Ein Schweigen, das ein Leben lang währt

Schweigen ein Leben lang

Mein Name ist Viktor Paul Sobolewski. Geboren wurde ich 1953, im Nachkriegs-Hamburg, genauer gesagt in einer engen Altbauwohnung im Stadtteil Altona. Mein Vater Paul Ingbert Sobolewski kam als Kriegsveteran, nach Jahren an der Front, vernarbt an Körper und Seele, mit dem Eisernen Kreuz als Erinnerungsstück zurück. Die Auszeichnung trug er nur am 8. Mai, sonst lag sie verstaubt in einer Schublade. Meine Mutter eine ruhige, blasse Frau namens Renate Petrowski arbeitete als Krankenschwester im Stadtkrankenhaus. Im Umgang mit meinem Vater hatte sie sich angewöhnt, nur mit kurzen, pragmatischen Sätzen zu sprechen, die keine Diskussion entfachten.

Ich war das zweite Kind. Mein älterer Bruder, Jens, geboren 1948, war das Ebenbild unseres Vaters still, besonnen, in sich gekehrt, bereit, jeden Sturm geduldig abzuwettern. Ich dagegen war empfindsam. Konnte bei der kleinsten Kränkung in Tränen ausbrechen und suchte oft Schutz bei meiner Mutter. Diese Seite wurde mir ausgetrieben mit aller Härte.

Bist du ein Mann oder ein Weichei? grollte mein Vater, sobald ich weinte. Männer jammern nicht. Reiß dich zusammen!

Also riss ich mich zusammen. Lernte, nicht zu weinen. Lernte, mit wenigen Worten zu antworten denn jedes Gespräch mit meinem Vater konnte mit einem Klaps, im schlimmsten Fall mit dem Ledergürtel enden. Er war kein Monster, aber er war Soldat. Seine Söhne erzog er so, wie es der Krieg ihn gelehrt hatte: hart, ohne Sentimentalitäten, mit eiserner Disziplin. Für ihn war Liebe ein Tun, kein Wort. Er arbeitete am Hafen, brachte regelmäßig das Geld nach Hause, sorgte für Essen und ein Dach über dem Kopf was sollte man noch erwarten? Zärtlichkeit? Wärme? Das hielt er für weibisch. Denn Zärtlichkeit macht schwach. Und ein Mann muss immer stark bleiben.

Meine Mutter versuchte es manchmal mit leisen Gesten. Sanftes Streichen über das Haar, ein Flüstern: Papa meint es nicht böse, er kann nicht anders. Ich nickte und wollte ihr glauben. Doch still und leise wuchs in mir diese Überzeugung: Liebe ist, wenn man nicht geschlagen wird. Wenn man selbst niemanden schlägt. Wenn man arbeitet. Wenn man schweigt.

Mit fünfzehn zog ich aus. Es war keine Flucht, sondern konsequent: Ich begann eine Ausbildung als Schweißer in einer Hamburger Berufsschule, fing danach am Hafen an. Mein Vater war zufrieden: Das ist eine ordentliche Männerarbeit! Meine Mutter machte sich Sorgen, aber auch sie hatte das Weinen längst verlernt.

Mit achtzehn lernte ich Katharina kennen. Sie war die Tochter einer Kollegin meiner Mutter kam zu Besuch, brachte Apfelkuchen mit, rieb verlegen den geflochtenen Zopf, ihr Lachen erschallte durch den ganzen Flur. Ich spürte damals Dinge, für die ich keinen Namen hatte, wollte ihr etwas Gutes tun, aber die richtigen Worte fehlten mir.

Drei Jahre waren wir zusammen. Begleitet sie nach Hause, hielt ihre Hand, schwieg meistens. Sie versuchte es mit Fragen: Viktor, woran denkst du? Schulterzucken: Ach, nichts. Sie lachte und gewöhnte sich daran. Dachte, ich sei schüchtern und würde irgendwann auftauen.

Aber in mir war nichts aufzutauen. Nicht Kälte, keine Boshaftigkeit, sondern Erziehung. Ich wusste nicht, dass man über Gefühle sprechen darf. Ich wusste nicht, dass Schweigen nicht die einzige Art ist, Nähe zu zeigen.

Der Heiratsantrag geschah beinahe aus Versehen. Wir saßen beim Essen bei ihren Eltern, als Katharinas Mutter mich ansah und fragte: Und, Kinder wie stellt ihr euch eure Zukunft vor? Ich blickte Katharina an, lief knallrot an und stotterte: Heiraten.

Katharina erinnerte sich später lachend daran: Ein Romantiker! Aber in ihren Augen standen Tränen. Sie hatte Worte erwartet schöne, große Worte, wie man sie sich für immer bewahrt. Aber ich hatte nur Heiraten gesagt. Und sie sagte ja. Weil sie glaubte, hinter meinem Schweigen verberge sich ein Ozean. Sie irrte sich. Doch sie merkte das nicht sofort.

***

Katharina Alena Sobolewski, geborene Maier, stammte aus einer anderen Welt. Ihr Vater, Alois Maier, war Deutschlehrer an einem normalen Gymnasium, aber in seinem Herzen Poet. Schieb Gedichte in ein Notizbuch, rezitierte sie seiner Frau abends bei einem Glas Rotwein, weinte zu Rilkes Herbsttag, nannte seine Tochter Licht meines Lebens und kleines Wunder, bis er mit 65 an einem Herzinfarkt starb. Katharina war damals neunzehn.

Ihre Mutter, Rita Maier, war Buchhalterin praktisch, aber nicht kalt. Sie lehrte ihre Tochter Geduld: Männer sind anders, sagte sie stets, wenn Katharina sich über mein Schweigen beklagte. Hauptsache, er trinkt nicht, schlägt dich nicht und arbeitet. Die Worte sind doch nicht so wichtig.

Katharina nickte, aber in ihrem Innersten widersprach sie. Sie erinnerte sich an ihren Vater, der sie ohne Anlass in den Arm nahm und ihr ins Haar flüsterte: Mein kleines Mädchen. Sie hoffte, ich würde es irgendwann lernen, sobald ich merken würde, dass sie zu mir gehört. Dass ich endlich aufmachen würde.

Sie wartete dreißig Jahre.

Die ersten Jahre vergingen schnell. Wir bewohnten erst ein möbliertes Zimmer, dann bekamen wir eine Einzimmerwohnung zugeteilt, später wurden unsere Kinder geboren Alexander zuerst, dann unsere Tochter Luise. Ich arbeitete in zwei Jobs, kam spät heim, fiel müde aufs Sofa, oft noch in Arbeitskleidung. Katharina beklagte sich nie. Sie sah, wie ich mich abmühte, wie ich auf ein Fahrrad für Alex sparte, wie ich die Kinder am Wochenende in den Planten un Blomen-Park fuhr (still, aber immerhin), wie ich den Wasserhahn reparierte, als uns die Nachbarn überflutet hatten, und wie ich ihr mein gesamtes Gehalt überließ, nur etwas für die Bahn und Zigaretten behielt.

Sie redete sich ein: Er ist ein guter Ehemann. Er trinkt nicht, er betrügt nicht, er schlägt nie. Das zählt. Damals verstand sie noch nicht, dass das Fehlen des Schlechten nicht dasselbe ist wie das Vorhandensein des Guten. Dass ein Zuhause auch still sein kann, nicht vor Geborgenheit, sondern vor Leere.

Einmal im Jahr, zum Geburtstag oder Hochzeitstag, wenn Freundinnen angaben wer ein Liebesgeständnis bekommen, wer Blumen mit Karte, wer ins Ohr geflüstert bekommen hatte Ich liebe dich dann schaute sie zu mir. Ich saß mit unbewegter Miene, kaute Salat, blickte in die Ferne. Sie wartete. Nur ein kurzer Blick, das unausgesprochene Ich bin da, bei dir. Aber ich sah nie zurück.

Katharina gewöhnte sich ab, zu warten. Sie hörte auf zu bitten. Wenn sie hören wollte, dass sie geliebt wurde, verließ sie sich auf die Kinder, später Enkel aber nie auf mich. Und sie arrangierte sich. Denn alles andere, so sagte sie sich, war in Ordnung: ein Dach überm Kopf, satt gegessene Kinder, kein Streit, kein Alkohol. Was will eine Frau mehr?

Ob sie es wusste oder sich einfach das Wissen verboten hatte, weiß ich bis heute nicht.

***

Alexander, unser Erstgeborener, wurde wie ich: still, ernst, verantwortungsvoll. Aber Katharina schaffte es, ihm einen Zugang zu Gefühlen zu geben: Sie las ihm vor, fragte ihn nach seinen Empfindungen, lehrte ihn, Worte für sein Inneres zu finden. Er blieb wortkarg, aber verschlossen war er nie. Er konnte nach dem Ferienlager sagen: Mama, ich hab dich vermisst. Er konnte sie in den Arm nehmen, wenn sie weinte. Er sah, wie seine Mutter mich ansah, und verstand nie, wieso ich nicht zurückblickte.

Luise war anders: lebhaft, temperamentvoll, versuchte oft, mich aufzutauen. Sie sprang auf meinen Schoß, zerrte an mir und schrie: Papa, sag mal was!. Ich streichelte über ihren Kopf, lächelte mit den Mundwinkeln und schwieg. Irgendwann ließ sie ab. Auch sie gewöhnte sich daran.

Alexander wurde Ingenieur, wie ich aber er war sanfter. Mit 25 brachte er eine Freundin, Anja, mit nach Hause. Katharina schloss sie gleich ins Herz: hell, fröhlich, ein Lachen wie Katharina früher. Ich nickte und sagte: Guten Tag. Dann ging ich in die Werkstatt.

Ein halbes Jahr später machte Alexander einen echten Hochzeitsantrag kniete sich vor Anja und sagte es vor allen. Katharina weinte vor Glück. Ich saß schweigend da, starrte zum Fenster nicht aus Desinteresse, sondern weil ich in dem Moment nicht wusste, wie man dabei anwesend ist: mit Gefühl, Worten. Ich fühlte aber ich konnte nicht sprechen.

Wir feierten Hochzeit im Gasthof an der Elbe. Katharina trug ein neues, fliederfarbenes Kleid mit Spitzenkragen, drehte sich lange vor dem Spiegel hin und her. Ich wartete im Flur, schielte auf die Uhr, trippelte ungeduldig. Als sie endlich kam, murmelte sie: Na, wie seh ich aus? Ist gut so, sagte ich.

Sie lächelte. Sie hatte längst aufgehört, mehr zu erwarten.

***

Teil vier: Der Trinkspruch

Der Gasthof war alt, stuckverziert, schwere Vorhänge. Lange Tafeln, etwa zwanzig Gäste: Familie, Freunde, Kollegen von Alexander. Anja strahlte, Alexander schaute ernst, aber in seinen Augen lag Glück.

Katharina saß neben mir. Ich zog das einzige Sakko an, das ich besaß dunkelblau und an den Ellenbogen schon blank. Sie wollte mir ein neues kaufen: Quatsch, das reicht. Wir stritten schon lange nicht mehr.

Der Zeremonienmeister forderte einen Trinkspruch der Eltern. Anjas Vater sprach rührend und mit viel Gefühl. Dann war ich an der Reihe.

Katharina stieß mich an: Auf, jetzt bist du dran.

Langsam stand ich auf, als müsste ich zum Schafott. Alle Blicke richteten sich auf mich. Ich nahm das Glas, sah zu Alexander, zu Anja, dann zu Katharina. Mein Adamsapfel zuckte.

Werdet glücklich, sagte ich knapp, militärisch.

Setzte mich.

Schweigen folgte. Die Gäste schauten irritiert. Der Zeremonienmeister wollte gerade eingreifen, da stand Alexander plötzlich auf. Er sah mich an nicht vorwurfsvoll, sondern suchend, als wollte er mir eine lebenswichtige Frage stellen, aber Angst vor der Antwort hat.

Papa, sagte er, liebst du Mama?

Totenstille. Nicht einmal die Kellner rührten sich.

Katharina spürte, wie ihr Herz in die Tiefe sackte. Sie blickte mich an. Mit Hoffnung aber nicht mehr naiv, sondern müde. Wird er es sagen? Nach dreißig Jahren? Für mich? Für sich selbst?

Mein Gesicht wurde rot, Flecken zeigten sich. Mein Blick huschte von Sohn zu Ehefrau, zum Tisch. Ich öffnete den Mund schloss ihn wieder. Ich wollte es sagen. Das mit dem Ich liebe dich. Seit dreißig Jahren. Simple Wörter. Zwei Silben. Ein ganzes Leben darin.

Ich öffnete den Mund.

Aber brachte keinen Ton heraus.

Heiße, würgende Scham schnürte mir die Kehle zu. Dreißig Jahre Schweigen stärker als alles. Mein Vater, sein Ledergürtel, die Sätze vom Männer jammern nicht, der Krieg, der vorbei war und trotzdem in meinem Innersten weiterging. Schwäche zeigen? Schwäche war das Gefährlichste. Ich konnte es nicht.

Katharina sah mein rotes Gesicht, den zuckenden Adamsapfel, meine Hände, die die Tischdecke umkrallten. Und die Hoffnung in ihren Augen die, die dreißig Jahre lang gehalten hatte verglühte. Langsam. Wie eine Kerze, der die Luft ausgeht.

Er ist schüchtern, sagte Katharina, laut und fröhlich, und es klang falsch. Viktor ist kein Mann der großen Worte. Wir stoßen lieber auf das junge Paar an!

Erleichtertes Durcheinander. Alexander setzte sich, sah zu mir und in seinen Augen war Mitleid.

Ich blickte nicht auf. Ich hörte, wie Katharina mich rettete. Wie immer. Wie das ganze Leben. Sie schützte mich, erfand Ausreden und ich konnte keine drei simplen Wörter sagen, die nichts kosten und doch alles verändern könnten.

An jenem Abend trank ich keinen Schluck. Umschloss nur das kühle Glas, während sich etwas in mir regte, das ich nicht benennen konnte. Scham? Schmerz? Erkenntnis? Verlust?

Spät gingen wir heim. Während sich Katharina im Schlafzimmer umzog, stand ich lange im Bad, betrachtete mein rotes, vom Alter gezeichnetes Gesicht im Spiegel. Ich formte lautlos: Ich liebe dich. Meine Lippen bewegten sich, aber kein Laut kam. Als hätten meine Stimmbänder nach all den Jahren verlernt, wie das geht.

Ich kam ins Schlafzimmer. Katharina lag mit geschlossenen Augen. Ich wusste, dass sie wach war. Ich hätte hingehen können. Sie in den Arm nehmen. Es ihr ins Ohr flüstern können. Ich hätte

Aber ich blieb im Türrahmen stehen. Unbewegt.

Sie wartete. Eine Minute, fünf, zehn.

Dann rollte sie sich zur Seite, zog die Bettdecke bis zum Kinn.

Und zum ersten Mal in dreißig Jahren sagte sie nicht: Gute Nacht.

***

Teil fünf: Stille

Am nächsten Morgen war alles anders. Nicht äußerlich innen. Katharina kochte Kaffee, schnitt Brot. Ich kam in die Küche, sie stellte mir stumm eine Tasse hin. Kein Wie hast du geschlafen?, kein Lächeln. Einfach hinstellen und weggehen.

Ich starrte auf ihren Rücken aufrecht, angespannt. Ich wollte etwas sagen, aber kein Wort kam.

Kathi, brachte ich endlich heraus.

Sie drehte sich um.

Was denn?

Du Ich zögerte. Du hast gestern nicht

Was nicht? Ihr Ton war ruhig, zu ruhig.

Ich brachte nichts heraus. Schüttelte den Kopf, blickte in die Kaffeetasse.

Sie sah mich noch einen Moment an, griff dann ihre Tasche: Ich geh einkaufen. Und verließ die Wohnung.

Der Tag zog sich. Ich saß in der Werkstatt, bastelte untätig an Werkzeug. Zum ersten Mal in meinem Leben dachte ich nicht an Arbeit, Geld oder Reparaturen sondern an mich. An das, was ich fühle. Drinnen war es dunkel und leer, wie in einem verlassenen Haus, in dem die Fenster vernagelt sind. Früher war da Licht. Ich erinnerte mich an junge Jahre, an Katharina mit geflochtenem Zopf, an das wilde Herzklopfen beim ersten Händchenhalten im Kino, an ihre erste Geburt wie ich im Korridor des Krankenhauses wartete und weinen wollte, aber nicht weinte, weil Männer nicht weinen.

Ich erinnerte mich. Aber nie hatte ich es gesagt.

Abends kehrte sie zurück. Räumte schweigend die Einkäufe weg, stellte den Teekocher an. Das Abendbrot verlief in Stille. Sie setzte sich später ins Wohnzimmer, ich aufs Sofa daneben. Der Abstand war messbar vermutlich zwanzig Zentimeter. Und doch: es waren dreißig Jahre unausgesprochene Worte.

Am nächsten Tag rief Alexander an. Fragte, wie es uns geht. Alles in Ordnung, sagte Katharina. Alexander schwieg. Mama, entschuldige Ich hätte es nicht vor allen fragen sollen. Ach Unsinn, sagte sie leise. Dein Vater ist eben so.

Sie legte auf, blieb lange am Fenster stehen, schaute auf die stille Straße hinaus. Ich hörte ihr aus dem Flur zu die Ruhe in ihrer Stimme klang, wie wenn jemand innerlich abgeschlossen hat. Wenn man aufhört, Hoffnung zu haben.

Ich ging früher ins Bett als sonst. Sie kam später nach. Sagte wieder kein Gute Nacht. Ich lauschte ihrem Atem und spürte in mir, wie etwas zu bröckeln begann. Die Mauer, die mein Vater gebaut und ich ein Leben lang gepflegt hatte, bekam einen Riss. Nicht durch einen Stoß, sondern durch die Leere dahinter. Denn hinter der Mauer war niemand mehr. Katharina war dahinter verschwunden nicht körperlich, aber in ihrer Seele. Sie war da im Bett, aber längst weg. Oder sie war schon lange weg, und ich merkte es erst jetzt.

***

Teil sechs: Die Karte

Am Mittwoch ging ich aus dem Haus. Tat so, als müsse ich zum Baumarkt, Schrauben besorgen. Katharina nickte, ohne aufzusehen. Ich ging aber nicht dorthin. Mein Ziel war dieser kleine Zeitungs- und Schreibwarenkiosk am Bahnhof, an dem ich Hunderte Male vorbeigelaufen war nie hatte ich ihn betreten.

Der Laden war eng, roch nach Papier und Staub. Die Verkäuferin, etwa fünfzig, mit müdem Blick, musterte mich erstaunt so ein ernster Kerl, der unsicher vor den Postkarten stand.

Womit kann ich helfen? Geburtstagskarte? Jubiläum? fragte sie.

Ich weiß nicht, murmelte ich. Einfach zum Schreiben.

Sie legte mehrere Karten heraus mit Blumen, Herzen oder Versen wie Liebe kennt keine Grenzen. Mir erschienen sie fremd, zu laut, zu falsch. Ich konnte keine Verse. Ich konnte überhaupt nicht sprechen.

Dann entdeckte ich sie: eine ganz schlichte. Weiß, mit feinem Goldrand. Leer. Kein Motiv, kein Text. Nichts.

Die nehm ich, sagte ich.

Zu Hause schloss ich mich in der Werkstatt ein. Saß auf der alten Holzkiste, hielt die Karte in den Händen. Mein Kugelschreiber daneben. Ich schrieb: Katharina. Dann stockte ich. Was sollte ich noch schreiben? Im Kopf hatte ich alles, was ich nie gesagt hatte. Dass ich liebe. Immer. Dass ich nicht reden kann. Dass Vater mir Schweigen beigebracht hatte, Mutter Geduld, aber Worte niemand. Dass ich weiß, sie wartete, und ich konnte nicht. Dass ich mich schäme. Dass ich nicht will, dass sie geht. Dass sie mein ganzes Leben ist.

Ich versuchte, alles hinzuschreiben. Aber meine Hand versagte. Zu viele Worte. Zu viel für drei Jahrzehnte. Ich wusste nicht, wo ich anfangen sollte. Wie das alles auf ein paar Zeilen passen sollte.

Am Ende schrieb ich sieben Wörter. In krakeliger Schrift, dick aufgedrückt, so dass man es auf der Rückseite sah: Ich liebe dich. Verzeih, dass ich nicht reden kann.

Ich schaute auf die Karte. Sieben Worte. Ein ganzes Leben. Ich knickte sie, steckte sie in die Jackentasche. Blieb noch lange im Schuppen, aus Angst. Angst, dass sie die Karte liest und schweigt. Angst, dass sie etwas erwidert.

Am Abend, als Katharina im Bad war, steckte ich die Karte unter ihr Kopfkissen. Die Hände zitterten. Noch nie hatte ich so etwas gemacht. Nie.

Ich legte mich ins Bett, drehte mich zur Wand, stellte mich schlafend. Mein Herz schlug wild sie musste es hören.

Sie kam aus dem Bad, machte das Licht aus, legte sich. Ich spürte, wie sie das Kissen zurechtrückte. Ein Rascheln sie fand die Karte. Stille. Ich hielt den Atem an.

Sie las. Lange. Sieben Wörter kann man nicht so lange lesen. Aber sie fuhr immer wieder mit dem Finger über die ungelenken Buchstaben, wieder und wieder. Sieben Worte. Dreißig Jahre.

Sie lag, die Karte in der Hand, blickte in die dunkle Zimmerdecke. Dann legte sie das Kärtchen langsam und vorsichtig auf ihren Nachttisch. Drehte sich seitwärts. Nicht zu mir, auch nicht weg von mir. Einfach zur Seite.

Und sagte leise in die Stille: Gute Nacht.

Ich antwortete nicht. Spielte den Schlafenden. Aber sie wusste, dass ich wach war. Hat sie immer gewusst.

***

Teil sieben: Morgen

Ich wurde von Kaffeeduft geweckt. Zuerst verstand ich nicht. Normaler Geruch und doch: etwas war anders. Kein Klappern von Geschirr, keine Schritte von Katharina. Es war still.

Ich öffnete die Augen. Die Morgensonne schien ins Fenster. Halb acht zeigte die Uhr eine Stunde länger als sonst. Katharina weckte mich diesmal nicht.

Ich stand auf, wusch mich, zog den alten Bademantel an und ging in die Küche. Es war hell, das Licht brannte.

Der Tisch war gedeckt. Nicht wie sonst, hastig, sondern wie zu Festtagen. Die weiße mit Stickerei, sonst nur an Weihnachten benutzt. Porzellan, das Hochzeitsgeschenk, stand auf dem Tisch. Brot akkurat in Scheiben. Die Butter in der schönen Dose. Kirsch-Marmelade, meine Lieblingssorte, stand bereit.

Und meine Lieblingstasse: blau, Henkel geklebt, aber ich ließ es nie wegwerfen. Daneben ein kleiner Zettel, zum Dreieck gefaltet. Ihre ordentliche Handschrift: Frühstück ist fertig. Ich bin im Bad.

Ich setzte mich hin, rührte das Frühstück nicht an. Schaute auf alles, wie sie es mit Sorgfalt hergerichtet hatte mit Liebe und jener Fürsorge, die ich jahrzehntelang als selbstverständlich betrachtet hatte.

Ich hörte das Wasser im Bad, die Tür, die zufiel. Ich saß da, hielt den Zettel umklammert, und spürte, wie etwas Heißes und Bedrückendes in meinem Hals aufzusteigen begann. Seit jenem Moment in meiner Kindheit, als mein Vater mich mit verweinten Augen erwischte und sagte: Männer heulen nicht, hatte ich nicht mehr geweint. Vierzig Jahre lang.

Jetzt liefen die Tränen. Leise, stumm. Sie tropften auf die Tischdecke, auf meine blaue Tasse. Ich wischte sie nicht weg. Starrte nur zur Badezimmertür.

Das Wasser verklang. Katharina erschien im Bademantel, nasse Haare, roch nach Seife und Shampoo. Sie sah mich und meine Tränen. Stand still.

Ich blickte sie an, sie mich.

Kathi, sagte ich. Meine Stimme kratzte und brach. Ich

Sie trat näher, setzte sich mir gegenüber. Legte meine rauhe, von Schweißarbeiten gezeichnete Hand auf den Tisch, umschloss sie mit ihrer dünn, Adern hervorstehend, Ehering am Finger, den ich ihr vor dreißig Jahren ansteckte.

Ich weiß, sagte sie leise. Ich habe es immer gewusst.

Warum, brachte ich nicht zu Ende.

Ich habe gewartet, erwiderte sie schlicht. Dass du es selbst sagst. Nicht, weil der Sohn fragt. Nicht, weil ich es wünsche. Sondern weil du es willst.

Ich schwieg. Die Tränen liefen noch immer.

Ich wusste, wen ich heirate. Sie drückte meine Hand. Und bin geblieben. Das war meine Entscheidung.

Ich sah sie an. In ihren Augen war keine Leere mehr. Keine Traurigkeit, keine erlöschte Hoffnung, sondern etwas ganz Neues, Zartes wie ein Schneeglöckchen im Frühling. Zerbrechlich, aber lebendig.

Ich werde versuchen, fing ich an, stockte, mehr zu sagen. Ich kann es nicht aber ich versuchs.

Katharina lächelte.

Ich habe Zeit, sagte sie. Ich kann warten.

Ich hob ihre Hand zu meinen Lippen, küsste sie. Unsicher, zum ersten Mal seit Jahren. Sie ließ es geschehen.

Dann stand sie auf, schenkte mir Kaffee ein, stellte den Teller mit den frischen Pfannkuchen vor mich hin warm, selbst gemacht, während ich schlief. Setzte sich neben mich, nicht gegenüber. Damit sich unsere Schultern berührten.

Iss, sonst wirds kalt, meinte sie.

Ich nahm eine Gabel, kostete. Es schmeckte nach Kindheit, nach Zuhause, nach Geborgenheit. Während ich kaute, spürte ich, dass etwas in dem leeren Raum in mir langsam zu tauen begann. Vielleicht nicht für immer. Aber diesmal wusste ich: Ich habe Worte. Nicht viele, nicht schöne. Aber die wichtigsten.

Ich hatte sie in der Karte geschrieben. Jetzt waren sie zwischen uns.

Nach dem Kaffee stellte ich die Tasse ab. Schaute Katharina an. Sie lächelte aus dem Fenster hinaus, auf die Morgensonne und die Tauben am Sims. Ihr Gesicht war friedlich.

Kathi, sagte ich.

Sie drehte sich um.

Danke, sagte ich. Fürs Warten.

Sie antwortete nichts. Legte nur ihre Hand auf meine. Und wir saßen so in unserer Küche, die nach Kaffee und Pfannkuchen roch, in einer Stille, die nicht mehr leer war. Sonst. War sie voll. Dreißig Jahre Schweigen und sieben Worte, die alles änderten.

Nicht sofort. Kein Wunder, kein Bruch.

Aber Hoffnung, die nach dreißig Jahren zum ersten Mal wieder atmete.

Und das reichte.

***

Eine Woche später kamen die Kinder zu Besuch. Katharina hat eingedeckt. Ich saß am Tischende, schwieg, doch mein Blick auf meine Frau war anders aufmerksam, voller Wärme, so wie ich es nie zeigen konnte.

Beim Essen erzählte Alexander von der Hochzeitsreise. Anja lachte, Luise knuffte ihren Bruder. Katharina hörte zu, lächelte, füllte die Teller immer wieder.

Und dann hob ich plötzlich das Schnapsglas. Ohne besonderen Anlass, einfach so. Alle schauten mich an.

Ich, begann ich, wurde rot. Ich möchte sagen danke. Eurer Mutter. Für alles.

Das Ich liebe dich bekam ich nicht hin. Aber Katharina verstand. Nickte mir zu, nur mit den Augen.

Auf Mama, sagte Alexander und hob das Glas.

Auf Mama, wiederholten alle.

Wir stießen an. Unter dem Tisch legte Katharina ihre Hand auf mein Knie unauffällig. Ich legte meine darüber.

Niemand merkte es. Aber wir beide wussten es.

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Homy
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Ein Schweigen, das ein Leben lang währt
Die geheimnisvolle Geliebte ist aufgetaucht, und jetzt ist auch die Tochter da!