgt, so glaubte sie zumindest. Hier war sie geboren, hier lebte ihre Mutter und sie hatte sich ihren Job selbst gesucht. Die Mission: Verbrechensbekämpfung in der schwäbischen Heimat. Romantische Gründe, Pflichtgefühl und ein bisschen Liebe weil auch ihr damaliger Zukünftiger hier arbeitete.
Doch was solls irgendwann saß sie halt fest. Immer derselbe Trott, immer derselbe Stress, sonntags keine Ruhe, immer die selben Nasen. Traditionell war der Freitag das Startsignal für Dramen, und das Wochenende wurde über die Akte gekippt. Einfach mal Handy ausmachen und vergessen, wer man ist.
Sohnemann wartete inzwischen nicht mehr zu Hause, der wollte jetzt selbstständig werden. Aber viel war da noch nicht von Selbständigkeit zu spüren. Dafür standen Kühlschrank, Sofa, Fernseher und Papagei Ludwig auf sie bereit Ludwig war quasi der einzige Mann im Haus, der ohne Gemurre all ihre Beschwerden hörte.
Am Anfang schweigend und sehr geduldig, seit Kurzem aber war der Papagei sehr redefreudig geworden sie musste ihn zeitweise mit der Tageszeitung abdecken. Aber auch dann raunzte es eine Weile von unten durch: Die ganzen Idioten nerven!, Ach, geh mir weg mit denen …! oder auch Fressi, Ludwig!. Seit Neuestem klang es gar: Klappe da hinten, du Dussel!
Sofa, Glotze, Teller mit Köstlichkeiten das waren die Höhepunkte im Leben der 45-jährigen Giesinger, Chefin vom örtlichen Revier. Wer sollte sie stören? Ermittlungen liefen, das Team war fit, Detektivdenken top, den Papierkram erledigten die Sachbearbeiter, zum Tatort fuhr der Dienstwagen.
Vorgeschrieben war längst nichts mehr bloß Formulare, Aufklärungsstatistiken und ein bisschen PR-Arbeit, die jeder Verein schon zehnmal gegenseitig glänzend bescheinigt hatte.
Und heute kam Olga aufgewühlt nach Hause.
Ach, haut doch ab, alle miteinander! Fressi, Ludwig! schmetterte der Papagei zur Begrüßung.
Dich versteht wenigstens einer, Ludwig Olga zog den Kühlschrank auf Ahhh, da gehen wir jetzt mal ran! Frikadellen mit Spätzle und Weintrauben!
Sie schwankte schon beim Laufen, musste unbedingt sitzen, besser: liegen aber mit warmem Essen auf dem Bauch.
Das Highlight des Tages!
Pfanne aufn Herd, Semmelbrösel rein sie mochte durchgebratene Spätzle in Bröseln, doch dann klingelte es.
Frau Giesinger, guten Abend! Störe ich?
Herr Albert Gregorius aus der Staatsanwaltschaft rief an ihm hätte Olga am liebsten gesagt, dass er schwer stört. Aber das war nicht der Typ für Scherze.
Nein, ich höre, Herr Gregorius.
Uns ist zu Ohren gekommen, Sie würden wechseln Stimmt das?
Ja, die Gerüchteküche brodelt immer.
Nein, Herr Gregorius, noch nicht entschieden. Man lockt ich überlege.
Aha, da hat mich die Leitung des Reviers wohl an der Nase herumgeführt. Sorry Falls sich was ändert, sagen Sie bitte zuerst mir Bescheid. Kleiner Hinweis: Mein Schwiegersohn hätte da ein Problem bei Ihnen im Kreis und würde gern transferieren. Wir suchen …
Selbstverständlich, die Brösel hörte auf zu brutzeln, Olga kaute bereits die Frikadelle.
Es nervte. Jahrelang rackert man sich ab, heilt halbe Gemeinden und sobald man den Absprung auch nur erwägt, kriechen sie alle aus den Löchern. Nicht halten aber gleich schon im Wettbewerb um den Posten.
Schon teilen sie ihren Stuhl, diese Nasen!
Die Spätzle klebten, Olga schnitt sie, warf sie in die Pfanne, es zischte und spritzte sie verbrannte sich, knallte den Pfannenwender beiseite und ließ sich auf den Stuhl fallen, wedelnd mit der Hand.
Laune im Eimer!
Die Idioten nerven! Die Idioten nerven! Ludwig kreischt vom Kühlschrank.
Genau seufzte Olga und hielt die Hand unters Wasser.
Essen von Bauch das ist heilig. Das lassen sie sich nicht nehmen. Sie aß langsam, genoss den Fernseher aber ließ sie heute aus. Die Gedanken ratterten.
Was, wenn ich wirklich nach Berlin ziehe? Dann gucken sie! Aber für wen? Die Kollegen zählen schon die Tage. Kolb, der Kollege, wird auch Augen machen, wenn er mich mit der neuen Figur wiedersieht Zum Klassentreffen trau ich mich auch seit fünf Jahren nicht mehr zu viele Kilos.
Früher war sie auch nie zierlich, aber halt knackiger. Nahm eher mit klugem Kopf, Witz und lockerer Klappe. Und mit strammer Seminarbegeisterung.
Im Jurastudium hatte sie bei Prof. Griebing besonders Bammel der quälte die Seminare. Wer war heute dran? Immer mit schleppender Stimme:
Nun, dann fangen wir von Neugebauer an!
Und Olga, weil sie immer ihren Namen hörte, sprang prompt auf, antwortete eher zufrieden. Griebing irritiert so weit war er in der Anwesenheitsliste längst nicht. Passierte ständig. Sein wir fangen von Neugebauer an wurde Running Gag. Kurs ebenfalls. Noch Jahre Spottname.
Ab da: Von-Neugebauer. Tja. Am Ende kannte sie nur vor Griebing je solche Furcht.
Ansonsten: nette Gruppe damals, kontaktet noch. Fotos postete sie keine warum auch?
Das Leben war inzwischen vorhersehbar sogar die Kriminalfälle ähnelten sich.
Piet? Ihr Sohn? Hat immerhin Vorteile. Wohnung mit seiner Simone hat er jetzt zieht Olga aus, ziehen die beiden ein.
Hierher?! Auf gar keinen Fall! Sofa und Bude bleiben mein Reich. Oder ?
Der Kolb ist wie eine perverse Überraschung zum Geburtstag! Und am meisten überrascht sie sich grad selbst mit der Idee.
Puh, in diesem Sumpf verfault und sicher auch deshalb zugenommen.
Abnehmen? Kommt immer erst nach dem Essen ins Hirn. Da lag sie satt auf dem Sofa, keine Kraft mehr. Nur der zweite Teller Trauben in der Küche könnte sie jetzt aufrichten.
***
Kolb? Sie rief am nächsten Tag an. Sag mal, Fitness gibts bei euch? Wegen meiner Kilos, ich meine es ernst
Soll ich dir einen Stuhl in XL besorgen? Sag ich doch, dein Kopf zählt, nicht die Kilos
Die Kilos brauch ich auch nicht. Aber
Du nörgelst wie Oma Grete! Meld dich an! Hier gibts viel zu tun, die Kilos gehen von allein!
Hach. Mein Körper ist geizig. Was ich mir angefuttert hab bleibt.
Hast du die Stelle gelesen? Und die Abteilung ist keine normale Glaub mir, viele wollen den Job, Traumjob! Wo ist dein Ehrgeiz?
Mein einziger Traum: abnehmen.
Hier kriegst dus gratis dazu. Versprochen ich schleppe dich durch!
Und was bleibt mir noch ohne Traum?
Trotz aller Angst beschloss Olga, es zu wagen: Berlin. Erst mal Urlaub einreichen, Rückzugsrecht sichern. Nicht mal dem Sohn die Wohnung angeboten, aber den Ludwig, den musste sie unterbringen.
Piet, wie läufts bei euch?
Läuft, Mama. Gucken grad Tatort Hawaii.
Ihr lebt ja echt abenteuerlich.
Ey Mama, bitte nicht nerven. Was gibts? Schulden eintreiben?
Wär nicht schlecht, aber Übernimm bitte Ludwig solange. Muss nach Berlin.
Wie lang überhaupt?
Weiß ich noch nicht.
Opa und Oma wissen Bescheid? Wir waren am Wochenende da, alles fit.
Ihr wart da? Wahnsinn Ist Oma vor Schreck umgefallen?
Mama!
Schon gut. Also: holst den Papagei samt Futter ab und passt bloß auf den auf! Er versteht mich wenigstens.
Motzt er immer noch so?
Manchmal, ja
Simone wird was erleben.
Soll sie ruhig
Simone war Olga gruselig. Auch selbst kein Engel, aber die Freundin Unfassbar: Schlangen-Tattoo läuft vom Hals bis runter, auch auf Armen, Beinen und wohl überall. Sprach wie ein liebelndes Kind, arbeitet als Friseurin das klingt jetzt: Hairstylistin und raucht.
Als hätte sie Angst vor einem Schimpfwort!
Das bei Piet ohnehin: Er kam nach der Bundeswehr, hat erklärt, er studiert nicht, sondern wird Unternehmer, mit Simone und deren Laptop. Was der arbeitet? Weiß nur das WLAN.
Riesenzoff, alle Hoffnungen zerstört. Am Ende zog Piet aus Olga rief irgendwann trotzdem an. Versöhnt, aber Wohnung blieb tabu: Sollen die Kids mal selbst zurechtkommen. Piet schaute jede Woche vorbei, aß, Olga drillte Geld rein, als Kredit. Dann war eine Woche Funkstille.
Ludwig wurde von Piet abgeholt. Der Papagei schwieg, plusterte sich, als wäre er mehr enttäuscht von ihrem Weggang als von Piet.
Verabschiedet wurde sie von Hauptmeister Andreas Kolberg, rechte Hand und Kofferträger. Der berichtete noch von den nächtlichen Vorkommnissen in der Müllerstraße.
Halte durch, Andy. Auf dich läuft der Laden! Und ich Berlin ruft.
***
Sie traf frühmorgens in Berlin ein. Kolb wollte ursprünglich wen schicken, rief aber selbst an sagt, er kommt persönlich.
Olga stand also mit Koffer und Tasche am Bahnsteig, Kolb suchte nach Wagennummern, in Freizeitkluft, chic und drahtig mit geöffnetem Sakko. Rennt an ihr vorbei, bleibt stehen, scannt sie erkennt sie nicht.
Olga hatte sich Mühe gegeben: Vor Verlassen des Zuges noch geschminkt, neuen anthrazitfarbenen Trainingsanzug plus Cardigan rausgesucht. Nur die Frisur nicht zu retten; Glätteisen im Zug? No way. Die kurzen Haare sahen zerrupft aus. Als der Kollege sie musterte und nicht erkannte: Peinlich.
Hey, mach die Berliner Augen auf!
Kolb setzt zur Gesichtskontrolle an, hebt die Brauen.
Oh! Na hallo Olli Hab dich echt nicht erkannt.
Einen guten Menschen erkennt man an den Augen, sag ich doch. Liegt daran, dass ich jetzt schwerer bin. Tja, zahlst du mir das Rückfahrticket?
Ticket? Ach komm, Neugebauer! Er fiel ihr um den Hals, drückte sie. Sie reichte ihm bis zur Schulter. Meine Güte, du hast zugelegt!
Ekel!
Ich weiß. Aber Ekel sagen immer die Wahrheit. Sorry! Kramt ihr Gepäck, winkt voran.
Ekel bleibt Ekel, selbst wenn er sich entschuldigt, murmelt Olga.
Sie fühlte sich unwohl. Gut, dass sie den Wechsel nicht sofort gemacht hatte. Quasi Gastspiel, dann ab zurück aufs heilige Sofa in die provinziell-kuschelige Stube.
Such das Gute an deinen Kilos.
Was wär da?
Du übernachtest bei uns. Keine Sorge, meine Frau ist nicht eifersüchtig.
Ach toll
Sind 100 Kilo wirklich so viel? Früher war ich halb so schwer, aber es sind Jahre vergangen.
Sie hinkte hinterher, Kolb hetzte mit Gepäck voraus, dann wartete er. Parkplatz war weit.
Meine Frau plant schon ein kulturelles Mammutprogramm mit dir. Wunschziel?
Zoo, bitte, japste Olga, völlig außer Atem zwischen den ganzen Berlinern.
Genau das hab ich gesagt. Sie nervt schon, dabei bist du zum Arbeiten hergekommen
Sie war jetzt sehr skeptisch mit Berlin.
Auto: Volvo, schlicht, mattstahlblau, weit weg geparkt.
Deiner, oder?
Jo
Weich geworden?
Gespart
Klar, Kolb.
Das Haus war von Schwiegermutter, verkauft, jetzt zwei Autos, Wohnung, und bitte keine Sabotage mit den Augen.
Haus? Bestimmt kein Gartenhäuschen
Außenbezirk, zieht er trocken vom Leder.
Dann zur Sache:
Lohn ist höher als bei euch. Die Besoldungsstufe besser. Es gibt noch Sonderzulagen.
Wie das?
Siehst du vor Ort. Aber, er schaut vielsagend auf ihren Bauch und dann
Wohnung?
Oh Mann, stimmt. Dienstwohnung gibts nur nach Anmeldung. Aber ist schon frei, fast direkt bei uns. Nur ein Herr Fricke wohnt noch da. Zieht aber weg. Baustelle fast frei eben. Guter Typ.
Hä? Muss ich mit dem wohnen?
Nee! Seine Sachen stehen nur noch da rum, vielleicht kommt er mal vorbei. Schlaf ruhig, Olli! Niemand will dein Gewicht klauen.
Tja, schade, hatte auf Komplimente gehofft
Kolb grinst.
Der Empfang war, sagen wir, kühlherzig gleich aufs Gewicht. Aber: Er gibt sich Mühe, spinnt ein kulturelles Netz, lädt sie zu sich, Wohnung organisiert Wahrscheinlich hat er sich sogar echt reingehängt und ihre Kandidatur durchgeboxt. Und dann sieht er sie am Bahnsteig und ist geschockt als ob ihm sein Chef auf die Finger schaut.
Na, Kolb. Ich hab noch nichts entschieden. Lass mir Zeit. So wertvoll bin ich auch nicht. Und ich muss mich erstmal umsehen vielleicht ist Berlin doch nix für mich.
Er beäugt sie schräg.
Jetzt ziehst du zurück, wa? Komm, lass krachen, Neugebauer, es warten große Fälle! Offenbar war das doch immer dein Motto: Glück ist mit den Mutigen. Warst du nicht die Tapferste von allen selbst vor Griebing hattest du keine Angst.
Olga lächelt. Ja, in der Uni war sie keck und mutig. Fallakten knackte sie, half Kolb bei seinen. Praktikum hatten sie zusammen, damals lernte Kolb Olgas Talent zu schätzen nicht auf Beziehungsebene, sondern Ermittlungsgenie und Intuition. Seitdem waren sie eng.
Die Fahrt zur Plattenbausiedlung zog sich Kolb hetzte schon weiter, kündigte an, sie bei seiner Frau abzuliefern und sich zu verkrümeln.
So kam es. Frau Liesel schicke Blondine, Shorts Größe 36, wirbelte durch die helle riesige Wohnung: warmer Dielenboden, helle Möbel, exotische Pflanzen, drei Zimmer, Riesen-Küche mit stylischen Geräten.
Ach, Goshka hat sich so auf Sie gefreut, ständig davon erzählt! Sogar Mittermeier die Ohren vollgequatscht, Sie nach Berlin zu lotsen.
Und Mittermeier wäre ?
Der Chef von der Abteilung.
Ach so. Na, dann sehen wir.
Sie bekam ein Zimmer, duschte. Liesel ist nett, locker, sogar aufrichtig trotz Glamour-Aura. Kinder zwei Mädchen tanzen grad im Ferienlager.
Da hat Kolb Glück mit der Frau, nuschelte Olga nach dem Kaffee. Sie würde gern pennen, aber einfach schlafen war unhöflich.
Die Wohnung ist klasse!
Noch ist sie nicht abgezahlt. Kredit läuft bis nächstes Jahr. Haben ewig in meiner kleinen Butze gewohnt. Berlin teuer!
Sag ich auch. Bin unsicher.
Sollen wir duzen?
Gerne, Olga winkte ab.
Mach es einfach. Mir ists egal, aber Goshka wär happy. Ein Kollege lauert schon auf den Job, den Goshka nicht ausstehen kann. Schleimt sich überall ein. Null Ahnung, Hauptsache Connections.
Ja, die gibts bei uns auch
Über dich spricht er ständig. Wenn alle wie Neugebauer wären !
Giesinger.
Eben. Er sagt, die Hälfte der Polizisten ist heute von Beziehungen reingerutscht Kameraden ohne Spürsinn. Aber die haben halt Top-Fälle.
Liesel, wo arbeitest du eigentlich?
Ich? Hat Goshka nie erzählt? Wundert mich nicht, für ihn ist das kein Job so ein Zeitvertreib. Ich bin Coach im Fitnessstudio, Ernährungsexpertin
Ooo, danke, nein, lass mal. Diätratsch brauch ich grad nicht.
Schade Wäre ein super Start. Einmal Diagnostik, dann chillen wir.
Liesel, ich will schlafen!
Sie hatte noch keinen Plan. Powernap, dann quatschten sie und Kolb abends beim Wein drei Stunden durch. Er führte sie ein, betonte wie wichtig sie ihm und für den Fall war, und wie viel sie zusammen reißen könnten. Aber rosa Wolken wollte er ihr nicht malen. Das System nervte ihn, von Paradise kein Wort. Nur: Sie brauchte Mut. Und er hoffte.
Was hättest du denn gemacht bei dir in Möhringen? Bis zur Rente durchgewurschtelt, Metabolisches Syndrom geerbt. Hier warten neue Perspektiven. Ich glaube, hier kann Berlin dich echt verändern. Mach nochmal von vorne, Neugebauer!
Und Olga Nazarenovna Giesinger war diesem Klotz nicht mehr böse.
Die Fälle des Sonderdezernats gingen ihr arg nahe sie befassten sich mit mehrfachen Kindesentführungen in Berlin und Umgebung. Vielleicht hing das alles nicht zusammen, aber die Häufung zwang die Leitung zur Gründung einer Spezialtruppe.
Tja. Vielleicht heißt es doch: Neues Spiel, neues Glück.Am nächsten Morgen weckte sie ein ungewohntes Gefühl. Berlin dämmerte durch das Fenster, Autos sirrten und die Tram bimmelte irgendwo. Sie saß aufrecht im Gästezimmer von Kolb, hörte Stimmen in der Küche: Liesel und Goshka lachten, als hätten sie sie längst auf Mission.
Olga tappte vorsichtig hinaus, die alte Müdigkeit im Nacken, doch in der Brust flatterte Neugier. Sie roch frisches Brot, Kaffee diese winzigen Momente des Willkommenseins.
Guten Morgen, Kommissarin! Kolb griente.
Morgen, Teamchef, murmelte Olga, beinahe schüchtern.
Stell dir vor: Heute schon eine Besprechung. Uns fehlt nur noch eine Stimme für die operative Leitung. Machst du mit?
Sie blickte aus dem Fenster, wo die Stadt unruhig aufwachte. Berlin wirkte fremd, vibrierend und riesig, aber vielleicht auch nach jenen Chancen, die sie noch nicht erwarten konnte.
Ihr Blick traf das eigene Spiegelbild in der Scheibe fülliger vielleicht, aber nicht besiegt. Sie dachte an Ludwig, der vermutlich gerade bei Piet den Haushalt tyrannisierte, an ihr altes Revier, in dem der Alltag jetzt ohne sie weiterfloss, an all das, was sie zurückgelassen hatte, und an das, was wohl kommen sollte.
Sie drehte sich zu Kolb und Liesel, und zum ersten Mal seit Jahren hörte sie sich mit vollem Ernst und leiser Freude sagen:
Ich bin dabei.
Kolb lachte laut auf, Liesel klatschte in die Hände und draußen ließ sich Berlin in all seinem Gekröse und seiner Verheißung herab wie ein Versprechen.
Und in diesem Augenblick wusste Olga: Das Glück liegt vielleicht nicht darin, leichter zu werden sondern darin, sich selbst wieder zuzutrauen, schwerer zu wiegen.





