Seitdem Lotta das Liebste genommen wurde, betrat sie ihre Hundehütte nicht mehr. Sie schlief nun direkt auf der kalten Erde. Fast rührte sie ihr Futter nicht an. Sie nahm nicht einmal mehr Notiz von ihrem letzten echten Freund, Jens
Ein weiterer November hielt Einzug. Mit jedem Tag wurde es kälter, der Himmel hing bleiern über dem Hof, und die Menschen wickelten sich in ihre dicken Wollmäntel und Schals. Schon lag eine Vorahnung von Schnee in der Luft, und Lotta wusste bald wäre die Welt von Weiß bedeckt.
Wann stopft eigentlich endlich jemand meine Hütte mit warmem Stroh aus? Fell hab ich genug, aber nachts klapperts einem doch inzwischen mit den Zähnen, sinnierte die Hündin und streckte sich auf dem feuchten Untergrund.
Gelangweilt beobachtete sie die Männer, die Kisten schleppten und sie in riesige LKW mit dem Duft nach Diesel und Auspuff schichteten. Kein Mensch schenkte dem alten Wachhund auch nur einen Blick.
Na, was liegst du hier so rum? rief ein lauter Typ, der eben aus seinem Bürohäuschen kam, um zu rauchen. Das war Karl, der es schon immer auf Lotta abgesehen hatte. Man bezahlt dich, damit du das Lager bewachst, nicht um hier den dekorativen Wischmopp zu machen!
Er spuckte missmutig aus, murmelte noch irgendetwas und verschwand. Karl hatte die Hündin schon nicht gemocht, als sie noch ein tapsiges Fellknäuel war einfach so, grundlos.
Plötzlich rollte ein dunkelgrüner Golf mit knatterndem Auspuff in den Hof. Lotta war sofort auf den Beinen.
Na, alte Freundin! Jens stieg lachend aus dem Auto, seine Stoppelbartwangen rieben an der Kapuze. Zeit, dich ein bisschen aufzuwärmen.
Jens, der netteste und herzensgütigste Wachmann, brachte sogar an seinem freien Tag frisches Stroh für Lottas Hütte und eine Schale dampfende Haferflocken mit Hausmacherwurst mit. Er wartete, bis sie alles gefressen hatte, nahm den Napf zum Spülen mit und fuhr schließlich davon.
Die Hündin blieb wieder allein zurück. Eigentlich nicht schlimm die Nacht war ohnehin schnell da, im Traumschlummer ließ sich die Einsamkeit leichter ertragen.
Kaum war es richtig dunkel, schlurfte Lotta zu ihrer Hütte machte aber abrupt Halt. Zwei smaragdgrüne Glitzeraugen blitzten tief im Stroh. Ein drohendes Fauchen erklang.
Mit gewohnt müder Nachsicht starrte sie auf den ungebetenen Gast: Vor ihr hockte eine knochige, schwarze Katze mit riesigen, wild schimmernden Augen. In deren Blick lag ein klares Statement: Lass es bleiben. Du willst echt nicht, dass ich ernst mache!
Trotz dieser Drohung wurde Lotta plötzlich richtig froh. Die Hütte ist zwar klein, aber hey zu zweit passt es sicher! dachte sie optimistisch.
Sie setzte einen Schritt, prompt schoss eine kleine, messerscharfe Tatze durch die Luft.
Fssssssst! kommentierte die Katze scharf.
Na gut, dann eben draußen, dachte Lotta gelassen und rollte sich draußen am Hütteneingang zusammen.
Am Morgen erwachte sie voller Erwartung auf das Frühstück, das sie jeden Tag herbeisehnte. Vor der Hütte schlief die Katze noch selig.
So süß sie ist!, dachte Lotta.
Mürrisch trat bald Karl aus dem Wachcontainer, warf Lotta lieblos ein paar Reste hin und verschwand.
Zugegeben, ein gut erzogener Hund hätte was Besseres verdient als die Pampe, die Karl zusammensuchte. Nach einem solchen Mahl plagte Lotta oft der Bauch aber zum Klagen war da keiner.
Sie schnüffelte an den Resten, roch auf einmal etwas anderes Die Katze! Ganz unbeeindruckt mampfte sie direkt neben Lotta die Pelle von einer billigen Mettwurst, als sei das hier alles ihr gutes Recht.
Lotta freute sich, sie versorgen zu können so mager, wie sie war.
Die Katze beobachtete sie argwöhnisch, blähte sich auf, bereit zum Angriff, während Lotta genügsam an ihrem Brötchen kaute. Worüber ist sie wohl so sauer? Vielleicht will sie auch ein Stück? dachte sie und schob ihren Kanten über den Hof.
So verbrachten sie den Tag, vorsichtig und skeptisch einander beäugend: Die Katze reserviert und abwehrend, Lotta mit freundlicher Neugier.
Abends, kurz vor Schichtende, warf Karl wieder ein paar Krümel auf den Boden. Die Katze war sofort da.
Na großartig, jetzt auch noch eine schwarze Bettelhexe. Raus hier! Pfui! keifte Karl.
Die Katze verschwand und zwar direkt hinter Lotta. Die Hündin nahm all ihren Mut zusammen, stellte das Brustfell auf, und zeigte die Zähne.
Karl schnaubte verächtlich und wollte nicht weiter streiten, stieg in sein Auto und war weg. Der neue Kollege, der danach kam, schenkte den Tieren nicht einmal einen Blick.
Die Katze schickte Lotta einen vorsichtigen Blick als Dank. Lotta überlegte: Karl hat sie eine Hexe genannt Ist das jetzt ihr Name? Klingt irgendwie niedlich
Von da an hieß die Katze Hexe.
Dann kam der Frost. Hexe rollte sich wieder in Lottas Strohlager ein. Lotta wollte nicht stören, lugte aber vorsichtig hinein.
Die Katze blinzelte sie an völlig ungläubig, wie Hunde so freundlich sein können. Aber dann rückte sie ein Stück zur Seite. Beide kuschelten sich aneinander, und noch nie hatten sie so friedlich geschlafen.
Von jetzt an waren Lotta und Hexe ein unschlagbares Team. Sie teilten das Essen, schliefen eng aneinander und redeten in ihrer geheimen Tiersprache.
Als Jens die Katze erstmals neben Lotta sah, traute er seinen Augen nicht: so klein, so schwach, und keine Angst vor dem Wachhund!
Doch sehr schnell merkte er: Es war Liebe. Und gegen Liebe ist selbst der stärkste Wachhund machtlos.
Jens übernahm die Verantwortung für Hexe, fuhr mit ihr zum Tierarzt, bürstete Knoten aus dem Fell, steckte ihr heimlich Leckerli zu, und nach ein paar Wochen war sie schon viel robuster.
Nur Karl störte die Idylle weiter. Er phantasierte sich zusammen, die schwarze Katze brächte Unglück, und wollte sie am liebsten loswerden.
Einmal versuchte er sogar, Hexe zu vergiften, aber Lotta roch Verdächtiges und schob energisch alles weg sie war wachsam wie selten.
Eines Nachts lag die Kälte schwer über dem Gelände, Lotta und Hexe schliefen in der Hütte, Lotta leckte eine neue Schramme an Hexes Ohr die Katze geriet ja dauernd in Schlamassel.
Plötzlich zuckten beide Nasen: Rauch! Lotta sprang hinaus und bellte wie von der Tarantel gestochen. Das Lager brannte!
Karl rannte fluchend über den Hof, durchwühlte hektisch seine Taschen Handy verschwunden.
Hexe miaute langgezogen. Da war das vermisste Telefon, direkt zu ihren Pfoten.
Verrückte Hexe!, brüllte Karl, fegte das Tier unsanft zur Seite, schnappte das Handy und rief die Feuerwehr.
Lotta brachte Hexe, noch humpelnd, in die Büsche, weit weg vom Brand. Dort harrten beide tapfer aus.
Am nächsten Abend hörte Lotta ein Gespräch am Wachhäuschen.
Die bringt nur Unglück, ehrlich, schon mal ihre Augen gesehen? Reine Hexe!, empörte sich Karl.
Und was schlägst du vor? fragte einer kalt.
Wir bringen sie einfach in den Wald. Problem gelöst.
Lottas Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Sie schmiegte sich an die schlafende Hexe.
Du spinnst wohl! Im Wald überlebt sie keine zwei Tage! Jens stellte sich dazwischen.
Mir doch egal! Brand reicht noch nicht?!
Stimmt schon, schwarze Katzen bedeuten Pech…, murmelte einer aus der Ecke.
Keiner bringt hier irgendwen weg, jetzt hören wir mal auf mit dem Kinderkram!, murrte Jens, drehte sich um und war raus.
Der Morgen kam. Lotta wachte auf, streckte sich, schnupperte automatisiert nach Hexe aber das Plätzchen war leer.
Sie wühlte im Stroh, rannte nervös auf dem Hof umher, bellte dumpf und brüchig.
Eine schwarze Tüte wehte vorm Wachhäuschen. Lotta sprang hin nur ein Beutel im Wind.
Die Tür schlug auf.
Na, suchst du deine kleine Freundin? fragte Karl mit schmieriger Stimme. Die ist jetzt irgendwo, wo sie keinen Mist mehr baut.
Lotta schaute ihm ins Gesicht, als könnte sie dort Hoffnung finden.
Oder besser gesagt Sie wird spätestens im Wald verhungern. Wenn sie nicht schon längst futsch ist.
Lotta machte keinen Mucks. Doch selbst das Heulen es blieb im Hals stecken.
Erster Schnee fiel. Dicke Flocken deckten den unbewegten Hund zu.
Seit sie das Kostbarste verloren hatte, betrat Lotta ihre Hütte nie wieder. Sie schlief auf der kalten Erde, aß kaum und beachtete zuletzt selbst Jens nicht mehr.
Lotta, sie ist nun wirklich an einem guten Ort, glaub mir. Es geht ihr gut und sie ist geborgen. Das schwör ich dir Vertraust du mir? Jens kniete sich zu ihr nieder und kraulte sie am Ohr.
Ich will auch dorthin, wo Hexe ist. Bitte… lass mich gehen, dachte Lotta stumm.
Am Morgen zuvor hatten Fremde in ihrer Nähe geredet, von ihr, als wäre sie Inventar und kein Lebewesen. Sie meinten, die Hundedame sei zu alt, für das Lagerhaus wäre jetzt ein jüngerer Hund besser. Sie würde wohl aussortiert.
Wie das Gespräch zu Ende ging, wusste Lotta nicht mehr. Es war ja ohnehin fast alles egal, bis auf einen Wunsch.
Der Schnee fiel unablässig, kalte Klümpchen sammelten sich in Lottas Fell, auf den Pfoten, im Gesicht. Nach und nach hüllte ein weißer Mantel die Hündin zu. Langsam fielen ihr die Augen zu.
Vielleicht schaffe ich es, sie nie mehr zu öffnen Ich will einfach nicht mehr, war ihr letzter Gedanke.
Die Welt versank in Stille. Selbst ihr Körper, selbst der Wind und die Gerüche verschwanden. Da, ganz plötzlich, knackte ein vertrauter Ton durch das Dunkel:
Wach auf, meine Alte! Na los, steh auf! Du kommst mit!
Der Rest erinnerte sich nur wie ein Traum: ein warmer Autositz, Jens Hand, die Lotta half, einzusteigen, holprige Landstraße, seltsame, neue Gerüche durchs offene Fenster. Zuletzt schlief sie in Jens Wagen, während irgendwo im Radio 99 Luftballons dudelte
Irgendwann hielten sie an. Jens hob sie aus dem Auto, stützte sie und brachte sie langsam zur Haustür.
Ab jetzt wohnst du bei mir, mein Mädchen.
Lotta war alles ein bisschen egal. Aber Jens enttäuschen wollte sie auch nicht, also gab sie ihr Bestes und wedelte, so gut sie konnte. Es war ein etwas trauriger Versuch aber Jens verstand ohnehin alles.
Warte ab, gleich bist du drin und dann wird alles besser!, versprach er und öffnete die Tür.
Kaum war Lotta drinnen, schnupperte sie. Ein Geruch… ganz klar, ganz unverkennbar!
Noch bevor Lotta den Gedanken zu Ende bringen konnte, sprang ein schwarzes Kuschelfell vom Fensterbrett und rannte ihr entgegen. Es war Hexe! Sie lebte.
Siehst du! Ich habs dir doch gesagt, grinste Jens. Meinst du, ich hätte deine beste Freundin einfach so in den Wald gebracht? Pah!
Aber Hund und Katze hatten jetzt anderes zu tun die beiden mussten sich erstmal alles erzählen!
Als sie Stunden später gerädert, aber glücklich, zusammenkullerten, fragte sich Lotta: Was heißt denn Hexe eigentlich? Sie wollte gerade Hexe fragen aber dann ließ sie es. Hexe ist meine Freundin. Und das reicht.
Und aus dem Radio dudelte Ein bisschen FriedenVon diesem Moment an zogen neue Tage ins Haus ein Tage, die nach warmer Milch und gebratenen Würstchen rochen, nach gekraulten Bäuchen und weichen Kissen. Lotta und Hexe hatten endlich ein Zuhause, ein wirkliches. Ihre kleine Welt bestand nun aus alten Teppichen, abenteuerlichen Fensterbrettern und einem freundlichen Menschen, der ihre Sprache verstand, auch wenn sie kein Wort davon sagte.
Manchmal saßen sie abends zusammen im Fenster und schauten hinaus in die frostklare Nacht, während hinter ihnen leise die Heizkörper knackten. Die Schatten auf dem Nachbarhof verschwammen im Schnee, und Lotta spürte: Alle Kälte ware außen geblieben.
Hexe tappte näher, blinzelte schief und leckte ihr über die Ohren. Wollen wir heute wieder von früher erzählen? raunte sie, und Lotta brummte zustimmend.
Drinnen lachte Jens leise, als er das sah. Ihr zwei, ihr gehört wohl einfach zusammen, murmelte er zufrieden und legte noch ein Stück Holz nach.
Draußen legte sich der Schnee wie eine schwere Decke auf alles, was vorbei war. Aber in diesem Haus, im kleinsten und buntesten Winkel, begannen Hexe und Lotta gerade eben, an ein Glück zu glauben, das nie wieder verloren gehen konnte.
Und was Liebe heißen kann, das musste niemand von ihnen je in Worte fassen sie wussten es längst, tief im Herzen, jeden Tag ein bisschen mehr.





