Die rote Schleife

Der rote Schleifen

Katharina stand in ihrer kleinen Küche und beobachtete, wie der Dampf langsam aus dem Topf mit Buchweizen stieg. Nicht der grobe, goldbraune Buchweizen vom Markt, sondern der billige aus dem Supermarkt, in kleinen Tüten, für 0,60 Euro das Stück mit herber Note und winzigen Körnern. Sie rührte einmal mit dem alten Holzlöffel, setzte den Deckel halb auf und lehnte sich mit dem Rücken an den schnarrenden Kühlschrank. Der Liebherr aus den Achtzigern brummte wie immer los, als wollte er ihre Bewegungen bestätigen.

Draußen lag die Handwerkerstraße. Fünfgeschossige Häuser mit Waschbetonbalkonen, alte Linden, deren Blütenstaub jeden Mai durch die gekippten Fenster zog, ein Blumenladen an der Ecke in zwanzig Jahren war dieser Straßenzug ein Teil von Katharina geworden: wie das Pflaster am Fuß, der Gedanke an die vierte Stufe, die stets knarzt.

Jörg kam ohne Vorwarnung in die Küche, wie immer. Er konnte einfach irgendwo auftauchen. Groß, breitschultrig, ein neues, hellgraues Hemd Katharina erkannte sofort den fremden Duft: Blumen, eine moderne Süße, nicht ihr Geruch, nicht Jörgs alter Ledersessel im Auto, nicht das Rasierwasser, das sie kannte.

Na, meine tapfere Ritterin? Jörg grinste, guckte in den Topf und schob die Unterlippe vor. Schon wieder Wasser und Brot?

Buchweizen, sagte Katharina. Mit Zwiebeln.

Zwiebeln! Luxus, witzelte er und tätschelte ihr die Schulter. Hältst du noch ein bisschen durch. Bald wird alles besser. Bald wohnen wir auch im eigenen Haus, du wirst schon sehen. Die Apfelgärten laufen nicht weg.

Katharina nickte. Sie hatte diese Art des Nicks perfektioniert: Zustimmung nur nach außen hin, in Wirklichkeit war es Erschöpfung. Ihr schwindelte wieder leicht, der dritte Tag schon, als würde jemand das Zimmer leicht schräg kippen. Sie wusste, dass das vom Essen kam. Aber sie schwieg.

Gabs für dich heute Mittag auch was? fragte sie.

In der Firma war Business-Lunch. Schon okay.

Er griff sich den Becher, goss Leitungswasser ein, trank im Stehen, stellte ihn ins Spülbecken und verschwand im Wohnzimmer. Katharina sah dem Becher nach. Dann drehte sie den Herd ab und verteilte den Buchweizen auf die Teller.

In den drei Jahren, in denen sie so knausern mussten, hatte sie sich manches angewöhnt. Statt Quark kaufte sie jetzt billigen Kefir, ihre alte Jacke, die inzwischen im fünften Winter war, hatte sie selbst an der linken Manschette gestopft, den Friseursalon sah sie zuletzt im November vorletzten Jahres. Die Haare schnitt sie sich seither selbst, vor dem kleinen Spiegel im Bad möglichst ohne hinzusehen. Mal war es ganz ok, mal weniger.

Vor drei Jahren hatte Jörg ihr die Fotos gezeigt das Haus am Ortsrand von Apfelgärten, vierzig Minuten mit der S-Bahn aus der Stadt. Backstein, mit ausgebautem Dach, Apfelbäume im Garten, ein alter Brunnen schon lange nur Deko. Grüne Fensterläden. Holzveranda. Eine Bank unter dem Fliederbusch.

Schau mal, hatte er gesagt, den Laptop auf ihren Schoß gelegt. So könnte unser Leben bald aussehen.

Katharina hatte auf den Bildschirm gesehen und spürte etwas Warmes in der Brust. Nicht Freude, aber etwas Ähnliches. Eine Möglichkeit. Ihr ganzes Leben wohnte sie in Mietwohnungen; alles fremde Wände. Und da, auf dem Bildschirm, standen Apfelbäume.

Drei Jahre radikale Sparsamkeit brauchen wir, sagte Jörg geschäftsmäßig. Ich hab gerechnet. Wenn wir monatlich so viel zurücklegen, und du sparst ein bisschen an dir…

Was kostets?

Er nannte einen Betrag. Katharina schwieg.

Das ist viel.

Katharina. Das ist unser Haus. Mit Obstbäumen, Sauerstoff, Stille. Denkst du, sowas ist billig?

Sie stimmte zu. Nicht sofort, aber sie stimmte zu. Sie eröffneten ein gemeinsames Sparkonto. Katharina überwies dorthin jeden Monat die Hälfte ihrer kleinen Rente plus, was durch Minijobs reinkam. Sie arbeitete als Buchhalterin in einer kleinen Firma, Teilzeit; das war wenig, aber wurde. Jörg meinte, er überweise aus seinem Gehalt dreimal so viel.

Katharina glaubte ihm.

Sie hatte das Glauben gelernt. Sie war nicht naiv, sondern hatte es sich so eingerichtet, aus Überlebenskunst. Es ist leichter, wenn man vertraut ansonsten muss man ständig kontrollieren, das strengt an.

Der erste Winter ging noch recht gut. Katharina ernährte sich einfacher, zog sich bescheidener an, aber das war fast wie ein Spiel. Wie als Kind, wenn man kein Geld für Eis hatte und sich was anderes ausdenkt und das Ausgedachte ist dann umso besonderer. Sie stellte Suppen auf den Tisch aus günstigen Resten, durchforstete Sparrezepte, freute sich, wenn sie etwas im Angebot ergattete. Das war fast lustig.

Im zweiten Jahr wurde es schwerer. Der Körper sendete Zeichen. Nicht laut, aber klar. Müde Beine. Dauerschlaf, der morgens nichts brachte. Im Bus wunderte sie sich manchmal, wohin sie eigentlich fuhr schaute aus dem Fenster, ohne zu denken. Sie ging nicht zum Arzt. Kein Geld, und im Wartezimmer der Kassenpraxis hätte sie nicht durchgehalten.

Ich sollte mal Blutbild machen lassen, sagte sie einmal zu Jörg.

Privat? Weißt du, wie viel das kostet? Lieber in die Praxis um die Ecke.

Sie ging hin. Wartete, holte sich den Zettel für den Bluttest ab. Der Wert war gerade noch im Normbereich, eher am unteren Rand. Nicht bedrohlich, aber auch kein Grund zur Freude. Die Ärztin riet: mehr rotes Fleisch, eisenhaltige Nahrung, Vitamine.

Katharina kaufte die billigsten Vitamine, mehr Fleisch war nicht drin.

Im dritten Jahr hörte sie auf, sich zu wiegen. Das Badspiegelbild sagte genug. Das Gesicht wurde kantiger, Augenschatten, das Haar glanzloser. Sie fand im Secondhand an der Leipziger Straße einen ordentlich aussehenden, dunkelblauen Mantel, so gut wie ohne Makel. Die Verkäuferin, älter, mit orangerot getönten Locken, meinte:

Das hält. Qualität, das.

Ich weiß, sagte Katharina.

Wir wissen schon, nickte die Verkäuferin und lächelte ein bisschen schief, aber verständnisvoll.

Katharina nahm den Mantel. Sah auf ihrem Heimweg ihr Bild in einer Schaufensterscheibe, stand einen Moment da, dann ging sie weiter.

Jörg baute sie weiter auf. Das konnte er guter war ein Könner darin, Zukunft zu versprechen. Noch ein kleines Stück, Katharina! Gleich wird alles besser. Seine Hoffnungsklänge wurden Hintergrundmusik hörbar, aber fern.

Du machst das super, sagte er, wenn sie mit einfachstem Essen durchkam. Eine wahre Kämpferin. Du hast meinen Respekt.

Katharina lächelte. Ein echtes, aber leeres Lächeln. Die Gesichtsmuskeln wussten, was zu tun war.

Manchmal telefonierte sie mit ihrer Tochter. Die lebte in Bremen, Ehemann, zwei Kinder, selten Zeit, selten Anrufe. Katharina jammerte nie. Sie hatte es nie gelernt. Wusste nicht, wie.

Wie geht’s dir, Mama?

Gut, wir sparen für das Haus.

Immer noch?

Fast geschafft, wirklich bald.

Na, super.

Dann ging das Gespräch zu den Enkeln, zum Wetter, zu unbedeutenderen Dingen. Katharina legte auf und stellte sich in die Küche.

Jener dritte Herbst, die Gerüche wurden schärfer wahrnehmbar. Wahrscheinlich, weil man beim Entbehren sensibler wird für alles. Duft von Jörgs Hemd war ihr erstmals Anfang Oktober aufgefallen, als sie das Buchweizen umrührte. Sie beschloss, es sei Einbildung. Oder jemand im Bus, der neben ihm stand.

Im November, eines Abends, als Jörg später als sonst heimkam, spürte sie den Duft erneut blumig, weich, eindeutig ein teurer Damenduft und nicht ihrer. Chantal. Katharina kannte das Label nicht, wusste aber: Das ist nichts, was Jörg irgendwo für sie ausgesucht hätte.

Müde? fragte sie.

Fix und fertig. Sitzung hat sich ewig gezogen. Er gähnte, reckte sich, verschwand im Bad.

Katharina hängte die Jacke auf, verweilte einen Moment, dann ging sie das Abendessen aufwärmen.

Sie war die Frau, die nicht an das dachte, was sie nicht wollte. Das war eine Fähigkeit. Gedanken umleiten, wie Wasser auf andere Bahnen. Nicht aus Angst, sondern weil sie wusste, was dann passieren würde.

Das Sparkonto wurde monatlich gefüllt. Jörg zeigte ihr Überweisungen am Display. Die Zahlen stiegen langsam an.

Siehst du? sagte Jörg. Bis Frühling sind wir so weit.

Was dann?

Dann verhandeln wir mit den Besitzern vom Haus. Sonst noch Details, verstehst du?

Katharina nickte es war sein Part, zu reden, sie übernahms Sparen. So war es abgesprochen.

Im Dezember kam er öfters später heim Weihnachtsfeiern, sagte er. Katharina hatte Verständnis.

Doch eines Abends, Mitte Dezember, kam er gegen eins heim. Katharina bemerkte: Er war nicht wie jemand, der sieben Stunden Betriebsfeier hatte sondern ausgeschlafen, klar in den Augen, gut gelaunt, mit gesunder Gesichtsfarbe, nicht der Alkoholglanz, sondern wie jemand, der einen guten Abend hatte.

Und, hast du’s krachen lassen? fragte sie.

Dienst eben, meinte er mit gutmütigem Lächeln. In Apfelgärten wirds ruhiger.

Er gab ihr einen Kuss auf die Schläfe und ging schlafen. Katharina saß noch lange da. Der Liebherr brummte. Draußen fiel Schnee.

Im Januar fand sie den Kassenbon. Zufällig. Sie wollte Jörgs neues, dunkelblaues Jackett säubern, das, das er an Silvester getragen hatte. Wie sie es in den Schrank hängen will, schaut sie nach, ob die Taschen leer sind. Gewohnheit.

Im linken Innenfach: ein kleiner weißer Kassenzettel.

Sie zieht ihn heraus.

Restaurant Austern am Gärtnerplatz. Datum: 28. Dezember. Betrag…

Katharina musste den Betrag dreimal betrachten, bis sie sicher war. Sie ließ den Kassenzettel sinken und sah aus dem Fenster. Draußen auf der Handwerkerstraße lief eine Frau mit einem Hund an der Leine entspannt am Blumenladen vorbei.

Der Betrag entsprach ihrem kompletten Lebensmitteletat für einen Monat. Jeden einzelnen Cent, den sie für Grütze abwog, billige Nudeln, Tee, Butter. Was sie immer abwog, damit es reicht bis zur nächsten Überweisung.

Sie legte den Bon zurück in die Jackettasche. Hängte das Sakko in den Schrank. Ging zurück in die Küche.

Der Liebherr schaltete wieder ein.

Katharina goss sich ein Glas Wasser aus und trank einen Schluck. Dann stand sie einfach da.

Jörg war in der Arbeit. Sein Job fing um neun an, Katharina arbeitete ohnehin meist von zuhause, Teilzeit, digital, für eine kleine Firma. Heute war nichts zu tun. Sie war allein.

Sie dachte daran, wer am 28. Dezember abends Austern isst. Sie war da nie, kannte das Restaurant nur von den großen Plakaten an den Bushaltestellen. Schöne Tische, saubere weiße Decken. Sicher kein günstiges Lokal.

Am 28. Dezember hatte Jörg gesagt, er treffe sich mit seinem alten Freund Thomas, Unifreunde. Er kam um zehn, roch nicht nach Alkohol, sondern nach Blumen, Süsse, wie immer.

Katharina zog keine sofortigen Schlüsse. Sie hatte gelernt, Gedanken auf Abstand zu halten. Vielleicht hat er allein dort gegessen. Vielleicht war es geschäftlich.

Doch am Abend, als Jörg heimkam, sah sie ihn anders an. Nicht vorwurfsvoll, einfach nur ansah.

Na, wie war der Tag? Er zog die Schuhe aus.

Ganz normal. Hunger?

Hab in der Firma gegessen.

Ich habe Suppe warm gemacht.

Nur her damit.

Er saß am Tisch, tippte am Handy, löffelte Suppe. Katharina gegenüber mit Tee. Jörg wirkte entspannt, ohne jede Nervosität.

Sag mal Jörg, sind die Austern am Gärtnerplatz eigentlich teuer?

Ein kurzer Blick von ihm.

Woher soll ich das wissen? War ich nie.

Ach, war nur Werbung gesehen.

Er sah weiter aufs Handy.

Katharina trank Tee.

Der Februar war kalt und still. Katharina ging im blauen Secondhand-Mantel zur Arbeit, wärmte die Hände am Teebecher, fror im Bus. Der Schwindel war stärker als sonst. Sie meldete sich doch wieder beim Hausarzt, aber auch jetzt kam dieselbe Diagnose: untere Norm, mehr Vitamine, besser ernähren.

Vitamine nehme ich, sagte Katharina.

Welche?

Sie nannte günstige. Die Ärztin schwieg.

Naja, immerhin. Wenn’s nicht besser wird…

Mehr ist nicht drin, sagte Katharina.

März. Jörg kam aufgedreht nach Hause. Hatte neue Sachen: mal ein Ledergürtel, mal andere Schuhe teure, dunkelbraune, mit feiner Naht.

Sind die neu? fragte sie auf seine Schuhe starrend.

Schnäppchen. Die alten waren durch.

Ach so. Schnäppchen…

Ein Anfang März lag eine Push-Nachricht auf seinem Handy, das auf dem Esstisch lag. Jörg war im Bad. Katharina saß daneben, las, scheinbar.

Autohaus AutoWelt Müller: Ihr NovaStar ist abholbereit. Rote Schleife nach Wunsch angebracht. Wir erwarten Sie zur Übergabe!

Katharina legte das Buch weg.

NovaStar, den SUV kannte sie groß, teuer, weit über ihrem Niveau. Und rote Schleife… Sie wusste: Im Autohaus bedeutet das, jemand bekommt den Wagen als Geschenk meist mit einer großen roten Schleife.

Sie lag nachts wach. Jörg atmete ruhig. Sie dachte an Buchweizen mit Zwiebeln.

An Vitamine für 1,90 Euro, an den Secondhand-Mantel.

Wann war sie zuletzt bei einer Friseurin gewesen?

Gemeinsames Konto. Sie rief am nächsten Morgen bei der Bank an und fragte nach dem Kontostand. Die genannte Summe war halb so hoch, wie sie nach ihrer Rechnung hätte sein sollen.

Halb. Zwei Jahre Sparen. Halb.

Sie saß in der Küche, starrte auf die Blümchen-Tischdecke, auf einen alten Kaffeefleck, der einfach nicht verschwand.

Katharina, hast du Tee gekocht? rief Jörg aus dem Wohnzimmer.

Kommt gleich, antwortete sie.

Sie stand auf, setzte Wasser auf.

Das Kribbeln in den Beinen war heute schlimmer.

Zuerst merkte sie nicht, dass sie Jörg verfolgte das Wort gefiel ihr selbst nicht. Aber an einem Donnerstag, als er nach der Arbeit zu Besprechungen fortwollte, ging sie eine halbe Stunde später raus. Nur ein Spaziergang, redete sie sich ein.

Sein alter grauer Passat parkte nicht am Büro und auch nicht bei einem Restaurant, sondern am Einkaufszentrum Berliner Straße. Sie fand ihn im zweiten Stock, vor dem Juwelier. Er redete mit einer Frau, um die Fünfunddreißig, vielleicht etwas älter. Helle Haare, dezentes Make-up, beiger Mantel. Sie standen sehr nah beieinander.

Katharina blieb hinter einer Säule stehen, tat so, als schreibe sie eine SMS.

Jörg redete, die Frau lachte. Der Verkäufer reichte Schmuck über das Samtkissen Kette oder Armband, Katharina sah es nicht genau. Jörg nahm die Karte, bezahlte. Die Frau steckte das Tütchen ein, schloss ihr Mantel und sie gingen zusammen.

Katharina blieb stehen.

Im Zentrum war es wie immer: Menschen mit Kindern, einer spricht am Handy, es roch nach Backwaren. Sie stand noch kurz, dann verließ sie das Einkaufszentrum.

Draußen suchte sie sich eine Bank. März der Boden war noch feucht, doch die Bank war trocken. Sie sah auf die Straße, auf Autos, Pfützen.

Sie weinte nicht. Drinnen war es dicht und still, nicht leer, nicht schmerzhaft, einfach kompakt und ruhig.

Später ging sie heim.

Die nächsten Tage war sie ganz sie selbst. Kochen, arbeiten, Fernsehen Jörg war wie immer; fröhlich, anspornend, klein wenig zerstreut. Wieder sprach er von Apfelgärten.

Ich denke, wir kriegen das auch auf Raten hin, sagte er eines Abends. Dann sparen wir uns den großen Batzen.

Und wie viel haben wir bisher? fragte sie.

Mit den letzten Überweisungen läuft das ganz gut. Genauen Stand muss ich schauen.

Schau doch.

Nachher, murmelte er, drehte den Fernseher lauter.

Katharina ging in die Küche. An dem Abend rief sie ihre Tochter an.

Mama, alles gut? Du klingst so…

Es geht. Bin nur müde.

Spart ihr immer noch?

Ja.

Braucht ihr dieses Haus wirklich? Warum nicht einfach eine andere Wohnung bei euch in der Nähe?

Jörg will das so.

Und du?

Pause.

Ich auch, sagte Katharina. Da blühen Apfelbäume und der Flieder.

Ach Mama, die Tochter seufzte, etwas belustigt.

Schon gut. Und wie gehts euch?

Das Gespräch ging über zu den Kindern, Alltagsdingen. Nach dem Auflegen saß Katharina noch lange mit dem Handy, dachte an Apfelbäume. Gab es die wirklich? Stand da wirklich Flieder? Oder war es nur ein Foto von irgendeiner Maklerseite, das Jörg ihr zeigte, weil er wusste: Apfel und Flieder das bedeutete etwas für sie.

Ein paar Tage später rief sie aus reiner Neugier bei AutoWelt Müller an. Sagte, sie interessiere sich für den NovaStar.

Sehr schönes Auto, sagte die Frau am Telefon. Gerade haben wir einen in Rot mit großer Schleife übergeben, als Geschenk, ganz romantisch.

Geschenk, sagte Katharina.

Ja, mit allem Drum und Dran.

Danke.

Sie legte auf. Kocht Wasser. Wartet.

Innen blieb alles gleich: dicht, ruhig.

Dann öffnete sie die Online-Banking-Seite, loggte sich ins Gemeinschaftskonto ein. Sie schaute sich alle Buchungen an. Ihre Überweisungen: jeden Monat pünktlich, wie ein Uhrwerk. Seine: seltener, manchmal nur halb so hoch wie besprochen.

Und die Abbuchungen. Regelmäßig, nicht immer erklärbar, nicht immer kleine Beträge.

Katharina legte die Haushaltskasse neben sich das penible Heft, in dem sie seit drei Jahren alles notierte. Blätterte. Rechnen dauerte lange. Der Liebherr brummte, es wurde dunkel draußen.

Sie wusste es nun eindeutig: Drei Jahre hatte sie gespart, gegessen, was billig war, Secondhand getragen, nicht zum Arzt gegangen, sich die Haare über dem Waschbecken selbst geschnitten und das Geld verschwand. Nicht alles, aber ein großer Teil. Statt Apfelgärten: Schmuck für eine andere, ein NovaStar mit roter Schleife, Dinner im Austern-Lokal, und Hemden, die nach Chantal rochen.

Sie klappte den Laptop zu und betrat das Wohnzimmer. Jörg saß da und sah Nachrichten.

Hunger? fragte sie.

Nee, danke, ist schon spät.

Okay.

Sie ging schlafen. Ließ den Blick an die Decke wandern, Jörg kam später nach, schnarchte bald.

Katharina lag lange wach. Sie dachte nicht an Jörg. Sie dachte an sich. Wann hatte sie zuletzt etwas wirklich nur für sich getan, nicht aus Notwendigkeit, sondern aus Genuss? Echter Kaffee. Katharina liebte ihn seit anderthalb Jahren nur Billigpackungen, aus Sparsamkeit. Blauschimmelkäse. Früher ihr Abendgenuss schon ewig nicht mehr gekauft. Austern? Einmal gegessen, jung am Bodensee, als ein kleines Abenteuer.

Katharina drehte sich auf die Seite.

Die Entscheidung fiel nicht in jener Nacht. Sie reifte, leise, langsam. Am Morgen war sie allerdings klar und ruhig da.

Ein paar weitere Tage tat sie, als sei alles normal: kochen, arbeiten, freundlich zu Jörg. Er merkte nichts. Sie verfolgte ihn noch ein Mal: an einem Donnerstag, trug ihren älteren grauen Mantel.

Er traf die Frau wieder. Auf der anderen Straßenseite. Sie gingen miteinander in einen kleinen Park. Katharina stand weiter weg, sah, wie Jörg ein Päckchen aus der Tasche holte, wie die Frau es öffnete. Sie unterhielten sich, lachten, er legte die Hände auf ihre Schultern und küsste sie.

Katharina sah zu den Händen in alten Handschuhen ein bisschen rot vom Wind.

Ein paar Minuten stand sie da. Dann ging sie heim.

Im Bus am Fenster, außen grau, Straßen spiegeln sich in Pfützen, Laternen erleuchten langsam die Stadt.

Zuhause packte sie mit ruhiger Hand die große Tasche voll: Wäsche, ein paar warme Sachen, Unterlagen aus der Garderobe, Versichertenkärtchen, Rentenschein, ihr kleines eigenes Sparbuch, das bisschen, das nicht vom Gemeinschaftskonto war, sondern richtig ihr, gesammelt in allerkleinsten Raten, fast heimlich vor sich selbst.

Ladegerät, Handy, das Buch, das sie nicht fertig gelesen hatte.

Sie zog den blauen Secondhand-Mantel aus, hängte den alten bordeauxroten Blazer, den sie eine Ewigkeit nicht mehr getragen hatte, auf. War eng, aber sah irgendwie anders aus.

Dann schrieb sie auf einen Zettel:

Danke für die Austern und die rote Schleife. Ich hoffe, es hat gut geschmeckt.

Sie überlegte, schrieb aber nichts mehr. Legte den Zettel auf den Küchentisch, neben den Kaffeefleck.

Zog die Tür leise hinter sich zu, den Schlüssel ließ sie unter der Fußmatte.

Auf der Handwerkerstraße war das normale Feierabendleben: Menschen am Blumenstand, ein Hund bellte, Autos rauschten vorbei.

Katharina stand einen Moment da. Dann ging sie los.

Sie wusste, wohin sie wollte.

Zwei Straßen entfernt war der große Edeka, Gourmet Markt. Sie war dort nie einkaufen, fand es immer zu teuer. Hier holte man das, worauf man Lust hatte, nicht das, was im Angebot war.

Drin roch es nach gutem Kaffee und Brötchen. Gedämpftes Licht, leise Musik, Regale voller Früchte.

Katharina nahm einen Korb. Stand da. Und begann zu gehen.

Fischabteilung. Ein Stück Thunfisch, tiefrot, fest. Sie nahm es.

Austern wirklich, hier lagen welche, kleine Tafel, frisch, direkt aus der Bretagne. Sie nahm die Kiste mit sechs.

Käse. ENDLICH Blauschimmel, der echte, französische. Sie schnitt sich ein schönes Stück ab.

Brot. Keines für 0,69, sondern echtes dunkles, mit Kernen.

Kaffee. Sie nahm sich einen aus Äthiopien tiefblaue Tüte, vielversprechend. Heidelbeere und Bitterschokolade.

An der Kasse alles aufs Band. Die Verkäuferin scannte leise.

Schöne Auswahl, sagte sie beiläufig.

Danke, erwiderte Katharina.

Der Preis war hoch. Sie bezahlte mit Karte, vom eigenen, engen Sparbuch.

Sie nahm die Tasche.

Zur Tochter wollte sie nicht. Zu spät. Es gab Valentina, ihre alte Freundin aber heute wollte sie nicht reden. Also fuhr sie in ein Hotel am Stadtrand, ein günstiges, aber ordentliches.

Dort packte sie den Einkauf aus. Legte alles schön auf den Tisch.

Sie bat an der Rezeption um ein Austernmesser. Die Dame schaute neugierig.

Schaffen Sie das?

Ja, danke, das passt.

Und sie schaffte es. Nicht besonders elegant, aber die Auster öffnete sich. Silber-grau, duftet nach Nordsee.

Katharina aß die erste. Dann die zweite.

Schnitt ein Stück Thunfisch ab, biss in das Brot, ein wenig Käse dazu. Kocht echten Kaffee mit der kleinen French Press im Hotelzimmer.

Langsam, ganz bewusst genießt sie jedes Stück. Draußen Lichter, alles still. Das Radio brummt, aber stört nicht.

Sie dachte nicht an Jörg. Nicht an Apfelgärten. Nicht an morgen.

Sie dachte daran, dass Austern salzig schmecken wie damals am Bodensee, jung. Thunfisch so samtig rot ist, wie sies erwartet hatte. Der Blauschimmelkäse: kräftig und mild. Der Kaffee: wirklich mit Heidbeernote keine Werbelüge.

Sie dachte: Das hier bin ich.

Nicht irgendjemandes Spartier, nicht die Frau, die alles aushält. Jetzt gerade jetzt die, die weiß, wie Auster schmecken. Die weiß, wie man guten Kaffee riecht. Die drei Jahre leise war aber jetzt ist.

Noch eine Tasse Kaffee. Sie schaut zum Fenster.

Na gut, sagt Katharina leise. Willkommen zurück.

Sie wusste nicht, wie es morgen aussehen würde, wo sie unterkommt, wie das Gespräch mit Jörg wird, ob es diesen Hausgarten mit Apfelbäume wirklich je geben würde, ob sie heute Nacht noch wen anruft oder morgen. Sie wusste nicht, wie schlimm der Schmerz am nächsten Tag werden könnte.

Aber jetzt, mit leerer Austernschale und Kaffee, wusste sie: Das ist sie. Ihr Geschmack. Ihre Wahl. Ihr Abend.

Das war was wert.

Der letzte Käse aufs Brot, ein Biss.

Draußen geht die Straßenbeleuchtung an. Immer eins nach dem anderen, als hätte jemand endlich den Schalter gefunden.

Sie kaut und schaut raus. Und sagt nichts mehr. Einfach sitzen, einfach essen, einfach da sein.

Das reicht.

***

Am nächsten Morgen war sie vor dem Wecker wach. Stille. Weißer, fremder Hotelflur an der Decke. Gerade das war angenehm. Nicht bedrückend.

Duschen, Zähne putzen, die Sachen im Spiegel kantiges, müdes Gesicht, aber irgendwas ist neu.

Katharina sah nicht lange hin, packte alles zusammen. Zuerst Valentina anrufen. Mit der Tochter reden. Organisieren, wohnen, erledigen. Viel zu tun.

Aber dann: runter ins kleine Café, sie gönnte sich Rührei, Toast, guten Kaffee, kein Instant.

Der Kaffee kam im Glas. Sie hielt ihn mit beiden Händen.

Am Nachbartisch eine ältere Frau, las ein Buch, trank ruhig Tee. Sie wirkte nicht einsam, sie war einfach beschäftigt mit sich selbst.

Katharina dachte: Frauen, die frühstückend lesen, sind nicht einsam. Sie sind einfach für sich. Das ist nicht dasselbe.

Das Frühstück war heiß und schlicht. Katharina schrieb Valentina:

Kann ich heute zu dir? Muss dir alles erzählen.

Die Antwort kam sofort.

Natürlich. Ich stelle Wasser auf.

Katharina steckte das Handy ein, leerte den Kaffee.

Sie zog den bordeauxroten Blazer an, Schulter nach oben, Tasche über die Schulter.

März roch schon anders, nicht ganz nach Frühling, aber auch nicht mehr nach Winter. Irgendwas im Boden kam in Bewegung.

Katharina stand noch Sekunden am Hoteleingang. Zog dann den Mantel zu und ging zur Bushaltestelle.

Nichts Konkretes im Kopf, aber gute Beine, klarer Kopf zumindest für jetzt.

Draußen: eine junge Mutter mit Kinderwagen, eine Krähe im Baum, die alles beobachtete.

Na, was meinst du? sagte Katharina leise.

Die Krähe flog davon. Hat keine Meinung. Hatte Besseres zu tun.

Katharina lächelte, nur für sich.

Der Bus kam, sie stieg ein, legte das Ticket auf, fand einen Platz am Fenster. Die Stadt rauschte vorbei: Altbauten, Winter-Bäume, Werbung. Katharina merkte, dass sie seit Jahren nicht mehr so bewusst rausgeschaut hatte immer nur Inneres, Sorgen, Pläne, die am Ende alles andere als ihre waren.

Die Stadt lebte. Ohne sie. Das kann man ja nachholen.

Bus Halt an der Kreuzung. Im Nachbarauto eine Frau, singt zum Radio, grinst dabei.

Katharina schaut, bis alles weiterfährt.

Sie lehnt sich zurück. Handy stumm, Jörg weiß wohl noch gar nichts, oder denkt nach. Ihr jetzt egal.

Sie fährt zu Valentina. Da gibt’s Tee, lange Reden. Morgen ist auch noch ein Tag.

Keine Garantie für Glück, ganz sicher. Viel wird schwer. Aber jetzt gibt es Kaffee, der nach Heidelbeeren duftet. Eine Auster, salzig nach Meer. Und ein Spiegel, in den sie schauen kann, ohne sich fremd zu fühlen.

Das ist nicht alles. Es ist aber nicht nichts.

Der Bus fährt weiter. Die Stadt draußen ist grau und lebendig. Katharina sieht hinaus und denkt: Vielleicht, irgendwann, gibt’s Apfelbäume für mich. Und Flieder. Ein Haus, das nicht Bild auf dem Bildschirm ist.

Aber das muss man selber finden. Irgendwann.

Jetzt: Bus, Fenster, Märzduft.

Das erst mal reicht.

Und das ist vielleicht gar nicht so wenig.

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Homy
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