Zweimal im selben Fluss Eine philosophische Geschichte über Irrtümer, Vergebung und eine zweite Chance
Ein eisiger Februarabend legte sich über München, als Katharina endlich den Eingang ihres Altbaus erreichte. Ihre Finger waren vom Frost steif, nur mühsam hielt sie die schweren Tüten aus dem Supermarkt fest. Der Fahrstuhl war wie so oft außer Betrieb inzwischen schon seit fast einem Monat und so schleppte sie die Einkäufe, dazu noch ihren fünfjährigen Sohn, den kleinen Moritz, der quengelte und ständig auf den Arm wollte, die enge Treppe hinauf.
Mama, mir ist so kalt, jammerte Moritz und wickelte sich tiefer in seinen Schal. Und ich hab Hunger. Warum dauert das immer alles so lange?
Ein bisschen Geduld noch, mein Schatz, antwortete Katharina, während sie versuchte, den Schlüssel ins Schloss zu bekommen; die steifgefrorenen Hände wollten kaum gehorchen. Gleich sind wir drin und es wird warm, und ich mache dir sofort was zu essen. Siehst du? Die Tür geht schon auf.
Sie ließ den Jungen an ihr vorbei und stemmte mit letzter Kraft die Tüten über die Schwelle in den Flur. Die Wohnung umhüllte sie mit trockener Heizungsluft, doch in Katharinas Herz blieb es frostig. Sie streifte den Mantel ab, hängte ihn an den Haken und hockte sich erschöpft vor Moritz.
Moritz, geh in dein Zimmer, spiel noch ein bisschen ich mache gleich das Essen, ja?
Moritz nickte, zog hastig die Schuhe aus und rannte los. Katharina richtete sich mühsam auf und rief in den Flur hinein:
Thomas, wir sind da! Kannst du mir bitte helfen? Meine Arme sind fast abgerissen schau mal, wie viel ich geschleppt habe.
Stille. Nur dumpf drang die Stimme ihres Mannes aus dem Wohnzimmer laut, gereizt schimpfte er ins Headset:
Was machst du denn, du Trottel? Bleib hinter mir, hab ich gesagt! Hast du gesehen, wie mich der weggeballert hat? Der bescheißt doch, hundertprozentig!
Katharina seufzte, schlüpfte aus den Stiefeln und steuerte mit langsamen Schritten Richtung Wohnzimmer. Dort fand sie Thomas sitzend, die Kopfhörer fest aufs Ohr gedrückt, starrte er in den Monitor, als ginge es um sein Leben. Seine Finger rasten über die Tastatur, die Augen waren gerötet vom langen Bildschirmlicht.
Thomas, rief sie leise. Ich rede mit dir.
Er reagierte nicht. Da trat sie näher und berührte vorsichtig seine Schulter. Er fuhr zusammen, drehte sich ruckartig um und riss sich die Kopfhörer ab.
Bist du verrückt? Ich war gerade beim Endgegner, jetzt hast du alles ruiniert!
Wir sind wieder da, sagte Katharina so ruhig wie sie konnte, die Enttäuschung im Keim erstickend. Ich komme frisch von der Arbeit, Moritz ist durchgefroren und hungrig, ich habe für alles eingekauft. Vielleicht magst du mir kurz mal helfen?
Lass mich in Ruhe, ich bin gleich fertig!, knurrte Thomas und griff nach dem Headset. Stör jetzt nicht.
Katharina verharrte noch einen Moment vielleicht besann er sich ja? Aber Thomas verschwand erneut im digitalen Kosmos. Sie atmete tief durch und schleppte sich in die Küche.
Dort traf sie der nächste Schlag. Geschirr stapelte sich Kaffeetassen mit eingetrocknetem Rand, Teller mit Essensresten, ein Topf, aus dem die Nudelreste schon klebten. Auf der Herdplatte stand eine Pfanne, deren Öl längst eingebrannt war. Der Tisch voller Krümel und auf der Tischdecke ein großer, öliger Fleck. Am Boden ein altes Kaffeefleck.
Katharina schloss die Augen, zwang sich, die Tränen zu unterdrücken. Nicht weinen, befahl sie sich selbst. Nicht jetzt. Doch die Tränen kamen trotzdem. Schnell wischte sie sie mit dem Ärmel fort, begann das Geschirr zu spülen Hände beschäftigt halten, um irgendwie ruhig zu bleiben.
Nach einer halben Stunde war das Schlimmste geschafft: Sie hatte aufgeräumt, ein paar Maultaschen gekocht und den Tisch gedeckt. Sie rief nach Moritz:
Moritz, Essen ist fertig, mein Schatz.
Der kleine Junge stromerte herbei, setzte sich an den Tisch. Stumm blickte er auf seinen Teller, schob das erste Maultäschchen hin und her.
Kommt Papa auch essen?, fragte er mit großen, ernsten Augen. Er wollte heute doch noch ein Feuerwehrauto malen. Und mit mir spielen.
Papa ist beschäftigt, sagte Katharina, bemüht um eine neutrale Stimme. Du iss jetzt bitte. Und dann gehst du wieder spielen. Ich muss mit Papa reden.
Worüber?, bohrte Moritz und stach mit dem Löffel ins Maultäschchen.
Über Erwachsenensachen, antwortete Katharina ausweichend. Nun iss.
Sie wartete, bis Moritz ein paar Bissen heruntergeschluckt hatte und ging zu Thomas. Diesmal machte sie keine halben Sachen: Sie trat an den Computer, drückte den Power-Knopf.
Bist du verrückt?, brüllte Thomas, sprang auf. Ich war mitten im Raid, alles für die Katz! Hast du überhaupt eine Ahnung, was du gerade angerichtet hast?
Ich weiß es, sagte Katharina ruhig, aber bestimmt. Ich habe unsere Ehe gerettet. Oder das, was davon übrig ist. Komm essen wir reden jetzt.
Ich hab keine Zeit, grummelte Thomas, doch als sie sich demonstrativ zwischen ihn und den Bildschirm stellte, blieb er zögernd stehen und folgte schließlich.
Katharina brachte Moritz ins Bett, las ihm eine Gutenachtgeschichte vor und kehrte dann zurück in die Küche. Thomas saß missmutig am Tisch und stochert mit der Gabel auf seinem Teller herum, als wären die Maultaschen seine Todfeinde.
Thomas, sagte sie und setzte sich ihm gegenüber, ich will dir eine ehrliche Frage stellen.
Na, was denn?, murrte er.
Weißt du noch, wann du das letzte Mal den Abwasch gemacht hast? Oder das Abendessen gekocht? Oder wenigstens mal mit Moritz gespielt?
Thomas hob den Kopf; in seinen Augen ein blitzender Zorn.
Gehts wieder los? Was hast du schon wieder? Ich such doch Arbeit, oder? Lauf von einem Bewerbungsgespräch zum nächsten! Und du meckerst dauernd, als ob ich freiwillig daheim hocken würde!
Du suchst Arbeit?, fragte Katharina nach. Wann denn? Gestern saßt du am Computer, vorgestern genauso. Heute auch. Wann waren nochmal deine Vorstellungsgespräche, Thomas?
Kannst du ja nicht sehen, ich war letzte Woche bei zwei Gesprächen. Aber die zahlen doch nicht mal Mindestlohn! Glaubst du, ich geh fürn Appel undn Ei arbeiten? Ich hab studiert, hallo? Für wie blöd hältst du mich denn?
Ich halte dich für meinen Ehemann, antwortete Katharina leise. Für den Vater unseres Sohnes. Aber du arbeitest seit einem Jahr nicht mehr, Thomas. Ein ganzes Jahr. Und in diesem Jahr habe ich dich weder sauber machen noch einkaufen gesehen. Ich schlepp zwei Jobs, komme heim und hier herrscht Chaos, du gamest vor dich hin und Moritz hängt am Tablet. Du sprichst kaum noch mit ihm.
Er spielt ja auch eh den ganzen Tag mit seinem Kram!, rief Thomas empört.
Weil du dich gar nicht für ihn interessierst, entgegnete sie. Du wolltest ihm heute ein Feuerwehrauto malen weißt du noch? Wann hast du das letzte Mal für ihn gemalt? In der Schule bei Kunst?
Also bin ich jetzt ein schlechter Vater? Das willst du damit sagen? Und du? Du schuftest dich ab, aber das Geld reicht trotzdem nicht. Vielleicht suchst du dir lieber nen dritten Job?
Thomas, ihre Stimme zitterte, doch sie riss sich zusammen, ich erkenne dich nicht mehr. Erinnerst du dich an früher? Du hast mir Blumen mitgebracht, gekocht, wir sind zusammen spaziert, ins Kino gegangen. Jetzt… jetzt lebst du nur noch im Computer. Gar nichts interessiert dich mehr.
Das liegt daran, dass ich meinen Job verloren hab!, knurrte Thomas, wandte sich ab. Du hast ja keine Ahnung, wie das ist, als Mann ohne Arbeit dazustehen. Da fühlt man sich wie der letzte Idiot. Und dann machst du mir auch noch Vorwürfe.
Du bist nicht gefeuert worden, Thomas. Du bist gegangen. Weil dich dein Chef nicht befördert hat.
Weil der Neffe vom Chef den Posten bekommen hat, obwohl ich der Beste war! Ich konnte das nicht ertragen. Ich habe gedacht: Wenn ich gehe, merkt ers schon und holt mich zurück zu besseren Konditionen. Aber der hat mich einfach ersetzt…
Und anstatt dir eine neue Stelle zu suchen, hängst du nur noch vor diesen Spielen. Erst eine Stunde, dann zwei, dann zehn. Jetzt bist du süchtig, Thomas. Kapierst du das?
Unsinn, ich relaxe nur. Sobald ich nen Job hab, hör ich auf.
Und wann willst du wieder Arbeit finden? Katharina lachte kurz auf bitter. Du hast eine Stelle in der Werkstatt abgelehnt. Sie haben dir mehr geboten, als ich auf zwei Jobs kriege!
Ich werde nicht in so einer muffigen Bude mit lauter dreckigen Schraubern rumsitzen, dafür hab ich doch nicht studiert! Und außerdem: Anstatt mich dauernd zu kritisieren, solltest du mich lieber unterstützen!
Ich kann nicht mehr, Thomas. Ich habe zu lange alles geschluckt. Das hier… das geht so nicht weiter.
Katharina stand auf, ging ins Wohnzimmer und ließ sich erschöpft auf das Sofa fallen. Schon wieder liefen die Tränen.
In dieser Nacht konnte sie lange nicht schlafen. Sie lauschte, wie Thomas wieder ins Headset brüllte, hörte das schnelle Tippen auf der Tastatur an der Wohnzimmerwand und starrte an die Decke. Vor einem Jahr waren wir noch glücklich, dachte sie. Jetzt jetzt ist alles anders.
Am nächsten Morgen stand sie früh auf, brachte Moritz in den Kindergarten und eilte zur Arbeit. Ihre Kollegen ließen sie in Ruhe ihre Stimmung war zu offensichtlich.
In der Mittagspause gesellte sich ihre Kollegin und beste Freundin Susanne mit zwei Teebechern zu ihr.
Katharina, was ist mit dir?, fragte Susanne und musterte sie. Schon wieder Ärger mit Thomas?
Katharina nickte nur. Er hat wieder den ganzen Tag gezockt hat Moritz kaum beachtet, hier siehts aus wie nach nem Orkan Ich kann nicht mehr, Susanne. Ich bin so müde.
Sag mal, warum lässt du dich eigentlich noch darauf ein?, gab Susanne zurück. Lass ihn. Glaubst du, Moritz ist glücklich mit so einem Vater, der ihn ignoriert? Vielleicht ist es für euch beide besser ohne ihn.
Ich kann ihn nicht so einfach verlassen, schüttelte Katharina den Kopf. Ich liebe ihn noch oder eher ich liebe den, der er früher war. Und ich hoffe, dass er sich wieder ändert.
Das tun die nie, sagte Susanne leise. Nicht, solange du alles für ihn machst und er es bequem hat.
Katharina senkte den Blick. Vielleicht hast du recht… aber ich hoffe trotzdem.
Die Tage vergingen, Katharina lief nach Feierabend durch die kalte Stadt. Sie wollte sich den Kopf frei machen. Es war noch zu früh, um Moritz im Kindergarten abzuholen sie schlenderte langsam durch die Straßen. Ihre Gedanken wirbelten wie Schneeflocken.
Am Bürgersteig angekommen, bemerkte sie, dass das Pflaster spiegelglatt war tagsüber hatte die Sonne geschienen, abends kam Frost. Katharina wars gewohnt, vorsichtig zu sein, aber als sie gerade einen Schritt auf den Zebrastreifen machen wollte, schoss aus dem nichts ein schwarzer BMW heran.
Sie wich zurück, rutschte, fiel der Länge nach hin ein dumpfer Aufprall auf den Asphalt, das Auto quietschte, der Geruch von heißem Gummi brannte in der Luft. Im blendenden Scheinwerferlicht lag sie, vielleicht nur Zentimeter vom Kühler entfernt.
Die Autotür flog auf. Ein grauhaariger, nobel gekleideter Herr sprang zu ihr.
Himmel! Sind Sie in Ordnung? Nicht, dass ich Sie angefahren hab! Ich hab einen Dashcam alles aufgezeichnet! Sie sind gefallen, ich hab gebremst! Ich habe nichts falsch gemacht, ja?
Katharina raffte sich langsam auf, stützte sich auf seinen ausgestreckten Arm. Ihr Handgelenk pochte vor Schmerz. Keine Sorge Sie sind nicht schuld. Ich hab nicht aufgepasst, bin auf dem Eis ausgerutscht. Danke, dass Sie so schnell gebremst haben.
Alles klar bei Ihnen? Sie sind blass. Kopf angeschlagen? Was tut weh?
Geht schon, murmelte Katharina, doch als in diesem Moment ein stechender Schmerz durch die Hand schoss, keuchte sie auf. Nur das Handgelenk. Wahrscheinlich geprellt ich gehe nach Hause.
Nein, so lasse ich Sie nicht gehen! Kommen Sie, steigen Sie ein Sie müssen ins Krankenhaus. Was, wenn da was gebrochen ist? Bitte, verzichten Sie auf Diskussionen. Ich kann Sie in so einem Zustand nicht allein lassen.
Er half ihr ins warme Auto. Katharina gab ihm die Adresse der nächsten Notaufnahme. Während der Fahrt fragte er sie immer wieder, ob ihr schwindelig sei, ob sie Schmerzen habe. Sie antwortete kurz angebunden der Kopf voll anderer Probleme.
Er begleitete sie bis ins Wartezimmer, meldete sie an, wartete, bis der Arzt sie dran nahm. Die junge Ärztin untersuchte das Handgelenk, röntgte es und bandagierte es schließlich.
Kein Bruch, nur eine starke Prellung. Machen Sie ein paar Tage langsam, kühlen Sie regelmäßig. Die Hand müssen Sie schonen.
Als Katharina wieder heraustrat, war der Mann sofort an ihrer Seite.
Na, was hat die Ärztin gesagt?
Nur geprellt Vielen Dank für Ihre Fürsorge. Sie können nicht ahnen, wie gut mir ein Mensch wie Sie gerade tut.
Übrigens, ich heiße Friedrich Schneider, stellte er sich vor.
Katharina Gruber, antwortete sie. Sie war sich unsicher, was jetzt geschehen sollte.
Wissen Sie was, Katharina? Ich bringe Sie nach Hause draußen ist es eisig, das wäre verantwortungslos Sie allein zu lassen.
Das müssen Sie wirklich nicht tun, protestierte sie. Sie haben durch mich schon so viel Zeit verloren.
Kein Widerspruch! Ich fahre Sie, bestimmte er mit freundlichem Nachdruck.
Als sie an den Bordstein seines Hauses hielten, fragte er: Haben Sie Hunger? Ich habe heute noch nichts gegessen, vielleicht gönnen wir uns ein Abendessen? Ich wüsste ein schönes Lokal. Nach so einer Rettung ist das ja fast Pflicht.
Das ist nett, aber ich muss bald Moritz aus dem Kindergarten abholen, entgegnete sie.
Wir schaffen das, keine Sorge. Erzählen Sie mir unterwegs ein bisschen von sich ich habe das Gefühl, Ihnen liegt was auf der Seele.
Katharina wollte ablehnen, aber irgendetwas an seiner ruhigen, humorvollen Art überzeugte sie. Sie stimmte zu, und ehe sie sich versah, saßen sie in einem gemütlichen Restaurant, das Friedrich ausgesucht hatte. Die Tische waren festlich gedeckt, sanfte Musik spielte. Sie fühlte sich deplatziert mit ihrer einfachen Kleidung und der bandagierten Hand.
Sie sehen großartig aus, versicherte Friedrich. Und Sie sind meine Ehrengästin, also lassen Sie sich nicht beirren.
Er bestellte für beide als sie die Preise und fremden Namen in der Speisekarte sah, war sie froh darum.
Während des Dinners tauchten sie ins Gespräch. Friedrich erzählte von seinen Reisen, von skurrilen Begegnungen aus seinem Leben, und seine charmante und feinsinnige Art ließ selbst Katharina, die eigentlich nur den Kopf voller Sorgen hatte, auflachen.
Darf ich Sie etwas Persönliches fragen? fragte er irgendwann. Sind Sie verheiratet?
Die Fröhlichkeit wich aus ihrem Gesicht. Ja, sagte sie leise, aber mittlerweile ist das nur noch eine Formalität.
Was ist passiert? Wenn Sie nicht wollen, müssen Sie natürlich nichts erzählen, bot er großzügig an.
Doch, vielleicht ist es sogar gut, mal mit jemandem zu reden. Und so erzählte sie von Thomas: Vom gekränkten Stolz nach der verpassten Beförderung, vom Absturz in die Arbeitslosigkeit, von seiner Unfähigkeit oder seinem Unwillen, etwas an der Situation zu ändern. Vom Chaos zuhause, von Moritz, der seinen Vater kaum noch als solchen wahrnahm.
Lieben Sie ihn noch? fragte Friedrich ruhig.
Ich weiß es nicht, gab sie zu. Vielleicht liebe ich mehr das Bild, das ich von ihm hatte. Oder ich habe nur Angst, allein zu sein.
Warum gehen Sie nicht? fragte er sanft.
Katharina schwieg einen Moment. Es gibt keinen Plan B, gestand sie. Kein Geld, keine Wohnung, meine Mutter wohnt in einer winzigen Einzimmerwohnung bei Rosenheim, ich will ihr nicht zur Last fallen…
Was, wenn Sie eine sichere Arbeit und ein Zimmer hätten? fragte Friedrich. Würden Sie einen Schlussstrich ziehen?
Für Moritz ja. Er soll nicht in so einem Klima groß werden.
Friedrich schwieg nachdenklich. Dann schob er ihr eine Visitenkarte zu. Ich habe eine Autowerkstatt-Kette dort suchen wir eine fachkundige Verwaltungskraft. Und ein Freund von mir führt eine kleine Konditorei mit angeschlossenem Personalwohnheim. Ich kann Sie dort vorstellen Sie müssten nur ja sagen.
Völlig perplex starrte Katharina die Karte an. Warum tun Sie das? Sie kennen mich doch gar nicht.
Weil ich kann, sagte er. Und weil ich es früher selbst schwer hatte ohne Hilfe. Diesmal will ich, dass jemand die Chance bekommt.
Katharina nahm die Karte zögernd entgegen. Ich werde darüber nachdenken. Danke.
Nachdem sie Moritz abgeholt hatte und Friedrich sie zu Hause abgesetzt hatte, ging sie langsam die Stufen ihres Altbaus empor, Moritz an der Hand, die Angst und Hoffnung in ihrem Herzen kämpften gegeneinander.
Drinnen waren die üblichen Töne aus dem Wohnzimmer zu hören: Tastengeräusche, Schimpftiraden. Thomas bemerkte die bandagierte Hand kaum.
Was hast du denn da?, fragte er desinteressiert.
Bin ausgerutscht, Hand geprellt, antwortete sie knapp.
Ach was, wird schon, winkte er ab. Mach das Abendessen fertig, ich hab gleich wieder Raid.
Katharina warf die Maultaschen ins Wasser, Thomas ließ sich später das Essen stillschweigend servieren und verschwand wieder am Rechner. Sie räumte ab, spülte, und weinte lautlos.
Zur späten Stunde erhielt sie eine SMS von Friedrich: Ich hoffe, Sie nutzen Ihre Chance. Treffen wir uns morgen am Vormittag?
Am nächsten Morgen brachte sie Moritz in den Kindergarten, fuhr zu Friedrichs Büro. Sie fühlte sich wie in einer anderen Welt alles war hell, freundlich, großzügig gestaltet.
Katharina, ich freue mich, dass Sie da sind!, begrüßte Friedrich sie. Er erklärte, sein Bekannter Klaus stelle in der Konditorei dringend eine Buchhalterin ein, die Bezahlung sei ordentlich, ein Zimmer könne sie sofort bekommen. Er schob ihr einen kleinen Zettel mit Adresse und Kontaktdaten zu.
Sie wollte vor Dankbarkeit kaum sprechen. Ich weiß nicht, wie ich das je vergelten soll!
Friedrich lächelte. Dann machen Sie was aus Ihrem Leben das ist genug.
Sie fuhr zu Klaus’ Konditorei am Stadtrand. Dort begrüßte sie eine junge Kollegin namens Anna.
Sind Sie wegen der Stelle da? Willkommen!, strahlte Anna. Klaus sucht dringend Verstärkung, Sie können sofort anfangen. Gehalt und Zimmer sind verfügbar.
Der Betrag, den Anna nannte, war mehr, als Katharina auf beiden alten Jobs verdient hatte. Sie nahm an. Nach kurzem Formular-Ausfüllen schickte Anna sie zum Vorstellungsgespräch ins Büro des Chefs.
Sie klopfte, öffnete die Tür und das Herz rutschte ihr in die Kniekehlen. Am Fenster stand, den Rücken zu ihr, ein Mann; als er sich umdrehte, erkannte sie ihn sofort. Jens.
Sag mal… bist du das wirklich, Katharina?
Sie war wie erstarrt. Jens war ihre erste Liebe, der Mann, der so tiefe Spuren hinterlassen hatte, dass sie sie nie ganz vergessen hatte.
Du hast dich kaum verändert, sagte er leise.
Du schon, entgegnete sie. Wir sind älter geworden.
Jens lächelte traurig. Es wäre gelogen, wenn ich behauptete, dass ich dich in all den Jahren vergessen hätte.
Sie wich zum Türknauf. Ich nehme den Job aber Privatkram lassen wir außen vor. Absprachen nur über die Verwaltung.
Damit war sie schon wieder draußen.
—
Ein halbes Jahr später hatte sich Katharina ein eigenes Leben aufgebaut. Sie bewohnte ein kleines Zimmer im Betriebswohnheim, Moritz war bei ihr. Von Thomas hatte sie sich getrennt, es gab keinen Streit kaum, dass er ihre Entscheidung begriff, holte er seine Mutter zu sich, und spielte weiter Spiele. Die Scheidung verlief friedlich.
Katharina blühte auf. Sie hatte Spaß an der Arbeit, wurde von Kollegen geschätzt. Jens hielt seine Versprechen, ließ ihr ihren Freiraum, aber manchmal, wenn sie spät noch im Büro war, brannte auch bei ihm das Licht.
Als sie eines Abends Moritz aus dem Kindergarten abholte, wartete Jens draußen mit dem Wagen. Diesmal ließ sie Moritz entscheiden.
Mama, das ist der nette Mann. Können wir mit ihm reden?
Sie nickte. Im Auto erklärte Jens ihr seine Gefühle, wusste um ihre Prüfungen und sagte: Ich möchte dir und Moritz ein Zuhause geben. Du musst nichts überstürzen aber wüsste gern, ob wir es nochmal probieren dürfen?
Sie erwiderte vorsichtig: Ich weiß nicht, was die Zukunft bringt. Aber wir können es versuchen, langsam, Schritt für Schritt.
Genau das wünsche ich mir, sagte Jens und lächelte.
—
Ein Jahr später hatte sich das Leben völlig gewandelt. Katharina und Jens waren verheiratet, Moritz und Jens’ Adoptivsohn Paul verstanden sich blendend, sie alle lebten wie eine richtige Familie zusammen. Katharina wurde zur kaufmännischen Leiterin der Konditorei, und als wenig später ihre kleine Tochter Marie geboren wurde, stimmte alles.
Wer das Glück und Gelächter dieser Familie sah, konnte kaum glauben, wie schwer der Weg dorthin war.
—
Im Leben gibt es Momente, in denen man glaubt, alles sei verloren. Aber das Leben bietet einem fast immer die Chance auf einen Neuanfang wenn man nur bereit ist, sie zu ergreifen.
Katharina hatte Mut, auch wenn sie Angst hatte. Sie wagte einen Schritt ins Unbekannte und fand ihr Glück. Jens hatte Geduld und wurde für seine Liebe belohnt.
Und Thomas? Der blieb in seiner digitalen Welt. Jeder geht eben seinen eigenen Weg. Manchmal ist es der Weg nach vorn, manchmal bleibt man stehen.
Doch das Leben ist immer fair. Früher oder später bekommt jeder das, was er selbst daraus macht.
Katharina hat ihr Glück gefunden weil sie den Mut hatte, ihm entgegen zu gehen. Und das, das ist die wichtigste Wahrheit ihrer Geschichte.




