Schicksal: Die unergründlichen Wege des Lebens

Der Tag war einfach nicht sein Tag.

So etwas passierte, das wusste Andreas, aber trotzdem war er genervt. Er dachte über sein Leben nach. Was hatte er erreicht? Bald vierzig, Schule und Lehre absolviert, Wehrdienst geleistet. Eine Wohnung, eine Ehefrau, zwei Kinder, ein altes Auto und ein bescheuertes Wochenendhaus, das nur Arbeit machte.

Mit einem Bier in der Hand faul herumliegen? Das war nichts für ihn. Ständig musste etwas getan werden Beete umgraben, Unkraut jäten, Laub rechen. Erde in der Schubkarre transportieren, Rasen mähen, das Dach reparieren, das morsche Holz austauschen, der Zaun war umgekippt.

Die Straßenbahn ratterte und quietschte wie ein rostiger Blecheimer, während sie durch die Gleise schaukelte. Andreas saß am Fenster, beobachtete die Straßenlaternen, die in der Dunkelheit wie eine leuchtende Kette aufblitzten, und grübelte.

Er dachte über sein Leben nach.

Eigentlich hatte er alles, was man so hatte Familie, Job, Wochenendhaus, Gehaltsvorschuss, Kinder, Eltern, Schwiegereltern. Fußball am Wochenende, Bier nach der Sauna im Garten. Feiertage, Geburtstage im Kreis der Familie alles wie bei anderen.

Doch plötzlich fiel ihm auf, wie öde alles geworden war. Ruhig, berechenbar, fade. Er sehnte sich nach Abwechslung, nach etwas Aufregung.

Da wurde ihm klar: Er war immer der Brauchbare gewesen, der Unauffällige, der, der nie aus der Reihe tanzte. Was, wenn er noch einmal von vorne anfangen könnte?

Plötzlich erinnerte er sich an Sabine, seine erste Liebe. Wie sie Hand in Hand spazierten, wie sie träumten, der erste Kuss… die wilden Stunden, in denen sie sich kaum trennen konnten.

Andreas wurde sogar ein bisschen wehmütig und wischte sich die feuchten Augen. Es hätte alles anders kommen können…

Sabine… Fröhlich, lebhaft, immer mit einem schelmischen Grinsen. Wie sehr er gelitten hatte, als sie sich trennten. Dann traf er Tanja das genaue Gegenteil. Ruhig, verlässlich, erwachsen. Mit ihr ging alles seinen geregelten Gang.

“Ins Bett? Erst nach der Hochzeit.”

“Blumen gepflückt? Vom Stadtpark? Dumme Idee, hätten dich erwischen können, Strafe zahlen und dann noch Ärger bei der Hausversammlung…”

So war es in allem.

Gleich nach der Hochzeit nannte sie seine Eltern “Mutter” und “Vater”. Sie fügte sich perfekt ins Familienleben ein. Natürlich vergötterten sie sie klug, lieb, fügsam, praktisch.

Aber vielleicht war es nicht das, was er wollte? Vielleicht…

Andreas versank in Gedanken.

Sie hatten sich nie gestritten. Er hatte damals den Mut nicht gehabt, den entscheidenden Schritt zu tun. Und dann war Sabine einfach verschwunden. Später hieß es, sie hätte geheiratet…

Die Straßenbahn hielt ruckartig, die Türen quietschten. Ein Strom von Menschen strömte hinaus, ein anderer hinein, verteilte sich im Wagen.

Andreas stand auf und drängelte sich nach hinten. Noch drei Stationen. Er war es nicht gewohnt, mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren, normalerweise nahm er sein Auto alt, aber sein eigenes.

Er wandte sich zum Fenster, als er eine vertraute Stimme hörte.

“Hey, bleib doch mal ruhig stehen, ja?”

Er drehte sich um, suchte mit den Augen und fand sie nicht.

Müde, abgekämpfte Gesichter, jeder in seinen Gedanken, starrend auf die Fenster oder ins Leere.

Dann sah er sie eine korpulente Frau, die einen etwa zehnjährigen Jungen fest an der Hand hielt. Der Kleine zappelte, wollte ihr etwas erzählen, konnte nicht stillstehen.

“Mama, weißt du, bei Veras…”

“Andreas, ich bitte dich, benimm dich.”

“Aber Mama, ich will dir was sagen…”

“Erzähl es mir zu Hause.”

“Ich will nicht zu Hause! Da kochst du wieder, hörst Anja zu, die erzählt von ihren Verehrern, dann Slava mit seinen Uni-Geschichten… Und dann redet ihr mit Papa über euer blödes Wochenendhaus. Und ich? Warum bin ich der Jüngste? Und warum heißt ich ausgerechnet Andreas?”

“Was redest du da? Das ist ein schöner Name.”

“Ja, klar. *Andreas der Spatz, ritt auf einem Pferd, flog gegen die Birke, stand ohne Hose da…* So hänseln sie mich!”

“Sie sollten Ihren Sohn anhören”, mischte sich eine ältere Dame mit rot gefärbten Haaren und einem roten Baskenmützchen ein. “Später, wenn er erwachsen ist, wird er vielleicht nicht mehr mit Ihnen reden wollen.”

“Warum denn das?”, fauchte die Frau.

“Weil er es dann nicht mehr will.”

Die Frau schnaubte und warf Andreas einen raschen Blick zu. Für einen Moment hielten sich ihre Blicke dann wandte sie sich ab, beugte sich zum Jungen.

“Erzähl schon, aber leise.”

Der Junge plapperte los, die Frau hörte aufmerksam zu.

Und plötzlich begriff Andreas das war… Sabine.

Natürlich, Sabine! Wie konnte er sie nicht gleich erkennen?

So also hätte sein Leben aussehen können das, was er nicht gelebt hatte. Das wäre sein Sohn gewesen, den Sabine jetzt nicht hören wollte. Seine älteren Kinder, die sie bevorzugt hätte. Er selbst, mit dem sie über das blöde Wochenendhaus geredet hätte.

Wäre sie all die Jahre an seiner Seite gewesen wäre er wirklich glücklicher geworden?

Sie hatte ihn nicht erkannt. Für sie war er nur ein Fremder in der Bahn.

Plötzlich fühlte sich Andreas leicht. Seine Tage mit Tanja und der Familie erschienen ihm nicht mehr so grau. Selbst das Wochenendhaus war doch eigentlich schön.

Mit dem Schwiegervater und dem Schwager wollten sie bald angeln. Andreas lächelte. Nein… Tanja hörte immer jedem zu.

Sein Leben war gut. Es lief perfekt.

Er dachte daran, dass sein Auto genau zum richtigen Zeitpunkt kaputtgegangen war eine Kleinigkeit, die er mit den Kumpeln an zwei Abenden reparieren würde. Wäre es nicht liegengeblieben, hätte er sich noch lange eingeredet, sein Leben sei verpfuscht.

Andreas ging zum Ausgang, blieb neben Sabine und dem Jungen stehen, beugte sich zu ihm hinunter und flüsterte etwas.

Der Junge staunte erst, dann grinste er und kicherte.

Andreas stieg an seiner Haltestelle aus und ging nach Hause.

“Was hat der Mann dir gesagt?”, fragte Sabine.

“Der Onkel? Der hat mir gezeigt, wie ich dem hänselnden Jungen antworten soll!”

“Wie denn?”

“*Wenn ich ein Spatz bin, dann bist du ein Star viel Geschrei, wenig dahinter.*”

“Er konnte schon immer schlagfertig sein.”

“Wer, Mama? Der Onkel? Kennst du ihn?”

“Nein, red keinen Unsinn.”

Sabine setzte sich auf einen freien Platz, zog den Sohn neben sich. Sie hatten noch eine lange Fahrt vor sich, fast bis zur Endstation. Immer weniger Fahrgäste blieben. Ihr Mann hatte sie heute nicht abholen können aber vielleicht war das sogar gut.

In letzter Zeit war Sabine oft gereizt, unzufrieden. Sie fing an, sich auszumalen, wie ihr Leben anders hätte verlaufen können…

Hätte sie damals nicht Michail getroffen, sondern auf Andreas gewartet…

Doch dann hatte das Schicksal sie einander noch einmal begegnen lassen. Ein unscheinbarer Mann, Anfang vierzig, mit leichtem Bauchansatz und schütterem Haar, auf dem Heimweg nach einem anstrengenden Arbeitstag.

Aller Zauber war verflogen.

“Andi, lass uns heute einen Kuchen backen!”

“Wow! Mama… ‘Zebra’?”

“Ja, ‘Zebra’.”

“Juhu!”

“Psst, nicht so laut…”

“Andi” so nannte ihr Mann den Jungen, nach seinem Lieblingsopa. Sabine hatte nichts dagegen.

Es war ein schöner Name.

Andreas sprang noch schnell in einen Blumenladen, der gleich schließen wollte. Auf der Theke lagen drei weiße Nelken. Mehr war nicht da.

“Was kosten die?”

“Was?” Die Verkäuferin, müde und genervt, starrte ihn an.

“Wie viel?”

“Keine Blumen mehr, sehen Sie doch.”

“Und die hier?”

“Die? Nehmen Sie sie einfach.”

“Unmöglich. Hier, wenigstens ein Euro.”

“Ach, machen Sie keine Umstände. Warten Sie, ich packe sie ein.”

“Brauchen Sie nicht.”

Zuhause reichte er Tanja die Blumen. Statt wie sonst zu schimpfen, lächelte sie still.

“Was ist denn los mit dir?”

“Ach nichts… Ich wollte dich einfach überraschen.”

Später, auf dem Sofa, hörte er, wie sie am Telefon flüsterte.

“Meiner hat mir heute Blumen geschenkt”, erzählte sie beiläufig. “Hat nichts angestellt… Er war schon immer so ein Romantiker.”

**Und so lernte Andreas an diesem Abend: Manchmal braucht es nur eine kurze Begegnung mit der Vergangenheit, um zu erkennen, wie schön die Gegenwart wirklich ist. Die Kinder kamen ins Wohnzimmer gerannt, barfuß und mit zerzausten Haaren, und warfen sich neben ihn aufs Sofa. Tanja brachte eine Schale voller Erbsen zum Schälen, setzte sich dicht an ihn, lehnte ihren Kopf kurz an seine Schulter. Draußen fiel der erste Regen des Abends leise auf das Fensterbrett. Andreas nahm eine Erbse, warf sie Tanja zu, traf sie knapp an der Stirn. Sie lachte, wirklich lachte, und in diesem Lachen war alles, was er je brauchte.

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Homy
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Dein Platz ist in der Küche – sagte mein Mann vor seinen Eltern